Gib uns heute das Brot, das wir brauchen

Gib uns heute das Brot, das wir brauchen, 2011

CES-Fireside für junge Erwachsene • 9. Januar 2011 • Brigham-Young-Universität


Wir älteren Erwachsenen – Ihre Eltern, Führer der Kirche, Professoren und Freunde – halten Sie häufig dazu an, für die Zukunft zu planen. Wir fordern Sie auf, sich Bildung anzueignen und eine Berufsausbildung zu durchlaufen, als Vorbereitung auf die Jahre, die noch vor Ihnen liegen. Wir bitten Sie dringend, die Voraussetzungen für eine Ehe und eine Familie zu schaffen und diese Pläne auch umzusetzen. Wir ermahnen Sie, bei Ihren heutigen Entscheidungen (beispielsweise, was Sie ins Internet stellen) die möglichen späteren Folgen zu bedenken. Wir raten Ihnen, zu überlegen, woran Sie Erfolg in Ihrem Leben messen wollen, und dann die Vorgehensweise festzulegen und sich die Gewohnheiten anzueignen, die zu diesem Erfolg führen werden.

All dies zeichnet einen klugen, besonnenen Lebenskurs aus, und mit meinen Worten heute Abend möchte ich auch keineswegs herunterspielen, wie wichtig es ist, vorauszudenken und zu planen. Gut durchdachte Planung und Vorbereitung sind der Schlüssel zu einer lohnenden Zukunft, aber wir leben nicht in der Zukunft – wir leben in der Gegenwart. Tag für Tag stellen wir unsere Zukunftspläne auf, und Tag für Tag erreichen wir unsere Ziele. Tag um Tag erziehen wir Kinder und kümmern wir uns um die Familie. Tag um Tag überwinden wir Unvollkommenheiten. Tag um Tag harren wir glaubensvoll bis ans Ende aus. Viele gut verlebte Tage summieren sich zu einem erfüllten Leben und bringen einen Heiligen hervor. Deshalb möchte ich darüber sprechen, wie man Tag für Tag ein gutes Leben führt.

Wenden Sie sich an Gott für das, was Sie jeden Tag brauchen

Im Lukasevangelium wird berichtet, dass Jesus von einem seiner Jünger gebeten wurde: „Herr, lehre uns beten, wie schon Johannes seine Jünger beten gelehrt hat.“ (Lukas 11:1.) Jesus sprach danach ein Gebet, das uns als Muster dienen soll und als Vaterunser bekannt geworden ist. Das gleiche Gebet steht auch im Matthäusevangelium, wo es in der Bergpredigt vorkommt (siehe Matthäus 6:9-13).

Das Vaterunser enthält unter anderem die Bitte: „Gib uns heute das Brot, das wir brauchen“ (Matthäus 6:11) oder in Lukas: „Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen“ (Lukas 11:3). Wir werden wohl alle bereitwillig zugeben, dass wir täglich Bedürfnisse haben, für die wir uns die Hilfe unseres Vaters im Himmel wünschen. Für manch einen geht es so manchen Tag ganz buchstäblich ums Brot, also die Nahrung, die er an dem Tag zum Leben braucht. Es könnte aber auch geistige und körperliche Kraft sein, um einen weiteren Tag mit einer chronischen Krankheit zu meistern oder einer, von der man sich nur quälend langsam erholt. In anderen Fällen können die Bedürfnisse weit weniger greifbar sein, verbunden mit den Pflichten oder Unternehmungen des jeweiligen Tages – wie einen Unterricht halten oder an einer Prüfung teilnehmen.

Jesus trägt uns, seinen Jüngern, auf, uns jeden Tag wegen des Brotes – der Hilfe und des Beistands –, dessen wir an dem Tag bedürfen, an Gott zu wenden. Das passt zu der Aufforderung, immer zu beten und nicht zu ermatten, „dass ihr vor dem Herrn nichts tun dürft, ohne dass ihr zuallererst im Namen Christi zum Vater betet, dass er dein Handeln dir weihe, damit dein Handeln dir zum Wohlergehen deiner Seele gereiche“ (2 Nephi 32:9).

