Glaube und Werke in einem weltlichen Umfeld
Bischof Keith B. McMullin
Zweiter Ratgeber in der Präsidierenden Bischofschaft
CES-Fireside für junge Erwachsene • 5. November 2006 • Brigham-Young-Universität
Meine lieben Brüder und Schwestern, es ist ernüchternd, wenn man sieht, aus wie vielen verschiedenen Verhältnissen und Landesteilen Sie kommen, und weiß, dass wir heute überall auf der Welt versammelt sind. Zwischen dem heutigen Tag und der erneuten Ausstrahlung in der ganzen Welt werden sich junge Erwachsene zu ähnlichen Veranstaltungen zusammenfinden. Das ist wirklich wunderbar.
Etwas Herrliches ist bei der Generalkonferenz vor einem Monat geschehen. Die meisten auf der Welt haben es gar nicht bemerkt. Für diejenigen aber, die die Wahrheit kennen und lieben, war es so unvergesslich wie zehntausendfaches Donnergrollen.
Es geschah in der letzten Versammlung. Der Tabernakelchor sang die bekannten Zeilen:
Wir danken, o Gott, für den Propheten,
den du, uns zu führen, gesandt.
Wir danken für das Evangelium,
das dringet zu jeglichem Land.1
Auf einmal erhoben sich die im Konferenzzentrum versammelten Männer und Frauen, Jungen und Mädchen ehrfürchtig und dankbar für die Segnungen, von denen dieses Lied handelt. Stehend bezeugten wir unseren Dank dafür, dass das Evangelium Jesu Christi wiederhergestellt wurde, dass Gott der Vater und sein geliebter Sohn vom Himmel herab gesprochen haben, dass Joseph Smith ein Prophet war und dass Präsident Gordon B. Hinckley heute der Prophet des Herrn auf Erden ist.
Es war ein geistig bewegendes Erlebnis. Bürger des Gottesreiches, vom Heiligen Geist dazu gedrängt, standen auf und bezeugten ihren Glauben!
Am selben Tag erst hatte Präsident Hinckley sanft und voller Dankbarkeit über sein fortgeschrittenes Alter und seine Gesundheit gesprochen. Beispielhaft glaubenstreu wie immer weihte er sein Leben erneut den Zielen des Herrn. Er sagte:
„Der Herr hat mir gestattet, weiterzuleben, und ich weiß nicht, wie lange noch. Wie lange es aber auch sein mag – ich werde weiterhin mein Bestes geben, um meine Pflicht zu erfüllen. …
Wir machen ... weiter, solange der Herr es wünscht. ... Wenn … die Zeit für einen Nachfolger gekommen ist, geht der Übergang reibungslos und nach dem Willen des Herrn, dessen Kirche dies ist, vonstatten. Auf diese Weise schreiten wir im Glauben voran – und Glaube ist das Thema, worüber ich heute Morgen sprechen möchte.“2
Seine Botschaft kam rechtzeitig und war inspiriert. Sie erinnerte auf geistiger Ebene daran, worum es im Leben eigentlich geht und wie die Kinder des himmlischen Vaters jedes Hindernis überwinden können. Sie richtete sich an eine in Profanität, Unglauben und Sünde versunkene Welt.
Säkularismus
Die Bildung im weltlichen Bereich leistet zwar einen großen Beitrag zur Verbesserung der Welt, in einer Atmosphäre von Tugend, sittlichem Verantwortungsbewusstsein, geistiger Wahrheit und Glauben gedeiht weltliche Bildung jedoch auf höchster Ebene.
Heutzutage wird die laizistische Gesellschaft viel gepriesen. Viele Völker und Länder halten es sich zugute, säkularisiert zu sein, ausgerichtet auf „Weltliches – das, was nicht als religiös, geistig oder heilig gilt“.3
Weit und breit wird der Säkularismus als unabdingbar für eine ausgewogene, gerechte und ordentliche Regierung angesehen. Glaubensäußerungen werden daher in der Öffentlichkeit nicht geschätzt; was Recht ist, hängt von den Gerichten und der Gesetzgebung ab; nur zu gern klärt jedermann Probleme und Ansprüche auf dem Rechtsweg. Im Extremfall ignoriert die laizistische Gesellschaft die Vorstellung vom ewigen Leben, setzt sie alles in Beziehung zur natürlichen Welt und ist folglich Werken ohne Glauben zugeneigt.
