|
| Zurück | | Der Tempel | | Der Zweck des Tempels | | Geschichte der Tempel |
Geschichte der Tempel Elder James E. Talmage (18621933)
Das lateinische templum ist gleichbedeutend mit dem hebräischen beth elohim und bedeutet Wohnstätte der Gottheit. Daher bezeichnet es in Verbindung mit Gottesverehrung buchstäblich das Haus des Herrn. In vielen verschiedenen Zeitaltern haben Götzenanbeter ebenso wie die Verehrer des wahren, lebendigen Gottes Gebäude errichtet, die im Ganzen als Heiligtümer betrachtet wurden oder einen Teil enthielten, der als Heiligtum bezeichnet wurde. Die heidnischen Tempel des Altertums wurden als Wohnstätten der mythischen Götter und Göttinnen betrachtet, deren Namen sie trugen und deren Dienst sie geweiht waren. Der Außenbereich dieser Tempel wurde als Versammlungsort und für öffentliche Feierlichkeiten benutzt, aber es gab immer einen inneren Bereich, den nur die geweihten Priester betreten durften und worin sich, wie man behauptete, die Gegenwart der Gottheit kundtat. Die Exklusivität der alten Tempel - selbst der heidnischen - zeigt sich daran, dass der Altar für den heidnischen Kult nicht innerhalb des eigentlichen Tempels stand, sondern vor dem Eingang. Der Tempel wurde nie als Ort für gewöhnliche öffentliche Versammlungen angesehen, sondern als heiliger Bereich, der den feierlichsten Zeremonien der jeweiligen Gottesverehrung, ob nun götzendienerisch oder göttlich, vorbehalten war, deren sichtbares und greifbares Symbol der Tempel war. In alten Zeiten zeichnete sich das Volk Israel unter den übrigen Nationen dadurch aus, dass es dem Namen des lebendigen Gottes Heiligtümer erbaute. Jehova selbst, dem zu dienen sie für sich in Anspruch nahmen, forderte von ihnen diesen Dienst. Die Geschichte Israels als Nation beginnt mit dem Auszug aus Ägypten. In den zwei Jahrhunderten der Versklavung in Ägypten waren die Kinder Jakobs zu einem großen und mächtigen Volk angewachsen; dennoch waren sie in Knechtschaft. Dann aber kamen ihre Leiden und Bittgebete vor den Herrn, und er führte sie mit starker Hand und hoch erhobenem Arm fort. Kaum waren sie dem Einfluss des ägytischen Götzendienstes entronnen, wurde von ihnen verlangt, dass sie ein Heiligtum errichteten, worin Jehova seine Gegenwart kundtun und seinen Willen als ihr Herr und König offenbaren wollte. Das Offenbarungszelt war von der Zeit an, da es in der Wüste erbaut wurde, während der langen Wanderjahre und auch in den folgenden Jahrhunderten für Israel heilig, das Heiligtum Jehovas; es war nach offenbarten Plänen und genauen Anweisungen erstellt worden. Es war zusammengesetzt und tragbar, wie es die Umstände der Wanderung erforderten. Obwohl das Offenbarungszelt eigentlich nur ein Zelt war, bestand es doch aus dem besten und kostbarsten Material, das das Volk besaß. Diese vortreffliche Arbeit war das Opfer, das eine ganze Nation dem Herrn darbrachte. Sein Aufbau, sowohl die Konstruktion als auch das Material, war bis ins kleinste Detail vorgeschrieben. Es war in jeder Hinsicht das Beste, was das Volk geben konnte, und Jehova heiligte die dargebrachte Gabe, indem er sie annahm.
