Wie Sie Ihr Leben retten

CES-Andacht für junge Erwachsene • 14. September 2014 • Brigham-Young-Universität


 

Als Jesus mit seinen Aposteln in Cäsarea Philippi zusammen war, fragte er sie: „Für wen haltet ihr mich?“1 Mit ehrfürchtiger Beredsamkeit erwiderte Petrus machtvoll: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“2 Es geht mir durch und durch, wenn ich diese Worte lese und sie ausspreche. Kurz nach diesem heiligen Moment sprach Jesus mit den Aposteln über seinen bevorstehenden Tod und seine Auferstehung, und Petrus machte ihm Vorwürfe. Dies brachte Petrus den scharfen Tadel ein, er sei mit Gott nicht im Einklang und habe „nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“3. Doch dann erwies Jesus ihm, nachdem er ihn zurechtgewiesen hatte, „vermehrte Liebe“4 und ermahnte Petrus und seine Brüder liebevoll, dass sie ihr Kreuz auf sich nehmen und ihr Leben verlieren sollten und dadurch ein erfülltes Leben, ja, ewiges Leben gewinnen würden. Er selbst gab dafür das vollkommene Beispiel. Schauen wir uns einmal an, wie dieses Ereignis in einem der Bibelvideos, die die Kirche herausgebracht hat, dargestellt wird.

Jesus: Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohen Priestern und Schriftgelehrten verworfen werden. Er wird getötet werden und nach drei Tagen wiederauferstehen.

Petrus: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!

Jesus: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen? Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommen und jedem Menschen vergelten, wie es seine Taten verdienen.5

Ich möchte zu Ihnen über diese scheinbar widersprüchliche Aussage des Herrn sprechen: „Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“6 Hierin liegt eine machtvolle Lehre von großer Tragweite, die wir verstehen und anwenden müssen.

Ein kluger Professor hat einmal erklärt: „Da der Himmel so hoch über der Erde ist, ist Gottes Werk in deinem Leben größer als die Geschichte, die dein Leben deinem Wunsche nach erzählen soll. Sein Leben ist größer als deine Pläne, Ziele oder Ängste. Wenn du dein Leben retten willst, musst du deine Geschichten beiseitelegen und ihm dein Leben, Minute für Minute, Tag für Tag, zurückgeben.“7

Je mehr ich darüber nachdenke, umso erstaunter bin ich, wie konsequent Jesus sein Leben dem Vater gab, wie vollkommen er sein Leben im Willen des Vaters verlor – im Leben wie im Tod. Das ist genau das Gegenteil von der Haltung und der Herangehensweise des Satans, die in der heutigen egozentrischen Welt so weit verbreitet ist. In den vorirdischen Ratsversammlungen bot sich Jesus freiwillig an, im göttlichen Plan des Vaters die Rolle des Erlösers zu übernehmen, und sagte: „Vater, dein Wille geschehe, und die Herrlichkeit sei dein immerdar.“8 Luzifer hingegen erklärte: „Siehe, hier bin ich, sende mich; ich will dein Sohn sein, und ich will die ganze Menschheit erlösen, dass auch nicht eine Seele verlorengeht, und gewiss werde ich es tun; darum gib mir deine Ehre.“9

Das Gebot Christi, ihm zu folgen, ist ein Gebot, mit dem das satanische Modell erneut verworfen wird und wir aufgefordert werden, unser Leben zu verlieren, zugunsten des wirklichen Lebens, des wahrhaften Lebens, des Lebens, das uns für das celestiale Reich bereitmacht und das Gott für einen jeden von uns vorschwebt. Ein solches Leben ist für alle, mit denen wir in Berührung kommen, ein Segen, und es macht uns zu Heiligen. Mit unserer jetzigen begrenzten Sichtweise können wir ein solches Leben gar nicht begreifen. Es ist wahrhaft etwas, „was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“10.

Ich wünschte, es wäre mehr vom Wortwechsel zwischen Jesus und seinen Jüngern erhalten geblieben. Es wäre sicher hilfreich, wenn wir etwas mehr darüber wüssten, was es ganz praktisch bedeutet, sein Leben um Jesu willen zu verlieren und es dadurch zu gewinnen. Doch als ich darüber nachdachte, wurde mir bewusst, dass die Äußerungen des Heilands unmittelbar vor und nach dieser Aussage wichtige Anhaltspunkte geben. Schauen wir uns aus diesem Zusammenhang drei dieser Äußerungen an.

