Das Spiegelbild im Wasser

Präsident Dieter F. Uchtdorf
Zweiter Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft


Präsident Dieter F. Uchtdorf,  “Das Spiegelbild im Wasser” 

CES-Fireside für junge Erwachsene • 1. November 2009 • Brigham-Young-Universität

Meine lieben Brüder und Schwestern, wenn wir uns die zwei Lieder, die wir eben gehört haben – „Lobe den Herren, den mächtigen König“ und „Tu, was ist recht!“ –, als Lebensmotto nehmen, sind wir für unseren Weg zurück zum Vater im Himmel gut gewappnet. Ich freue mich sehr, Sie vor mir zu sehen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich noch viele weitere freundliche Gesichter wie Ihre – junge Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in vielen Ländern überall auf der Welt. Sie sehen vielleicht nicht alle gleich aus, aber Sie haben vieles gemeinsam. Ich betrachte diesen Auftrag als etwas ganz Besonderes, und ich bin Präsident Monson dankbar, dass er mir die Gelegenheit verschafft hat, ein paar Minuten mit Ihnen zu verbringen.

Das hässliche Entlein

Einer der beliebtesten Märchenerzähler aller Zeiten war der dänische Schriftsteller Hans Christian Andersen. In seiner Geschichte „Das hässliche Entlein“ entdeckt eine Entenmutter, dass eins ihrer gerade geschlüpften Küken ungewöhnlich groß und sehr hässlich ist. Zuerst überlegt die Mutter, ob sie vielleicht ein Truthahnei ausgebrütet hat, aber das hässliche Kind schwimmt genauso gut wie die andern, und so kommt sie zu dem Schluss, dass das arme Ding einfach missgebildet und entstellt ist.

Aber die anderen Entlein können das hässliche Kind nicht in Ruhe lassen. Sie quälen es unbarmherzig, hacken nach ihm, verspotten es und machen es unglücklich. Schließlich denkt das hässliche Entlein, dass es für alle besser wäre, wenn es seine Familie verlässt, und läuft weg. Das arme Entlein erfriert fast in der bitteren Kälte des ersten Winters, den es allein ist, überlebt aber doch irgendwie. Es merkt, dass es trotz aller Entbehrungen stärker wird, und breitet besonders gern die Flügel aus und schwingt sich in die Luft empor, obwohl es ganz allein ist.

Dann sieht es eines Tages, wie über ihm eine Schar majestätischer Vögel fliegt, schneeweiß, mit anmutigen Bewegungen, mit einem schönen, langen Hals und weiten, eleganten Flügeln. Was für herrliche und glückliche Geschöpfe! Das hässliche Entlein sehnt sich danach, mit ihnen zu fliegen. Es hat Angst, dass sie es vielleicht umbringen, weil es so hässlich ist. Doch dann denkt es, das sei immer noch besser, als immerzu von den anderen Tieren gehackt zu werden oder im Winter zu erfrieren. Und so steigt es in den Himmel empor und folgt den anmutigen Vögeln zu einem schönen See, wo sie sich auf dem Wasser niederlassen.

Bei der Landung schaut das hässliche Entlein ins Wasser und sieht das Spiegelbild eines prächtigen Schwans. Zuerst kann es das nicht glauben, aber allmählich erkennt das hässliche Entlein, dass es sein eigenes Spiegelbild sieht! Es ist überrascht, dass die anderen Schwäne es willkommen heißen und der Meinung sind, es sei der schönste und majestätischste von allen Schwänen. Endlich hat es erkannt, wer es wirklich ist.

Die großen Fragen

So wie dieser junge Schwan hatten die meisten von uns schon das eine oder andere Mal das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Ein Großteil der Verwirrung, die wir in diesem Leben empfinden, rührt schlicht daher, dass wir nicht begreifen, wer wir sind. Zu viele gehen in der Annahme durchs Leben, dass sie nur geringen Wert haben, während sie in Wirklichkeit doch edel und ewig sind – Geschöpfe von unendlichem Wert, mit Möglichkeiten, die unsere Vorstellungskraft übersteigen.

Herauszufinden, wer wir wirklich sind, ist Teil des großartigen Abenteuers, das wir Leben nennen. Die größten Geister der Menschheit haben endlos mit diesen Fragen gerungen: Woher sind wir gekommen? Warum sind wir hier? Was geschieht nach dem Tod? Und wie passt dies alles zusammen, wie ergibt es einen Sinn?