Nebenbei bemerkt: denken wir immer daran, dass das Beste, was ein einzelner Mensch oder eine Nation gibt, und zwar bereitwillig und mit wirklichem Vorsatz, in den Augen Gottes immer vortrefflich ist, wie armselig dieses Beste auch im Vergleich mit anderen Gaben erscheinen mag. Der Aufruf, Material für den Bau des Offenbarungszeltes zu spenden, wurde so bereitwillig und großzügig befolgt, dass der Bedarf mehr als gedeckt wurde: "Es war Material mehr als genug vorhanden, um alle Arbeiten durchzuführen." (Exodus 36:7.) Dies wurde dann auch bekannt gegeben, und man wies die Leute an, nichts mehr zu bringen. Die Künstler und Handwerker, die am Bau des Offenbarungszeltes arbeiteten, wurden unmittelbar durch Offenbarung bestimmt, das heißt, sie wurden unter besonderer Berücksichtigung ihres Könnens und ihrer Hingabe durch göttliche Vollmacht dazu ausersehen.
Das fertige Offenbarungszelt war, wenn man es im Zusammenhang mit seiner Umgebung und den Umständen seiner Erschaffung betrachtet, ein imposantes Bauwerk. Der Rahmen bestand aus edlen Hölzern, die inneren Vorhänge waren aus feinem Leinen mit kunstvoller Stickerei, mit vorgeschriebenen Mustern in Blau, Purpur und Scharlach, die mittleren und äußeren Vorhänge waren aus erlesenen Fellen und die Metallteile bestanden aus Kupfer, Silber und Gold. Außerhalb des Offenbarungszeltes, aber noch im eingefriedeten Hof, standen der Opferaltar und das Becken aus Kupfer. Die erste Abteilung des eigentlichen Offenbarungszeltes war ein Außenraum, den man das "Heiligtum" nannte; und dahinter, durch einen zweiten Vorhang den Blicken entzogen, befand sich das innere Heiligtum, nämlich das "Allerheiligste". Gemäß der festgelegten Ordnung durften nur die Priester den Außenraum betreten, während zum inneren Raum, dem "Allerheiligsten", niemand anders als der Hohepriester Zutritt hatte, und selbst er durfte ihn nur einmal im Jahr und nur nach langer Reinigung und Heiligung betreten (siehe Hebräer 9:17; Levitikus 16). Zu den heiligsten Gerätschaften des Offenbarungszeltes gehörte die Bundeslade. Das war eine Truhe oder Kiste aus bestem Holz, innen und außen mit purem Gold überzogen; vier goldene Ringe waren daran befestigt, die die Stangen aufnehmen konnten, mit denen die Lade während der Wanderungen getragen wurde. Die Bundeslade enthielt einige besonders heilige Gegenstände, wie den goldenen Krug mit Manna, den man zum Gedächtnis aufbewahrte; später kam noch Aarons Stab dazu, der Triebe angesetzt hatte, sowie die Steintafeln, auf die Gott selbst geschrieben hatte. Wurde das Offenbarungszelt im Lager Israels aufgerichtet, stellte man die Lade innerhalb des inneren Vorhangs auf, im Allerheiligsten. Auf der Bundeslade befand sich die Deckplatte, beschirmt mit zwei Kerubim aus getriebenem Gold. Dort tat der Herr seine Gegenwart kund, wie er es verheißen hatte, noch ehe die Bundeslade oder das Offenbarungszelt gebaut worden waren: "Dort werde ich mich dir zu erkennen geben und dir über der Deckplatte zwischen den beiden Kerubim, die auf der Lade der Bundesurkunde sind, alles sagen, was ich dir für die Israeliten auftragen werde" (Exodus 25:22). Es soll hier keine genaue Beschreibung des Offenbarungszeltes und seiner Gerätschaften und Einrichtung versucht werden. An dieser Stelle genügt es zu wissen, dass das Lager Israels ein solches Heiligtum besaß, dass es nach einem offenbarten Plan errichtet wurde und das Beste darstellte, was das Volk an Material und handwerklicher Kunst zu bieten hatte, dass es die Opfergabe des Volkes an seinen Gott war, die auch gebührend von ihm angenommen wurde (siehe Exodus 40:338). Später werden wir sehen, dass das Offenbarungszelt das Vorbild für den massiven, prächtigen Tempel war, der es dann ersetzte. Als sich das Volk Israel im verheißenen Land niedergelassen hatte, nachdem es vierzig Jahre lang in der Wüste umhergezogen war, und das Bundesvolk nun endlich sein eigenes Kanaan besaß, kam das Offenbarungszelt mit seiner heiligen Einrichtung in Schilo zur Ruhe. Dorthin kamen dann die Stämme, um den Willen und das Wort Gottes zu erfahren (siehe Josua 18:1; 19:51; 21:1,2; Richter 18:31; 1 Samuel 1:3,24; 4:3,4).