Der verleugne sich selbst und nehme täglich sein Kreuz auf sich

Betrachten wir zunächst die Worte, die der Herr sprach, ehe er sagte: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren.“11 Wie es in allen synoptischen Evangelien niedergelegt ist, sagte Jesus: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“12 Lukas fügt noch das Wort täglich hinzu: „Der … nehme täglich sein Kreuz auf sich.“13 In der Joseph-Smith-Übersetzung des Matthäusevangeliums wird die Aussage des Heilands noch um die Erläuterung erweitert, was es bedeutet, sein Kreuz auf sich zu nehmen: „Und nun, dass ein Mensch sein Kreuz auf sich nimmt, heißt, dass er alles Ungöttliche verleugnet, und jede weltliche Begierde, und meine Gebote hält.“14

Das steht mit der Aussage des Jakobus im Einklang: „Ein reiner und makelloser Dienst vor Gott, dem Vater, besteht darin: für Waisen und Witwen zu sorgen, wenn sie in Not sind, und sich vor jeder Befleckung durch die Welt zu bewahren.“15 Sein tägliches Leben so zu führen, bedeutet, dass man alles Unreine meidet und gleichzeitig bewusst die beiden wichtigsten Gebote hält, an denen alle anderen Gebote hängen, nämlich Gott und seinen Nächsten zu lieben.16 Ein Aspekt dessen, dass wir unser Leben zugunsten des herrlicheren Lebens verlieren, das dem Herrn für uns vorschwebt, besteht also darin, dass wir sein Kreuz Tag für Tag auf uns nehmen.

Wer sich zu mir bekennt, zu dem werde ich mich vor dem Vater bekennen

Einer zweiten Begleiterklärung lässt sich entnehmen, dass wir unser Leben gewinnen, wenn wir es um Jesu und des Evangeliums willen verlieren, und dass dazu die Bereitschaft gehört, überall und offen zu zeigen, dass wir seine Jünger sind: „Denn wer sich vor dieser treulosen und sündigen Generation meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er mit den heiligen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommt.“17

An einer anderen Stelle bei Matthäus finden wir eine ähnliche Aussage:

„Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen.

Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.“18

Eine offensichtliche und eher ernüchternde Bedeutung davon, sein Leben zu verlieren, indem man sich zu Christus bekennt, besteht im buchstäblichen – körperlichen – Verlust des Lebens, weil man seinen Glauben an ihn aufrechterhält und verteidigt. Wir haben uns daran gewöhnt, diese extreme Forderung für etwas zu halten, was nur die Geschichte betrifft, weil wir von den Märtyrern aus der Vergangenheit lesen, zu denen ja auch die meisten der damaligen Apostel gehören. Heute müssen wir jedoch erkennen, dass die Geschichte bis in die Gegenwart vordringt. Laut Nachrichtenberichten aus dem Irak und aus Syrien sind Hunderte Christen und andere Minderheiten in den letzten Monaten von islamischen Extremisten aus ihren Häusern vertrieben oder ermordet worden. Die Terroristen verlangen von den dortigen Christen, zu ihrer Form des Islams zu konvertieren oder ihre Dörfer zu verlassen oder zu sterben. Doch die Christen wollen ihren Gott nicht verleugnen. Daher sind viele geflohen, manche wurden umgebracht.19 All diese Seelen gehören mit Sicherheit zu denen, derer sich der Herr nicht schämen und zu denen er sich einst vor seinem Vater bekennen wird. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt, doch sollte einer von uns vor der erschreckenden Aussicht stehen, sein Leben buchstäblich für die Sache des Meisters zu verlieren, so hoffe ich, dass wir dann den gleichen Mut und die gleiche Treue zeigen.