Sobald uns die Antworten auf diese Fragen aufgehen – nicht nur verstandesmäßig, sondern mit Herz und Seele – wird uns auch bewusst, wer wir sind; dann fühlen wir uns wie der Verirrte, der endlich nach Hause gefunden hat. Wir fühlen uns wie der junge Schwan, der endlich herausgefunden hat, wer er wirklich ist. Endlich ergibt alles einen Sinn.

Die Herausforderung besteht darin, dass die Antworten auf diese Fragen das logische Denkvermögen des Menschen auf dieser Erde schlichtweg übersteigen. Fragen, die das Geistige berühren, erfordern geistige Antworten. Wer Offenbarung ablehnt und auf greifbare Beweise besteht, kann nur mutmaßen oder aber leugnen, dass es vor oder nach dieser irdischen Sphäre Leben gibt. Deswegen wird er vielleicht nie verstehen, wer er wirklich ist oder welchen Zweck das Leben eigentlich hat.

Als Mitgliedern der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage sind uns jedoch die Antworten auf diese Fragen eröffnet worden, und wir geben sie bereitwillig an alle weiter, die uns Gehör schenken. Wir kennen diese Antworten nicht etwa, weil jemand eine kluge Vermutung angestellt hat oder weil wir eine wissenschaftliche Erklärung gefunden haben. Wir haben die Antworten, weil Boten vom Himmel dem Menschen diese Geheimnisse offenbart haben. Dieses Wissen ist durch die Macht des Heiligen Geistes jedermann auf dieser Erde zugänglich, der ehrlichen Herzens ist.

Das ist nicht zu unterschätzen. Zu allen Zeiten hätten Herrscher und Denker ein Vermögen für das hergegeben, was Gott uns heutzutage so großzügig gewährt hat. Weil er barmherzig ist und seine Kinder liebt, hat Gott in diesen Letzten Tagen erneut die Wahrheit darüber kundgetan, woher wir gekommen sind, warum wir hier sind und was aus uns wird.

Meine lieben jungen Freunde, dieses Wissen ermöglicht Ihnen, Ihr eigenes Spiegelbild im Wasser zu sehen. Es gibt Ihnen Gewissheit, dass Sie nicht gewöhnlich, verschmäht oder hässlich sind. Sie sind etwas Göttliches – schöner und herrlicher, als Sie es sich vorstellen könnten. Dieses Wissen verändert alles. Es verändert Ihre Gegenwart. Es kann Ihre Zukunft verändern. Und es kann die Welt verändern.

Uns ist sonnenklar, meine lieben jungen Freunde in der Kirche, wo auch immer Sie sich befinden, dass Sie in Ihrem jungen Leben vor vielen Schwierigkeiten stehen. Von Ihren Führern und aus persönlichen Begegnungen mit dem einen oder anderen von Ihnen weiß ich, wie breitgefächert Ihre Sorgen sind. Von den vielen Fragen, die mir gestellt wurden, möchte ich auf einige wenige eingehen, die mir am schwierigsten und drängendsten erscheinen und die junge Heilige überall auf der Welt betreffen. Ich hoffe, dass ich Ihnen heute in Herz und Sinn einprägen kann, wie das Wissen, wer Sie wirklich sind, Ihnen helfen kann, die größten Schwierigkeiten des Lebens zu meistern.

Sein oder Nichtsein

Hier die erste Frage: „Ich bin unglücklich und deprimiert. Manchmal scheint es, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn ich nicht da wäre. Wozu soll ich weiterleben?“

Hier muss ich etwas klarstellen: Schwere Depressionen und Selbstmordgedanken sind keine Lappalie, sie müssen ernst genommen werden. Ich rate denen, die an Depressionen leiden oder Selbstmordgedanken hegen, dringend, sich von vertrauenswürdigen Fachleuten und Führern der Kirche helfen zu lassen. Wenn Sie jemanden kennen, der an Selbstmord denkt, dann erweisen Sie sich als wahrer Freund und sorgen Sie dafür, dass er Hilfe bekommt. Seien Sie versichert, dass wir Sie lieb haben und Ihnen Glück und Erfolg im Leben wünschen.

Dies nur als Vorbemerkung. Die meisten Menschen sind hin und wieder traurig oder fühlen sich unzulänglich. Es ist ganz natürlich, dass man bisweilen unglücklich ist und an sich zweifelt. Die Frage „Wozu soll ich weiterleben?“ ist nichts als eine Umschreibung der uralten Frage, die William Shakespeare vor 400 Jahren niederschrieb und die seither von Millionen Hamlets überall auf der Welt gestellt wird: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“1

Doch Shakespeare lag falsch. „Sein oder Nichtsein“ ist keineswegs die Frage. Es gibt über diesen einfachen Gegensatz hinaus weitere Möglichkeiten. Wenn es nach mir ginge, sollte Hamlet sich dem Publikum zuwenden und sagen: „Ich weiß, dass ich ein Kind Gottes bin, was muss ich also tun und sein, um dieses Potenzial auszuschöpfen? Das ist hier die Frage.“ Mir ist natürlich klar, dass eines der größten literarischen Meisterwerke aller Zeiten durch eine derartige Überarbeitung hoffnungslos ruiniert würde. Dennoch: So würde ich es ausdrücken, wenn ich einen Text für Sie schreiben würde.