Man muss sehr aufpassen und sich sehr viel Mühe geben, in einer säkularisierten Welt ein Mann oder eine Frau des Glaubens zu sein. Wird ein Mensch mit Profanem überschüttet, liegt es in seinem Wesen, dies erst zu ertragen und es dann zu bedauern und dann anzunehmen.4 Der Säkularismus überschüttet die Menschen heute mit diesen Folgen.
Unbehelligt vom Glauben an Jesus als dem Erlöser der Menschheit bringt die säkularisierte natürliche Welt Männer und Frauen hervor, die „stolz, von sich selbst besessen, maßlos ehrgeizig, uneinsichtig, freiheitswütig, von Begierden, Gelüsten und dem Beifall der Welt getrieben sind … Im Allgemeinen ist der natürliche Mensch ein unerlöstes Wesen, das ... im Licht seines eigenen Feuers wandelt [vgl. 2 Nephi 7:10,11]. ... Er passt sich dem Wesen seiner Umgebung an und bezieht seine Orientierungspunkte von einer gefallenen Welt.“5 „Menschen, die in einem natürlichen Zustand [sind], ... sind ohne Gott in der Welt.“ (Alma 41:11.)
Da der Säkularismus die ewige Perspektive in der Regel außer Acht lässt, kann er mit der Zeit zum Unglauben führen. Um es in den Worten Wolfhart Pannenbergs zu sagen, eines Theologieprofessors an der Universität München:
„Ein säkularistisches Klima in der Gesellschaft untergräbt das Vertrauen des Christen darauf, dass das, was er glaubt, wahr ist. …
In einem säkularistischen Milieu schwinden selbst christliche Grundkenntnisse. Es geht nicht mehr nur darum, dass christliche Lehren verworfen werden; vielmehr hat eine beträchtliche Anzahl Menschen nicht die leiseste Ahnung, was diese besagen … Je verbreiteter die Unkenntnis des Christentums, desto größer sind die Vorbehalte dagegen. …
Die schwierige Lage wird noch dadurch verschärft, dass die Vorstellung von der Wahrheit selbst allgemein relativiert wird. ... Nach Ansicht vieler … sind christliche Lehrsätze lediglich Meinungen, denen man je nach individueller Neigung zustimmt oder auch nicht – es kommt darauf an, ob sie ein Bedürfnis des Einzelnen ansprechen. …
Eine durch und durch säkularisierte Gesellschaftsordnung lässt das Gefühl aufkommen, alles sei bedeutungslos.“6
An Stelle des Glaubens an Jesus tritt der Glaube an den Menschen. In der öffentlichen Debatte wie im Privatleben werden die Fragen, woher wir kommen, woher wir nach dem Leben gehen und was letzten Endes im Leben entscheidend ist, nicht nur nicht angesprochen, sondern auch für irrelevant gehalten. Diese Ungläubigkeit wächst sich zu einem Unglück gewaltigen Ausmaßes aus.
Der Vater im Himmel wusste, dass es so kommt. Mit der Wiederherstellung des Evangeliums wurde der Glaube an Jesus Christus als Schöpfer, Erretter und Erlöser neu entfacht. Damit kam die richtige Auffassung, worum es im Leben geht, zurück. 1831 erfuhren die Kinder des himmlischen Vaters:
„Darum habe ich, der Herr, der das Unheil kennt, das über die Bewohner der Erde kommen soll, meinen Knecht Joseph Smith Jr. aufgerufen und aus dem Himmel zu ihm gesprochen und ihm Gebote gegeben, … [damit] ... der Glaube auf Erden zunehme“ (LuB 1:17,21).
Noch ehe die Fundamente dieser Welt gelegt wurden, noch ehe die himmlischen Sphären an ihren Platz rückten, lebten Mann und Frau und bewegten sich und waren da (vgl. Apostelgeschichte 17:28). Die weltliche Vorstellung, das Leben sei nur eine Frage der Biologie, leugnet die fundamentale Wahrheit, die unterbewusste Ahnung, die im Innersten jeder lebenden Seele vorhanden ist: „Der Mensch war auch im Anfang bei Gott.“ (LuB 93:29; Hervorhebung hinzugefügt.) Diese Tatsache ist unwandelbar und unbestreitbar.
