Das Erkennen

Das Erkennen, 2011

CES-Fireside für junge Erwachsene • 1 Mai 2011 • Utah-State-Universität


Ich bin dankbar, dass ich hier in Logan an der Utah-State-Universität bin. Als mein Mann Jack und ich heute Abend durch den Sardine-Canyon in dieses Tal kamen, war mir in mancher Hinsicht, als ob ich wieder nach Hause käme. Lassen Sie mich erzählen, warum.

Dies ist der Ort, wo ich zu erkennen begann

Vor vielen Jahren packten wir an einem schönen Herbsttag alles, was wir besaßen, in unser Auto. Ich wollte nämlich mit meiner Zwillingsschwester studieren. Unsere Mutter wollte uns nach Logan fahren und uns dort absetzen, damit wir unser Studium an der Utah-State-Universität aufnehmen konnten. Wir hatten schon Fotos von diesem prächtigen Campus gesehen. Auf einigen sah man Bäume, die um die Ecke wuchsen. Es hieß, in Logan sei es nicht windig, die Bäume wüchsen einfach so. Wie dem auch sei: Wir waren sehr gespannt. Wir hatten jedes Kleidungsstück, jeden Schuh, den wir besaßen, und dazu Lebensmittel ins Auto gestopft, damit wir auch etwas in den Schränken hatten. Wir konnten kaum noch durch die Scheiben sehen. Als wir in dieses Tal kamen, war mir regelrecht flau im Magen. Ich konnte das Abenteuer, das uns bevorstand, kaum erwarten.

Auf dem Campus spürte man die Spannung, die in der Luft lag, als die Studenten ihre Autos ausluden und ihr Gepäck in die Schlafsäle und die Wohnungen trugen. Es war das erste Mal, dass meine Schwester und ich von zu Hause weggingen, und wir fühlten uns sehr selbständig, als wir unsere Kleider in den Schrank hängten und unser Zimmer einrichteten. Wir hatten zwei Poster für die Wände. Auf dem einen stand: „Mit ganzem Herzen vertrau auf den Herrn, bau nicht auf eigene Klugheit.“ (Sprichwörter 3:5.) Das andere Poster hatte uns unser älterer Bruder gegeben. Darauf stand: „Lippen, die Alkohol berühren, sollen niemals an meine kommen.“

Als das Auto leer war, standen wir mit den letzten Teilen, die auf dem Rücksitz gelegen hatten, auf dem Bürgersteig vor der Moen Hall. Da waren wir nun, mit Einmachgläsern voller Pfirsiche im Arm, und winkten unserer Mutti zum Abschied nach. Als sie dann losfuhr, traf es uns wie ein Schlag. Wir schauten einander an. Tränen liefen uns über die Wangen, und wir sagten: „Was haben wir nur angestellt? Was haben wir uns bloß gedacht? Wie kann das, was wir erst für ein Abenteuer hielten, auf einmal so beängstigend und abschreckend sein?“ Ich ahnte nicht, dass ich in den Tagen und Jahren, die auf diesem Campus vor mir lagen, Entscheidungen für mein gesamtes weiteres Leben treffen sollte. Hier entdeckte ich, dass ich meine eigenen Überzeugungen hatte, und musste meinen Glauben verteidigen. Ich schloss Freundschaften fürs Leben. Meine Gebete wurden aufrichtiger. Mein Zeugnis begann zu wachsen. Ich erkannte, dass es an mir lag, für meine Grundsätze einzutreten und meine weltliche und geistige Bildung voranzutreiben.

Wer war ich wirklich? In diesen Jahren erlebte ich manchmal Niederlagen und Misserfolge – doch ab und zu gab es auch Hoffnung und Erfolg. Ich musste mich strecken, um von Heimweh – ach, unerträglichem Heimweh – zu beschwingender Unabhängigkeit zu gelangen. Ich war wie Ammon und seine Brüder im Buch Mormon und erlebte gleichzeitig Sorgen und Bedrängnisse und unfassbare Freude (siehe Alma 28:8). Heute ist mir klar, dass ich mein behagliches Zuhause verlassen musste, um Fortschritt zu machen und die Lektionen des Lebens zu lernen. Kein Wunder, dass mir Cache Valley, diese Universität und dieser Campus so schön vorkommen! Denn dies ist der Ort, wo ich begann, mich selbst zu erkennen, und je mehr ich mich selbst erkannte, desto mehr begann ich, den Erretter zu erkennen. Was haben Sie im Leben erkannt, und wo ist es Ihnen bewusst geworden?

