Stehen Sie im heiligen Hain!

Elder Marlin K. Jensen

von den Siebzigern

CES-Andacht für junge Erwachsene • 6. Mai 2012 • Sacramento, Kalifornien


 
Elder Marlin K. Jensen

Guten Abend, Brüder und Schwestern. Ich bin sehr dankbar, aber es stimmt mich auch demütig, dass ich von der Ersten Präsidentschaft den besonderen Auftrag erhalten habe, heute Abend zu Ihnen zu sprechen. Zu Beginn sollen Sie wissen, dass auch ich genau wie Sie einmal faltenfrei, dunkelhaarig und voller Leben war auch ich gehörte zur „heranwachsenden Generation“, wie es in den Schriften heißt. Ich bin mir nicht ganz sicher, was das Gegenteil von heranwachsend ist vielleicht „untergehend“ oder „schwindend“ , aber das ist wohl die Phase, in der ich mich jetzt befinde, und das kommt mir nicht sonderlich vielversprechend vor!

Ich spreche zwar aus einem schönen Gemeindehaus hier beim Sacramento-Tempel in Kalifornien zu Ihnen, aber vor meinem geistigen Auge sehe ich Zehntausende, die sich in aller Welt versammelt haben. Gut 40 Sprachen sind da vertreten. Ich durfte schon viele Ihrer Heimatländer besuchen, habe Sie in Ihrer Muttersprache Zeugnis geben hören und konnte mich selbst von Ihrem Glauben und Ihrer Hingabe an den Herrn überzeugen. Ich liebe die Rechtschaffenheit an Ihnen und lobe Sie dafür. Ich weiß, das Leben kann in Ihrem Alter schwierig sein, und manchmal gehen wir in die Irre und müssen dann umkehren. Ich danke Ihnen jedoch von Herzen, dass Sie bestrebt sind, an Ihrem Glauben an Christus und sein wiederhergestelltes Evangelium festzuhalten. Ich wünsche mir zutiefst, dass mich der Heilige Geist heute Abend machtvoll sprechen lässt und ich somit dazu beitrage, dass Ihr Glaube wächst.

Heilige Orte

Es gibt hier auf Erden Orte, die aufgrund dessen, was sich dort zugetragen hat, heilig wurden. Dem Alten Testament zufolge ist einer dieser Orte der Sinai, der Horeb oder der „Gottesberg“ (Exodus 3:1; siehe auch Exodus 3:12; 34:2), wo der Herr dem Mose in einem brennenden Busch erschien. Als sich Mose dem Busch näherte, sagte der Herr zu ihm: „Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.“ (Exodus 3:5.)

Meine Familie und ich hatten einmal das Glück, an einem heiligen Ort zu wohnen. 1993 vier Jahre, nachdem ich als Siebziger berufen worden war wurden wir für zwei Jahre in die New-York-Mission Rochester berufen. Zu dieser Mission gehören die Ortschaften Palmyra, wo Joseph Smith mit seiner Familie in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts wohnte, und Fayette, wo im April 1830 die Kirche gegründet wurde. Etwa 180 Kilometer südlich von Palmyra liegt in Pennsylvania die Gedenkstätte Harmony, wo Joseph Smith Emma Hale kennenlernte und die beiden als junges Ehepaar wohnten und ein Großteil des Buches Mormon Ende der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts übersetzt wurde. Man nennt diese Gegend auch die „Wiege der Wiederherstellung“, weil hier die Kirche entstanden ist. Es ist eine malerische Gegend, die sich durch sanfte, bewaldete Hügel, klare Seen und Flüsse und die Herzlichkeit und bunte Vielfalt ihrer Bewohner auszeichnet. Wegen dem, was dort geschah, ist auch dies ein heiliger Ort.

Der heilige Hain

In einem Hain mit hohen Buchen, Eichen, Ahornbäumen und weiteren Bäumen, der etwa 400 Meter westlich des Hauses von Joseph und Lucy Mack Smith lag, sah der 14-jährige Joseph Smith im Frühjahr 1820 in einer Vision Gottvater und seinen Sohn Jesus Christus. Diese göttliche Kundgebung war eine Antwort auf Josephs Gebet, der wissen wollte, welche Religion wahr sei und wie er Vergebung für seine Sünden erlangen könne. Sie läutete die Wiederherstellung des Evangeliums in dieser letzten Evangeliumszeit ein. Außerdem erhielt dieser Wald einen ehrenvollen Platz in der Geschichte unserer Kirche, und so würdigen wir den Ort mit dem Namen „heiliger Hain“.

Als ich Missionspräsident war, ist meiner Familie und mir dieser Hain sehr ans Herz gewachsen, und wir spürten, wie heilig er ist. Wir gingen oft dorthin. Jeden Monat, wenn neue Missionare ankamen und diejenigen, die ihre Mission beendeten, abreisten, fuhren wir mit ihnen dorthin. Üblicherweise kamen wir am Waldesrand zusammen und sangen gemeinsam das heutige Eröffnungslied, „O wie lieblich war der Morgen“1. Dann baten wir die Missionare und Missionarinnen, sich im Wald zu verteilen und einen ruhigen Ort zu suchen, wo sie zu Gott beten und ihm über ihre jeweiligen Verpflichtungen berichten konnten. Diese Besuche im heiligen Hain stellen auch heute noch für alle, die dabei sein durften, eine kostbare Erfahrung dar.

