Deine Freunde stehen doch zu dir

Elder Ronald A. Rasband
von der Präsidentschaft der Siebziger


“Deine Freunde stehen doch zu dir” 

CES-Fireside für Junge Erwachsene • 7. März 2010 • Brigham-Young-Universität

Meine lieben jungen Freunde, es ist mir eine große Ehre, bei dieser CES-Fireside zu Ihnen sprechen zu dürfen. Ich bin dankbar, dass ich hier im Marriott-Center auf dem Campus der Brigham-Young-Universität sein kann und mich auch an diejenigen wenden kann, die sich überall auf der Welt unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen versammelt haben und eine andere Sprache sprechen als ich. Danke, dass Sie hier sind. Sie ehren den Herrn Jesus Christus dadurch, dass Sie anderes hintanstellen, um heute hier zusammenzukommen. Ich bin froh, dass meine Frau Melanie und einige unserer Kinder und Freunde hier bei mir sind.

Ich bete darum, dass meine Worte vom Heiligen Geist geführt werden und dass Sie im Herzen spüren mögen, dass meine Botschaft für das, womit Sie konfrontiert sind und was Sie in dieser Phase Ihres Lebens erleben, von Belang ist.

Gute Freundschaften sind wichtig

Vor vielen Jahren, im März 1839, war der Prophet Joseph Smith mit einigen Weggefährten monatelang zu Unrecht im Gefängnis von Liberty eingekerkert. Viele Verfasser kirchengeschichtlicher Werke haben gesagt, dass dies für den Propheten Joseph Smith gewiss einer der schwierigsten und düstersten Abschnitte seines Lebens war. Seine Worte „O Gott, wo bist du?“ (LuB 121:1) – die in Abschnitt 121 des Buches Lehre und Bündnisse verzeichnet sind – zeugen von verzweifelter Einsamkeit inmitten höchster Trostlosigkeit.

Der Herr erschien nicht und sandte auch keinen Engel, weder streckte er die Wachen nieder noch ließ er die Tür der feuchten, schmutzigen Zelle weit aufschwingen. Einfach ausgedrückt: Er änderte nicht die Umstände, aber er sprach Joseph Trost und Gewissheit zu, wie kein anderer es gekonnt hätte: „Mein Sohn, Friede sei deiner Seele; dein Ungemach und deine Bedrängnisse werden nur einen kleinen Augenblick dauern.“ (LuB 121:7.) Es war, als ob der Herr den Arm um Joseph legte, als er sagte „mein Sohn“. Es sind wertvolle Worte, die von großer Zuneigung zeugen. Und dann grenzte er Josephs Drangsal zeitlich ein: „einen kleinen Augenblick“. Daraus können wir alle viel lernen. Unsere Drangsal wird – gemessen an der Ewigkeit – kurz sein, und der Herr wird uns beistehen.

Dann sagte der Herr: „Deine Freunde stehen doch zu dir, und sie werden dich wieder willkommen heißen, mit warmem Herzen und freundlicher Hand.“ (LuB 121:9.)

Da saß Joseph Smith nun also im Gefängnis eingesperrt, weil ihn Männer verraten hatten, von denen einige einmal vertraute Weggefährten gewesen waren. Der Herr aber machte sehr deutlich, wie er darüber dachte: „Deine Freunde stehen doch zu dir.“ Wie tröstlich war diese Aussage doch für den Propheten Joseph Smith, und wie tröstlich ist sie für uns. Denken Sie eine Minute darüber nach, was Ihnen die Gewissheit bedeutet, dass jemand zu Ihnen steht – jemand, bei dem Sie sich darauf verlassen können, dass er in guten wie in schlechten Tagen Ihr Freund sein wird, jemand, der Sie schätzt und unterstützt, auch wenn Sie voneinander getrennt sind.

Der Freund, der uns am meisten bedeutet, ist Jesus Christus selbst. Gibt es eine größere Zusicherung als die seine? „Ich werde zu eurer rechten Hand sein und zu eurer linken …, und meine Engel rings um euch, um euch zu stützen.“ (LuB 84:88.) So oft sind diese „Engel ringsum“ unsere Freunde.