Später wurde es nach Gibeon gebracht (siehe 1 Chronik 21:29; 2 Chronik 1:3) und danach in die Stadt Davids oder Zion (siehe 2 Samuel 6:12; 2 Chronik 5:2) David, der zweite König Israels, wollte dem Herrn ein Haus bauen, denn er fand es nicht recht, dass er, der König, in einem Palast aus Zedernholz wohnte, während das Heiligtum Gottes nur ein Zelt war (siehe 2 Samuel 7:2). Aber der Herr redete durch den Mund des Propheten Natan und lehnte das angebotene Opfer ab. Er machte deutlich, dass eine Gabe für ihn nur dann annehmbar war, wenn nicht nur die Gabe angemessen, sondern auch der Geber würdig war. David, der König Israels, war zwar in vieler Hinsicht ein Mann nach dem Herzen Gottes, aber er hatte gesündigt, und seine Sünde war ihm nicht vergeben worden. So sprach der König: "Ich selbst hatte vor, für die Bundeslade des Herrn, den Fußschemel unseres Gottes, eine Ruhestätte zu errichten, und traf Vorbereitungen für den Bau. Doch Gott sprach zu mir: Du sollst meinem Namen kein Haus bauen; denn du hast Kriege geführt und Blut vergossen (1 Chronik 28:2, 3; 2 Samuel 7:113). Dennoch durfte David Material für das Haus des Herrn zusammentragen, für ein Gebäude, das nicht er, sondern sein Sohn Salomo erbauen sollte. Kurz nachdem Salomo den Thron bestiegen hatte, machte er sich an das Werk, das zusammen mit der Krone als ehrenvolles Vermächtnis an ihn übergegangen war. Im vierten Jahr seiner Regierung legte er den Grund, und das Bauwerk wurde innerhalb von siebeneinhalb Jahren vollendet. Mit dem großen Reichtum, den sein königlicher Vater angesammelt hatte und der ausschließlich für den Bau des Tempels bestimmt war, konnte Salomo die ganze damals bekannte Welt zum Bau heranziehen und sich bei dem großen Vorhaben der Mitarbeit vieler Völker bedienen. Viele tausende arbeiteten am Tempel, und jeder Gruppe stand ein Handwerksmeister vor. An diesem großartigen Bauwerk mitzuarbeiten - in welcher Funktion auch immer - betrachtete man als eine Ehre, und Arbeit erlangte eine Würde, die ihr nie zuvor zugestanden worden war. Die Steinmetzarbeit wurde zu einem Beruf, und die abgestufte Ordnung darin hat sich bis zum heutigen Tag erhalten. Die Errichtung des Tempels Salomos war ein epochales Ereignis, nicht nur in der Geschichte Israels, sondern für die ganze Welt. Nach der allgemein anerkannten Zeitrechnung wurde der Tempel etwa im Jahr 1005 v. Chr. fertig gestellt. Im Hinblick auf Architektur und Ausführung, Entwurf und Kostbarkeit ist er als eines der bemerkenswertesten Bauwerke aller Zeiten bekannt. Die Weihungsgottesdienste dauerten sieben Tageeine Woche heiliger Freude in Israel. In feierlicher Zeremonie wurden das Offenbarungszelt und die heilige Bundeslade in den Tempel gebracht; die Lade wurde in das innere Heiligtum, das Allerheiligste, gestellt. Dass der Herr das Werk gnädig annahm, tat sich kund, als eine Wolke die heiligen Räume erfüllte, nachdem die Priester hinausgegangen waren, und "die Priester konnten wegen der Wolke ihren Dienst nicht verrichten; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes" (2 Chronik 5:14; siehe auch 2 Chronik 7:1,2; Exodus 40:35). Der Tempel enthielt und ersetzte nund das Offenbarungszelt und war tatsächlich sein prachtvoller Nachfolger. Vergleicht man den Plan des Tempels Salomos mit dem des früheren Offenbarungszeltes, so zeigt sich, dass die beiden in der Anordnung und den Proportionen im Wesentlichen so ähnlich waren, dass sie praktisch identisch waren. Zwar hatte das Offenbarungszelt nur eine einzige Einfriedung, während der Tempel von mehreren Höfen umgeben war, aber das innere Bauwerk selbst, der eigentliche Tempel, folgte dem früheren Plan sehr genau. Die Abmessungen des Allerheiligsten, des Heiligtums und der Vorhalle betrugen im Tempel genau das Doppelte der entsprechenden Abmessungen im Offenbarungszelt.