Mir ist freilich klar, dass nur sehr wenige von Ihnen den heiligen Hain jemals selbst werden besuchen können. Daher möchte ich, dass Sie nun, im Frühjahr 2012, also 192 Jahre nach Joseph Smiths erster Vision, den heiligen Hain auf eine andere Art und Weise mit mir besuchen. Stellen Sie sich vor, Sie stünden dort an meiner Seite, wenn ich Ihnen nun ein paar Bilder vom Hain zeige und Ihnen erläutere, warum mir dieser Ort so am Herzen liegt und welche wertvollen Lektionen man dort lernen kann.

Ich schulde Bruder Robert Parrott meinen Dank, einem von der Kirche beschäftigten Förster und Naturforscher, der in Palmyra wohnt und mich auf einiges am heiligen Hain aufmerksam gemacht hat, worüber ich nun sprechen möchte. Bruder Parrott gehört der Kirche zwar noch nicht an, aber er achtet den heiligen Hain und kümmert sich fürsorglich und sehr professionell um ihn.

Die bildliche Darstellung von Bäumen in den heiligen Schriften

Wenn ich voller Ehrfurcht im heiligen Hain spazieren ging oder mich dort auf eine der Bänke setzte, musste ich oft über die vielen bildlichen Darstellungen von Bäumen, Zweigen, Wurzeln, Samen, Früchten und Wäldern in den Schriften nachdenken. Adam und Eva, unsere ersten Eltern, erhielten zweifellos die allererste Lektion in Sachen Baumpflege. Der Prophet Jakob zitiert im Buch Mormon Zenos und führt ein komplexes Gleichnis über edle und wilde Ölbäume an, um die Zerstreuung und Sammlung Israels anschaulich zu machen (siehe Jakob 5). Wer von uns hat nicht immer wieder Almas Aufforderung gelesen und gebeterfüllt darüber nachgedacht, nämlich das Samenkorn des Glaubens einzupflanzen, geduldig zu pflegen und richtig zu nähren, damit daraus ein Baum entsteht, „der zu immerwährendem Leben emporsprosst“ (Alma 32:41; siehe auch Vers 27–43)?

So verhält es sich auch mit dem heiligen Hain. Wer die Natur aufmerksam beobachtet, kann vor allem, wenn ihn ein so erfahrener Naturforscher wie Bruder Robert Parrott begleitet wichtige Lektionen über das Ökosystem lernen, das dort vorherrscht. Vier dieser Lektionen möchte ich Ihnen heute näherbringen.

Lektionen fürs Leben aus dem heiligen Hain

Die 1. Lektion: Ein Baum wächst immer zum Licht.

Ein interessantes Phänomen im heiligen Hain sind die Bäume, die am Rande der alten Baumbestände und auch entlang vieler Waldwege wachsen. Sie haben seitwärts ausgeschlagen, um dem lichtraubenden Laubwerk über sich zu entgehen, und sind erst dann emporgeschossen, um so viel Sonnenlicht wie möglich aufnehmen zu können. Die verwachsenen Stämme und Zweige stehen in krassem Gegensatz zu den angrenzenden Bäumen, die fast vollkommen gerade gewachsen sind. Wie fast jeder lebende Organismus braucht auch ein Baum Licht, um überleben und gedeihen zu können. Er tut, was er kann, um so viel Sonnenlicht wie möglich aufzunehmen und die Photosynthese anzuregen, bei der das Licht in chemische Energie umgewandelt wird, in den „Brennstoff“, den fast jeder lebende Organismus braucht.

Sicher haben Sie junge, schlaue Köpfe bereits erkannt, wohin uns dieses Gleichnis vom heiligen Hain führen soll. Das Licht ist im geistigen Bereich ein noch wichtigerer Katalysator als in der Natur. Das liegt daran, dass das Licht unerlässlich ist, um geistig zu wachsen und unser Potenzial als Söhne und Töchter Gottes voll auszuschöpfen.

Finsternis ist das Gegenteil von Licht und steht für die Kräfte in der Welt, die danach trachten, uns von Gott zu trennen und seinen göttlichen Plan für uns zu vereiteln. Meistens üben die Kräfte des Bösen nach Einbruch der Dunkelheit oder an dunklen Orten den größten Einfluss aus. Wenn Sie in Ihrer Lebenslage das Gesetz der Keuschheit übertreten, stehlen, Glücksspiel betreiben, das Wort der Weisheit brechen oder anderen Verhaltensweisen nachgehen, die der Vater im Himmel verboten hat, begehen Sie diese normalerweise im Schutze der Dunkelheit. Selbst wenn man am helllichten Tag etwas Falsches tut, etwa bei einer Prüfung mogelt, bei einer Hausarbeit abkupfert, jemandem etwas Böses nachsagt, Schimpfwörter benutzt oder lügt, hat man dabei unweigerlich ein finsteres Gefühl.

Zum Glück gibt der Geist Christi „jedem Menschen, der in die Welt kommt, Licht; und der Geist erleuchtet jeden Menschen auf der Welt, der auf die Stimme des Geistes hört.

Und jeder, der auf die Stimme des Geistes hört, kommt hin zu Gott, nämlich dem Vater.“ (LuB 84:46,47.)

Diese Stelle im Buch Lehre und Bündnisse beschreibt sehr schön, wie der Mensch nach Höherem strebt und wie wir alle von Natur aus, wenn wir es nicht unterdrücken, dem gottgegebenen, geistigen Drang nachgeben, auf das Licht zuzugehen und somit auch auf Gott und seinen Sohn , und ihnen ähnlicher zu werden. Christus sagte über sich selbst: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Johannes 8:12.)

Wer die Schriften verstehen will, kann viel über einen Begriff erfahren, wenn er sich die umstehenden Begriffe einmal anschaut. Achten Sie beim Schriftstudium einmal darauf, wie oft die Wörter Licht, Geist, Wahrheit und Jesus Christus in unmittelbarer Nähe voneinander zu finden sind. Sie sind beinahe bedeutungsgleich und führen uns alle zu einer höheren, heiligeren Lebensweise.