Die häufigere (und mitunter schwierigere) Anwendung dessen, was der Herr lehrt, hat jedoch damit zu tun, wie wir unser tägliches Leben führen. Es geht um das, was wir sagen, und um das Beispiel, das wir geben. Unser Leben soll ein Bekenntnis zu Christus sein und vereint mit unseren Worten bezeugen, dass wir an ihn glauben und ihm treu ergeben sind. Dieses Zeugnis muss standhaft verteidigt werden angesichts von Spott, Diskriminierung oder Diffamierung seitens derjenigen, die sich dem Herrn widersetzen in „dieser treulosen und sündigen Generation“20.

Bei einer anderen Gelegenheit machte der Herr diese bemerkenswerte Äußerung über unsere Treue ihm gegenüber:

„Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.

Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter;

und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein.

Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.

Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig.“21

Dass Jesus sagt, er sei nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert, scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch zu den Schriftstellen zu sein, in denen Christus als der „Fürst des Friedens“22 bezeichnet wird oder seine Geburt mit den Worten verkündet wird: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“23, oder auch zu anderen bekannten Schriftstellen wie: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“24 „Es stimmt schon, dass Jesus gekommen ist, um Frieden zu bringen – Frieden zwischen dem Gläubigen und Gott und Frieden zwischen den Menschen. Doch das unvermeidliche Resultat, das sich aus dem Kommen Christi ergibt, ist Widerstreit – zwischen Christus und dem Antichristen, zwischen Licht und Finsternis, zwischen den Kindern Christi und den Kindern des Teufels. Dieser Widerstreit kann sogar zwischen Mitgliedern ein und derselben Familie auftreten.“25

Bestimmt haben einige von denen, die heute Abend auf der ganzen Welt zuhören, es schon einmal selbst erlebt, was der Herr in diesen Versen zum Ausdruck bringt. Sie haben durch Vater, Mutter oder Geschwister Ablehnung erfahren oder sind von ihnen verstoßen worden, als Sie das Evangelium Jesu Christi angenommen haben und in seinen Bund eingetreten sind. Auf die eine oder andere Weise hat Ihnen Ihre große Liebe zu Christus abverlangt, Beziehungen zu opfern, die Ihnen viel bedeutet haben, und Sie haben viele Tränen vergossen. Doch mit unverminderter Liebe behaupten Sie sich standhaft unter diesem Kreuz und zeigen, dass Sie sich des Sohnes Gottes nicht schämen.

Vor etwa drei Jahren schenkte ein Mitglied der Kirche einem Freund in Ohio, der zu den Amischen gehört, ein Buch Mormon. Der Freund begann, das Buch zu lesen, und konnte es nicht mehr aus der Hand legen. Drei Tage lang hatte er kein anderes Verlangen, als das Buch Mormon zu lesen. Er und seine Frau ließen sich taufen, und binnen sieben Monaten gab es drei Paare unter den Amischen, die sich bekehrt hatten und nunmehr getauft und Mitglied der Kirche waren. Ihre Kinder ließen sich einige Monate später taufen. Die drei Familien beschlossen, in ihrer Gemeinschaft zu bleiben und ihr Leben weiterhin auf die Weise der Amischen zu führen, obgleich sie deren Glauben entsagt hatten. Infolge ihrer Taufe wurde jedoch seitens ihrer Nachbarn, mit denen sie eng verbunden waren, die Maßnahme der sogenannten „Meidung“ gegen sie verhängt. Meidung bedeutet, dass niemand innerhalb der Gemeinschaft der Amischen mit einem redet, arbeitet, Geschäfte tätigt oder sonst wie Umgang pflegt. Das gilt nicht nur für Freunde, sondern auch für Angehörige – Geschwister, Eltern und Großeltern.

Anfangs fühlten sich die Heiligen unter den Amischen sehr einsam und isoliert. Selbst ihre Kinder wurden gemieden und durften die Schule der Amischen nicht mehr besuchen, weil sie getaufte Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage waren. Die Kinder ertragen es nach wie vor, von Großeltern, Cousins, Cousinen und Nachbarn gemieden zu werden. Sogar einige der älteren Kinder, die das Evangelium nicht angenommen haben, sprechen nicht mit ihren Eltern und erkennen sie nicht einmal mehr als ihre Eltern an. Diese Familien müssen immer noch kämpfen, um sich von den sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Meidung zu erholen, doch es geht voran.