Die Ägypter, aus deren Knechtschaft das Volk befreit worden war, konnten Israel erneut unterdrücken. Schischak, der König von Ägypten, eroberte Jerusalemdie Stadt Davis, die Tempelstadtund "er raubte die Schätze des Tempels" (1 Könige 14:25,26). Was die Ägypter von der ehemals heiligen Einrichtung übrig ließen wurde zum Teil von anderen weggetragen und Götzen gewidmet (siehe 2 Chronik 24:7). Die Entweihung dauerte noch Jahrhunderte an.
Zweihundertsechzehn Jahre nach der Plünderung duch die Ägypter raubte Ahas, der König von Juda, einige der verbliebenen Schätze aus dem Tempel und sandte davon Gold und Silber als Geschenk an einen heidnischen König, um dessen Gunst er sich bemühte. Außerdem entfernte er noch den Altar und das Waschbecken; zurück blieb ein Haus, wo einst ein Tempel gestanden hatte (siehe 2 Könige 16:79,17,18; siehe auch 2 Chronik 28:24,25). Später vollendete Nebukadnezzar, der König von Babel, die Plünderung des Tempels und trug die wenigen verbliebenen Schätze fort. Dann zerstörte er das Gebäude durch Feuer (siehe2 Chronik 36:18,19#; siehe auch 2 Könige 24:13; 25:9). So kam es, dass Israel ungefähr 600 Jahre bevor unser Herr auf die Erde kam, keinen Tempel mehr hatte.
Das Volk hatte sich gespalten; es gab zwe Reiche#151;Israel und Judadie miteinander verfeindet waren. Das Volk war götzendienerisch und ganz und gar schlecht geworden, und der Herr hatte sie und ihr Heiligtum verworfen. Das Reich Israel, das etwa zehn der zwölf Stämme umfasste, war 721 v. Chr. von Assur unterjocht worden, und ein Jahrhundert später wurde auch das Reich Juda von den Babyloniern unterworfen. Siebzig Jahre lang blieb das Volk Judaspäter als Juden bekanntin Gefangenschaft, wie es vorausgesagt worden war (siehe Jeremia 25:11,12; 29:10). Dann kamen die freundlich gesinnten Herrscher Kyrus (siehe Esra 1, 2) und Darius (siehe Esra 6), die ihnen gestatteten, nach Jerusalem zurückzukehren und noch einmal einen Tempel zu errichten, wie es ihrem Glauben entsprach. Zur Erinnerung an den Vorsteher des Baus wurde das wiederhergestellte Gebäude als Tempel Serubbabels bezeichnet. Das Fundament wurde in einer feierlichen Zeremonie gelegt, und die Betagten, die den früheren Tempel noch gekannt hatten, weinten vor Freude (siehe Esra 3:12,13). Trotz rechtlicher Schwierigkeiten (siehe Esra 4:424) und anderer Hindernisse wurde die Arbeit fortgeführt, und zwanzig Jahre nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft besaßen die Juden wieder einen Tempel, der zur Weihung bereit war. Der Tempel Serubbabels wurde 515 v. Chr. vollendet, und zwar am dritten Tag des Monats Adar, im sechsten Jahr der Regierung des Königs Darius. Die Weihungsgottesdienste folgten gleich darauf (siehe Esra 6:1522). Dieser Tempel war zwar im Vergleich mit dem prachtvollen Tempel Salomos längst nicht so kostbar ausgearbeitet und ausgestattet, doch war er das Beste, was das Volk zu schaffen vermochte, und der Herr nahm ihn als eine Opfergabe an, die die Liebe und Hingabe seiner Bundeskinder symbolisierte.