Ich bitte Sie eindringlich, die Finsternis der Sünde in all ihren abscheulichen Formen zu meiden und Ihr Leben mit Geist, Wahrheit und dem Licht unseres Heilands Jesus Christus anzureichern. Sie können sich zum Beispiel um vortreffliche Freunde bemühen, um inspirierende Musik und Kunst, Wissen aus den besten Büchern (besonders den heiligen Schriften), aufrichtige Gebete, ruhige Stunden in der Natur, gesunde Aktivitäten und Gespräche und ein Leben, bei dem Jesus und seine Botschaft von der Nächstenliebe und vom Dienst am Nächsten im Mittelpunkt steht. Denken Sie immer, und besonders bei Ihrer Suche nach einem Gefährten für die Ewigkeit, an die Worte des Herrn: „Wahrheit nimmt Wahrheit an; Tugend liebt Tugend; Licht hält fest an Licht.“ (LuB 88:40.) Diesem Grundsatz dass Gutes einander anzieht verdanken wir die Hoffnung, dass ein Leben im Lichte des Evangeliums uns irgendwann zu einem Partner führen wird, der auf dem gleichen Weg der Rechtschaffenheit wandelt wie wir. Ich weiß: Je mehr wir uns bemühen, unser Leben mit Licht zu füllen, desto weniger Raum bleibt der Finsternis und desto näher kommen wir letzten Endes Christus, dem Licht der Welt.

Weil ich die besondere Ehre habe, heute Abend zu Ihnen zu sprechen, den außergewöhnlichen jungen Mitgliedern der Kirche, möchte ich Sie einerseits warnen, Ihnen aber andererseits auch Mut und Hoffnung machen angesichts der Finsternis, die zwangsläufig in Ihr Leben eindringt, wenn Sie sich auf Pornografie einlassen. Der Umgang mit Pornografie aller Art beleidigt Gott und verstößt gegen sein Gebot, weder Ehebruch zu begehen „noch irgendetwas Derartiges [zu] tun“ (LuB 59:6). Der Umgang mit Pornografie führt beinahe regelmäßig zu weiteren Übertretungen des Gesetzes der Keuschheit. Wenn man sich wiederholt mit pornografischem Material abgibt und den sexuellen Übertretungen, die dem normalerweise folgen, kann eine Abhängigkeit entstehen, die genauso gründlich behandelt werden muss wie Alkohol- oder Drogensucht.

Wenn Ihnen Pornografie bereits zu schaffen macht und Sie nicht davon loskommen, flehe ich Sie an, sich sowohl von der Kirche als auch von Fachleuten helfen zu lassen. Seien Sie sich bitte bewusst, dass eine Pornografiesucht kein „kleines Problemchen“ darstellt, das man in aller Stille durch Beten, Schriftstudium und bessere Selbstbeherrschung loswerden könnte.

Weil eine Pornografiesucht Ihren Willen schwächen kann, das Gute dem Bösen vorzuziehen, müssen Sie sanftmütig und demütig sein, um das Sühnopfer Jesu Christi annehmen und sich dessen befreiende Macht zunutze machen zu können. Das bedeutet in der Praxis: Wenn Sie Ihr Möglichstes tun wozu gehört, dass Sie mithilfe Ihres Bischofs oder Zweigpräsidenten umkehren, um Vergebung Ihrer Sünden zu erlangen, und ein Genesungsprogramm mit professioneller Beratung und eventuell einer Gruppentherapie durchlaufen, um Ihre Sucht zu überwinden , dann hilft Ihnen die befreiende Macht des Sühnopfers (was laut Schriftenführer heißt, dass man mit Gott versöhnt wird2), den Zwang der Pornografiesucht zu überwinden und im Laufe der Zeit von ihren zerstörerischen Folgen geheilt zu werden. Dank der Macht des Sühnopfers kann man Vergebung für seine Sünden erlangen und auch von einer Sucht genesen, was beides wunderbar ist.

Bitte meiden Sie die Finsternis und streben Sie, genau wie ein Baum, immer zum Licht.

Die 2. Lektion: Ein Baum braucht Widerstand, um das Maß seiner Erschaffung zu erfüllen.

Im Laufe der Jahre ist man bei der Pflege des heiligen Hains einer Vielzahl von Lehrmeinungen in der Forstwirtschaft gefolgt. Einmal wurde in einer Versuchsparzelle ein Verfahren angewandt, das man „Niederdurchforstung“ nennt. Es lief so ab: Die Förster bestimmten die ihrer Meinung nach größten und gesündesten Jungbäume in der Versuchsparzelle und fällten und beschnitten dann die weniger verheißungsvollen Bäume und das Unterholz. Man nahm an, die Auslesebäume würden entlastet und außergewöhnlich gut wachsen, wenn man einen Großteil dessen beseitigte, was ihnen Wasser, Sonnenlicht und die Nährstoffe im Boden streitig machte.

Nach ein paar Jahren stellte sich jedoch heraus, dass genau das Gegenteil eintrat. Sobald die Auslesebäume von der Konkurrenz befreit waren, wurden sie träge. Statt sich dem Licht entgegenzustrecken, wuchsen sie langsamer in die Höhe, bildeten unten viele Zweige aus, die schließlich nutzlos wurden, wenn sich die Baumkrone schloss, und wurden fetter. Unterdessen trieben die ausgesetzten Bäume wieder als mehrstämmige Büsche aus, aus denen kein lebensfähiger Baum werden konnte, die aber dennoch Wasser und Nährstoffe verbrauchten. Diese strauchartigen Bäume konkurrierten weiterhin mit den Auslesebäumen, aber so, dass weder die einen noch die anderen davon profitieren konnten. Das hatte zur Folge, dass kein Baum in der Parzelle an Größe oder Lebenskraft an die Bäume herankam, die auf natürlichere Art heranwuchsen und sich behaupten und Widerstände überwinden mussten, um überleben und gedeihen zu können.