Über dieses „Erkennen“ möchte ich heute Abend mit Ihnen sprechen.

Finden Sie einen Ort, wo Sie zu Erkenntnis kommen können

Als wir die Gegenwart unseres Vaters im Himmel und unser behagliches Zuhause im Vorherdasein verließen, um auf die Erde zu kommen, waren wir bereit, zu lernen und geprüft zu werden. Hier auf der Erde mögen wir uns manchmal fragen: „Was habe ich nur angestellt?“ Wir folgen hier einem Weg. Wir leben nach dem Plan des himmlischen Vaters – dem Erlösungsplan, der Fülle des Evangeliums. Und es ist ein Plan des Glücklichseins! Joseph Smith hat gesagt, der Erlösungsplan sei „eines der besten Geschenke des Himmels an die Menschheit“.1

Die Sterblichkeit zu erfahren, was wir einst für solch ein Abenteuer hielten, kann bisweilen beängstigend und abschreckend sein – geradezu hart! Der Schleier hindert uns daran, uns an das zu erinnern, was wir einmal wussten. Wir kommen zwar durch den Glauben voran, aber auch in dem Bewusstsein, dass wir mit der Hilfe des Herrn wieder erkennen können, was wir einmal wussten. Der Vater im Himmel liebt uns so sehr. Wir sind zu ebendiesem Zweck erschaffen worden, dass wir nicht nur zu ihm zurückkehren, sondern tatsächlich so werden wie er. Jetzt erfahren wir aufs Neue, wie gut wir ihn gekannt haben. Brigham Young hat gesagt: „Ihr kennt Gott, unseren Vater im Himmel, gut, … denn es gibt nicht einen von euch, der nicht in seinem Haus gewohnt und Jahr für Jahr [im Vorherdasein] bei ihm gewesen wäre. Trotzdem versucht ihr [jetzt auf der Erde], ihn kennenzulernen, obwohl ihr doch nur vergessen habt, was ihr einmal wusstet.“2

Wir kannten ihn damals, aber nur wenn wir uns selbst bemühen, werden wir ihn auch hier erkennen. Wir sind nicht allein auf dieser Suche, denn er hat gesagt: „Ich werde zu eurer rechten Hand sein und zu eurer linken, und mein Geist wird in eurem Herzen sein und meine Engel rings um euch, um euch zu stützen.“ (LuB 84:88.)

Alma erkannte den Erretter und belehrte dann die Menschen an den Wassern Mormon. Er „predigte ihnen Umkehr und Erlösung und Glauben an den Herrn“ (Mosia 18:7). Dort gingen die Menschen den Bund der Taufe ein und versprachen, „allzeit und in allem und überall … als Zeugen Gottes aufzutreten, … damit [sie] ewiges Leben [haben]“ (Mosia 18:9). Sie wuchsen im Glauben, sie lernten, den Sabbattag zu beachten, sie lernten, mit eigenen Händen für ihren Unterhalt zu arbeiten, „und sie wandelten untadelig vor Gott und teilten einer mit dem anderen, zeitlich ebenso wie geistig“ (Mosia 18:29; siehe Vers 20-29).

Wir lesen weiter: „Und nun begab es sich: Dies alles geschah in Mormon, ja, an den Wassern Mormon, in dem Wald, der nahe bei den Wassern Mormon war; ja, der Ort Mormon, die Wasser Mormon, der Wald Mormon – wie schön sind sie in den Augen derer, die dort zur Erkenntnis ihres Erlösers gekommen sind.“ (Mosia 18:30.)

Warum werden wir in dieser Schriftstelle durch die umgebende Landschaft zu den Wassern Mormon geführt? Was für ein Gefühl löst diese Beschreibung des Ortes aus – der Wasser Mormon? Vielleicht sollten wir die Landschaft betrachten, die uns umgibt, und überlegen, welche Rolle sie bei unserer Suche nach der Erkenntnis unseres Erlösers spielt.

Jetzt ist die Zeit dafür. Wenn Sie es noch nicht getan haben, so ist jetzt die Zeit, nach dem Ort zu suchen, wo Sie zur Erkenntnis Ihres Erlösers kommen können. Wo sind Ihre Wasser Mormon? Wie schön ist dieser Ort in Ihren Augen?