Denken Sie daran, woher Sie kommen. Sie sind Söhne und Töchter des erhabensten und herrlichsten Wesens im Universum. Er liebt Sie mit grenzenloser Liebe. Er will das Beste für Sie. Denken Sie, der Vater im Himmel möchte, dass Sie deprimiert oder traurig sind? Er will nichts dergleichen. Er hat die Gebote gegeben, die der Königsweg zu einem Leben voller Sinn, Frieden und Freude sind. Wir müssen sie nur befolgen! Wenn man Gottes Gebote kennt und danach lebt, erntet man wirklich Erfüllung und Freude.

Unsere Bestimmung ist größer, als wir es uns vorstellen können. Wenn wir nur verstünden, wer wir sind und was uns erwartet, dann würde unser Herz vor Dankbarkeit und Glück überfließen, sodass selbst der tiefste Kummer durch das Licht und die Liebe Gottes, unseres himmlischen Vaters, sich lichten würde. Wenn Sie das nächste Mal unglücklich sind, dann denken Sie daran, woher Sie gekommen sind und wohin Sie gehen. Befassen Sie sich gedanklich weniger mit dem, was Ihnen Kummer bereitet, verlegen Sie sich lieber auf das, was Ihre Seele mit Hoffnung erfüllt. Sie werden erkennen, dass Letzteres immer damit verbunden ist, dass man Gott und den Mitmenschen dient. Denken Sie daran, dass der Herr Ihnen in den heiligen Schriften sein Wort gegeben hat. Beten Sie aufrichtig; sprechen Sie täglich mit ihm. Lernen Sie von ihm und wandeln Sie auf seinen Pfaden. Dienen Sie Gott und dienen Sie Ihren Mitmenschen.

Vergessen Sie nicht, es gibt eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz (siehe Kohelet 3:4). Wenn Ihnen schon eine Weile das Herz schwer ist, ist es vielleicht an der Zeit, das Licht des Sohnes Gottes einzulassen. Ich bitte Sie inständig: Schauen Sie einfach ins Wasser und betrachten Sie Ihr wahres Spiegelbild! Erkennen Sie, zu welchem Zweck Sie erschaffen sind! Wenden Sie den Blick dem fernen Horizont zu!

Es tut Ihnen gut, zu lachen! Es tut Ihnen gut, glücklich zu sein! Erheben Sie die Stimme und „[preisen Sie] den Herrn mit Gesang, mit Musik, mit Tanz und mit einem Gebet des Lobes und der Danksagung“ (Lehre und Bündnisse 136:28).

Ich kann mir keinen Himmel vorstellen, der nur von trübseligen Gestalten erfüllt ist, die weder den Mund auftun noch Freude an Musik und Geselligkeit haben. Das ist für mich kein Himmel. Ich bin sicher, dass Sie nicht erschaffen wurden, um die Stunden und Tage Ihres Lebens voneinander abgeschieden in Sorge und Verzweiflung zu verbringen. Sie wurden erschaffen, um Freude zu haben (siehe 2 Nephi 2:25). Preisen wir also die gnädigen Segnungen eines frohen und liebevollen Vaters im Himmel!

Sie brauchen nicht auf eine Erlaubnis zu warten, um Ihr Herz mit Dankbarkeit und Glück zu erfüllen. Das bekommen Sie wunderbar allein hin. Kommen Sie als junge Leute zusammen – in Ihren Gemeinden und Zweigen, aber auch mit denen in benachbarten Pfählen und Distrikten. Tanzen Sie miteinander, studieren Sie das Evangelium miteinander, arbeiten Sie zusammen, dienen Sie gemeinsam Ihren Mitmenschen – und genießen Sie es. Ich hoffe wirklich, dass das Wissen, wer Sie sind und was Sie werden können, Ihre Seele mit der friedfertigen Liebe Gottes erfüllt und dass so in Ihnen ein Glücksgefühl aufkeimt, das Ihres wahren Erbes würdig ist, denn Sie sind fürwahr Prinzen und Prinzessinnen, Könige und Königinnen.