Wie Sie wissen, lautet eine der Kernlehren im Buch Mormon, dass es in allem einen Gegensatz geben muss. In einer Welt voller Gegensätze kann man sich zwischen Gut und Böse entscheiden und so die Entscheidungsfreiheit ausüben. Genauso wichtig ist jedoch der Grundsatz, dass es Widerstände geben muss, damit man überhaupt geistig wachsen kann, oder, wie Vater Lehi es ausdrückt, um „Heiligkeit“ zustande zu bringen (2 Nephi 2:11). Ich möchte das betonen: Wenn Sie diesen Grundsatz, dass zu geistigem Wachstum Widerstände und Unglück nötig sind, in Ihrem Alter verstehen oder gar freudig annehmen, dann trägt dies entscheidend dazu bei, dass Sie das Leben generell annehmen und damit glücklich sind. Davon hängt es auch ab, ob Sie die erforderlichen Fortschritte machen und sich weiterentwickeln.

Früher oder später wird jeder einmal mit Widerständen und Unglück konfrontiert. Manches davon ist ganz einfach eine Folge davon, dass wir unser Leben in einer gefallenen Welt zubringen. Es ist das gemeinsame Los der gesamten Menschheit. Solcher Widerstand kann in den verschiedensten Formen auftreten. Das können Naturgewalten sein oder auch Krankheiten ich zum Beispiel besitze offenbar die Fähigkeit, mich auch dann mit einer Grippe anzustecken, wenn ich dagegen geimpft wurde. Es kann sich auch um Versuchungen handeln. Für manche besteht Widerstand in unerfüllten Erwartungen so wäre ich gern 1,95 m groß geworden, habe mich aber damit abgefunden, dass ich nur 1,75 m abbekommen habe und dass bei jeder Ansprache das Rednerpult abgesenkt werden muss. Es kann sich auch um Einsamkeit handeln, um körperliche oder geistige Mängel und Behinderungen die Liste der widerstrebenden Kräfte ist schier endlos. Doch endlos sind auch die Segnungen, die wir unserem Fortschritt und unserer Weiterentwicklung verdanken, wenn wir nur alles voller Glauben auf lange Sicht betrachten und tapfer ausharren. Ich schöpfe viel Trost aus den Worten des Herrn an Joseph Smith im Gefängnis zu Liberty, als dessen Lasten fast unerträglich waren: „Wisse, mein Sohn“, erklärte der Herr, „dass dies alles dir Erfahrung bringen und dir zum Guten dienen wird.“ (LuB 122:7.)

Manchmal sind Widerstände und Not die Folge unserer eigenen fehlgeleiteten Entscheidungen. Wenn wir krank werden oder uns verletzen, weil wir möglicherweise ein leichtfertiges Leben führen, Sorge und Kummer erleben, weil wir Gottes Gebote brechen, irgendwann Reue empfinden, weil wir aus unserer Zeit und unseren Talenten nicht das Beste gemacht haben, haben wir uns das alles selbst zuzuschreiben. Wie dankbar sollten wir doch unserem Heiland für sein Sühnopfer sein, das uns einen Weg bereitet, wie alles geflickt werden kann, was zerbrochen ist.

Mir ist aufgefallen, dass wir bei Widerständen oft nach dem „Warum“ fragen warum ich? Warum gerade jetzt? Warum gerade das? Dabei wäre die Frage nach dem „Was“ eigentlich viel sinnvoller. Ich habe einmal einem Ehepaar einen tröstlichen Brief geschrieben, das sehr betrübt war, weil der Mann unheilbar krank war und im Sterben lag. Die Antwort erfüllte mich mit Demut: Sie zählten die Segnungen auf, mit denen Gott sie in vielen gemeinsamen Jahren bedacht hatte, und fragten sich treu, „was“ Gott ihnen mit dieser letzten Lektion wohl beibringen wollte.

Einige Bäume im heiligen Hain bezeichnet Bruder Parrott als „Charakterbäume“. Diese Bäume zeigen, dass wir aus Widerstand Nutzen ziehen können, und dass in der äußersten Not oft viel zu gewinnen ist. Diese Bäume mussten oft mit verschiedenen Formen von Widerstand oder Unglück zurechtkommen und sich davon erholen Blitzeinschläge, Stürme, heftiger Schneefall, Eis, Übergriffe durch achtlose Menschen und manchmal sogar Raumforderungen eines benachbarten Baums! Diese widrigen Umstände haben einige der robustesten und am interessantesten aussehenden Bäume im Hain hervorgebracht. Was ihnen an Gleichmaß und Schönheit fehlen mag, machen sie durch Stärke und Charakter wieder mehr als wett.

Aus eigener Erfahrung kann ich bezeugen, dass Widerstand, Mühsal und Unglück den Charakter und den Fortschritt fördern. Einige der schwierigsten und anspruchsvollsten Erfahrungen meines Lebens dass ich mich als Jugendlicher unzulänglich und unsicher fühlte, dass ich auf meiner Vollzeitmission in Deutschland als junger Mann Deutsch lernen musste, das erste und zweite Staatsexamen als Jurist, meine Bemühungen, als Ehemann und Vater eine Familie mit acht Kindern sowohl geistig als auch materiell gut zu versorgen, der Tod meiner Eltern und weiterer Angehöriger, ja, sogar die von Natur aus oft anstrengende öffentliche Ausübung meines Amtes als Generalautorität (einschließlich meiner heutigen Ansprache an Sie und ihrer Vorbereitung) all dies und mehr war schwierig und mühsam, doch es war eine Erfahrung für mich, und zwar zu meinem Wohl!