Um diesen schönen Ort zu finden, möchten Sie sich vielleicht diese vier Fragen stellen:

1. Den Einfluss des Heiligen Geistes erkennen

1. Frage: Wie soll ich den Einfluss des Heiligen Geistes erkennen?

Ein junger Mann im Teenageralter hatte als kleines Kind ein Erlebnis, als er noch keine drei Jahre alt war. Er war von einer Familie adoptiert worden, die der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage angehörte. Seine Umgebung änderte sich damit schlagartig. Er verließ seine osteuropäische Heimat und übersiedelte in den Osten der Vereinigten Staaten – in ein Land mit einer neuen Familie, einer neuen Sprache und neuen Gefühlen. Sonntags brachte seine neue Familie ihn in den Kindergarten. Und es war in der Kirche, hinten am Gang, in diesem Kindergartenraum, als er es fühlte – als er eine Sicherheit und eine Liebe kennenlernte, die er nie zuvor verspürt hatte. Es war das erste Mal, dass er wirklich den Geist erkannte. Heute, als Teenager, geht er noch manchmal den Gang hinab zu genau diesem Kindergartenraum, um vertraute Klänge zu hören, Bilder zu sehen und den Geist zu verspüren, den er damals dort verspürt hat. Wie schön ist dieser Kindergarten in den Augen dieses Kindes, das dort zur Erkenntnis des Heiligen Geistes gelangte!

Mormon schreibt: „Auf Sanftmut und Herzensdemut hin kommt der Besuch des Heiligen Geistes, und dieser Tröster erfüllt mit Hoffnung und vollkommener Liebe.“ (Moroni 8:26.)

Mormon beschrieb, was der Erlöser so beschrieben hat: „Du wirst meinen Geist empfangen, den Heiligen Geist, nämlich den Tröster, der dich das Friedfertige des Reiches lehren wird.“ (LuB 36:2.)

Im Buch Alma erfahren wir, wie die Söhne Mosias den Einfluss des Heiligen Geistes erkannten. Dort steht:

„Sie hatten eifrig in den Schriften geforscht, um das Wort Gottes zu kennen.

Aber das ist nicht alles; sie hatten sich vielem Beten und Fasten hingegeben.“ (Alma 17:2,3.)

Dann gingen sie hinaus und lehrten. Es waren gewöhnliche junge Männer, die außergewöhnlichen Mut hatten, und zwar wegen des Heiligen Geistes und weil sie sich wünschten, das Wort Gottes zu kennen.

Ammon sagte: „Und ein Maß jenes Geistes wohnt in mir und gibt mir Kenntnis und auch Macht gemäß meinem Glauben und meinen Wünschen, die in Gott sind.“ (Alma 18:35.)

Lamonis Vater spürte den Geist durch Aarons Worte und sagte: „Ich will alles hergeben, was ich besitze, ja, ich will meinem Königreich entsagen, damit ich diese große Freude empfangen kann.“ (Alma 22:15.)

Sowohl Lamoni als auch sein Vater spürten den Einfluss des Heiligen Geistes, als ihnen der Erlösungsplan erläutert wurde. Heute predigen Missionare, die vom Einfluss des Heiligen Geistes erfüllt sind, dieselbe Botschaft der ganzen Welt. An diejenigen unter Ihnen, die eine Mission erfüllt haben: Wissen Sie noch, wie stark Sie den Geist verspürt haben, wenn Sie aufgestanden sind und von der Wahrheit des Evangeliums Jesu Christi Zeugnis gegeben haben?

Eine Missionarin sagte auf dem Weg zum Flughafen: „Ich fürchte mich vor zuhause. Was ist, wenn ich den Geist nach meiner Mission nicht mehr so stark verspüre?“

Ich sagte ihr: „Wenn Sie den Heiligen Geist einladen und so leben, dass Sie seiner würdig sind, wird er immer bei Ihnen sein.“

2. Erkennen, dass das Buch Mormon wahr ist

2. Frage: Wie soll ich erkennen, dass das Buch Mormon wahr ist?

Bei einer Andacht an der BYU Idaho im Juni 2004 erzählte Elder Clayton M. Christensen, ein Dozent an der Wirtschaftshochschule von Harvard, wie er sich entschloss, herauszufinden, ob das Buch Mormon wahr ist. Nach seinem Abschluss an der BYU bekam er ein Stipendium für die Universität Oxford in England. Zu dieser Zeit entdeckte er, dass er nicht einmal wusste, ob das Buch Mormon wahr ist. Er hatte das Buch Mormon schon insgesamt sieben Mal gelesen, und jedes Mal war er bis zum Ende des Buches gekommen, hatte sich niedergekniet und Gott gebeten, ihm zu sagen, ob es wahr sei, und keine Antwort erhalten. Als er überlegte, warum er nie eine Antwort erhalten hatte, erkannte er, dass er das Buch jedes Mal gelesen hatte, weil er den Auftrag dazu bekommen hatte, entweder von seinen Eltern oder von einem Lehrer an der BYU oder seinem Missionspräsidenten oder einem Seminarlehrer, und sein Ziel war es immer gewesen, das Buch zu Ende zu lesen. Aber dieses Mal musste er unbedingt für sich selbst wissen, ob das Buch Mormon wahr ist. Bis zu diesem Punkt in seinem Leben hatte er sich auf den Glauben an viele Lehren der Kirche gestützt und auf das Vertrauen auf seine Eltern, weil sie wussten, dass es wahr ist, und weil er seinen Eltern vertraute. Aber als er nun in Oxford ankam, wollte er zum ersten Mal in seinem Leben unbedingt wissen, ob es wahr ist.