Ich spreche heute darüber, dass für einen jeden von uns rechtschaffene Freundschaften ungeheuer wichtig sind. In meiner Jugend legte mir ein inspirierter Patriarch die Hände auf und zeigte mir durch Offenbarung mein Potenzial auf – wer ich wirklich bin und welche Richtung ich im Leben einschlagen sollte –, so wie es ein Patriarch bei den meisten von Ihnen auch getan hat. Mir wurde gesagt, dass es mir nicht an Freunden und Weggefährten mangeln werde und dass ihre Freundschaft mir sowohl in zeitlicher als auch in geistiger Hinsicht ein besonderer Segen sein werde. Mir wurde geraten, mir als beste Freunde diejenigen auszusuchen, die rechtschaffen waren und den Wunsch hatten, die Gebote Gottes zu halten.

Diese Stelle in meinem Patriarchalischen Segen und der Vers aus Abschnitt 121 waren mir mein Leben lang eine Quelle des Trostes. Manchmal, besonders, wenn ich mich fern der Heimat aufhielt, haben mir diese Worte Frieden und Kraft verliehen – meine Freunde standen zu mir, wenn wir auch viele Kilometer voneinander getrennt waren. In solchen Zeiten lernte ich auch eine der wichtigsten Lektionen des Lebens: Ganz gleich, wie lange ich fort war, ganz gleich, wie groß die Entfernung war, wenn ich meine Freunde wiedersah, war es so, als ob sich nichts verändert hätte. Wir knüpften da an, wo wir aufgehört hatten, und es war, als ob die Zeit stillgestanden hätte.

Warum betone ich das so? Weil in der heutigen Welt viele Menschen derartige Freundschaften bereitwillig gegen Personen eintauschen, die sie nur aus Videos und vom Chatten kennen. Sie verbringen die Zeit damit, eine emotionale Bindung zu Personen aus dem Fernsehen aufzubauen, die für sie ja nichts weiter sind als ein Gesicht auf einer Mattscheibe. Sie hängen lieber nur mit anderen herum, statt eine innige und ernste Beziehung einzugehen, die im Tempel gesiegelt werden kann – für die Ewigkeit. Denken Sie darüber nach. Wahre Freundschaft basiert darauf, dass man von Gott geliebt wird und diese Liebe an andere weitergibt. Das war eine der Botschaften im Gefängnis zu Liberty.

Seit meiner frühesten Kindheit im Pfahl Cottonwood im Salzseetal waren mir Freunde ein besonderer Segen. Die besten Freunde aus meiner Jugend sind auch heute noch meine Freunde. Einige davon sind heute Abend bei uns. So ist es schon immer gewesen; wir waren immer füreinander da. Ich bin auch froh, dass ich neue Freunde finden konnte, die mir ebenso Kraft gegeben haben und segensreich für mich waren.

Wenn ich an Freundschaft denke, fällt mir als Beispiel Präsident Thomas S. Monson ein. Lassen Sie auf sich wirken, was unser geliebter Prophet dazu gesagt hat, nämlich:

„Eure Freunde tragen dazu bei, eure Zukunft zu bestimmen. Man neigt dazu, wie seine Freunde zu werden und dort zu sein, wo sie hingehen. Vergesst nicht: Der Weg, auf dem wir in diesem Leben gehen, führt zu dem Weg, den wir im Jenseits gehen werden.

Bei einer Umfrage, die in ausgewählten Gemeinden und Pfählen der Kirche durchgeführt wurde, stellte sich etwas Interessantes heraus: Diejenigen, deren Freunde im Tempel geheiratet hatten, heirateten meistens auch im Tempel. Aber diejenigen, deren Freunde nicht im Tempel heirateten, heirateten gewöhnlich auch nicht im Tempel. Genauso verhielt es sich mit der Vollzeitmission. Der Einfluss der Freunde schien ein sehr dominierender Faktor zu sein – genauso wichtig wie die Ermahnungen der Eltern, der kirchliche Unterricht oder die Nähe eines Tempels.

Die Freunde, die ihr euch aussucht, werden euren Erfolg entweder fördern oder behindern.“1 Das sind ernüchternde Worte.