Ihr Glaube bleibt fest. Das Unglück und der Widerstand, den sie durch die Meidung erleben, hat ihnen geholfen, standhaft und unverrückbar zu bleiben. Ein Jahr nach ihrer Taufe wurden diese Familien im Tempel gesiegelt. Noch immer besuchen sie treu jede Woche den Tempel. Sie haben Kraft daraus geschöpft, heilige Handlungen zu empfangen und Bündnisse zu schließen und zu halten. Sie sind in ihrer Kirchengruppe allesamt aktiv und suchen weiterhin nach Möglichkeiten, wie sie ihre Angehörigen und ihre Gemeinschaft durch freundliches und hilfsbereites Verhalten am Licht des Evangeliums und an der Kenntnis davon teilhaben lassen können.

Ja, der Preis dafür, sich der Kirche Jesu Christi anzuschließen, kann sehr hoch sein, doch die Ermahnung, Christus den Vorrang vor allen anderen zu geben, selbst unseren unmittelbaren Angehörigen, gilt auch denen, die vielleicht schon im Bund geboren wurden. Viele von uns sind Mitglieder der Kirche geworden, ohne Widerstände überwinden zu müssen, vielleicht als Kind. Die Herausforderung, der wir uns vielleicht stellen müssen, besteht darin, dem Heiland und seiner Kirche treu zu bleiben, auch wenn wir Eltern, angeheiratete Verwandte, Geschwister oder sogar Kinder haben, deren Verhalten, Ansichten oder Entscheidungen es uns unmöglich machen, sowohl den Herrn als auch sie zu unterstützen. Es ist keine Frage der Liebe. Wir können und müssen einander so lieben, wie Jesus uns liebt. Wie sagte er? „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“26 Doch erinnert der Herr uns auch: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.“27 Obwohl die Liebe in der Familie also bestehen bleibt, werden Beziehungen mitunter erschüttert und selbst Unterstützung und Toleranz werden zuweilen, je nach den Umständen, zugunsten einer höheren Liebe ausgesetzt.

Denen, die wir lieben, können wir also am besten helfen und unsere Liebe erweisen, indem wir den Heiland weiterhin an die erste Stelle setzen. Wenn wir uns aus Mitleid gegenüber lieben Menschen, die leiden oder andere Probleme haben, vom Herrn lösen, verlieren wir das Mittel, wodurch wir ihnen vielleicht hätten helfen können. Bleiben wir jedoch fest im Glauben an Christus verwurzelt, sind wir in der Lage, sowohl göttliche Hilfe zu empfangen als auch anzubieten. Falls (oder besser gesagt: wenn) dann der Moment kommt, wo sich ein lieber Angehöriger sehnlichst der einzig wahren und beständigen Quelle, die Hilfe verheißt, zuwenden möchte, weiß er, wem er als Führer und Begleiter vertrauen kann. Bis es so weit ist, können wir dank der Gabe des Heiligen Geistes, der uns führt, unentwegt geistlich dienen, um den Schmerz, den schlechte Entscheidungen mit sich gebracht haben, zu lindern und Wunden zu verbinden, soweit man uns dies gestattet. Andernfalls tun wir weder denen, die wir lieben, noch uns selbst etwas Gutes.

Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?

Der dritte Aspekt, den ich in Hinblick darauf, wie wir unser Leben um Jesu willen verlieren, ansprechen möchte, ist in diesen Worten des Herrn zu finden:

„Wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.

[Entsagt darum der Welt und rettet eure Seele; denn] was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen?“28

In der Joseph-Smith-Übersetzung heißt es: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und den nicht empfängt, den Gott ordiniert hat, und seine Seele verliert und selbst verworfen wird?“29

Würde man behaupten, es laufe den Konventionen der heutigen Welt zuwider, wenn man der Welt entsagt und lieber denjenigen empfängt, „den Gott ordiniert hat“, so wäre das gewiss eine Untertreibung. Die Prioritäten und Interessen, die um uns (und manchmal in uns) am häufigsten in Erscheinung treten, sind immens selbstbezogen: ein Hunger nach Anerkennung, das Insistieren darauf, dass die eigenen Rechte respektiert werden (einschließlich des vermeintlichen Rechts, dass man nie beleidigt werden dürfe), das verzehrende Verlangen nach Geld, Gütern und Macht, die Annahme, man habe Anspruch auf ein behagliches, vergnügliches Leben, das Ziel, sich jeder Verantwortung weitestgehend zu entziehen und jegliches eigene Opfer zum Wohle anderer zu vermeiden, um nur einiges zu nennen.

