Weil er erschienen ist

Thomas S. Monson

President of the Church


 
Thomas S. Monson

Ehe ich meine vorbereitete Ansprache aufgreife, möchte ich zwei Wörter aussprechen. Es ist einmal gesagt worden, es seien die wichtigsten Wörter in unserer Sprache. Ich möchte allen unter Ihnen, die viel auf sich genommen haben, um heute hier zu sein, vielen Dank sagen. Ich möchte allen vielen Dank sagen, die heute zuhören. Ich möchte all den Angestellten der Kirche und den Bediensteten in den Büros der Generalautoritäten vielen Dank sagen, die uns so sehr helfen und die so sorgsam auf uns achten und mit Geschick ihre Arbeit erledigen.

Ich glaube wahrhaftig, dass der Geist des Herrn heute Abend hier ist. Und ich möchte Ihnen allen auf der Welt auch von meiner Pflicht Zeugnis geben, mir Ratgeber auszusuchen. Ich habe angestrengt darüber gebetet. Es kamen viele in Frage, sie waren alle fähig. Manche kannte ich besser als andere, aber ich wartete, bis mir der Herr im Geist bestätigte, wer an meiner Seite dienen solle. Ich danke diesen beiden und all ihren Mitarbeitern, aber auch Ihnen allen, die Sie heute anwesend sind.

Heute Abend kommen wir wieder einmal als Brüder und Schwestern zu unserer Weihnachtsandacht zusammen, die nun schon zu einer Tradition geworden ist. Wir sind von der himmlischen Musik und den inspirierenden Botschaften wahrhaft berührt worden. Wie schön doch die Geburt des Erlösers in dem Video dargestellt wurde!

Ich habe, wie Sie sicherlich auch, in den letzten Tagen und Wochen wieder einmal mitbekommen, wie sehr Weihnachten doch Jahr für Jahr kommerzialisiert wird. Es stimmt mich traurig, dass es bei Weihnachten immer weniger um Christus geht und stattdessen immer mehr um Werbung, Umsatz, Partys und Geschenke.

Aber trotz allem: Was Weihnachten wirklich ist, hängt von uns ab. Trotz aller Ablenkungen können wir beim Feiern dafür sorgen, dass Christus im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit steht. Falls noch nicht geschehen, können wir eigene Weihnachtstraditionen einführen, die uns und unserer Familie dabei helfen, den Geist Christi zu verspüren und zu bewahren.

Beinahe so lang, wie ich zurückdenken kann, pflege ich eine besondere Weihnachtstradition. Meine Familie weiß, dass ich kurz vorm Fest wieder meine liebsten Weihnachtsbücher lese und über die erstaunlichen Worte ihrer Verfasser nachdenke. Das erste ist das Lukasevangelium, also die Weihnachtsgeschichte selbst. Danach lese ich das Buch Eine Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens und zum Schluss auch wieder die Erzählung The Mansion von Henry van Dyke.

Ich muss mir immer die Tränen aus den Augen wischen, wenn ich diese inspirierten Werke lese. Sie berühren mich im Innersten und tragen mir den Geist des Erlösers ins Herz.

In dem Buch Eine Weihnachtsgeschichte lesen wir die zeitlose Geschichte von Ebenezer Scrooge und wie ihn sein verstorbener Geschäftspartner, Jacob Marley, und die Geister der vergangenen, der gegenwärtigen und der zukünftigen Weihnacht besuchen. Scrooge ist ein richtiger Miesepeter, weshalb sein Name zu einem geflügelten Wort für einen gemeinen und knausrigen Menschen geworden ist.

Im Laufe der Nacht vor dem Weihnachtstag wird Scrooge gezeigt, was er einmal in der Vergangenheit besaß, was er jetzt noch hat und wie sein Leben verlaufen wird, wenn er auf dem Weg bleibt, den er bisher eingeschlagen hat. Schließlich erkennt er, dass er auf dem Irrweg ist. Er begreift, dass wir glücklich werden können, wenn wir uns selbst und den weltlichen Tand vergessen und uns stattdessen darauf verlegen, anderen zu helfen, und lernen, die Liebe unserer Angehörigen und Freunde anzunehmen. Von da an ist sein Leben von Selbstlosigkeit und Dienst am Nächsten gekennzeichnet und er verkündet: „Ich will Weihnachten im Herzen ehren und versuchen, das ganze Jahr danach zu handeln. Ich will in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft leben, und ihre Geister sollen in mir wirken. Ich will mich nicht den Lehren verschließen, die sie mir erteilt haben.“1 Diese bewegende Geschichte inspiriert mich jedes Mal aufs Neue.