Wer würde sich nicht Präsident Monson als Freund suchen? Er gibt zu Weihnachten seine Eisenbahn weg; er verschenkt die Kleider und die Schuhe, die er gerade trägt, an Menschen, die sie brauchen; er schenkt denen zahllose Stunden, die im Pflegeheim sind und an die kaum jemand denkt, oder denen, die im Krankenhaus um ihr Leben kämpfen, und er gibt uns allen von seiner Lebensfreude ab, wenn er mit den Ohren wackelt. Wie könnte man ihn nicht mögen? Als eine Gruppe Missionare gebeten wurde, eine von Präsident Monsons besten Eigenschaften zu nennen, wählten fast alle seine Liebe zu den Menschen. Einer sagte sogar, er würde gern Tür an Tür mit dem Propheten wohnen, weil er wüsste, dass sie dann gute Freunde werden würden.

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Ratschläge der führenden Brüder zum Thema Freundschaft meine eigenen Erfahrungen bestätigen und gerade in der heutigen Zeit von Belang sind. Elder Neal A. Maxwell hat gesagt: „Ob wir nun jung oder alt sind, wir müssen gute Freunde sein, aber unsere Freunde auch sorgfältig aussuchen. Wenn man sich zuerst für den Herrn entscheidet, ist es einfacher und sicherer, seine Freunde zu wählen. Beachten Sie, wie anders die Freundschaft in der Stadt Henochs und in Sodom und Gomorra war! Die Bewohner der Stadt Henochs entschieden sich für Jesus und seine Lebensweise und wurden so für immer Freunde. So viel hängt davon ab, für wen und was wir uns zuerst entscheiden.“2

Freunde, die uns fördern

Manche Freunde sind kluge Mentoren, denen wir vertrauen – sie sind eine besondere Sorte Freund. Sie sind uns vorausgegangen und kennen den Weg. Und auch sie „stehen zu“ uns. Wer waren die Mentoren von Joseph Smith? Sofort kommt uns Moroni in den Sinn; die Jünger aus alter Zeit: Johannes der Täufer, Petrus, Jakobus und Johannes, Paulus; dann seine Eltern, sein Bruder Alvin – die Liste ist eindrucksvoll. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass er in guter Gesellschaft war.

Denken Sie eine Minute an diejenigen, die Sie an die Hand genommen haben. Möchten auch Sie anderen mit Rat und Tat zur Seite stehen, wenn sich in der Zukunft die Gelegenheit dazu bietet? Bereiten Sie sich darauf vor, Ihr Zeugnis vom Evangelium und Ihr Verständnis davon, wie man im täglichen Leben Erfolg hat, an andere weiterzugeben?

Die Geschichte und die heiligen Schriften sind voller Beispiele von Männern und Frauen, die sich als rechtschaffener Mentor betätigt haben. Am offensichtlichsten ist vielleicht unser Herr Jesus Christus, wie er in der Zeitenmitte seine Kirche aufrichtete. Zu Beginn seines Wirkens wählte er zwölf anscheinend gewöhnliche Männer aus, die ihre normale Beschäftigung hinter sich ließen und drei Jahre an seiner Seite verbrachten. Sie zogen mit ihm, lauschten seinen Predigten, aßen mit ihm, waren Zeugen der Wunder, die er wirkte, und wurden viele Male individuell von ihm belehrt. Was für ein beispielloser Segen war es für sie, persönlich von unserem Herrn und Heiland Jesus Christus an die Hand genommen zu werden. Ein jeder von ihnen wurde dadurch, dass er mit ihm zusammen sein durfte, ein anderer Mensch.

Ein weiteres Beispiel, wobei die Rollen auf etwas ungewöhnliche Weise vertauscht waren, ist Joseph Smith, der geistig ein Mentor für seinen älteren Bruder Hyrum war. Hyrum, der demütig und belehrbar war, stand Joseph zur Seite. Er war im Gefängnis zu Liberty anwesend, und er fiel als Erster in Carthage. Hyrum suchte sich den Propheten Gottes als Mentor aus. Das war eine gute Wahl.