Es folgte das paradiesische Eden mit unseren Stammeltern Adam und Eva, auf dass der Mensch durch die Erfahrungen im irdischen Leben und die Erlösung durch Christus ein vollständiges, voll entwickeltes und vervollkommnetes Wesen werde. Die Zeit der Patriarchen, die himmlische Ankunft unseres Erlösers und sein unvergleichliches Sühnopfer in der Zeiten Mitte sowie die „Zeiten der Wiederherstellung von allem“ (Apostelgeschichte 3:21), die 1820 begannen, bildeten den Rahmen dafür, dass Männer und Frauen, Jungen und Mädchen ihr Leben und ihr Umfeld abermals durch „Glaube an den Herrn Jesus Christus“ (4. Glaubensartikel) gestalten konnten.
Meine lieben jungen Freunde, Sie stehen am Schnittpunkt dieser weltgeschichtlichen Ereignisse. „Das Vergangene ist ein Vorspiel, doch uns obliegt das Künftige.“7 Was geschehen kann – was geschehen muss – ist: Ihr Glaube und die damit einhergehenden Werke müssen den Strom des Unglaubens aufhalten. Dies ist Ihre Bestimmung. Dies ist Ihr heiliger Auftrag.
Bezugspunkte für den Glauben
Unser Herr hat gesagt: „Wenn euer Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn, ... wird euch [nichts] unmöglich sein.“ (Matthäus 17:20.) Präsident Hinckley erinnert uns:
„Alles in allem besteht der einzig wirkliche Reichtum der Kirche im Glauben der Mitglieder.“8
„Beim Fortgang dieser großen Sache ist vermehrter Glaube das, was wir am meisten brauchen. Ohne ihn würde das Werk ins Stocken geraten. Mit ihm kann niemand seinen Fortschritt aufhalten.“9
Solcher Glaube ist mehr als eine Einstellung, mehr als eine Ansicht, mehr als das Zeugnis dessen, was man weiß oder fühlt. Wahrer Glaube, der Glaube, von dem unser geliebter Prophet sprach, führt zu Rechtschaffenheit in diesem Leben und Erlösung im künftigen Leben. Sein Mittelpunkt ist der wahre und lebendige Gott und Jesus Christus, den er gesandt hat (vgl. Johannes 17:3). Wahrheit ist seine Grundlage, Wissen geht ihm voraus, Werke vervollkommnen ihn. Er führt den Sterblichen zu einer Einsicht und einem Verhalten, das einem Kind des himmlischen Vaters angemessen ist. Dieser „Glaube … ist der erste große beherrschende Grundsatz, der … uns die Macht, die Herrschaft und die Gewalt darüber [verleiht]“10, wie wir denken, wie wir handeln und was für Männer und Frauen wir sind.
Der Apostel Jakobus hat uns die Grundzüge solchen Glaubens aufgezeigt:
„Was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? …
Nun könnte einer sagen: Ich zeige dir, dass ich auch ohne Werke Glauben habe. Ich aber sage: Zeig mir deinen Glauben ohne die Werke, und ich zeige dir meinen Glauben aufgrund der Werke. …
Der Glaube für sich allein ist tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat. …
Willst du also einsehen, dass durch … Glauben Werke hervorgebracht werden und durch Werke der Glaube vollkommen gemacht wird?“ (JSÜ, Jakobus 2:14, 15, 17, 21.)
Heutzutage ist viel von Bezugspunkten die Rede. Ein Bezugspunkt ist „ein Güte- oder Leistungsmaßstab, nach dem Vergleichbares bemessen oder beurteilt wird“.11
Es gibt vier Bezugspunkte, an denen jeder von uns erkennen kann, ob sein persönlicher Glaube an Jesus durch seine Werke „vollkommen gemacht“ wird, nämlich 1. die Entscheidungen, die wir treffen, 2. die Hingabe, die wir an den Tag legen, 3. der Gehorsam, den wir üben, und 4. die Dienste, die wir leisten. Lassen Sie mich das erläutern.
Die Entscheidungen, die wir treffen
Der erste Bezugspunkt: Entscheidungen. Die Heiligen der Letzten Tage „glauben, dass es recht ist, ehrlich, treu, keusch, gütig und tugendhaft zu sein. … Wenn es etwas Tugendhaftes oder Liebenswertes gibt, wenn etwas guten Klang hat oder lobenswert ist, so trachten wir danach.“ (13. Glaubensartikel; Hervorhebung hinzugefügt.)
Stellen wir uns einen jungen Ältesten namens Bill vor. Er hat diese Worte in der PV gelernt. Er hat damals daran geglaubt und tut es auch heute noch. Für eine Weile jedoch machte Pornografie Bill zu schaffen. Die Verlockung war für ihn übermächtig, er war süchtig danach. Nach jeder Berührung mit diesem Schund fühlte sich Bill innerlich angeekelt, beschämt und wertlos.