Werde ich jemals meinen Traumpartner finden?

Eine zweite Frage, die wir oft von den jungen Leuten hören, lautet: „Ich bin so allein. Werde ich jemals meinen Traumpartner finden?“ Dazu habe ich einiges zu sagen, aber beginnen wir einmal mit der Vorstellung, dass man den einen Menschen findet, für den man bestimmt ist – den einen, der wie für einen gemacht ist.

Es gibt eine alte Geschichte über eine junge Frau, die bei einer archäologischen Ausgrabung eine Lampe findet, die sehr alt aussieht. Als sie sie abreibt, erscheint ein Flaschengeist und gewährt ihr einen Wunsch. Sie denkt einen Augenblick nach und bittet um den Weltfrieden – dass die Menschen einander zugetan sind und für immer einträchtig zusammenleben.

Der Flaschengeist grübelt über ihren Wunsch nach und sagt schließlich: „Was du erbittest, ist unmöglich. Der Keil zwischen den Völkern der Welt reicht zu tief und besteht schon viel zu lange. Bitte nenne mir einen anderen Wunsch. Alles, nur das nicht!“

Die junge Frau denkt noch einmal nach und sagt: „Irgendwo auf der Welt gibt es einen Mann, der für mich bestimmt ist. Ich möchte ihn finden – jemanden, der gut aussieht, fürsorglich ist und Sinn für Humor hat, jemanden, der im Haushalt hilft, Kinder mag, nicht die ganze Zeit Sportsendungen anschaut, eine gute Stelle hat, zuerst an mein Glück denkt; jemanden, der mit mir einkaufen geht und der gut mit meinen Angehörigen auskommt.“

Der Flaschengeist überdenkt ihre Bitte einen Augenblick, seufzt tief und erwidert: „Ich will sehen, was ich für den Weltfrieden tun kann.“

Ich weiß, dass das den einen oder anderen von Ihnen enttäuschen mag, aber ich glaube nicht, dass es nur einen Menschen gibt, der für Sie der richtige ist. Ich glaube, ich habe mich in meine Frau Harriet gleich verliebt, als ich sie zum ersten Mal sah. Wenn sie sich jedoch entschlossen hätte, einen anderen zu heiraten, glaube ich, dass ich eine andere kennengelernt und mich in sie verliebt hätte. Ich bin unendlich dankbar, dass das nicht geschehen ist, aber ich glaube nicht, dass sie meine einzige Chance war, im Leben glücklich zu werden, und ich auch nicht die ihre.

Ein anderer Fehler, den Sie bei Verabredungen leicht machen können, ist der, dass Sie von demjenigen, mit dem Sie ausgehen, Vollkommenheit erwarten. In Wahrheit sind doch die einzigen vollkommenen Menschen, die Sie vielleicht kennen, welche, die Sie gar nicht gut kennen. Jeder ist irgendwo unvollkommen. Ich will damit nicht sagen, dass Sie Ihre Maßstäbe senken und jemanden heiraten sollten, mit dem Sie nicht glücklich sein können. Eines jedoch habe ich mit zunehmender Reife erkannt: Wenn jemand bereit ist, mich zu akzeptieren – so unvollkommen ich bin –, dann sollte auch ich bereit sein, mit den Mängeln des anderen geduldig zu sein. Da Sie in Ihrem Partner nicht die Vollkommenheit finden werden, und Ihr Partner nicht in Ihnen, liegt Ihre einzige Chance auf Vollkommenheit darin, dass Sie sie gemeinsam entwickeln.

Es gibt Menschen, die nicht heiraten, weil es in ihrer Beziehung nicht „funkt“. Ich nehme an, dass mit „funken“ eine geradezu magische gegenseitige Anziehungskraft gemeint ist. Sich zu verlieben ist ein wunderschönes Gefühl, und ich würde Ihnen niemals raten, jemanden zu heiraten, den Sie nicht lieben. Dennoch – und auch das ist manchmal schwer zu akzeptieren: Der magische Funke braucht ständig Nahrung. Wenn er in einer Beziehung erhalten bleibt, dann deshalb, weil das Paar dafür gesorgt hat, und nicht, weil irgendwelche kosmischen Kräfte ihn herbeigezaubert haben.

Offen gesagt erfordert das Arbeit. Damit eine Beziehung bestehen bleibt, müssen beide Seiten ihren eigenen Funken mitbringen und ihn dazu nutzen, die Liebe lebendig zu erhalten. Ich habe zwar gesagt, dass ich nicht daran glaube, dass es für jemanden nur den einen Traumpartner gibt, aber eines weiß ich: Wenn Sie sich einmal zur Heirat entschließen, wird Ihr Ehepartner der Mittelpunkt Ihrer Träume, und es ist Ihre Pflicht und Verantwortung, jeden Tag daran zu arbeiten, dass es so bleibt. Sobald Sie sich gebunden haben, ist die Suche nach dem Traumpartner beendet. Unser Denken und Handeln wendet sich vom Suchen dem Schaffen zu.