In der heutigen Zeit dürfen ich und andere Generalautoritäten erleben, wie sehr sich die Mitglieder des Kollegiums der Zwölf Apostel für uns interessieren. Sie geben großzügig ihre Erfahrungen an uns weiter und veranschaulichen uns nachhaltig, wie wir unsere heilige Berufung zu diesem Dienst erfüllen sollen. Ich denke an etwas, was Brigham Young über den Propheten Joseph Smith gesagt hat: „Ich möchte am liebsten ständig Halleluja rufen, wenn ich daran denke, dass ich Joseph Smith, den Propheten, … überhaupt gekannt habe.“3 Genau das habe ich bei etlichen Führern unserer Tage auch schon empfunden.

In jedem Fall dient jemand, der mehr Erfahrung hat und dem man vertraut, als nützlicher Führer und Berater von jemandem, der weniger Erfahrung hat. Er prägt dessen Denken und bringt ihm Grundsätze nahe, die ihn als Diener Gottes leistungsfähiger, stärker, klüger und wertvoller machen.

Halten Sie jetzt eine Minute lang inne und überlegen Sie, wer bei Ihnen diese Rolle übernommen hat. Was haben Sie von diesem Menschen gelernt, was Ihr Leben verändert hat? Wie hat er auf Sie achtgegeben? Wie wollen Sie ihm nacheifern und selbst Mentor sein für jüngere Brüder und Schwestern, Freunde und Kollegen, die solch eine Beziehung brauchen oder sie sich wünschen?

Ein Beispiel für einen Freund, der andere fördert

Ich möchte Ihnen ein Beispiel aus meinem Leben erzählen. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich solch ein inniges Freund-/Mentor-Verhältnis zu Elder Jon M. Huntsman habe. Er ist Gebietssiebziger, Menschenfreund, Wohltäter, Gründer der Huntsman-Unternehmensgruppe und mein Freund.

Ich lernte Jon Huntsman 1975 kennen, als ich 24 Jahre alt war. Ich war Ältestenkollegiumspräsident in einer Gemeinde für verheiratete Studenten an der University of Utah und Jon Huntsman war mein Berater vom Hoherat. Wir wurden Freunde, und als ich mich in meinem letzten Studienjahr auf meinen Abschluss vorbereitete, stellte Bruder Huntsman mich als Handelsvertreter in seiner Firma ein, die Kunststoffe herstellt.

Einer der ersten Kunden, die mir zugeteilt wurden, war der Kosmetikriese Avon, dessen Zentrale in New York war. Um mir einen guten Anfang bei diesem wichtigen Kunden zu verschaffen, begleitete Bruder Huntsman mich persönlich nach New York, um mich vorzustellen. Ich freute mich sehr über diesen Berufseinstieg und war sehr darauf bedacht, einen guten Eindruck zu machen. Also trug ich meinen besten braunen College-Anzug mit einer braunen Krawatte und braunen Halbschuhen. Als wir uns am Flughafen trafen, bemerkte ich, dass Bruder Huntsman mir einen seltsamen Blick zuwarf. Er sagte aber nichts.

Bei unserer Ankunft in New York meinte er, wir müssten noch etwas erledigen, ehe wir zu Avon fahren. Wir begaben uns direkt zu einem namhaften Herrenausstatter auf der feinen Madison Avenue, der unter dem Namen Brooks Brothers bekannt war. Ich weiß noch, wie Jon Huntsman unterwegs zu mir sagte: „Also, Ron, wenn Sie Vertreter in meiner Firma werden und mich bei Avon repräsentieren wollen, müssen Sie wissen, wie man sich in dieser Funktion kleidet, wie man sich verhält und wie man sie ausfüllt.“ Dann setzte er hinzu: „In New York trägt man in der Geschäftswelt keinen braunen Anzug!“ Zumindest nicht, wenn man Jon Huntsman vertritt!

Jon kannte die Leute bei Brooks Brothers und schaute zu, wie sie mir einen schönen dunkelgrauen Anzug mit Nadelstreifen anpassten. Das war der schönste, den ich je gesehen hatte, und bestimmt der schönste, den ich je besessen hatte. Während er geändert wurde, damit er wie angegossen saß, suchten wir ein Hemd, einige Krawatten, einen Gürtel und sämtliche Accessoires aus. Dann gingen wir in die Schuhabteilung, wo Jon mich mit meinem allerersten Paar schwarzer Budapester Schuhe bekannt machte.