Vor ein paar Wochen war Bill bei der Generalkonferenz. In der Priestertumsversammlung hörte er, wie Präsident Hinckley sagte:
„In dieser großen Versammlung heute Abend gibt es keinen Mann, keinen Jungen, der nicht sein Leben verbessern kann. Und das muss geschehen. Schließlich tragen wir das Priestertum Gottes. …
Das Priestertum bringt die große Verpflichtung mit sich, seiner würdig zu sein. Wir können uns keine unreinen Gedanken erlauben. Wir dürfen nichts mit Pornografie zu tun haben. Wir dürfen uns niemals irgendeiner Art des Missbrauchs schuldig machen. Wir müssen uns über all dies erheben. ‚Erhebt euch, Männer des Herrn!‘ und lasst dies alles hinter euch, dann wird der Herr euch führen und stützen.“12
Bill fasste einen Entschluss: „Es wird Zeit für mich, für meinen Glauben einzustehen!“
Er ging in sein Versteck, holte die schmutzigen Bilder, Filme, Bücher und Zeitschriften hervor und vernichtete sie. Er befreite seine Musiksammlung von den harten, lauten Tönen und den schäbigen Texten. Er löschte von seinem Computer alle Verbindungen zu pornografischen Seiten, richtete einen Schutzfilter ein und stellte das Gerät an einem freier zugänglichen Ort auf, um sich gegen eine Wiederholung seiner Sünde zu wappnen.
Bill gab seine Übertretungen vor Gott zu. Er betete inständig um Kraft zur Umkehr, um dieses Übel aus seinem Leben zu verbannen. Er bat den Bischof und andere, die ihm nahestehen, um Beistand. In seiner Not verspürte Bill die ruhige Gewissheit: „Mein Sohn, du bist auf dem rechten Weg.“ Sein Glaube wird nun dank seiner Werke bekräftigt und gestärkt.
Viel bleibt noch zu tun. Bill wird fasten, beten, die Schriften studieren und viele Tränen vergießen. Ein guter Bischof wird unschätzbare Hilfe leisten. Mit ihrem Glauben und ihren Gebeten werden Eltern und Freunde die nötige Unterstützung geben.
Und dennoch zeigt dieser Bezugspunkt: Bill fängt an, Glauben zur Umkehr zu üben – er hat sich richtig entschieden!
Die Hingabe, die wir an den Tag legen
Der zweite Bezugspunkt: Hingabe. Die Heiligen der Letzten Tage „glauben alles, was Gott offenbart hat, und alles, was er jetzt offenbart; und wir glauben, dass er noch viel Großes und Wichtiges offenbaren wird, was das Reich Gottes betrifft.
Wir glauben an die buchstäbliche Sammlung Israels und die Wiederherstellung der Zehn Stämme, dass Zion (das Neue Jerusalem) auf dem amerikanischen Kontinent errichtet werden wird“ (9. und 10. Glaubensartikel) und dass Menschen „durch Prophezeiung … von Gott berufen werden“, um dies mit göttlicher Vollmacht zuwege zu bringen.“ (5. Glaubensartikel.)
Wahre Hingabe ist mit Gottes Werk, das schon vor Grundlegung der Welt begann, untrennbar verbunden. Rechtschaffene Vorfahren waren daran beteiligt; sie gaben ihr Leben, um die Ziele des himmlischen Vaters zu fördern. Wir wurden damit betraut, weiterzumachen und auf ihrem heiligen Werk aufzubauen.
Die folgende Geschichte mögen einige von Ihnen bereits kennen:
1856 machten sich Robert und Ann Parker mit ihren vier Kindern von England aus auf den Weg zu den Heiligen in Utah. Ein Prophet hatte gesprochen, und sie hatten den Auftrag erhalten, ins Becken des Großen Salzsees zu ziehen und Zion mit aufzubauen. Die ganze Familie gehörte zur Handkarrengruppe McArthur, und jeder trug einen Teil der Last. Vater und Mutter zogen die schwere Karre, Maxie (12 Jahre alt) schob, und Martha (10 Jahre alt) passte auf den kleinen Arthur auf (6 Jahre alt). Die einjährige Ada tapste nebenher, wurde getragen oder fuhr auf der Karre mit.