Mir ist klar, dass ich junge Leute wie Sie nicht so leicht davon überzeugen kann, dass ein wenig Schmerz gut für Sie ist aber dem ist wirklich so. Wir können nicht eines Tages alles erhalten, was der Vater hat (siehe LuB 84:38), wenn wir dafür im Gegenzug nicht alles geben, was wir haben. Der Vater im Himmel wünscht sich vortreffliche Söhne und Töchter, und Heiligkeit kann, wie Lehi gesagt hat, nur durch Ungemach und Prüfungen zustande gebracht werden. Wie ein Baum braucht auch ein Mensch Widerstand, um das Maß seiner Erschaffung zu erfüllen.

Die 3. Lektion: Ein Baum wächst am besten im Wald und nicht in Abgeschiedenheit.

Bei näherer Betrachtung ist es in der Natur eher ungewöhnlich, dass ein Baum allein steht. Es bilden sich fast immer Baumgruppen, und mit der Zeit kann aus einer Baumgruppe ein Wald werden. Der heilige Hain ist jedoch viel mehr als nur eine Baumgruppe. Er ist ein kompliziertes Ökosystem mit zahlreichen Tier- und Pflanzenarten. Offensichtlich sind all die verschiedenen Arten von Wildblumen, Büschen, Sträuchern, Bäumen, Pilzen, Moosen, Vögeln, Nagetieren, Kaninchen, Rehen und die übrigen Geschöpfe dort eng miteinander verflochten. Die Arten wirken aufeinander ein und sind voneinander abhängig bei ihrer Suche nach Nahrung und Unterschlupf und einem synergistischen und sozialen Umfeld, in dem alle ihren Lebenszyklus durchlaufen können.

Im Plan Gottes für unser Leben ist ein ähnliches Flechtwerk und eine soziale Verbundenheit für uns vorgesehen. Wir sollen gemeinsam an unserer Errettung arbeiten, nicht voneinander abgeschieden. Die Kirche baut keine Klöster, sondern Gemeindehäuser. Wir sind aufgefordert, eine bestimmte Gemeinde oder einen bestimmten Zweig zu besuchen und uns nicht eine Gemeinde auszusuchen, wie es bei manch anderen Glaubensgemeinschaften der Fall ist. Diese weise Richtlinie verlangt uns ab, dass wir miteinander auszukommen lernen, vor unserem Bischof oder Zweigpräsidenten über unser Verhalten Rechenschaft ablegen und nicht davonlaufen und uns verstecken, wenn es hart auf hart kommt. Es ist uns geboten worden, unseren Nächsten zu lieben (wozu auch unsere Familie gehört), und oft ist es viel schwieriger, diejenigen lieb zu gewinnen, die uns am nächsten stehen, als die ganze ferne Welt lieb zu haben. Seit Anbeginn der Wiederherstellung ist den Mitgliedern der Kirche geboten worden, „nach Zion“ zu kommen und in Gemeinschaften zusammenzufinden, in denen wir lernen, harmonisch zusammenzuleben und einander zu helfen, indem wir den Bund unserer Taufe einhalten, „des anderen Last zu tragen, … mit den Trauernden zu trauern, … und diejenigen zu trösten, die des Trostes bedürfen“ (Mosia 18:8,9). Als Gottes Kinder können wir in Abgeschiedenheit genauso wenig gedeihen wie ein einsamer Baum. Gesunde Bäume brauchen ein Ökosystem; gesunde Menschen brauchen einander.

Glücklicherweise verspüren wir alle ein Verlangen nach Geselligkeit, Gemeinschaft und treuen Freunden. Als Mitglieder der ewigen Familie Gottes sehnen wir uns nach der Zufriedenheit und Sicherheit, die uns eine gute und dauerhafte Beziehung verschafft. Sie werden noch merken, dass der Aufbau einer solchen Beziehung Zeit, Mühe und reichlich Nächstenliebe kostet. Wie Mormon es ausdrückte: „Nächstenliebe … sucht nicht das Ihre“ (Moroni 7:45) nicht die eigenen Absichten, nicht die eigenen Interessen und bestimmt nicht das eigene Vergnügen. Ohne Frage bieten das Internet und die sozialen Netzwerke eine Art von Geselligkeit; sie ersetzen jedoch kein aufrichtiges, offenes und persönliches Gespräch, das für eine echte und dauerhafte Beziehung unabdinglich ist.

Gewiss ist die erste und beste Versuchsanstalt, wo wir lernen, mit anderen auszukommen, unser Zuhause. In der Familie lernen wir immer wieder, wie unerlässlich dienen, Selbstlosigkeit, Vergebung und Geduld sind, um eine dauerhafte Beziehung mit anderen aufzubauen. Aus diesem Grund wird wohl auch für die Tempelwürdigkeit unter anderem eine liebevolle, harmonische Beziehung in der Familie vorausgesetzt.