Ich nehme an, dass Bruder Huntsmans Geschäftsbeziehung zu den Brooks Brothers ihm dort gewisse Vorteile sicherte, denn nach dem Mittagessen kehrten wir in den Laden zurück, wo meine neue Geschäftsgarderobe fertig war, freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Jon M. Huntsman.

Ich erinnere mich noch, wie dankbar ich Jon war, weil er mir die unnötige Verlegenheit erspart hatte, in meinem College-Anzug aufzutreten. Als ich meine braune Kleidung in eine Tüte stopfte – und das beschreibt es wirklich am besten –, wurde mir klar, dass er dafür gesorgt hatte, dass ich richtig gekleidet war. Dann ging es zu Avon, wo Jon mich als neuen Bevollmächtigten seiner Firma vorstellte. Jon lehrte mich damit weit mehr, als dass man sich standesgemäß kleiden muss. Er führte mich in eine ganz neue Art und Weise ein, wie man denkt, wie man handelt und wie man sich anderen gegenüber darstellt. Er nahm mich an die Hand. Dies war die erste von vielen wertvollen Lektionen dieser Art, die ich von ihm lernte.

Jahre später übte ich in Bruder Huntsmans Firma eine leitende Funktion aus, und meine Aufgaben, die mich rund um den Erdball führten, nahmen mich sehr in Beschlag. Auf der Rückkehr von einer dieser Geschäftsreisen fragte mich Bruder Huntsman, der damals Pfahlpräsident war, einmal, welche Aufgabe ich in der Kirche hätte. Ich antwortete, dass ich mit viel Freude eine Evangeliumslehreklasse in der Sonntagsschule unterrichte. Er fragte mich, welche Führungsaufgaben ich in der Kirche schon gehabt hätte. Ich erzählte ihm, dass ich in einigen Präsidentschaften und Leitungen mitgearbeitet hatte, in der Kirche jedoch meistens als Lehrer froh und glücklich gewesen war.

Nachdem ich Bruder Huntsman das erklärt hatte, erzählte er mir von einer ähnlichen Phase in seinem Leben, als er in einem Studentenpfahl zunächst als Hoher Rat und später als Bischof berufen war. Er fand, dass dies hervorragend zu seinem vollen Terminplan passte. Es war ja auch, wie ich bereits erwähnte, die Zeit, als ich Jon Huntsman zum ersten Mal traf.

Er sagte, er kenne einen Bruder an der University of Utah, der als Präsident eines der Pfähle für verheiratete Studenten tätig sei und der kirchliche Ämter mit Brüdern von überallher aus dem Salzseetal besetzen könne. Bruder Huntsman fragte, ob er diesen Pfahlpräsidenten anrufen und ihm meinen Namen nennen dürfe. Ich willigte ein und machte mir wirklich keine weiteren Gedanken darüber, da ich wusste, wie beschäftigt Bruder Huntsman war.

Einige Zeit später erhielt ich einen Anruf von Robert Fotheringham, dem Präsidenten des damaligen Pfahles University of Utah 1. Er fragte, ob er mit seinen Ratgebern kommen und mit meiner Frau und mir sprechen dürfe. Wenige Tage später saß die gesamte Pfahlpräsidentschaft in unserem Wohnzimmer auf dem Sofa und befragte uns über unsere Situation und spürte unser Zeugnis. Nach einem eingehenden Interview mit jedem von uns schauten die drei Männer einander bedeutungsvoll an, und der Pfahlpräsident sprach mir die Berufung als Mitglied im Hoherat des Pfahles University of Utah 1 aus. Die drei sagten, dass sie schon mit dem für meinen Wohnort zuständigen Pfahlpräsidenten gesprochen hatten und dass er einverstanden war – sofern sie mich denn berufen wollten.

Ich nahm die Berufung an und trat meinen Dienst im Pfahl University of Utah 1 an. Im Rahmen meiner Aufgaben hatte ich mit meiner Frau und unserer jungen Familie die wunderbare Gelegenheit, zu den jungen, verheirateten Studenten einzigartige Beziehungen aufzubauen, die Christus als Grundlage hatten. Nachdem ich eine Zeit lang im Hoherat gedient hatte, wurde ich als Bischof der Zehnten Gemeinde in diesem Pfahl berufen.