Oxford ist bekanntlich eine der ältesten Universitäten der Welt. Er wohnte in einem Gebäude aus dem Jahr 1410 – schön anzusehen, aber entsetzlich als Behausung. An einer Stelle hatte man ein kleines Loch aus dem Gemäuer gehauen und ein Heizgerät hineingestellt. Er nahm sich vor, jeden Abend von 23 bis 24 Uhr im Buch Mormon zu lesen, um herauszufinden, ob es wahr ist. Er fragte sich, ob er es überhaupt wagen sollte, so viel Zeit dafür aufzuwenden, denn er hatte ein sehr anstrengendes Studienprogramm. Er studierte angewandte Ökonometrie und wollte in zwei Jahren damit fertig werden, obwohl die meisten drei Jahre brauchten. Er wusste einfach nicht, ob er es sich leisten konnte, jeden Tag eine Stunde dafür freizuhalten. Aber er machte es. Er kniete sich um 23 Uhr hin und betete an dem Stuhl und vor diesem Heizgerät, und zwar laut. Er sagte Gott, wie dringend er wissen wolle, ob dieses Buch wahr ist, und er sagte, wenn Gott ihm offenbarte, dass es wahr ist, wolle er sein Leben dem Aufbau des Gottesreiches widmen. Und er sagte dem Herrn, wenn es nicht wahr wäre, müsse er auch das genau wissen, denn dann wolle er sein Leben der Suche nach der Wahrheit widmen. Dann setzte er sich auf den Stuhl und las die erste Seite im Buch Mormon. Als er unten angelangt war, hörte er auf, dachte über das nach, was er auf dieser Seite gelesen hatte, und fragte sich: „Könnte das ein Scharlatan geschrieben haben, der die Leute hinters Licht führen will, oder hat es wirklich ein Prophet Gottes geschrieben? Und was bedeutet es für mich und mein Leben?“ Daraufhin legte er das Buch hin, kniete nieder und bat Gott wieder: „Bitte sag mir, ob dieses Buch wahr ist.“ Dann setzte er sich wieder auf den Stuhl, nahm das Buch, wendete die Seite um und las die nächste, hörte unten auf und machte dasselbe noch einmal. So verfuhr er jeden Abend, eine Stunde lang, Abend um Abend, in dem kalten, feuchten Zimmer am Queen’s College in Oxford.

Als er zu den Kapiteln am Ende von 2 Nephi gelangte, war eines Abends, nachdem er gebetet, sich auf den Stuhl gesetzt und das Buch geöffnet hatte, auf einmal der ganze Raum von Wärme und einem schönen, liebevollen Geist erfüllt, der ihm tief in die Seele drang, sodass er sich von unvorstellbarer Liebe eingehüllt fühlte. Er begann zu weinen und hörte nicht wieder auf, denn als er durch seine Tränen auf die Worte im Buch Mormon schaute, entdeckte er eine Wahrheit in diesen Worten, die zu begreifen ihm vorher unmöglich erschienen war. Er konnte sehen, wie herrlich es in der Ewigkeit sein wird, und was Gott für ihn als einen seiner Söhne bereithielt. Er wollte nicht aufhören zu weinen. Diese Stimmung hielt die ganze Stunde lang an und kehrte von da an jeden Abend, wenn er betete und mit dem Buch Mormon an dem Heizgerät in seinem Zimmer saß, zurück und änderte sein Herz und sein Leben für immer.

Heute liegt dieser Zwiespalt, als er sich fragte, ob er es sich leisten könne, neben dem Studium der angewandten Ökonometrie jeden Tag eine Stunde darauf zu verwenden, die Wahrheit des Buches Mormon herauszufinden, längst hinter ihm. Er sagt, bei all der Bildung, die er sich angeeignet habe, sei diese Erkenntnis die nützlichste, die er je erlangt habe.