Was ist aber mit denen, die schon gar keine Hoffnung mehr haben, jemals einen Partner für die Ewigkeit zu finden? Erstens: Geben Sie nicht auf. Gehen Sie zu Aktivitäten, lernen Sie Leute kennen und tun Sie, was Sie können. Ich weiß, die Partnersuche kann schwierig sein. Ablehnung gehört zum Schmerzlichsten, was wir erleben können. Glauben Sie mir: Ich kenne das Gefühl. Ich war schon lange in Harriet verliebt, bevor sie sich in mich verliebte.

Aber das hat mich nicht aufgehalten – überhaupt nicht. Ich fand Mittel und Wege, um dort zu sein, wo sie war. Wenn ich in der Kirche das Abendmahl austeilte, richtete ich es so ein, dass ich es ihrer Familie reichen konnte. Ich tat mein Bestes, um Eindruck auf sie zu machen, aber ich glaube, sie fand mich ein wenig unreif. Bei ihr „funkte“ es ganz einfach nicht. Ich verlor die Hoffnung, sie jemals davon überzeugen zu können, dass ich mehr sein könne als nur ein Freund.

Ich ging weg, zur Luftwaffe, und reiste dann um die halbe Welt, um mich in den USA zum Piloten ausbilden zu lassen. Erst als ich nach Abschluss meiner Kampfpilotenausbildung nach Deutschland zurückkehrte – Jahre nach unserer ersten Begegnung –, schaute diese schöne junge Frau mich an und sagte die magischen Worte, nach denen ich mich gesehnt hatte: „Du bist reifer geworden, seit ich dich zuletzt gesehen habe.“

Danach handelte ich schnell, und innerhalb weniger Monate heiratete ich die Frau, in die ich schon seit so unendlich langer Zeit verliebt war.

Geben Sie also nicht auf, Brüder und Schwestern. Verzweifeln Sie nicht, nur weil Sie ein oder zwei Mal – oder drei oder vier oder einige hundert Mal – zurückgewiesen wurden. Brüder: Das Geheimnis, wie man das Mädchen seiner Träume findet, besteht darin, dass man viele kennenlernt. Wenn Sie sich dann verlieben und das Gefühl haben, dass es richtig ist, bitten Sie sie, Ihre Frau zu werden. Wenn sie Nein sagt, suchen und beten Sie weiter, bis Sie schließlich mit der richtigen jungen Frau zum Altar des Tempels kommen. Geben Sie einfach nicht auf.

Schwestern, seien Sie behutsam. Es ist in Ordnung, wenn Sie Verabredungen oder Heiratsanträge ablehnen. Aber bitte seien Sie dabei behutsam. Und Brüder, bitte ergreifen Sie die Initiative! Es gibt zu viele von unseren jungen Frauen, mit denen sich nie jemand verabredet. Glauben Sie nur nicht, dass bestimmte Mädchen niemals mit Ihnen ausgehen würden. Manchmal fragen sie sich, warum niemand sie einlädt. Fragen Sie einfach, und seien Sie darauf vorbereitet, weiterzuziehen, wenn die Antwort Nein heißt.

Eine Tendenz, die wir in einigen Teilen der Welt beobachten, ist, dass unsere jungen Leute nur in großen Gruppen miteinander „abhängen“, anstatt einzeln miteinander auszugehen. Es ist zwar nicht falsch, oft mit Gleichaltrigen zusammenzukommen, aber ich weiß nicht, ob Sie jemanden wirklich kennenlernen können, wenn Sie immer in einer Gruppe sind. Etwas, was Sie lernen müssen, ist, wie man sich mit jemandem vom anderen Geschlecht unterhält. Das kann man ganz hervorragend lernen, wenn man mit jemandem allein ist – dass man sozusagen eine Unterhaltung ohne Netz und doppelten Boden führt.

Verabredungen müssen keine teure oder akribisch geplante Angelegenheit sein – und sollten es in den meisten Fällen auch nicht sein. Als meine Frau und ich von Deutschland nach Salt Lake City zogen, waren wir mit am meisten darüber erstaunt, wie viel Aufwand und manchmal auch Stress die jungen Leute auf sich nahmen, um eine Verabredung auszumachen.