Der Dienst solcher Propheten wie Sacharja, Haggai und Maleachi in diesem Tempel war ein Beweis dafür, dass Gott ihn angenommen hatte. Etwa sechzehn Jahre vor der Geburt Christi begann Herodes I., König von Judäa, mit dem Wiederaufbau des verfallenen Tempels Serubbabels. Seit fünfhundert Jahren hatte das Bauwerk gestanden und zweifellos in dieser langen Zeit Schaden genommen. Viele Ereignisse im irdischen Leben des Erretters stehen mit dem Tempel des Herodes in Zusammenhang. Aus der heiligen Schrift geht klar hervor, dass Christus sich zwar entschieden gegen den Missbrauch und die Geschäftemacherei im Tempel wandte, jedoch die Heiligkeit des Tempelbezirks anerkannte. Der Tempel des Herodes war ein heiliges Bauwerk; nach wessen Namen es auch genannt wurde - für ihn war es das Haus des Herrn. Und als sich dann Düsternis über die große Tragödie auf der Schädelhöhe legte und endlich das schmerzvolle "Es ist vollbracht!" vom Kreuz emporstieg, da riss der Vorhang im Tempel entzwei und das ehemals Allerheiligste war den Blicken preisgegeben. Schon während seines Erdenlebens hatte der Herr die völlige Zerstörung des Tempels vorhergesagt (siehe Matthäus 24:1,2; Markus 13:1,2; Lukas 21:6). Im Jahr 70 n. Chr. wurde die Stadt Jerusalem unter Titus von den Römern eingenommen und der Tempel wurde niedergebrannt. Der Tempel des Herodes war der letzte Tempel, der in alter Zeit auf der östlichen Hemisphere errichtet wurde. Von der Zerstörung dieses großen Gebäudes bis zur Wiederaufrichtung der Kirche Jesu Christi im neunzehnten Jahrhundert wissen wir über weitere Tempelbauten nur das, was in den nephitischen Berichten zu finden ist. Das Buch Mormon bestätigt, dass die nephitischen Siedler auf dem, wie wir ihn heute nennen, amerikanischen Kontinent Tempel errichtet haben; wir kennen aber nur wenig Einzelheiten über die Konstruktion und wissen noch weniger über die heiligen Handlungen in diesen Tempeln auf der westlichen Erdhälfte. Um 570 v. Chr. wurde ein Tempel gebaut, der, wie wir erfahren, nach dem Muster des Tempels Salomos errichtet wurde, obgleich er an Pracht bei weitem nicht an jenes wunderbare Bauwerk heranreichtte (siehe 2 Nephi 5:16). Interessant ist, dass die Nephiten um den Tempel versammelt waren, als der auferstandene Herr sich ihnen zeigte (siehe 3 Nephi11:110 ). Im Buch Mormon wird jedoch zum Zeitpunkt der Zerstörung des Tempels in Jerusalem von Tempeln nichts mehr erwähnt. Außerdem ging das nephitische Volk innerhalb von vierhundert Jahren nach Christus zugrunde. Es zeigt sich also, dass zu Beginn des Abfalls auf beiden Hemisphären kein Tempel mehr vorhanden war und der Begriff Tempel im eigentlichen Sinn für die Menschheit alle Bedeutung verloren hatte. Viele Jahrhunderte lang wurde dem Herrn kein Heiligtum dargebracht; ja anscheinend wurde es überhaupt nicht für notwendig befunden. Die abgefallene Kirche erklärte, die unmittelbare Kundgebung von Gott habe aufgehört, und anstelle der göttlichen Führung