Er kehrt immer sehr gern nach Oxford zurück. Er sagt, die meisten Leute dort seien entweder Studenten oder Touristen, die eine schöne Universität bewundern wollten. Er aber kehre so gern zurück, weil es ein heiliger Ort sei. Wenn er auf die Fenster des Zimmers schaut, wo er gewohnt hat, denkt er: „An diesem Ort habe ich erfahren, dass Jesus der Messias ist, mein lebender Erretter, und dass Joseph Smith der Prophet der Wiederherstellung der wahren Kirche war.“

Elder Christensen sagte den Studenten an der BYU Idaho: „Einige von Ihnen haben vielleicht, als sie nach Rexburg kamen, schon gewusst, dass dies die Kirche Gottes ist. Aber diejenigen unter Ihnen, die noch vom Zeugnis anderer zehren mögen, bitte ich, sich jeden Tag eine Stunde freizuhalten und selbst herauszufinden, ob es wahr ist, denn es wird Ihr Herz so verändern wie das meinige.“3

In Johannes 5:39 lesen wir: „Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, in ihnen das ewige Leben zu haben; gerade sie legen Zeugnis über mich ab.“

Elder Bruce C. Hafen hat gesagt: „Wir können das ewige Leben erlangen, wenn wir wollen, aber nur, wenn es nichts gibt, was wir uns noch mehr wünschen.“4

Um die Wahrheit zu erkennen, muss man sich anstrengen. Und je mehr wir uns anstrengen, desto größer ist der Lohn. Moroni hat gesagt: „Wenn ihr dieses hier empfangt, so fragt Gott, den Ewigen Vater, im Namen Christi, ob es wahr ist; und wenn ihr mit aufrichtigem Herzen, mit wirklichem Vorsatz fragt und Glauben an Christus habt, wird er euch durch die Macht des Heiligen Geistes kundtun, dass es wahr ist.“ (Moroni 10:4.)

3. Den Plan des himmlischen Vaters erkennen

3. Frage: Wie soll ich den Plan erkennen, den der Vater im Himmel für mich persönlich hat?

Wir alle treffen auf dem Weg zurück zum Vater im Himmel Entscheidungen. Sein Plan für uns ist ein Plan des Glücklichseins. Joseph Smith hat gesagt: „Glücklich zu sein ist der Zweck und die Absicht unseres Daseins.“5 Der Vater im Himmel möchte, dass wir Freude empfinden. Jeder von uns legt seine eigene Route fest. Wir sind verschieden. Wir unterscheiden uns in unserer Persönlichkeit, unseren Talenten und den körperlichen und seelischen Eigenschaften. Manche sind uns von Gott gegeben. Andere haben wir uns selbst anerzogen. Durch das, was wir uns wünschen, können wir unsere Schwächen überwinden.

Hier ein Beispiel: Bei einem Mädchen im zweiten Schuljahr wurde eine Lernschwäche festgestellt. Der Schulpsychologe sagte: „Weil sie unfähig ist, sich etwas zu merken und auswendig zu lernen, wird sie immer zu den schlechtesten Schülern gehören.“ Die Eltern beschlossen, ihr nichts von dieser speziellen Behinderung zu sagen. Sie bemühte sich, in der Schule gut abzuschneiden, und musste für alles, was den meisten anderen leichtfiel, hart arbeiten. Sie hatte viele gute Freunde, die auch in der Schule gut waren. Dadurch bekam sie immer wieder Schwung. Sie brauchte länger, um im dritten Schuljahr die Multiplikationstabellen und im fünften Schuljahr die Hauptstädte der US-Bundesstaaten zu lernen. In der Highschool trug sie sich für Leistungskurse ein und machte weitere Fortschritte. Die vielen Stunden, die sie mit Lernen verbrachte, beweisen ihren Eifer. Heute ist sie Krankenschwester auf einer Intensivstation für Herzpatienten – und zwar eine sehr gute! Sie und ihr Vater im Himmel hatten einen Plan.

Noch eine Geschichte: Vor etwa einem Jahr besuchte ich eine Klasse Junger Damen. Die Lehrerin bat uns, die zehn Punkte aufzuschreiben, die uns am wichtigsten waren. Schnell begann ich zu schreiben. Ich muss zugeben, mein erster Gedanke war: „Die Schublade mit den Stiften in der Küche saubermachen.“ Als wir unsere Listen fertig hatten, forderte die JD-Leiterin uns auf, zu sagen, was wir geschrieben hatten. Abby, die gerade zwölf geworden war, saß neben mir. Das stand auf Abbys Liste:

  1. 1.

    an der University of Utah studieren

  2. 2.