Zuletzt lese ich dann The Mansion von Henry van Dyke. Diese Geschichte ähnelt der von Ebenezer Scrooge und handelt von John Weightman, einem vermögenden, politisch einflussreichen und erfolgsverwöhnten Mann.

Eines Abends sitzt Weightman in seinem Lesezimmer in einem bequemen Sessel und denkt über seinen Reichtum nach. Vor ihm liegen Beschreibungen und Bilder des Weightman-Flügels eines Krankenhauses sowie des Weightman-Lehrstuhls für Recht und Politik und auch ein Bericht über die Eröffnung der Weightman-Schule. John Weightman ist zufrieden. Er hat ein großes Vermögen angehäuft, und wenn er spendet, möchte er auch Anerkennung dafür. Seine Einstellung zum Geben lässt sich in seinen eigenen Worten zusammenfassen: „Keinen Heller in den Hut des Bettlers! … Gib dort, wo man es sehen kann.“

Er nimmt die Familienbibel auf dem Tisch zur Hand, schlägt sie auf und liest sich selbst diese Worte vor:

„Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde, wo Motte und Wurm sie zerstören und wo Diebe einbrechen und sie stehlen,

sondern sammelt euch Schätze im Himmel.“ (Matthäus 6:19,20.)

Das Buch scheint ihm zu entgleiten. Er lehnt sich auf den Tisch und sein Kopf ruht in den verschränkten Händen. Er schläft tief und fest ein.

In seinem Traum wird John Weightman in eine Stadt im Himmel geführt. Er und andere, die er im Leben kennengelernt hatte, werden von einem Führer in Empfang genommen und zu ihrer himmlischen Wohnstätte gebracht.

Der treu sorgende Ehemann einer gebrechlichen Frau wird zu einer wunderschönen Wohnung gebracht, ebenso eine früh verwitwete Mutter, die hervorragende Kinder großgezogen hat. Auch eine gelähmte junge Frau, die 30 Jahre lang auf ihrem Bett gelegen hatte – „hilflos, aber nicht hoffnungslos“ –, bekommt ein schönes Haus. Sie hat „durch ihren Mut, einem Wunder gleich, ihr einziges Ziel erreicht, nämlich sich niemals zu beschweren, sondern immer etwas von ihrer Freude und ihrem Frieden mit jedem zu teilen, der mit ihr in Berührung kommt“.

Vor einem wunderschönen Haus halten sie an und der Führer sagt: „Dieses Haus ist für Sie, Dr. McLean. Gehen Sie hinein; es gibt dort keine Krankheit mehr, keinen Tod, weder Sorgen noch Schmerzen, denn Ihre alten Gegenspieler sind alle besiegt. Aber all das Gute, was Sie für andere getan haben, Ihre ganze Hilfe und der Trost, den Sie gespendet haben, und alle Kraft und Liebe, die Sie den Leidenden zugewandt haben, das alles ist hier – wir haben daraus dieses schöne Haus für Sie gebaut.“

Ein Reisender nach dem anderen wird zu seiner eigenen Wohnstätte gebracht und nimmt sie frohgemut in Besitz; von innen kann man durch die geöffneten Türen Stimmen vernehmen, die jeden herzlich begrüßen.

Mittlerweile ist John Weightman ungeduldig. Er möchte sehen, welches Haus ihn erwartet. Er und der Führer gehen weiter, und die Häuser werden immer kleiner. Schließlich gelangen sie zu einem freien Feld, das kahl und verlassen aussieht. In der Mitte des Feldes steht eine kleine Hütte. Da sagt der Führer: „Dies ist Ihr Haus, John Weightman.“

Voller Entsetzen wendet John Weightman ein, dass der Führer ihn mit einem anderen John Weightman verwechselt haben müsse. Mit Groll in der Stimme ruft er: „Ist das etwa ein angemessenes Haus für jemanden, der so bekannt und wohltätig war? Warum ist es so erbärmlich klein und gewöhnlich? Warum haben Sie es nicht so groß und prächtig erbaut wie die anderen?“

Der Führer erwidert: „Wir haben alles verbaut, was Sie uns geschickt haben.“

John Weightman fühlt sich zutiefst gedemütigt. „Haben Sie nicht davon gehört, dass ich eine Schule, einen Krankenhausflügel und drei Kirchen errichten ließ?“