Später erfuhr ich, dass Bruder Huntsman Präsident Fotheringham angerufen und ihm lediglich den Hinweis gegeben hatte, dass er jemanden kenne, der sich vielleicht gut für eine Tätigkeit an einer Universität eigne. So hat also mein geschätzter Freund und Mentor, Jon Huntsman, allein dadurch, dass er meinen Namen für ein mögliches Interview ins Gespräch brachte, mir eine neue Erfahrung im Dienst in der Kirche verschafft.

Ich denke an die wunderbaren jungen Leute, die ich in dieser Universitätsgemeinde kennenlernte, und dass ich dem einen oder anderen von ihnen zu einem Arbeitsplatz verhelfen konnte. Einer davon ist heute Abend hier bei uns. Vor allem jedoch durfte ich von unserem Herrn und Erretter Jesus Christus Zeugnis geben und gute Freundschaften schließen – in gewisser Weise also ähnlich dem, was Bruder Huntsman für mich getan hatte.

Später wurde ich mit meiner Frau an meiner Seite als Präsident der New-York-Mission New York Nord berufen und wir durften mit vielen treuen Missionaren zusammenarbeiten. Wir konnten ihnen nicht nur helfen, in ihrer damaligen Berufung als Diener des Herrn Jesus Christus mehr zu erreichen, sondern wir sind bis heute mit ihnen in Verbindung und helfen ihnen mit Empfehlungsschreiben, Rat, Ansporn und voller Zuneigung. Ich muss allerdings einräumen, dass ich noch niemandem einen neuen Anzug und Budapester Schuhe gekauft habe – noch nicht!

Wie diese wenigen Beispiele zeigen, bin ich von Mentor-/Freund-Beziehungen sehr überzeugt.

Den Rat eines Mentors annehmen

Elder Neal A. Maxwell, der vielen ein Mentor war – auch mir –, hat gesagt: „Jeder von uns wird von Zeit zu Zeit von einem Mentor an die Hand genommen oder kann selbst als Mentor wirken. Meiner Erfahrung nach bleiben einem wahre und liebevoll ausgesprochene Merksätze, die in einer solch förderlichen Beziehung fallen, lange im Gedächtnis. Ihnen fallen bestimmt drei, vier Beispiele ein, wie jemand etwas zu Ihnen gesagt hat – einen Satz oder einen Spruch –, woran Sie sich heute noch erinnern. Es berührt und bewegt Sie immer noch.“4

Ich denke da an die junge Mutter, die in schwierigen Zeiten immer zu ihren Kindern sagte: „Wir schaffen das.“ Sie glaubten ihr. An den Missionar, der seinem neuen Mitarbeiter, der frisch von der Missionarsschule kam, sagte: „Rechnen Sie jeden Tag mit einem Wunder.“ Das tat er, und dieser Glaube gab der gesamten Mission dieses Neuankömmlings die Richtung vor. Oder an Präsident Monson, der am Ende seiner Ansprache vor 5.000 Jugendlichen, die zu einem großen Pfadfindertreffen an der Ostküste zusammengekommen waren, einen einzelnen Jungen in der 8. Reihe persönlich begrüßte. Dieser Junge war mein 12 Jahre alter Sohn, den Präsident Monson einige Male getroffen hatte. Glauben Sie mir, mein Sohn wird nie vergessen, dass Präsident Monson ihn namentlich aufgerufen und gesagt hat: „Chris Rasband, komm nach vorn und sag guten Tag!“ Und welch besseres Beispiel gibt es als den Herrn, der eine Gruppe einfacher Fischer anblickte und die schlichten Worte sprach: „Folgt mir nach!“ (Matthäus 4:19.)

In dieser Zeit, die der Apostel Paulus als „schwere Zeiten“ (2 Timotheus 3:1) beschrieb, der Prophet Joseph Smith als „Tag des Unheils“ (LuB 136:35) und Nephi im Buch Mormon als einen Tag, an dem der Widersacher „im Herzen der Menschenkinder wüten“ werde (2 Nephi 28:20), lege ich Ihnen allen, meine lieben jungen Freunde, ans Herz, solide und schöne Freundschaften zu klugen Mentoren aufzubauen, denen Sie vertrauen.