Entspannen Sie sich, finden sie einfache Mittel und Wege, um zusammen zu sein. Als ich jung war, hatte ich ein bevorzugtes Verfahren, wenn ich auf eine Verabredung aus war: Ich brachte die junge Dame im Anschluss an eine Versammlung der Kirche nach Hause. Denken Sie daran, es soll nicht Ihr Ziel sein, dass ein Video von Ihrer Verabredung von einer Million Leute auf YouTube angeschaut wird. Ihr Ziel ist es, einen bestimmten Menschen kennenzulernen und zu lernen, wie man ein vernünftiges Verhältnis zum anderen Geschlecht aufbaut.

Nun gibt es unter Ihnen gute junge Mitglieder der Kirche, die womöglich niemals heiraten. Obgleich sie in jeder Weise würdig sind, finden sie vielleicht nie jemanden, an den sie in diesem Leben im Tempel des Herrn gesiegelt werden. Keiner, der diese Verzweiflung nicht am eigenen Leib erfahren hat, kann wirklich die Einsamkeit und den Kummer nachempfinden, die sie wohl plagen. Ich weiß von vielen Frauen, die sich mehr als alles andere wünschen, Ehefrau und Mutter zu sein, und es ist ihnen unbegreiflich, warum ihre Gebete nie erhört wurden. Es gibt viele ledige Männer, die, aus welchem Grund auch immer, ebenfalls allein sind.

Zunächst möchte ich Ihnen sagen, dass Ihre Gebete Gehör finden. Der Vater im Himmel kennt die Wünsche Ihres Herzens. Ich kann Ihnen nicht sagen, warum die Gebete des einen auf eine Weise beantwortet werden und die des anderen auf eine andere Weise. Aber ich kann Ihnen dies sagen: Ihre gerechten Herzenswünsche werden in Erfüllung gehen.

Manchmal kann es schwierig sein, über den Weg hinauszuschauen, der unmittelbar vor einem liegt. Wir sind ungeduldig und möchten nicht darauf warten, dass unsere größten Wünsche erst in der Zukunft erfüllt werden. Dennoch ist die kurze Zeitspanne dieses Lebens nichts im Vergleich zur Ewigkeit. Und wenn wir nur hoffen und glauben können und freudig bis ans Ende ausharren – und die Betonung liegt auf freudig –, werden wir dort – in jener herrlichen himmlischen Zukunft – erleben, wie sich unsere gerechten Herzenswüsche erfüllen, und noch vieles mehr, was wir jetzt kaum begreifen können.

Warten Sie in der Zwischenzeit nicht darauf, dass jemand anders Ihr Leben vervollständigt. Hören Sie auf, an sich zu zweifeln und sich zu fragen, ob mit Ihnen vielleicht etwas nicht stimmt. Bemühen Sie sich stattdessen, Ihr Potenzial als Kind Gottes auszuschöpfen. Trachten Sie nach Wissen. Schlagen Sie einen guten Berufsweg ein und suchen Sie Erfüllung im Dienst am Nächsten. Setzen Sie Ihre Zeit, Ihre Talente und Ihre Mittel ein, um sich zu verbessern, und seien Sie Ihren Mitmenschen ein Segen. All dies gehört zu Ihrer Vorbereitung darauf, selbst einmal eine Familie zu haben. Stürzen Sie sich auf die Arbeit in der Gemeinde oder im Zweig und bemühen Sie sich, Ihre Berufung groß zu machen, welche es auch sein mag.

Der große Zweck dieses Erdendaseins ist, dass wir lernen, unseren Vater im Himmel und unseren Nächsten uneingeschränkt so zu lieben wie uns selbst. Wenn wir dies mit aller Macht, ganzem Sinn und aller Kraft tun, wird unsere ewige Bestimmung herrlich und erhaben sein, wie wir es uns nicht vorstellen können. Seien Sie treu, dann wird sich alles zum Guten wenden. Das ist Gottes ewige Verheißung an alle, die ihn lieben und ehren.

Kann ich treu bleiben?

Eine dritte Frage, die junge Leute bewegt, lautet: „Kann ich treu bleiben?“ Einige haben Zweifel an Gott oder der Kirche. Andere geben Versuchungen nach, die sie aus der Sicherheit des engen und schmalen Pfades eines Jüngers weglocken.

Als ich als Pilot zwischen Europa und Afrika hin- und herflog, habe ich oft ein interessantes Wetterphänomen beobachtet. Man nennt es intertropische Konvergenz – eine Kette von Gewittern, die nord- und südwärts über den Äquator zieht und den Horizont mit dicken, bedrohlich wirkenden Wolkensäulen füllt.