Damit meine ich nicht, dass wir uns nicht bemühen sollten, Erfolg zu haben oder gar bei etwas zu glänzen, was aller Anstrengung wert ist, wozu auch eine Ausbildung und ein anständiger Beruf gehören. Vor ein paar Monaten brachte das Ehepaar Jed Rubenfeld und Amy Chua, die Jura-Professoren an der Yale-Universität sind, ein Buch heraus, das übersetzt in etwa heißt: Das Dreierbündel: Wie sich Aufstieg und Fall gesellschaftlicher Gruppen in den USA anhand dreier seltsamer Eigenarten erklären lassen. Sie haben die These aufgestellt, dass drei kulturelle Merkmale, die in dem Buch beschrieben werden, bestimmten Gruppen in den USA einen Vorteil verschaffen, sodass sie besser dastehen als andere. Chua und Rubenfeld haben in den Mormonen, den Juden, den Asiaten, den westafrikanischen Einwanderern, den Indianern und den kubanischstämmigen Amerikanern die Gruppen ausgemacht, die heutzutage diese Merkmale besitzen.30

Als sie diese Gruppen anhand von Kriterien wie „Einkommen, akademische Leistungen, Spitzenämter, berufliche Erfolge und weitere übliche Messgrößen“ mit der amerikanischen Gesellschaft im Großen und Ganzen verglichen, stellten Chua und Rubenfeld fest:

„Wenn es heute eine Gruppe in den USA gibt, die förmlich heraussticht, was die übliche Vorstellung von Erfolg anbelangt, dann sind es die Mormonen. …

Während Protestanten ungefähr 51 Prozent der amerikanischen Bevölkerung ausmachen, repräsentieren die fünf bis sechs Millionen Mormonen lediglich 1,7 Prozent. Und doch hat es eine erstaunlich hohe Anzahl von ihnen hierzulande in Wirtschaft und Politik an die Spitze geschafft.“31

Solche Leistungen sind sicherlich lobenswert, doch wenn wir unser Leben retten wollen, müssen wir stets daran denken, dass solche Errungenschaften nicht das Endziel sind, sondern Mittel zu einem höheren Zweck. Da wir an Christus glauben, dürfen wir politische, wirtschaftliche, akademische und ähnliche Erfolge nicht als etwas sehen, worüber wir uns definieren, sondern müssen sie als etwas betrachten, was es uns ermöglicht, Gott und unseren Mitmenschen zu dienen – und das beginnt bei uns zu Hause und reicht so weit in die Welt hinaus, wie es möglich ist. Die persönliche Entwicklung ist in dem Maße von Wert, wie sie zur Entwicklung eines christlichen Charakters beiträgt. Wenn wir den Erfolg messen, erkennen wir die tiefe Wahrheit, die allem anderen zugrunde liegt: dass unser Leben Gott, unserem Vater im Himmel, und Jesus Christus, unserem Erlöser, gehört. Erfolg bedeutet, in Einklang mit ihrem Willen zu leben.

Im Gegensatz zu einem narzisstischen Leben können wir den noch vortrefflicheren Weg wählen, den Präsident Spencer W. Kimball mit schlichten Worten beschrieben hat:

„Dadurch, dass wir anderen dienen, gewinnt unser Leben an Tiefe und Schönheit, und wir bereiten uns darauf vor, in einer besseren Welt zu leben. … Wenn wir im Dienste unserer Mitmenschen stehen, helfen unsere Taten nicht nur anderen, sondern wir betrachten auch unsere eigenen Probleme unter neuen Gesichtspunkten. Je mehr wir uns anderer annehmen, desto weniger Zeit haben wir für unsere eigenen Belange! Das Wunder des Dienstes am Nächsten geht mit der Verheißung Jesu einher, dass wir uns finden, indem wir uns selbst verlieren! [Siehe Matthäus 10:39.]