    Innenarchitektin werden

  3. 3.

    nach Indien auf Mission gehen

  4. 4.

    im Tempel einen zurückgekehrten Missionar heiraten

  5. 5.

    fünf Kinder und ein Zuhause

  6. 6.

    meine Kinder auf Mission und aufs College schicken

  7. 7.

    eine Oma werden, die Plätzchen verteilt

  8. 8.

    die Enkel verwöhnen

  9. 9.

    das Evangelium besser kennenlernen und Freude am Leben haben

  10. 10.

    zum Vater im Himmel zurückkehren und bei ihm leben

Hätten Sie das gedacht? Ich sage nur: „Danke, Abby, dass du mir gezeigt hast, was es heißt, von dem Plan, den der himmlische Vater für jeden von uns hat, eine Vision zu haben.“ Man macht einen Plan und lebt danach, so gut man kann. Es wird Umleitungen geben. Vielleicht fehlt hie und da eine Brücke oder die Straße ist mal gesperrt, oder man kommt vom Weg ab und verirrt sich, aber man kann auf den Weg zurückkehren.

Präsident Thomas S. Monson hat gesagt: „Wenn man etwas macht, was sich nicht ganz wie geplant entwickelt, kann man es fast immer in Ordnung bringen, darüber hinwegkommen, daraus lernen.“6 Sie glauben vielleicht, es führe kein Weg zurück. Der Widersacher lächelt bei diesem Gedanken. Ich versichere Ihnen: Es führt ein Weg zurück. Der Erlöser hat gesagt: „Mein Arm ist den ganzen Tag lang ausgestreckt.“ (2 Nephi 28:32.) Er sagte: „Dies ist mein Werk und meine Herrlichkeit – die Unsterblichkeit und das ewige Leben des Menschen zustande zu bringen.“ (Mose 1:39.) Ich kann mir vorstellen, dass Gott viel härter arbeitet als wir, um uns zurückzubringen.

Zunächst erwartet er, dass wir unseren Platz in seinem Plan finden und tun, was wir können, um danach zu leben, indem wir die Gebote befolgen und an heiligen Stätten stehen. Wenn unser oberstes Ziel die Erhöhung ist, wird unser Vorhaben, dorthin zu gelangen, jede Entscheidung bestimmen, die wir treffen. Wir sind auf dem Weg nicht allein. Gott liebt uns und kennt uns persönlich. Er ist an allen Einzelheiten unseres Lebens beteiligt, und manchmal fühlen wir seine Hand auf unserem Rücken, wenn wir den Weg beschreiten.

4. Den Vater und den Sohn erkennen

4. Frage: Wie soll ich den Vater und seinen geliebten Sohn erkennen?

Den Vater und den Sohn zu erkennen ist der Zweck unseres Daseins.

Als der Heiland zum Vater betete, sagte er: „Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast.“ (Johannes 17:3.)

Laman und Lemuel erkannten „das Walten jenes Gottes nicht …, der sie erschaffen hatte“ (1 Nephi 2:12). C. S. Lewis hat gesagt: „Solange man stolz ist, kann man Gott nicht erkennen.“7 Der Widersacher möchte, dass wir Gott nicht erkennen. Er möchte auch, dass wir gefühllos werden, verwirrt und umgeben von Lärm, Ablenkungen und allem, was die stillen Augenblicke verhindert, in denen wir persönlich den Herrn suchen. Im Übermaß auf eine Sache versessen zu sein, ist ein weiteres Werkzeug des Satans. Nur wir können genug Zeit schaffen, um den Herrn zu erkennen.

Wenn wir demütig, fügsam und sanftmütig sind, kommen wir ihm näher. Francis Webster, der die Handkarrenabteilung Martin 1856 auf ihrem trostlosen Weg durch Wyoming begleitete, sagte zur Verteidigung der Gruppe: „Jeder von uns hat am Ende mit absoluter Bestimmtheit gewusst, dass Gott lebt – wir haben ihn in unserer äußersten Not kennengelernt.“8

Wir erkennen den Erretter, wenn wir ihn in unser Leben einlassen. Wir sind eifriger bemüht, zu vergeben, und dienen bereitwilliger, wenn er Teil unseres Lebens ist. Wenn unser Herz offen und aufnahmebereit ist, werden wir ihm ähnlicher. Dann entdecken wir, dass er die ganze Zeit über bei uns gewesen ist. Wir haben Frieden. Unsere Prüfungen sind nicht länger Lasten, sondern Segnungen, weil sie den Weg gepflastert haben, der uns zu ihm führte.