Zum Glück verschafft uns die inspirierte Organisation der Kirche auch Möglichkeiten und Gelegenheiten, uns in sozialer Hinsicht weiterzuentwickeln. Von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter gehören wir einer Gemeinde oder einem Zweig an und finden dort einen Rahmen, wo unsere Beziehung zu anderen und der gesellschaftliche Umgang gedeihen können. In Berufungen, Versammlungen und Sitzungen, Kollegien, im Unterricht, bei Aktivitäten und vielen weiteren Gelegenheiten, miteinander zusammenzukommen, entwickeln wir die Eigenschaften und die Sozialkompetenz, die uns auf die Gesellschaftsordnung im Himmel vorbereiten. Über diese höhere Ordnung erklärte der Herr durch Joseph Smith: „Und die gleiche gesellschaftliche Beziehung, die unter uns hier vorhanden ist, wird auch dort unter uns vorhanden sein, nur wird sie mit ewiger Herrlichkeit verbunden sein, welcher Herrlichkeit wir uns jetzt noch nicht erfreuen.“ (LuB 130:2.)

Wenn wir darauf hoffen, uns des Gesellschaftslebens im Himmel und der damit verbundenen Herrlichkeit in der künftigen Welt zu erfreuen, müssen wir hier auf Erden in sozialer und auch in geistiger Hinsicht immer weiter reifen. Wie ein Baum wächst auch ein Mensch am besten in Gesellschaft und nicht in Abgeschiedenheit.

Die 4. Lektion: Ein Baum bezieht Kraft aus den Nährstoffen, die von früheren Baumgenerationen erzeugt wurden.

Bei der Waldpflege des heiligen Hains gab es einmal einen Zeitpunkt, als die Verantwortlichen beschlossen, der Wald solle ein schöneres Erscheinungsbild bieten. Regelmäßig fanden Dienstprojekte für Jugendliche und Missionare statt, bei denen umgestürzte Bäume, herabgefallene Zweige und Äste und selbst Baumstümpfe und abgestorbenes Laub weggeräumt wurden. Bei dieser Behandlung dauerte es nicht lange, bis die Lebenskraft des Hains nachließ. Das Baumwachstum verlangsamte sich, es schossen weniger neue Bäume auf, ein paar Wildblumen- und Pflanzenarten verschwanden, und die Zahl der Wildtiere und Vögel verringerte sich.

Als Bruder Parrott vor einigen Jahren die Pflege des Hains übernahm, empfahl er, ihn so natürlich wie möglich zu belassen. Umgestürzte Bäume und Äste wurden liegengelassen, damit sie verrotten und den Boden anreichern konnten. Das Laub blieb dort liegen, wo es herabgefallen war. Besucher wurden aufgefordert, auf den gekennzeichneten Wegen zu bleiben, um Störungen im Hain zu vermeiden und den Boden dort nicht so zu verdichten. Innerhalb weniger Jahre begann der Hain, sich zu erholen und sich auf bemerkenswerte Weise zu erneuern. Heute befindet er sich in einem nahezu tadellosen Zustand mit üppiger Vegetation und einer Fülle an Tieren.

Die Lektion aus dieser Erfahrung in der Forstwirtschaft liegt mir sehr am Herzen. Seit nunmehr sieben Jahren habe ich die Ehre, als Geschichtsschreiber und Berichtführer der Kirche tätig zu sein. Dieses Amt wurde vom Propheten Joseph Smith eingeführt, nachdem der Herr ihm am Gründungstag der Kirche geboten hatte: „Siehe, ein Bericht soll unter euch geführt werden.“ (LuB 21:1.) Seit jener Zeit als Oliver Cowdery zum ersten Geschichtsschreiber und Berichtführer der Kirche ernannt wurde bis zum heutigen Tage ist ein bemerkenswerter Bericht über die Geschichte der Kirche geführt worden. John Whitmer löste Oliver Cowdery ab und erhielt vom Herrn den Auftrag, eine Geschichte all dessen zusammenzustellen, „was wichtig ist …, was zum Nutzen der Kirche und der heranwachsenden Generationen sein wird, die im Land Zion aufwachsen werden“ (LuB 69:3,8).

Warum ist das Verfassen, Sammeln, Bewahren und Weitergeben der Geschichte in der Kirche Jesu Christi von so großer Bedeutung? Warum ist es für Sie von der „heranwachsenden Generation“ von heute so wichtig, dass Sie der vergangenen Generationen gedenken und von diesen Kraft schöpfen?

Meine Antwort lautet: Man kann unmöglich voll und ganz in der Gegenwart leben und schon gar nicht für die Zukunft planen, wenn man keine Grundlage in der Vergangenheit hat. Diese Tatsache wurde mir vor ein paar Monaten schmerzhaft bewusst, als ich ein wundervolles Ehepaar kennenlernte, das eine sehr ungewöhnliche Prüfung durchgemacht hatte, von der ich mit seiner Erlaubnis berichten möchte. Nach einigen Ehejahren und der Geburt mehrerer Kinder hatte die Frau einen schweren Unfall. Sie blieb einige Wochen im Krankenhaus, ohne das Bewusstsein zu erlangen. Als sie zu sich kam, hatte sie vollständig das Gedächtnis verloren! Ihre Geschichte war sozusagen ausgelöscht worden. Ohne Erinnerung an ihre Vergangenheit hatte sie keinerlei Bezugspunkte. Sie erkannte weder ihren Mann noch ihre Kinder noch ihre Eltern. Als mir ihr Mann davon berichtete, gestand er mir ein, dass er in den Monaten nach dem Unfall befürchtete, seine Frau würde davonlaufen, wenn man sie unbeaufsichtigt ließe. Außerdem hatte er Angst, dass seine Frau sich nicht noch einmal in ihn verlieben würde. Als er ihr den Hof machte, war er ein schlanker, sportlicher junger Mann mit vollem Haar gewesen. Jetzt, in mittlerem Alter, war er etwas fülliger und hatte weit weniger Haare.