Irgendwo in Nebraska legte der kleine Arthur eine Ruhepause ein und schlief ein. Plötzlich kam ein Sturm auf. Die Gruppe zog rasch weiter und schlug ihr Lager auf. Erst da merkte man, dass Arthur nicht bei den anderen Kindern war.
Tagelang wurde er vergeblich gesucht. Die Gruppe musste unbedingt weiter. Da war für Robert und Ann Parker der Augenblick gekommen, nach ihrem Glauben zu handeln. Archer Walters trug am 2. Juli 1856 in sein Tagebuch ein: „Bruder Parkers kleiner Junge … war verschwunden, und der Vater ging zurück, um ihn zu suchen.“
Als Robert aufbrach, legte Ann ihm einen leuchtend roten Schal um die Schultern und sagte: „Wenn er tot ist, wickle ihn in den Schal ein und begrab ihn. Wenn er noch lebt, kannst du den Schal als Signalflagge für uns benutzen.“ Daraufhin nahm sie mit den übrigen Kindern die Karre wieder auf und kämpfte sich mit der Gruppe weiter voran.
Robert lief meilenweit durch den Wald zurück, rief seinen hilflosen kleinen Sohn, suchte ihn und betete für ihn. Schließlich kam er bei einer Post- und Handelsstation an, wo man ihm sagte, ein Waldarbeiter und seine Frau hätten sich um sein Kind gekümmert. Der kleine Arthur war unterkühlt und verängstigt gewesen, aber Gott hatte die Gebete seiner lieben Eltern erhört.
Jeden Abend, den sie unterwegs waren, hielten Ann und ihre Kinder Ausschau. Als am dritten Abend die Strahlen der untergehenden Sonne einen leuchtend roten Schal aufflackern ließen, brach die tapfere Mutter zu einem Häuflein Elend im Staub zusammen. Völlig erschöpft, schlief Ann das erste Mal in sechs langen Tagen und Nächten.13 Gott hatte sich wahrlich gütig und gnädig gezeigt, in ihren Werken wurde ihre Hingabe belohnt und ihr Glaube gerechtfertigt, und mit frohem Herzen sangen die Heiligen: „Alles wohl!“14
Ada, die Jüngste, meine Großmutter, wurde eine erwachsene Frau und heiratete meinen Großvater, Brigham Young McMullin. Nun zur Moral dieser Geschichte: Nie ließ sie bei ihren Kindern in Vergessenheit geraten, dass sie mit ihrer Familie in der Handkarrengruppe Daniel D. McArthur über die Prärie gekommen war. Die Geschichte vom roten Schal wurde die unsere – das Vermächtnis ihres Glaubens wurde auch unseres. Und so gehen wir alle voran15, und die größten Hindernisse verfliegen wie der Tau in der Morgensonne.
Was den Bezugspunkt betrifft, so zeigen diese frühen Heiligen: Ihre Werke waren ein Fanal ihres Glaubens, ihre Hingabe den Nachkommen ein Maßstab, an den sie sich halten konnten.
Der Gehorsam, den wir üben
Der dritte Bezugspunkt: Gehorsam. Die Heiligen der Letzten Tage „glauben, dass dank dem Sühnopfer Christi alle Menschen errettet werden können, indem sie die Gesetze und Verordnungen des Evangeliums befolgen.“ (3. Glaubensartikel; Hervorhebung hinzugefügt.)
Stellen wir uns nun ein junges Paar vor, wie es für ein so weltliches Umfeld typisch ist. David und Michelle kannten diesen Glaubensartikel, lange bevor sie einander kannten. Trotzdem haben sie die gleichen Sorgen wie viele von Ihnen, die diese Übertragung sehen. David und Michelle sind Mitte/Ende zwanzig. Sie kennen einander schon eine Weile, sie sind oft zusammen, und sie sind ineinander verliebt. Dennoch sind sie unschlüssig, was Ehe und Familie betrifft. Sollen sie mit der Hochzeit noch warten, bis sie die Ausbildung abgeschlossen und mehr Geld haben, bis einige ihrer persönlichen Ziele erreicht sind?
Sie machen sich auch über die steigenden Scheidungsraten, Kriege und Unruhen in der Welt und die Überbevölkerung Gedanken. Ob ihre Ehe wohl halten würde? Soll man in so eine Welt Kinder setzen?
Ach, David und Michelle, übt doch Glauben aus! Denkt daran: „Die Ehe zwischen Mann und Frau ist von Gott verordnet.“16 „Was … Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“ (Matthäus 19:6; siehe auch LuB 132:19,20.) „Kinder sind eine Gabe des Herrn.“ (Psalm 127:3). „Die Erde ist voll …, es ist genug vorhanden, ja, dass noch übrig bleibt“ (LuB 104:17).