„Warten Sie“, sagt der Führer beschwichtigend. „Das war ja nicht alles vergebens. Es wurde alles nach Ihnen benannt und schon als Fundament für den Namen und das Haus von John Weightman auf der Erde benutzt. … Wahrlich, Sie haben Ihren Lohn dafür schon bekommen. Wollen Sie etwa zweimal bezahlt werden?“

Ein trauriger, aber auch klüger gewordener John Weightman stellt daraufhin diese aufrichtige Frage: „Was zählt denn dann hier?“

Die Antwort lautet: „Nur das, was wahrhaftig gegeben wurde. Nur das Gute, was um seiner selbst willen getan wurde. Es zählen nur die Vorhaben, bei denen das Wohl anderer an erster Stelle stand; nur die Mühen, bei denen das Opfer größer war als die Belohnung. Nur die Geschenke zählen, bei denen der Geber sich selbst vergaß.“

Die Stimme verstummt allmählich und John Weightman wird vom Schlagen der Uhr geweckt. „Die zarte, bleiche Morgendämmerung über der Stadt fällt durch den schmalen Spalt des schweren Vorhangs ins Zimmer.“ Weightman hat die ganze Nacht durchgeschlafen. Gewandelt dank der Botschaft in seinem Traum, hat er noch genügend Lebenszeit vor sich, um Liebe weiterzugeben und um echte Geschenke zu machen.2

Wenn ich diese Erzählungen lese, stellt sich bei mir immer der Geist der Weihnacht ein. Es ist der Geist der Liebe, der Großzügigkeit und der Güte. Er erhellt das Panoramafenster der Seele und man interessiert sich, wenn man das hektische Treiben der Welt betrachtet, doch mehr für den Menschen und weniger für irgendwelche Dinge.

Ich hoffe, dass wir alle den Geist der Weihnacht in unserem Herzen und in unserem Leben haben, nicht nur zu dieser besonderen Zeit des Jahres, sondern auch über die Jahre hinweg.

Ein weiser Christ hat diese mahnenden Worte gesprochen: „Mögen wir Weihnachten nicht einfach nur verbringen …, sondern es im Herzen und im Leben bewahren.“3

Darum bitte ich heute Abend, denn wenn wir den Geist der Weihnacht bewahren, bewahren wir den Geist Christi, denn der Geist der Weihnacht ist der Geist Christi.4 Er wird all den Ablenkungen um uns herum, die Weihnachten abwerten und seine wahre Bedeutung ersticken können, Einhalt gebieten.

Es gibt keine bessere Zeit als diese Weihnachtszeit, uns erneut den Grundsätzen zu weihen, die Jesus Christus aufgezeigt hat.

Weil er zur Erde gekommen ist, haben wir ein vollkommenes Beispiel, dem wir folgen können. Wenn wir uns bemühen, ihm ähnlicher zu werden, empfinden wir im Leben Freude und Glück und alle Tage im Jahr Frieden. Sein Beispiel wird in uns, wenn wir uns daran ausrichten, mehr Güte und Liebe, mehr Achtung und Mitgefühl für andere wecken.

Weil er erschienen ist, hat unser irdisches Dasein einen Sinn.

Weil er erschienen ist, wissen wir, wie wir anderen, die in Schwierigkeiten stecken oder Not leiden, beistehen können, wo auch immer sie sein mögen.

Weil er erschienen ist, hat der Tod seinen Stachel und das Grab seinen Sieg verloren. Wir werden wieder leben, weil er erschienen ist.

Weil er erschienen ist und für unsere Sünden gezahlt hat, können wir ewiges Leben erlangen.

Weil er erschienen ist, sind wir heute Abend zusammengekommen, um ihm in brüderlicher Verbundenheit und in Liebe Ehre zu erweisen.

Möge sein kostbarer Geist bei uns sein, und möge er stets im Mittelpunkt all unserer Festlichkeiten und unseres Lebens selbst stehen. Darum bete ich in seinem heiligen Namen. Amen.

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    Anmerkungen

  1.  

    1. Charles Dickens, Eine Weihnachtsgeschichte, englische Ausgabe von 1899, Seite 109

  2.  

    2. Siehe Henry van Dyke, The Mansion, 1911

  3.  

    3. 80. Kongress, Aufzeichnung Nr. 11673, 1947, Beitrag von Peter Marshall

  4.  

    4. Siehe David O. McKay, Gospel Ideals, 1953, Seite 551