Manchmal nehmen wir ungern Rat an und weichen vor jemandem zurück, der uns Vorschläge macht. Wir bilden uns ein, dass wir schon alles wissen, was wir brauchen; der Stolz hindert uns. Wenn das geschieht, verscherzen wir uns die Weisheit, die Hinweise oder die Erfahrungen, aus denen wir sonst großen Nutzen ziehen würden. Stellen Sie sich vor, welch anderen Lauf meine Beziehung zu Bruder Huntsman oder auch meine Karriere hätten nehmen können, wenn ich zu stolz gewesen wäre, den großzügig angebotenen neuen Anzug anzunehmen.

Das geschieht oft in unserer Jugend im Verhältnis zu unseren Eltern, die wir manchmal für altmodisch, unwissend oder einfach „nicht cool“ halten. So ist es manchmal leicht, ihre Hinweise als belanglos für unser Leben zu verwerfen. Viele von uns kennen den Ausspruch: „Als ich 14 war, wusste mein Vater so wenig, dass ich es kaum ertragen konnte, den alten Mann in der Nähe zu haben. Aber als ich dann 21 war, staunte ich, wie viel der alte Mann in sieben Jahren gelernt hatte.“ Wir wissen zwar nicht, von wem dieser Ausspruch stammt, aber wir können alle viel daraus lernen. Mütter und Väter, Großmütter und Großväter haben vieles zu bieten. Unterschätzen Sie nicht, was sie durch Erfahrung gelernt haben und wie sehr sie Sie lieben. Ihre Eltern und Großeltern sind vielleicht Ihre besten Mentoren auf Erden. Meine Frau und ich schätzen uns sehr glücklich, dass wir mittlerweile selbst Großeltern sein dürfen. Es freut uns sehr, wenn unsere Enkel uns etwas fragen oder in wichtigen Angelegenheiten unseren Rat suchen.

Zu denen, die uns etwas Wertvolles mit auf den Weg geben können, die wir aber gelegentlich gern übersehen, gehören unsere Schwiegereltern. Ihre Erfahrungen sind oft genauso hilfreich wie die unserer Eltern. Wir tun gut daran, ihre Meinung zu respektieren und ihre Anregungen zu berücksichtigen. Viele von Ihnen haben noch keine Schwiegereltern, aber ich bin guter Dinge, dass es eines Tages so weit sein wird. Nehmen Sie sich die Zeit, von ihnen zu lernen, und bitten Sie sie um ihre Meinung. Dadurch werden Sie ganz gewiss noch klüger.

Für jeden von Ihnen, der mir zuhört oder diese Botschaft später liest, gibt es viele weitere mögliche Mentoren, an die er sich wenden kann. Ich möchte einige davon nennen: Bischöfe, Pfahlpräsidenten, Missionspräsidenten, Kollegiumsführer, Dozenten, Seminar- oder Institutslehrer, geschätzte Freunde und Kollegen, FHV-Schwestern und noch viele mehr. Ich habe aus dem Beispiel, das mir diese Menschen gegeben haben, und daraus, was sie mir gesagt haben, großen Nutzen gezogen – so wie Sie auch! Holen Sie so viel wie möglich aus ihren Anregungen heraus, lassen Sie sich von ihrem Einfluss inspirieren, profitieren auch Sie davon.

Ein guter Freund sein

Man kann es kaum übertreiben, wie wichtig gute Freunde sind. Es ist nicht immer leicht, solch ein Freund zu werden. Ralph Waldo Emerson gab uns einen weisen Rat, als er bemerkte: „Die einzige Möglichkeit, einen Freund zu haben, besteht darin, dass man selbst einer ist.“5 Das alte Sprichwort „gleich und gleich gesellt sich gern“ stimmt immer noch. Um Freunde mit hohen Maßstäben zu haben, die sich für Tugendhaftigkeit und das Gute einsetzen, die gläubig sind und ihre Bündnisse halten, muss man sich ihnen gegenüber selbst so verhalten.