„Wir rühmen uns … unserer Bedrängnis“, schrieb Paulus, „denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld,

Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung.

Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ (Römer 5:35.)

C. S. Lewis bezeichnet diejenigen, die Christus erkannt haben, als „neue Menschen“. Er hat gesagt: „Die neuen Menschen gibt es hier und dort überall auf der Erde. … Ab und zu trifft man sie. Ihr Gesicht und ihre Stimme sind anders als unsere, stärker, ruhiger, froher, leuchtender. Sie beginnen dort, wo die meisten von uns aufhören, … sie lenken die Aufmerksamkeit nicht auf sich. Wir denken, dass wir gütig zu ihnen sind, während sie in Wirklichkeit gütig zu uns sind. Sie lieben uns mehr als andere Menschen, aber sie brauchen uns weniger. … Es scheint im Allgemeinen, dass sie viel Zeit haben. Man fragt sich, woher diese kommt. …

Ein neuer Mensch zu werden bedeutet, dass wir das verlieren, was wir jetzt ‚uns selbst‘ nennen. Wir müssen aus uns selbst heraus und in Christus hineingehen. Sein Wille muss der unsrige werden, und wir müssen seine Gedanken denken.“9

Wie es geht, etwas selbst zu erkennen

Den Heiligen Geist zu erkennen, die Wahrheit des Buches Mormon zu erkennen, den Plan zu erkennen, den der Vater im Himmel für jeden von uns hat, und den Vater und den Sohn zu erkennen ist etwas Schönes.

Es gibt da ein Muster bei jedem Wunsch, zu erkennen. Sehen Sie es?

Nephi beschrieb das Muster, als er sagte: „Erinnert ihr euch nicht dessen, was der Herr gesagt hat? – Wenn ihr euer Herz nicht verhärtet und im Glauben bittet, im Vertrauen darauf, dass ihr empfangen werdet, mit Eifer im Halten meiner Gebote, so wird euch dies gewisslich kundgetan werden.“ (1 Nephi 15:11.)

Sehen Sie, wie es geht?

Nephi sagt uns, was dazugehört:

  • ein demütiges Herz haben

  • im Glauben fragen, den Herrn im Gebet um Hilfe bitten,

  • gewissenhaft die Gebote befolgen und den Willen des Herrn tun,

  • die Hand des Herrn erkennen. So werden Sie es erfahren. Wenn Sie seine Hand in Ihrem Leben sehen, ist das eine Bestätigung seiner Liebe. Je mehr Sie seine Hand erkennen, desto mehr beteiligt er sich. Und so werden Sie den Heiland erkennen, den Sie einst kannten.

Die Menschen an den Wassern Mormon machten durch Beten Fortschritte im Glauben. Sie handelten mit Eifer und lernten, den Sabbattag zu beachten. Sie lernten, mit den Händen zu arbeiten und geistig ebenso wie zeitlich miteinander zu teilen. Die Söhne Mosias forschten in den Schriften und gaben sich vielem Fasten und Beten hin. Sie bezahlten auch den Preis für ihre Erkenntnis.

Es hat mich beeindruckt, dass Elder Christensen laut betete und dem Herrn versprach, wenn er ihm die Wahrheit des Buches Mormon offenbare, wolle er sein Leben dem Aufbau des Reiches widmen. Er war eifrig, und mit seinem abendlichen Opfer gelangte er zur Erkenntnis.

Abby entwarf einen Plan und lebt gewissenhaft danach. Ihr Ziel, zum Vater im Himmel zurückzukehren, bestärkt täglich ihre Entscheidungen. Sie erkennt, dass der Herr einen Plan für sie hat.

Etwas selbst zu erkennen ist eine ganz persönliche Angelegenheit. Und wir können dieses „Erkennen“ oft in unserem Leben erfahren. Es ist die zunehmende Erinnerung an das, was wir einmal wussten. Merken Sie sich einfach: Sie kennen Gott, und wenn Sie jemals wissen wollen, ob er Sie kennt, brauchen Sie nur zu fragen. Das PV-Lied „Gebet eines Kindes“ beginnt mit den Worten: „Himmlischer Vater, bist du wirklich da? Und wenn ich bete, gibst du Antwort, bist mir nah?“10 Ich bezeuge: Ja! Das macht er! Der Herr kann uns etwas lehren, wenn wir fragen. Knien Sie sich im Gebet nieder und fragen Sie laut: „Bin ich wirklich dein Sohn, deine Tochter? Liebst du mich?“ Horchen Sie dann. Das Fragen kann einen sehr demütig machen. Zu fragen ist ein Ausdruck des Glaubens.