Ich konnte selten auf diese Wolken blicken, ohne von ihrer Schönheit und Majestät fasziniert zu sein. Sie türmten sich zu mächtigen schwarzen Gebilden auf, in denen Blitze in einer unbeschreiblichen Feuersbrunst mit blendendem Licht von einem Ende zum anderen zuckten. Was für ein herrlicher und faszinierender Anblick!

Aber was, meinen Sie, machen Piloten, wenn sie sich diesen Gewittern nähern? Sie weichen aus – wie schön oder fesselnd sie auch aussehen mögen. Wenn Feuchtigkeit in den Wolken emporsteigt, beginnt sie zu gefrieren und bildet fußballgroße Hagelkörner, die Metall durchschlagen und ein Flugzeug zerstören können. Heftige Turbulenzen und elektrische Entladungen können das Flugzeug und seine Systeme lahmlegen.

Gilt nicht derselbe Grundsatz, wenn Sie etwas sehen, was geistig Schaden anrichten kann? Versuchung wäre keine Versuchung, wenn sie nicht anziehend oder faszinierend erscheinen würde und keinerlei Vergnügen verspräche. Aber wie der Pilot, der sich einem Gewitter nähert, müssen Sie lernen, ihr auszuweichen, wie schön oder fesselnd sie auch erscheinen mag.

Weil der Vater im Himmel seine Kinder liebt, hat er uns die Gebote gegeben, um uns in einem sicheren Abstand von diesen gefährlichen Gewittern zu halten. Er zwingt keines seiner Kinder, auf seinem Pfad zu wandeln. Er erlaubt Ihnen und erwartet von Ihnen, dass Sie selbst entscheiden. Seien Sie sich aber bewusst: Manche Entscheidungen münden in die Katastrophe. Wählen Sie also das Rechte!

Auch ich schließe mich mit meinem Zeugnis den zahlreichen Warnungen vor dem schlimmen Übel Pornografie an. Machen Sie darum einen Bogen. Halten Sie sich davon fern. Ich sage Ihnen über Pornografie dieselben Worte, mit denen wir unsere Piloten vor Gewittern gewarnt haben: „Ausweichen, ausweichen, ausweichen!“

Denken Sie ja nicht, dass Sie die Flugzeugnase auch nur ein bisschen ins Gewitter stecken können – liebäugeln Sie nicht mit Pornografie! Denken Sie daran, dass das Allerwiderwärtigste und Zerstörerischste am Anfang oft sehr anziehend wirken kann. Machen Sie einen Bogen um alles, was Sie gefährden kann.

Ist es wahr?

Nun zum nächsten Punkt: Wie steht es mit Zweifeln und Fragen? Wie findet man heraus, dass das Evangelium wahr ist? Ist es in Ordnung, Fragen über die Kirche oder ihre Lehre zu haben? Meine lieben jungen Freunde, wir sind ein Volk, das Fragen stellt – weil wir wissen, dass Fragen die Wahrheit ans Licht bringen. So hat es mit der Kirche angefangen – mit einem jungen Mann, der Fragen hatte. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wie man die Wahrheit entdecken kann, ohne Fragen zu stellen. Sie werden in den heiligen Schriften kaum eine Offenbarung finden, die nicht Antwort auf eine Frage war. Immer wenn eine Frage aufkam und Joseph Smith sich der Antwort nicht sicher war, wandte er sich an den Herrn. Das Ergebnis sind die wunderbaren Offenbarungen im Buch Lehre und Bündnisse. Oft ging die Erkenntnis, die Joseph empfing, weit über die ursprüngliche Frage hinaus. Das kommt daher, dass der Herr nicht nur die Fragen beantworten kann, die wir stellen, sondern – was noch wichtiger ist – er kann uns Antworten auf Fragen geben, die wir hätten stellen sollen. Achten wir auf diese Antworten!

Die missionarischen Anstrengungen der Kirche stützen sich darauf, dass ein Untersucher ehrlichen Herzens Fragen stellt. Das Zeugnis hat seine Wurzeln in der Frage. Manch einem ist es peinlich oder er fühlt sich unwürdig, weil er eine dringende Frage zum Evangelium hat, doch es gibt keinen Grund dafür. Fragen zu stellen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern führt zu Wachstum.

Gott gebietet uns, Antworten auf unsere Fragen zu suchen (siehe Jakobus 1:5,6), und verlangt nur, dass wir „mit aufrichtigem Herzen, mit wirklichem Vorsatz [fragen] und Glauben an Christus [haben]“ (Moroni 10:4). Wenn wir das tun, kann uns die Wahrheit von allem „durch die Macht des Heiligen Geistes“ (Moroni 10:5) kundgetan werden.