beanspruchte eine selbst ernannte Herrschaft die höchste Gewalt. Offensichtlich war, was die Kirche angeht, die Stimme Gottes verstummt, die Menschen wollten nicht länger auf das Wort der Offenbarung hören, und die Regierung der Kirche war von den Menschen abgeschafft worden (siehe James E. Talmage, The Great Apostasy[1953], chapter 9). Als unter der Regierung Konstantins das schon entstellte Christentum zur Staatsreligion wurde, sah niemand die Notwendigkeit, einen Ort zu schaffen, worin Gott sich offenbaren konnte. Gewiss, man errichtete viele meist kostspielige und imposante Gebäude. Einige wurden Petrus und Paulus, Jakobus oder Johannes geweiht, andere der Maria aus Magdala oder der Jungfrau, aber keines wurde - weder was die Vollmacht betraf noch dem Namen nach - zu Ehren Jesu Christi erbaut. Unter all den Kapellen und Schreinen, den Kirchen und Kathedralen hatte der Menschensohn keinen Ort, den er sein Eigen nennen konnte. Man verkündete, der Papst in Rom sei der Stellvertreter Christi, und er sei - ohne Offenbarung - berechtigt, den Willen Gottes zu verkünden (siehe The Great Apostasy, Kapitel 10). Erst als das Evangelium mit seinen ursprünglichen Mächten und Rechten im 19. Jahrhundert wiederhergestellt wurde, war das heilige Priestertum wieder unter den Menschen vorhanden. Vergessen wir nicht, dass die Vollmacht, im Namen Gottes zu sprechen und zu handeln, eine wesentliche Voraussetzung für den Tempel ist; ohne die Vollmacht des heiligen Priestertums ist der Tempel nutzlos. Im Jahre unseres Herrn 1820 empfing Joseph Smith, der Prophet der letzten Evangeliumszeit und damals ein Junge von vierzehn Jahren, eine göttliche Kundgebung. Ihm erschienen der ewige Vater und sein Sohn, Jesus Christus, und sie belehrten den demütigen Knaben (siehe James E. Talmage, Die Glaubensartikel, 1977 [1924], Kapitel 1). Durch Joseph Smith wurde das frühere Evangelium wieder auf der Erde hergestellt und das alte Gesetz wieder aufgerichtet. Im Lauf der Zeit wurde durch das Wirken des Propheten die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage gegründet und aufgebaut, begleitet von Kundgebungen göttlicher Macht. Es ist bezeichnend, dass diese Kirche im Einklang mit dem Anspruch sich dadurch zu unterscheiden, dass sie die Kirche des lebendigen Gottes ist, wie es ihr Name zum Ausdruck bringtbereits zu Beginn ihrer Entstehung die Errichtung eines Tempels ins Auge fasste (sieheLuB 36:8; 42:36; 133:2).
Die Kirche wurde am 6. April 1830 als irdische Körperschaft gegründet, und im Juli des darauf folgenden Jahres wurde eine Offenbarung empfangen, die den Platz für einen künftigen Tempel in der Nähe von Independence in Missouri bezeichnete. Am 1. Juni 1833 gebot der Herr dem Propheten Joseph Smith in einer Offenbarung, sogleich mit dem Bau eines heiligen Hauses zu beginnen, und er verhieß, seine erwählten Diener darin mit Kraft und Vollmacht auszustatten (siehe LuB 95). Das Volk folgte diesem Ruf bereitwillig und eifrig.