Handeln Sie nach dem, was Sie als wahr erkannt haben, und ihre rechtschaffenen Werke werden ihren Glauben vervollkommnen. Sie werden ein reiches, wunderbares Leben führen. Folgen Sie dem guten Beispiel Ihrer Eltern. Sie konnten sich auch nicht leisten zu heiraten, aber sie haben es getan. Sie haben sich auch über Krieg und Unruhen Gedanken gemacht, aber Glauben ausgeübt und Sie bekommen! Was Ehe und Familie von ihnen forderten, hat ihre Ausbildung nicht verhindert, sondern bereichert. Was ihre persönlichen Ziele angeht, so gehen sie vollständig und glücklich darin auf, dass es ihnen selbst, aber auch Ihnen, Ihren Brüdern und Schwestern und den Enkelkindern gut geht.
Das Leben war für Ihre Eltern nicht leicht. Sie mussten an allen Ecken und Kanten sparen und das Beste aus allem machen. Auch sie sahen sich Fragen und Verhältnissen ausgesetzt, für die sie keinen Rat wussten, aber sie wussten, dass der vom allmächtigen Gott vorgezeichnete Weg von ihnen verlangte, weiterzumachen. Und Sie sind darum um vieles reicher.
Aus den Geschichten, die sie Ihnen immer wieder erzählt haben, wissen Sie, dass es für sie stets in jeder Hinsicht bergauf ging. Ihre Werke aber haben ihren Glauben gerechtfertigt.
Gewiss, sie sind älter. Sie gehen nicht mehr so federnd, sind nicht mehr so heißblütig und sehen nicht mehr so aus, wie es in der Werbebranche gefragt ist. Aber ihre Liebe zu Gott und zueinander zeugt von tiefer Ehrfurcht und Bewunderung. Die Wunden des Lebens haben sie weise, geduldig und dankbar gemacht. Durch unmerkliche, aber entscheidende Schritte stehen sie nun fest „in dem, was man erhofft,“ und sind überzeugt „von Dingen, die man nicht sieht“ (Hebräer 11:1) – Dingen, die sie früher nicht erkennen konnten. Aber sie gehorchten. Sie übten ihren Glauben aus, wurden im Tempel gesiegelt, bekamen Kinder geschenkt und kennen nun die wahren Quellen des Glücks. Dieser Bezugspunkt zeigt: Gehorsam ruft die Segnungen des Himmels herbei – so war es bei Ihren Eltern, so wird es bei Ihnen sein.
Der Dienst, den wir leisten
Der vierte Bezugspunkt: dienen. Die Heiligen der Letzten Tage „glauben an Gott, den ewigen Vater, und an seinen Sohn, Jesus Christus, und an den Heiligen Geist. …
Wir glauben …, dass Christus persönlich auf der Erde regieren wird und dass die Erde erneuert werden und ihre paradiesische Herrlichkeit empfangen wird“ (1. und 10. Glaubensartikel).
Wir wissen mehr über die Gottheit, als alle Menschen sich jemals haben vorstellen können – und was wir wissen, ist wahr. Wir wissen außerdem, welchen Zweck die Götter mit dieser Erde und all ihren Geschöpfen verfolgen. Weil wir all dies wissen und weil der Herr uns die heilige Pflicht auferlegt hat, all dies zustande zu bringen, darf uns unsere Mitgliedschaft in der Kirche nicht gleichgültig sein.
So mancher ist versucht, sich weniger zu engagieren, weil er befürchtet, als allzu fromm zu gelten. Er „betrachtet die Kirche als eine Institution und nicht aber als Königreich“.17 Sie, die Jugend der Kirche, sind zu Höherem geboren. Machen Sie das Werk der Kirche und das Gottesreich zum Mittelpunkt Ihres Lebens! Wenn Sie auserwählt werden, zu dienen, sagen Sie „Ja“18, und geben Sie Ihr Bestes. Hören Sie sich diesen Auftrag des Herrn an: „Darum trachtet nicht nach den Dingen dieser Welt, sondern trachtet zuerst danach, das Reich Gottes und seine Rechtschaffenheit aufzurichten, und dies alles wird euch hinzugefügt werden.“ (Schriftenführer, JSÜ, Matthäus 6:38.)