Haben Sie keine Angst; stellen Sie Fragen. Seien Sie neugierig, aber zweifeln Sie nicht! Halten Sie stets fest am Glauben und an dem Licht, das Sie schon erhalten haben. Weil wir im Erdenleben nur unvollkommen sehen, ergibt nicht immer alles augenblicklich einen Sinn. Ich meine sogar, wenn uns alles sinnvoll erschiene, würde das nur beweisen, dass es von einem menschlichen Hirn ersonnen wurde. Denken Sie daran, dass Gott gesagt hat:

„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege. …

So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken“ (Jesaja 55:8,9).

Sie wissen aber dennoch, dass ein Zweck des Erdenlebens darin besteht, dem himmlischen Vater im Denken und Handeln ähnlicher zu werden. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, kann die Suche nach Antworten auf Ihre Fragen Sie Gott näherbringen und Ihr Zeugnis stärken, statt es zu erschüttern. Es stimmt, dass „Glauben … nicht vollkommene Kenntnis“ (Alma 32:21) ist, aber wenn Sie Ihren Glauben ausüben und die Evangeliumsgrundsätze jeden Tag und unter allen Umständen anwenden – wenden Sie diese Grundsätze überall und jederzeit an! –, werden Sie die süßen Früchte des Evangeliums schmecken, und an diesen Früchten werden Sie erkennen, dass es wahr ist (siehe Matthäus 7:16-20; Johannes 7:17; Alma 32:41-43).

Sie sind ewig

Es wird immer Leute geben, die Ihnen sagen, Sie seien töricht, wenn Sie sich für einen Schwan halten, und die darauf beharren, Sie seien nur ein hässliches Entlein und könnten nicht erwarten, dass Sie je etwas anderes werden.

Aber Sie wissen es besser. Durch das offenbarte Wort eines barmherzigen Gottes haben Sie Ihr wahres Spiegelbild im Wasser gesehen und haben die ewige Herrlichkeit des göttlichen Geistes gespürt, der in Ihnen wohnt. Sie sind keine gewöhnlichen Wesen, meine lieben jungen Freunde überall auf der Welt. Sie sind herrlich und ewig.

Ganz gleich, wie Ihre Situation oder Ihre Prüfungen im Leben aussehen: Ich fordere Sie auf, daran zu denken, wer Sie sind, woher Sie gekommen sind und wohin Sie gehen – denn die Antworten auf diese Fragen werden Ihnen wahrhaftig Trost und Orientierung im Leben geben.

Der Vater im Himmel lebt. Er kennt Sie. Er spricht zu Ihnen in diesen Letzten Tagen durch Propheten und Apostel. Präsident Thomas S. Monson ist in unserer Zeit der Prophet des Herrn auf der Erde. Diese Kirche wird vom Erlöser geleitet, von Jesus Christus. Das weiß ich. Er steht an der Spitze dieser Kirche.

Ich mag heute fehlerhaft und mit deutschem Akzent zu Ihnen sprechen, aber ich versichere Ihnen, die Worte, die Sie in Herz, Sinn und Seele spüren, erreichen Sie mit der Gewandtheit, Reinheit und Macht des Heiligen Geistes. Und durch die Macht des Heiligen Geistes können Sie von allem wissen, ob es wahr ist.

Brüder und Schwestern, meine lieben jungen Freunde, ich habe Sie lieb. Sie liegen mir ganz besonders am Herzen und ich bin dankbar für Sie. Ich bin dankbar, dass Sie so ein gutes Leben führen. Als Apostel des Herrn Jesus Christus, unseres Heilands, segne ich Sie einzeln und gemeinsam: Möge Ihnen bewusst werden, wer Sie wirklich sind und was Sie tun und was Sie sein müssen, um ein glückliches und erfülltes Leben zu führen.

Ich bete darum und segne Sie, dass Sie beim Anblick Ihres Spiegelbildes über Mängel und Selbstzweifel hinwegsehen und erkennen können, wer Sie wirklich sind: herrliche Söhne und Töchter des allmächtigen Gottes. Im heiligen Namen Jesu Christi. Amen.

© 2009 Intellectual Reserve, Inc. Alle Rechte vorbehalten. Genehmigung: Englisch 10/08, Übersetzung 10/08.  Das Original trägt den Titel: The Reflection in the Water. German.  PD50013492 150

Anmerkungen

1. William Shakespeare, Hamlet, Hg. W. J. Craig, Oxford Shakespeare, 1924, 3. Aufzug, 1. Szene

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