Wir ‚finden‘ uns selbst nicht nur in dem Sinne, dass wir Gottes Führung in unserem Leben anerkennen, sondern auch dadurch, dass unsere Seele in dem Maße wächst, wie wir auf geeignetem Wege unseren Mitmenschen dienen. … Wir werden greifbarer, wenn wir anderen dienen – ja, es ist leichter, uns selbst zu ‚finden‘, weil es viel mehr in uns zu finden gibt!“32

Beispiele dafür, wie man sein Leben in Christus und seinem Evangelium verliert

Abschließend möchte ich einige Beispiele dafür anführen, was es heißt, sein Leben im Alltag in Christus und seinem Evangelium zu verlieren und dadurch wahres (und letztlich ewiges) Leben zu finden.

Präsident Henry B. Eyring war Präsident des Ricks Colleges – der jetzigen BYU Idaho –, als der gerade fertiggestellte Teton-Staudamm, unweit von Rexburg, im Juni 1976 brach. „300 Milliarden Liter Wasser wälzten sich mit einer Geschwindigkeit von 65 Kilometern pro Stunde auf Rexburg zu und rissen alles mit sich fort, was im Weg war.“33 Viele der dort ansässigen Bewohner reagierten heldenhaft. Sie halfen anderen, auch wenn ihr eigenes Zuhause und ihre Habseligkeiten von den Fluten zerstört worden waren. Einige wenige jedoch ließen sogar ihre Angehörigen zurück, sodass diese auf sich selbst gestellt waren.

Präsident Eyring, der selbst bei der Koordination der Hilfsmaßnahmen mitgeholfen hatte, wollte gern wissen, wie sich „der Unterschied zwischen dem heldenhaften Einsatz der einen … und der Treulosigkeit der anderen erklären ließ. … Er gab eine kleine, jedoch wissenschaftlich bedeutsame Studie in Auftrag. ‚Wir konnten nur einen einzigen Punkt finden‘, berichtete er später den Studenten im Abschlusssemester.

‚Diejenigen, die sich als Helden erwiesen, waren auch im Kleinen, im Alltäglichen immer diejenigen, die sich ihrer Zusagen erinnerten und sie hielten … die Zusage, nach dem Essen in der Kirche dazubleiben und beim Aufräumen zu helfen oder samstags zum Dienstprojekt bei einem Nachbarn zu erscheinen.

Diejenigen, die ihre Familie in der Not im Stich ließen, waren auch oft ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen, wenn es um etwas weniger Schweres ging. Bei ihnen war das Muster zu erkennen, dass sie ihr Wort im Kleinen nicht hielten, wenn das Opfer geringfügig und eine gemachte Zusage leicht zu halten gewesen wäre. Als der Preis dann hoch war, konnten sie ihn nicht zahlen.‘“34

Meine Frau und ich hatten eine liebe Freundin, die wir während meines Jurastudiums kennengelernt hatten. Sie gehörte zu unserer Gemeinde in Durham in North Carolina. Sie und ihr Mann waren ein fabelhaftes junges Paar mit kleinen Kindern. Gott hatte dieser Freundin Intelligenz, Attraktivität und eine starke Ausstrahlung geschenkt. Jeder bewunderte sie und war gerne mit ihr zusammen. Etwa 25 Jahre später jedoch, sie war noch keine 50, bekam sie eine aggressive und unheilbare Form von Magenkrebs, die auch Metastasen in Leber und Lunge streute. Trotz des Schocks und des Schmerzes, dass sich ihr Leben nun so schnell dem Ende zuneigte, schrieb sie diese liebevollen Worte an ihre Familie und ihre Freunde, die sie schweren Herzens verlassen musste: „[Gottes] Plan ist göttlich und wird genau so ausgeführt, wie er es vorgesehen hat. Da ich erwählt wurde, diese Prüfung zu durchleben, weiß ich, dass es nur zu meinem Allerbesten und zu meiner höchsten Freude geschieht. Schon jetzt fließen mir geistige Segnungen zu, und ich spüre, dass ich vor dem Ende all das erleben werde, was ich brauche, um auf das Zusammentreffen mit meinem Heiland vorbereitet zu sein. Seine Macht ist auf der Erde. Da besteht keinerlei Irrtum. … Im Moment sind die Prüfungen zahlreich und schwer. Jeder hat anscheinend mit seinen eigenen zu kämpfen. Blickt auf den Herrn und empfangt seine Hilfe. Nehmt das an, was auf euch zukommt, dann wird der Schmerz von euch genommen und Friede stellt sich ein.“