In nur vier Tagen von heute an gerechnet, am 9. November, ist es 150 Jahre her, dass die unglückseligen Pioniere der Handkarrengruppe Willie sich ins Salzseetal schleppten. Sie hatten unterwegs oft Leid und Tod gesehen. Die Stürme und ihr schwacher Gesundheitszustand hatten viele Opfer gefordert – noch mehr aber waren gerettet worden.
Levi Savage gehörte zu denjenigen, die an dem Tag ankamen. Den Berichten zufolge mühte er sich voller Glauben und fest entschlossen, die Heiligen zu retten und sicher in das Tal zu führen. Sein ehrenvoller Dienst begann jedoch nicht erst in der schneebedeckten Prärie von Wyoming. Vielmehr war dies nur ein weiteres Kapitel – vielleicht das herrlichste – in einem Leben, das dem Dienen geweiht war.
Levi wurde im Juni 1846 mit 26 Jahren getauft. Über seine Reaktion auf den Aufruf des Propheten, nach Westen zu ziehen, schrieb er: „Wir bereiteten uns so gut wir konnten auf eine lange Reise in ein fremdes und uns völlig unbekanntes Land vor. … Wir sagten unserer alten Heimat Lebewohl … und schlugen den Weg nach Westen ein, ohne das Ziel zu kennen; wir hatten lediglich die Erwartung, uns irgendwo im wilden Westen der Rocky Mountains niederzulassen.“19
Am 16. Juli 1846 reagierte er zusammen mit einigen anderen tapferen Männern abermals auf einen Aufruf des Propheten. Er ließ sich für das Mormonen-Bataillon anheuern und marschierte etwa 2000 Meilen von Council Bluffs in Iowa nach San Diego in Kalifornien und weiter nach Los Angeles. Dort wurde er aus dem Staatsdienst entlassen. Ohne zu wissen, wo Kinder und Angehörige abgeblieben waren, begab man sich auf den Rückweg ins Tal des Großen Salzsees. Levi Savage legte eine Strecke von noch einmal 1300 Meilen über felsiges und feindliches Gelände zurück, ehe er schließlich im Salzseetal ankam.
Dort betätigte er sich als Pionier. Er bekämpfte die Heuschrecken, heiratete, bekam einen Sohn und musste seine Frau nur wenige Monate nach der Geburt des Kindes begraben. Zehn Monate nach dem Tod seiner Frau, bei der Herbst-Generalkonferenz 1852, wurde er mit einigen anderen treuen Brüdern vom Propheten berufen, eine Evangeliumsmission in Siam (dem heutigen Thailand) zu eröffnen.
Diesmal ging es mit einem Pferdegespann und einem Wagen ins Tiefland von Kalifornien und an den Pazifik. Schließlich schiffte man sich in San Francisco nach Kalkutta ein, um von dort nach Siam, ins Missionsgebiet, zu gelangen. Levis Tagebucheintrag vom 29. Januar 1853 erlaubt uns einen Blick in das Herz dieser ersten Missionare. Er schrieb:
„Unser stolzes Schiff, von einer sanften Brise getragen, schlug seinen Kurs über die tosenden Untiefen zu unserem Bestimmungsort ein, und wir ließen unser viel geliebtes Heimatland hinter uns zurück. … Jeder suchte sich eine Ecke aus, wo er nachsinnen konnte, und dachte dort an sein trautes Heim und die Liebesbeweise seiner Frau, seiner Kinder und seiner Freunde. … Jetzt waren wir alle aufgerufen, uns in einem fernen Winkel der Erde eine Bleibe zu suchen, und wozu? Etwa um Gold und Silber anzuhäufen oder sich die Ehren, den Prunk und den Glanz der Welt zu sichern? Nein, wahrhaftig nicht! Sondern um den Geboten des Herrn gehorchend den in Dunkelheit und Aberglaube befangenen Völkern die Botschaft von der Wahrheit und das Heil zu bringen. Bald darauf zog sich ein jeder zur Ruhe und Erholung in seine Koje zurück. Aber ob schlafend oder wachend – seine Gedanken kreisten weiterhin um das, was gewesen war, und das, was die Zukunft versprach.“20
Nach seiner Mission kehrte Levi über Boston, Massachusetts, nach Hause zurück und kam auch an seinen Geburtsort, Greenfield in Ohio. Bei seiner Ankunft notierte er: „Jetzt habe ich die Welt umrundet!“21 Er schloss sich in Iowa City der Handkarrengruppe Willie an, und damit begann für ihn, seine Familie und die gesamte Kirche ein Heldenepos von ewiger Bedeutung. Sein Beitrag an diesem Epos krönte ein Leben, das aus Opfern und Dienen bestand. Was den Bezugspunkt betrifft, zeigen diese Pioniere: Ihr Glaube und ihre Werke waren ein Lichtstrahl in einer ungläubigen Welt; wie sie dienten, war ein Beispiel, dem wir alle folgen können.