Joseph Smith stellte voller Glauben als Junge von 14 Jahren an einem schönen Ort im Staat New York, im Städtchen Palmyra, in einem Wäldchen eine Frage, weil er etwas erkennen wollte. Er sagte: „Ich [hatte] zwei Personen gesehen, und sie hatten wirklich zu mir gesprochen; … ich hatte eine Vision gesehen, das wusste ich; und ich wusste, dass Gott es wusste; und ich konnte es nicht leugnen.“ (Joseph Smith – Lebensgeschichte 1:25.) „Und nun, nach den vielen Zeugnissen, die von ihm gegeben worden sind, ist dies, als letztes von allen, das Zeugnis, das wir von ihm geben: dass er lebt!“ (LuB 76:22.)

In Jerusalem, am Grab, am Ende des Sabbats, als der erste Tag der Woche zu dämmern begann, wurden Maria aus Magdala und die andere Maria von zwei Engeln an einem schönen Ort, in einem Garten, begrüßt. Die Engel sagten:

„Fürchtet euch nicht! Wir wissen, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten.

Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden.“ (Siehe Matthäus 28:1-6, Fußnote 2a, 3a und 5a in der Joseph-Smith-Übersetzung.)

Dadurch, dass wir den auferstandenen Heiland, Jesus Christus, erkennen, erkennen wir, dass er durch sein Sühnopfer allen Schmerz lindern wird. Er bringt Erleichterung und Trost in allem Kummer. Er kann unsere Lasten tragen und Frieden für jedes Gefühl – jedes Gefühl – der Unzulänglichkeit und jeden Wunsch nach Änderung bringen.

Präsident Ezra Taft Benson hat gesagt: „Nichts wird uns mehr überraschen, wenn wir durch den Schleier auf die andere Seite gehen, als zu erkennen, wie gut wir unseren Vater kennen und wie vertraut uns sein Gesicht ist.“11 Wir kennen ihn!

Hier an der Utah-State-Universität sind meine Wasser Mormon. Dieser Campus ist in meinen Augen schön, denn hier fing ich an, zur Erkenntnis meines Erlösers zu gelangen. Stolz stehe ich da als eine Zeugin für den Vater im Himmel und den Erretter. Durch die Macht des Heiligen Geistes weiß ich, dass sie leben. Sie kennen Sie persönlich, und Sie sind ihnen kostbar. Sie haben sie gut gekannt, bevor Sie auf die Erde kamen. Lassen Sie sich auf Ihrem Weg nicht beirren. Der Vater im Himmel wartet darauf, Sie in die Arme zu schließen. Ich habe Sie lieb. Ich bete für Sie, die Kinder Gottes. Im Namen Jesu Christi. Amen.

© 2011 Intellectual Reserve, Inc. Alle Rechte vorbehalten. Genehmigung: Englisch 2/11. Übersetzung 2/11. Das Original trägt den Titel: Coming to Know. German. PD50031652 150

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    Anmerkungen

  1.   1.

    Joseph Smith, in History of the Church, 2:23

  2.   2.

    Brigham Young, Discourses of Brigham Young, Hg. John A. Widtsoe, 1954, Seite 50

  3.   3.

    Clayton M. Christensen, „Decisions for Which I’ve Been Grateful“, Andacht an der Brigham-Young-Universität Idaho am 8. Juni 2004, http://www.byui.edu/Presentations/Transcripts/Devotionals/2004_06_08_Christensen.htm

  4.   4.

    Bruce C. Hafen, Liahona, Mai 2004, Seite 98; Hervorhebungen im Original

  5.   5.

    Joseph Smith, History of the Church, 5:134

  6.   6.

    Thomas S. Monson, Joy in the Journey“, in Awake, Arise, and Come unto Christ: Talks from the 2008 BYU Women’s Conference, 2009, Seite 3

  7.   7.

    C. S. Lewis, Mere Christianity, 1980, Seite 124

  8.   8.

    Francis Webster, zitiert von Gordon B. Hinckley in: „Zu retten ist unsere Mission“, Der Stern, Januar 1992, Seite 54

  9.   9.

    Lewis, Mere Christianity, Seite 223f.

  10.   10.

    „Gebet eines Kindes“, Liederbuch für Kinder, Seite 6

  11.   11.

    Ezra Taft Benson, „Jesus Christ – Gifts and Expectations“, in Speeches of the Year, 1974, 1975, Seite 313