Eine junge Erwachsene beschloss, eine Vollzeitmission zu erfüllen. Sie hatte bereits einen vierjährigen und einen zweijährigen Studiengang abgeschlossen und im In- und Ausland an renommierten Studienprogrammen samt Betriebspraktika teilgenommen. Sie hatte sich die Fähigkeit angeeignet, auf Menschen nahezu jeder religiösen oder politischen Überzeugung und jeder Nationalität zuzugehen und schnell Beziehungen aufzubauen, und sie machte sich Sorgen, dass dieses außergewöhnliche Talent darunter leiden könnte, wenn sie tagaus, tagein ein Namensschild trug, das sie als Missionarin auswies. Sie war gerade wenige Wochen auf Mission, als sie ihrer Familie ein einfaches, doch prägendes Erlebnis in einem Brief schilderte: „Sister Lee und ich rieben Salbe in die Hände einer älteren Dame ein, die Arthritis hatte – jeder von uns an einer Seite –, als wir in ihrem Wohnzimmer saßen. Sie wollte nicht hören, was wir zu sagen hatten, doch sie ließ uns singen, und es gefiel ihr sehr. Danke, schwarzes Missionarsnamensschild, dass ich durch dich mit völlig fremden Menschen solch innige Erlebnisse haben kann.“

Durch das, was er durchlitt, lernte der Prophet Joseph Smith, sein Leben im Dienste seines Meisters und Freundes zu verlieren. Er sagte einmal: „Ich habe mir Folgendes zum Grundsatz gemacht: Wenn der Herr gebietet, dann tu es.“35 Wir könnten wohl alle froh sein, wenn wir an Joseph Smiths Maß an Treue heranreichen könnten. Dennoch war er einmal gezwungen, monatelang im Gefängnis zu Liberty in Missouri zu schmachten. Er hatte körperlich, aber vielleicht noch mehr seelisch und geistig zu leiden, da er nicht imstande war, seiner lieben Frau, seinen Kindern und den Heiligen zu helfen, die misshandelt und verfolgt wurden. Aufgrund seiner Offenbarungen und unter seiner Führung waren sie nach Missouri gekommen, um Zion zu errichten, und jetzt wurden sie dort überall mitten im Winter aus ihren Häusern vertrieben. Trotz alldem schrieb er unter den Bedingungen in jenem Gefängnis einen inspirierten Brief an die Kirche – in wunderschöner, erhebender Prosa, wovon Teile jetzt Abschnitt 121, 122 und 123 des Buches Lehre und Bündnisse bilden – und zum Schluss heißt es da: „Lasst uns frohgemut alles tun, was in unserer Macht liegt, und dann mögen wir mit größter Zuversicht ruhig stehen, um die Errettung Gottes zu sehen, und dass sein Arm offenbar werde.“36

Natürlich ist das allerherrlichste Beispiel dessen, wie man sein Leben retten kann, indem man es verliert, dies: „Mein Vater, wenn dieser Kelch an mir nicht vorübergehen kann, ohne dass ich ihn trinke, geschehe dein Wille.“37 Indem er sein Leben gab, rettete Christus nicht nur sein eigenes – er rettete das Leben von uns allen. Er hat es uns ermöglicht, dass wir unser irdisches Leben, das andernfalls sinnlos gewesen wäre, gegen ewiges Leben eintauschen können.

Zeugnis

Das Leben des Erlösers stand unter dem Motto: „Ich [tue] immer das[, was dem Vater] gefällt.“38 Ich bete darum, dass auch Sie dies zu Ihrem Lebensmotto machen. Wenn Sie das tun, werden Sie Ihr Leben retten.