Zum Glück für alle Beteiligten war zumindest teilweise Bericht geführt worden. Der Mann hatte Briefe aufgehoben, die seine Frau ihm vor und während seiner Mission geschrieben hatte. Diese lieferten den Beweis, dass die beiden tatsächlich ineinander verliebt gewesen waren. Außerdem hatte er ein Tagebuch geführt, das viele hilfreiche Eintragungen enthielt. Im Laufe der Jahre konnte für die Frau ein Großteil ihrer Vergangenheit wiederhergestellt werden, weil ihre Angehörigen ihr davon berichteten.

Diese einzigartige, schwierige Situation beleuchtet gut den wichtigen Zusammenhang zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie lässt uns noch dankbarer werden für die Definition der Wahrheit, die Joseph Smith vom Herrn offenbart wurde: „Wahrheit ist Kenntnis von etwas, wie es ist und wie es war und wie es kommen wird.“ (LuB 93:24.) Was wir über die Vergangenheit wissen, weil Berichte geführt wurden, und was wir über die Zukunft wissen, weil es heilige Schriften und die prophetischen Aussagen lebender Propheten gibt, stellt für uns den Zusammenhang her, der es uns erlaubt, unsere Entscheidungsfreiheit in der Gegenwart weise zu gebrauchen. In der Tat verleiht uns dieses Wissen eine göttlichere Sichtweise, denn es bringt uns Gottes Fähigkeit näher, wie er es sagte, alles gegenwärtig vor Augen zu haben (siehe LuB 38:2).

Als Mitglieder der Kirche aus vielen Ländern haben wir alle Anteil an den Anfängen der Geschichte der Kirche. Es ist für uns alle wichtig, uns mit der Geschichte der Kirche vertraut zu machen, besonders mit dem, was ich einmal die „Ereignisse aus der Gründerzeit“ nennen möchte. Diese Ereignisse Joseph Smiths erste Vision, das Hervorkommen des Buches Mormon, das Erscheinen von Engeln wie Johannes dem Täufer, Petrus, Jakobus, Johannes, Elija, Elias und weiteren sind voller grundlegender Wahrheiten, auf denen die Wiederherstellung des Evangeliums beruht.

Leider sind in unserem technischen Zeitalter mit seinem Übermaß an Informationen worunter sich eben auch Kritisches über Vorgänge und Figuren aus der Geschichte der Kirche befindet einige Mitglieder in ihrem Glauben erschüttert worden und stellen nun ihre langjährige Überzeugung in Frage. Diesen Zweiflern wende ich mich mit aller Liebe und Verständnis zu, und ich versichere ihnen: Wenn sie die Grundsätze des Evangeliums befolgen und sich gebeterfüllt mit der Geschichte der Kirche auseinandersetzen gut genug, um ein umfassenderes, nicht nur bruchstückhaftes oder unvollständiges Wissen zu erlangen , wird der Heilige Geist ihren Glauben an die zentralen Ereignisse in der Geschichte der Kirche stärken, indem er ihnen innerlich Frieden gibt. So kann ihre Auffassung von der Geschichte der wiederhergestellten Kirche gefestigt werden, und sie sind nicht mehr „hin und her getrieben von jedem Widerstreit der Meinungen“ (Epheser 4:14). Ich habe mein ganzes Leben an ebendiesem inneren Frieden ausgerichtet, den ich verspüre, wenn ich an Joseph Smiths erste Vision und die weiteren Schlüsselereignisse der Wiederherstellung des Evangeliums denke. Das haben viele von Ihnen auch getan, und ich weiß, wir werden niemals enttäuscht werden.

Die Geschichte ist in ihrer einfachsten Form ein Bericht von Menschen und ihrem Leben. Daraus ergeben sich die Begebenheiten und Lektionen, die das verstärken können, woran wir glauben, wofür wir einstehen und was wir tun müssen, wenn uns Widerstand begegnet. Natürlich ist nicht alles, was sich in der Geschichte der Kirche zugetragen hat, so monumental wie Joseph Smiths erste Vision oder Wilford Woodruffs Mission in England. Tatsächlich stammen ein paar wahrhaft bemerkenswerte Begebenheiten aus dem Leben ganz gewöhnlicher Mitglieder, wie wir es sind. Sie gehen uns besonders nahe und helfen uns, wenn es sich um unsere eigenen Vorfahren handelt.

Beispielsweise mussten meine Großeltern Jensen in den 20er Jahren ihre Farm in Idaho, die sie gekauft hatten und wo sie wohnten, dem Verkäufer zurückgeben, obwohl sie viel Arbeit hineingesteckt hatten. Sie wollten mit ihren kleinen Kindern in ihren Heimatort in Utah zurückkehren, konnten Idaho aber nicht verlassen, bis sie 350 Dollar Schulden beglichen hatten. Dieser Betrag kommt einem heutzutage gering vor, damals war es jedoch eine beachtliche Summe. Großvater wollte sich das Geld bei wohlhabenden Leuten leihen, aber ohne Erfolg. Ein Bankkredit stand wegen ihrer Mittellosigkeit außer Frage. Er und Großmutter beteten jeden Tag um Hilfe. Eines Sonntagmorgens in der Priestertumsversammlung sprach meinen Großvater ein Mann an, den er kaum kannte. Er hatte von den Schwierigkeiten gehört und wollte ihm die 350 Dollar leihen, falls er sie nach seiner Rückkehr nach Utah so schnell wie möglich zurückzahlte. Sie besiegelten die Vereinbarung per Handschlag, und Großvater hielt Wort.