Trotz drückender Armut und angesichts unerbittlicher Verfolgung wurde das Werk vollendet, und im März 1836 wurde der erste neuzeitliche Tempel in Kirtland in Ohio geweiht (siehe LuB 109). Bei den Weihungsgottesdiensten kam es zu göttlichen Kundgebungen vergleichbar mit denen, die die Darbringung des ersten Tempels in alter Zeit begleiteten, und bei späteren Anlässen erschienen in diesen heiligen Mauern himmlische Wesen, um den Menschen den Willen Gottes zu offenbaren. Dort wurde auch der Herr Jesus Christus wiederum gesehen und gehört (siehe LuB 110:110). Schon zwei Jahre nach der Weihung wurde der Kirtland-Tempel von den Menschen, die ihn gebaut hatten, aufgegeben; sie mussten vor der Verfolgung fliehen. Mit ihrem Wegzug wurde der heilige Tempel zu einem gewöhnlichen Haus, denn der Herr, dessen Namen er erbaut worden war, erkannte ihn nicht mehr als sein Eigen an. Das Gebäude steht heute noch. Die Heiligen der Letzten Tage zogen nach Westen. Zuerst ließen sie sich in Missouri nieder, später in Illinois, wo Nauvoo zum Hauptsitz der Kirche wurde. Kaum hatten sie sich in der neuen Heimat niedergelassen, als erneut die Stimme der Offenbarung vernommen wurde, die das Volk aufrief, dem Namen Gottes abermals ein heiliges Haus zu bauen. Der Grundstein für den Nauvoo-Tempel wurde am 6. April 1841 gelegt, und der Schlussstein wurde am 24. Mai 1845 eingefügt. Beide Ereignisse wurden mit einer feierlichen Versammlung und einem Gottesdienst gefeiert. Obwohl offensichtlich war, dass das Volk erneut würde fliehen müssen, und obwohl sie wussten, dass sie den Tempel bald nach der Fertigstellung würden aufgeben müssen, arbeiteten sie entschlossen und eifrig daran, das Gebäude zu vollenden und richtig einzurichten. Es wurde am 30. April 1846 geweiht, nachdem man einzelne Teile, wie den Taufraum, schon früher geweiht und für heilige Handlungen benutzt hatte. Viele Heilige empfingen ihre Segnungen und die heilige Begabung im Nauvoo-Tempel, obwohl der Exodus des Volkes schon begann, noch ehe das Gebäude fertig war. Wiederum mussten die, die den Tempel in ihrer Armut und mit großen Opfern errichtet hatten, den Tempel aufgeben. Im November 1848 fiel er der Branddstiftung zum Opfer, und im Mai 1850 zerstörte ein Tornado, was an rauchgeschwärzten Mauern noch übrig war. Am 24. Juli 1887 betraten die Mormonenpioniere die Täler Utahs - damals noch mexikanisches Territorium -und errichteten eine Siedlung, wo heute Salt Lake City steht.
Ein paar Tage später bezeichnete ihr Prophet und Führer, Brigham Young, eine Stelle in der kaum bewachsenen Wildnis, indem er seinen Stock auf den dürren Boden stieß und verkündete: "Hier wird der Tempel unseres Gottes stehen!"Diese Stelle ist heute der schöne Tempelplatz, um den sich die Stadt ausgebreitet hat. Im Februar 1853 wurde der Platz im Rahmen eines Gottesdienstes geweiht, und am 6. April desselben Jahres wurde in einer feierlichen und eindrucksvollen Zeremonie der Grundstein für das Gebäude gelegt. Die Bauzeit des Salt-Lake-Tempels betrug 40 Jahre; der Schlusssein wurde am 6. April 1892 eingefügt, der fertige Tempel genau ein Jahr später geweiht.
Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage verkündet, dass sie das heilige Priestertum besitzt, das wieder auf die Erde gebracht worden ist, und dass ihr der göttliche Auftrag erteilt worden ist, Tempel zu errichten und zu unterhalten, die dem Namen und Dienst des wahren, lebendigen Gottes geweiht sind, und in diesen heiligen Gebäuden die heiligen Handlungen des Priestertums zu vollziehen, deren Auswirkungen sowohl auf der Erde als auch über den Tod hinaus bindend sind. |