In dieser Welt, wo es so viel Schmutz, Freizügigkeit und Unsittlichkeit gibt, tragen gute Freunde sehr dazu bei, dass wir den Übeln unserer Zeit standhalten können. Diejenigen, die noch ledig sind, versetzen gute Freunde in die Lage, anziehend auf die Art Partner für die Ewigkeit zu wirken, die Sie zu finden hoffen. So war es auch bei meiner Frau. Anfangs waren wir sehr gut befreundet. Der Heiratsantrag kam erst später.

Jesus Christus ist unser Vorbild für einen Freund

Wenn wir an Freundschaft denken, behalten wir doch im Kopf, was der Prophet Joseph Smith in einer Vision sah und über die Apostel schrieb, die in England predigten: „Ich sah die Zwölf Apostel des Lammes, die jetzt auf der Erde sind, die die Schlüssel für dieses letzte geistliche Wirken in fernen Ländern innehaben, zusammen im Kreis stehen. Sie waren sehr erschöpft, ihre Kleider waren zerrissen und ihre Füße waren geschwollen. Sie hatten den Blick zu Boden gerichtet, und Jesus stand in ihrer Mitte und sie sahen ihn nicht. Der Heiland schaute auf sie und weinte.“6

Obwohl sie ihn nicht sahen, „stand“ Jesus zu ihnen. Er sah ihre Not und hatte Mitgefühl wegen ihrer Drangsal. Seine liebevolle Unterstützung gab ihnen während ihrer Mission Halt und brachte hunderte und tausende von Neubekehrten in die Kirche. Der Herr selbst sagte zu seinen Jüngern: „Ihr seid meine Freunde.“ (LuB 84:63.) Er ist es, der gesagt hat: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ (Johannes 15:13.) Es war der Erretter, der uns einlud: „Kommt alle zu mir.“ (Matthäus 11:28.) In der Freundschaft – wie in jedem anderen Evangeliumsgrundsatz – ist Jesus Christus unser Vorbild.

Meine lieben jungen, neuen Freunde, die Sie sich überall auf der Welt versammelt haben, ich gebe Ihnen heute Zeugnis, dass dies das Evangelium Jesu Christi ist. Ich bezeuge, dass ein sehr wichtiger Teil Ihrer Erfahrung im Evangelium die Freunde sind, die Sie finden, und die Mentoren, denen Sie folgen, genauso wie es mir mit 19 Jahren in meinem Patriarchalischen Segen verheißen wurde.

Ich schließe dort, wo ich begann – mit dem Schriftvers, den Gott zum Propheten Joseph Smith sprach, als dieser im Gefängnis zu Liberty war, und weise Sie darauf hin, dass das gleichermaßen auch zu uns gesagt werden könnte, in welcher Situation wir uns derzeit auch befinden mögen: „Deine Freunde stehen doch zu dir, und sie werden dich wieder willkommen heißen, mit warmem Herzen und freundlicher Hand.“ (LuB 121:9.)

Ich bekräftige diese Verheißung, die der Herr in den Anfangstagen der Wiederherstellung dieser Kirche gemacht hat. Ich bete darum, dass ein jeder von uns in den Genuss guter Freundschaften und Beziehungen zu einem Mentor kommt, während wir gemeinsam im Evangelium Jesu Christi vorankommen.

Diese Gedanken und Worte gebe ich Ihnen heute Abend mit auf den Weg im Namen des Herrn Jesus Christus, unseres Freundes. Amen.

© 2010 by Intellectual Reserve, Inc. Alle Rechte vorbehalten. Genehmigung: Englisch 10/09, Übersetzung 10/09. Das Original trägt den Titel: Thy Friends Do Stand by Thee. German.  PD50020993 150

Anmerkungen

1. Thomas S. Monson, Der Stern, Juli 1998, Seite 53

2. Neal A. Maxwell, Liahona, Januar 2001, Seite 44

3. Brigham Young in Lehren der Präsidenten der Kirche: Joseph Smith, Seite 550

4. Neal A. Maxwell, „Jesus, the Perfect Mentor“, Ensign, Februar 2001, Seite 8

5. Ralph Waldo Emerson, in Bartlett’s Familiar Quotations, 17. Auflage, 2002, Seite 455

6. Joseph Smith, in History of the Church, 2:381

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