Diese einfache Geschichte, die meine Großmutter aufgeschrieben hat, ist für die Familie ein wahrer Schatz. Sie inspiriert mich, weil sie Eigenschaften wie harte Arbeit, Ehrlichkeit, die Bewältigung von Widerständen und den Zusammenhalt der Familie verdeutlicht, vor allem aber die Hand Gottes im Leben meiner treuen Großeltern. Ich schöpfe viel Kraft und Mut aus diesem Beispiel und aus dem Beispiel anderer der Großen wie auch der Einfachen aus vergangenen Generationen.

In Ihrer Heimat und in Ihrer Familie werden Sie auf ähnliche Geschichten stoßen. Falls es welche gibt, rate ich Ihnen dringend, sie zu sammeln, zu bewahren und weiterzugeben. Geben Sie sie bitte von einer Generation an die nächste weiter. Meine Kinder und jetzt vor allem meine Enkel freuen sich immer, wenn ich ihnen Geschichten aus der Zeit erzähle, „als ich noch ein kleiner Junge war“. Man sagt ja, dass ein Volk nicht größer sein kann als seine Erzählungen, und das gilt wohl auch für die Familie. Wird Gutes erzählt und ist es wahr, dann wird auch die Geschichte gut. Denken Sie daran: Ein Mensch bezieht wie ein Baum Kraft aus den Nährstoffen, die von früheren Generationen erzeugt wurden.

Zum Abschluss

Kehren Sie nun zum Abschluss mit mir in den heiligen Hain zurück. Stellen wir uns gemeinsam vor einen der sogenannten „Zeugenbäume“. Das sind Bäume, die dort schon vor 192 Jahren wuchsen, als Joseph Smith die erste Vision empfing. Drei dieser Zeugenbäume im Hain stehen noch immer im Saft, während drei weitere bereits abgestorben sind und nur durch die sachkundige Hand von Bruder Parrott erhalten werden konnten.

Während unserer Mission bei Palmyra ging ich manchmal allein in den heiligen Hain und stellte mich voller Ehrfurcht neben meinen liebsten Zeugenbaum. Ich stellte mir vor, wie dieser Baum, wenn er sprechen könnte, mir erzählen würde, was er an jenem Frühlingstag im Jahre 1820 erlebt hat. Aber der Baum brauchte mir das gar nicht erzählen, denn ich wusste es ja bereits. Durch geistige Erfahrungen und Gefühle, die mich seit meiner Jugend bis in die jetzige Stunde begleitet haben, habe ich unabhängig von anderen Menschen erkannt, dass Gott, unser Vater, lebt. Ich weiß auch, dass sein Sohn Jesus Christus der Erretter und Erlöser der ganzen Menschheit ist. Ich weiß, dass diese zwei verherrlichten Wesen Joseph Smith im Frühjahr 1820 im heiligen Hain erschienen sind. Sie erweckten Joseph als den Propheten, der den Grundstein für diese letzte Evangeliumszeit legte. Unter ihrer göttlichen Anleitung übersetzte Joseph das Buch Mormon, empfing die Schlüssel und die Vollmacht des Priestertums und gründete in diesen Letzten Tagen noch einmal die Kirche Christi. Wir sind reich gesegnet, dass wir in dieser Zeit leben und der Kirche Christi angehören.

Diese herrlichen Wahrheiten, die ich bezeugt habe, haben ihren Anfang im heiligen Hain genommen. So wie Sie heute Abend mit mir im übertragenen Sinne im heiligen Hain gestanden haben, sollen Sie im Geiste und im Herzen stets an diesem heiligen Ort stehen und den Wahrheiten treu bleiben, die Gott dort zu offenbaren begonnen hat.

Denken Sie auch an die Lektionen fürs Leben, die uns der heilige Hain lehrt:

  1. 1.

    Wenn die Mächte der Finsternis Sie vernichten wollen wie einst den wissbegierigen jungen Joseph Smith, stehen Sie im heiligen Hain und denken Sie an die Säule aus Licht, heller als das Licht der Sonne (siehe Joseph Smith  Lebensgeschichte 1:15–17).

  2. 2.

    Wenn sich Ihnen Widerstand und Unglück in den Weg stellen und die Hoffnung schwindet, stehen Sie im heiligen Hain und denken Sie daran, dass „dies alles [Ihnen] Erfahrung bringen und [Ihnen] zum Guten dienen wird“ (LuB 122:7).

  3. 3.

    Wenn Sie sich einsam und allein fühlen und es Ihnen schwerfällt, erfüllende zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen, stehen Sie im heiligen Hain und erfreuen Sie sich der Gemeinschaft der Mitglieder der Kirche, die gelobt haben, Ihre Lasten zu tragen und Ihnen in Ihrer Not beizustehen.

  4. 4.

    Wenn Erfahrungen, andere Leute oder widersprüchliche Behauptungen, was wahr ist, an Ihrem Glauben kratzen und Zweifel an der Wiederherstellung des Evangeliums Jesu Christi aufkommen lassen, stehen Sie im heiligen Hain und schöpfen Sie Kraft und Mut aus den Generationen treuer Mitglieder, die vor Ihnen unerschütterlich an dieser Stelle standen.

Dies ist mein Gebet für Sie, meine jungen Freunde, und ich spreche es voller Liebe und im Namen Jesu Christi. Amen.

© 2012 Intellectual Reserve, Inc. Alle Rechte vorbehalten. Genehmigung: Englisch 5/12, Übersetzung 5/12. Das Original trägt den Titel: Stand in the Sacred Grove. German. PD50039048 150

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    Anmerkungen

  1.  

    1.  Gesangbuch, Nr. 16

  2.  

    2. Siehe Schriftenführer, „Sühnen, Sühnopfer“