Meine lieben jungen Freunde, seien Sie bei allem, was Sie anstreben und erreichen, damit zufrieden, den Willen des Herrn an die erste Stelle zu setzen. Lernen Sie, das zu wollen, was er will. Bekennen Sie sich zu ihm und erkennen Sie ihn an – in jedem Bereich Ihres Lebens. Schämen Sie sich Christi oder seines Evangeliums nicht, und seien Sie willens, das, woran Ihr Herz hängt, Beziehungen, die Ihnen wichtig sind, und selbst Ihr Leben für ihn niederzulegen. Machen Sie aus Ihrem Leben, solange es andauert, eine Opfergabe. Nehmen Sie sein Kreuz jeden Tag auf sich, indem Sie gehorsam sind und anderen dienen. Es sind dies die Begleiterscheinungen und die Früchte unseres Glaubens. Im Namen Jesu Christi. Amen.

© 2014 Intellectual Reserve, Inc. Alle Rechte vorbehalten. Genehmigung: Englisch 1/14, Übersetzung 1/14. Das Original trägt den Titel: „Saving Your Life“. German. PD10051044 150

Quellenangaben anzeigen

    Anmerkungen

  1.  

    1. Matthäus 16:15

  2.  

    2. Matthäus 16:16; siehe auch Markus 8:29; Lukas 9:20

  3.  

    3. Matthäus 16:23; siehe auch Markus 8:33

  4.  

    4. Lehre und Bündnisse 121:43

  5.  

    5. „Whosoever Will Lose His Life for My Sake Shall Find it“, Das Leben Jesu Christi: Videos zur Bibel; LDS.org; siehe Matthäus 16:21–27

  6.  

    6. Matthäus 10:39; siehe auch Matthäus 10:32–41; 16:24–28; Markus 8:34–38; Lukas 9:23–26; 17:33

  7.  

    7. Adam S. Miller, Letters to a Young Mormon, Seite 17f.

  8.  

    8. Mose 4:2; Hervorhebung hinzugefügt

  9.  

    9. Mose 4:1; Hervorhebung hinzugefügt

  10.  

    10. 1 Korinther 2:9

  11.  

    11. Matthäus 16:25

  12.  

    12. Matthäus 16:24

  13.  

    13. Lukas 9:23

  14.  

    14. JSÜ, Matthäus 16:26 (vgl. Matthäus 16:24)

  15.  

    15. Jakobus 1:27

  16.  

    16. Siehe Matthäus 22:37–40

  17.  

    17. Markus 8:38; siehe auch Lukas 9:26

  18.  

    18. Matthäus 10:32,33

  19.  

    19. Martin Chulov, „Iraq’s Largest Christian Town Abandoned as Isis Advance Continues“, The Guardian, 7. August 2014; theguardian.com

  20.  

    20. Markus 8:38

  21.  

    21. Matthäus 10:34–38

  22.  

    22. Jesaja 9:6

  23.  

    23. Lukas 2:14

  24.  

    24. Johannes 14:27

  25.  

    25. Kenneth Barker, Hg., The NIV Study Bible, Sonderausgabe zum 10. Jubiläum, 1995, Seite 1453

  26.  

    26. Johannes 13:35

  27.  

    27. Matthäus 10:37

  28.  

    28. Joseph Smith Translation, Matthäus 16:28,29

  29.  

    29. Joseph Smith Translation, Lukas 9:25

  30.  

    30. Siehe Amy Chua und Jed Rubenfeld, The Triple Package: How Three Unlikely Traits Explain the Rise and Fall of Cultural Groups in America, Seite 5–8

  31.  

    31. Amy Chua und Jed Rubenfeld, The Triple Package, Seite 29ff.

  32.  

    32. Lehren der Präsidenten der Kirche: Spencer W. Kimball, Seite 101

  33.  

    33. Robert I. Eaton und Henry J. Eyring, I Will Lead You Along: The Life of Henry B. Eyring, Seite 276

  34.  

    34. Robert I. Eaton und Henry J. Eyring, I Will Lead You Along, Seite 280f.

  35.  

    35. Siehe Lehren der Präsidenten der Kirche: Joseph Smith, Seite 176; Hervorhebung im Original

  36.  

    36. Lehre und Bündnisse 123:17

  37.  

    37. Matthäus 26:42

  38.  

    38. Johannes 8:29