Bewegend sind die Worte des Geistlichen Frederick W. Faber:
Der Väter Glaube lebt noch stets,
trotz Kerker, Feuer oder Schwert.
Das Herz schlägt freudig in der Brust,
wenn es dies teure Wort gehört.
Der Väter Glaube bringen wir
den Völkern auf der ganzen Erd,
damit durch Gottes Wahrheitslicht
die Menschheit wahrhaft frei dann werd.
Der Väter Glaube gibt uns Kraft,
zu lieben Freund und auch den Feind,
verkünden ihn durch gütges Wort
und edle Tat in Lieb vereint.
Der Väter Glaube, heilges Wort,
wir sind ihm treu bis hin zum Tod!22
Ich gebe Ihnen mein Zeugnis, meine lieben Brüder und Schwestern: Gott ist im Himmel, sein Name ist Elohim, und er kennt alle seine Kinder, ganz gleich, woher sie sind oder wo sie leben. Jesus, der Heilige Israels, ist sein geliebter Sohn, der Erlöser aller Menschen. Joseph Smith, ein junger Bursche, wurde von den Stimmen Gottes und seines heiligen Sohnes als Prophet berufen, und infolge dieser Berufung wurde die wahre Kirche und das Reich Gottes auf Erden wiederhergestellt. Wie gesegnet sind wir, dass wir all dies wissen, und Sie, meine lieben Brüder und Schwestern, stehen am Schnittpunkt der Geschichte. Sie kommen aus einem herrlichen Reich. Sie genießen den einzigartigen Vorzug, dem Glauben treu und mit guten Werken voranschreiten zu können. Tun Sie, was die Propheten sagen. Vergangene Generationen erwarten es von Ihnen, gegenwärtige werden dadurch errettet, künftige hängen davon ab. Der Heilige Geist wird Sie jeden Schritt Ihres Weges lenken.
Im Namen Jesu Christi. Amen.
Anmerkungen
1. „Wir danken, o Gott, für den Propheten“, Gesangbuch, Nr. 11
2. Liahona, November 2006, Seite 82f. (Hervorhebung hinzugefügt)
3. Random House Webster’s Unabridged Dictionary, 2. Auflage, 2001, Stichwort „secular“, Seite 1731.
4. Vgl. Alexander Pope, „Essay on Man“, Epistel II, Zeile 220
5. Book of Mormon Reference Companion, Hg. Dennis L. Largey, 2003, Seite 582
6. Siehe „How to Think about Secularism“, First Things, Juni/Juli 1996, Seite 27, 30, www.firstthings.com/ftissues/ft9606/articles/pannenberg.html.
7. Boyd K. Packer, Schulung für Generalautoritäten, Oktober 2006; vgl. William Shakespeare, Der Sturm, 2. Aufzug, 1. Szene
8. Der Stern, Juli 1991, Seite 56
9. Liahona, November 2006, Seite 85
10. Joseph Smith, Hg., Lectures on Faith, 1985, Seite 5, 8
11. Random House Webster’s Unabridged Dictionary, Stichwort „benchmark“, Seite 193
12. Liahona, November 2006, Seite 60
13. Siehe Boyd K. Packer, Memorable Stories and Parables by Boyd K. Packer, 1997, Seite 4ff.
14. „Kommt, Heilge, kommt!“, Gesangbuch, Nr. 19
15. „Geh voran“, Gesangbuch, Nr. 167
16. „Die Familie – eine Proklamation an die Welt“, Der Stern, Januar 1996, Seite 93
17. Neal A. Maxwell, Der Stern, Januar 1993, Seite 58
18. „Geh voran“, Gesangbuch, Nr. 167
19. Tagebuch von Levi Savage Jr., Hg. Lynn M. Hilton, 1966, Seite XII
20. Tagebuch von Levi Savage Jr., Seite 5; Hervorhebung hinzugefügt
21. Tagebuch von Levi Savage Jr., Seite 59
22. „Faith of Our Fathers“, Hymns, Nr. 84
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