Die Aufforderung des Herrn, nach unserem täglichen Brot aus der Hand des himmlischen Vaters zu trachten, zeugt von einem liebevollen Gott, der selbst auf die kleinen, täglichen Bedürfnisse seiner Kinder achtet und sehr darauf bedacht ist, ihnen beizustehen, jedem Einzelnen. Er sagt, dass wir voll Glauben Gott bitten können, der allen gern gibt und niemandem einen Vorwurf macht (siehe Jakobus 1:5). Das ist natürlich ungeheuer beruhigend, aber hier ist auch etwas am Werk, was noch bedeutsamer ist als lediglich Hilfe, um Tag für Tag zurechtzukommen. Wenn wir täglich um Brot vom Herrn bitten und es auch erhalten, wachsen nämlich unser Glaube und unser Vertrauen zu Gott und seinem Sohn.

Wenn wir uns wegen unserer Bedürfnisse täglich an Gott wenden, nährt das unseren Glauben

Sie erinnern sich sicher an den großen Auszug der Stämme Israels aus Ägypten und die 40 Jahre, die sie in der Wildnis zubrachten, ehe sie in das ihnen verheißene Land gelangten. Diese riesige Schar von weit über einer Million Menschen brauchte Nahrung. Gewiss konnten so viele Menschen an einem Ort sich nicht lange durch das Jagen von Wild erhalten, und ihre Lebensweise als Halbnomaden war auch nicht für den Anbau von Feldfrüchten und die Viehzucht in ausreichendem Maße geeignet. Jehova löste das Problem, indem er ihnen das tägliche Brot auf wundersame Weise vom Himmel her zukommen ließ – Manna. Diese kleinen, essbaren Krumen, die sich jeden Morgen auf dem Boden fanden, waren etwas ganz Neues und Unbekanntes. Der Begriff Manna leitet sich übrigens aus Wörtern ab, die „Was ist es?“ bedeuten. Durch Mose wies der Herr das Volk an, jeden Tag genug für ebendiesen Tag zu sammeln, außer am Tag vor dem Sabbat, an dem sie genug für zwei Tage sammeln sollten.

Anfangs versuchten einige, trotz Moses konkreter Anweisung mehr zu sammeln als eine Tagesration und den Rest aufzubewahren.

„Mose sagte zu ihnen: Davon darf bis zum Morgen niemand etwas übrig lassen.

Doch sie hörten nicht auf Mose, sondern einige ließen etwas bis zum Morgen übrig. Aber es wurde wurmig und stank.“ (Exodus 16:19,20.)

Wie verheißen, verdarb jedoch nichts, wenn sie am sechsten Tag die doppelte normale Tagesration Manna sammelten.

„Sie bewahrten es also bis zum Morgen auf, wie es Mose angeordnet hatte, und es faulte nicht, noch wurde es madig.

Da sagte Mose: Esst es heute, denn heute ist Sabbat zur Ehre des Herrn. Heute findet ihr draußen nichts.

Sechs Tage dürft ihr es sammeln, am siebten Tag ist Sabbat; da findet ihr nichts.“ (Exodus 16:24-26.)

Wieder aber konnten einige nicht glauben, ohne zu sehen, und machten sich am Sabbat auf die Suche, um Manna zu sammeln.

„Da sprach der Herr zu Mose: Wie lange wollt ihr euch noch weigern, meine Gebote und Weisungen zu befolgen?

Ihr seht, der Herr hat euch den Sabbat gegeben; daher gibt er auch am sechsten Tag Brot für zwei Tage. Jeder bleibe, wo er ist. Am siebten Tag verlasse niemand seinen Platz.“ (Exodus 16:28,29.)

Offenbar gab es selbst damals, genau wie heute, schon Menschen, die sich nicht beherrschen konnten, am Sabbat einkaufen zu gehen.

Indem Jehova Tag um Tag für den täglichen Bedarf sorgte, versuchte er, ein Volk Glauben zu lehren, das über einen Zeitraum von etwa 400 Jahren einen Großteil des Glaubens seiner Väter verloren hatte. Er lehrte es, ihm zu vertrauen, in jedem Gedanken auf ihn zu blicken, nicht zu zweifeln und sich nicht zu fürchten (siehe LuB 6:36). Er sorgte dafür, dass sie genug für den jeweiligen Tag hatten. Außer am sechsten Tag konnten sie kein Manna lagern, um es an einem oder mehreren Folgetagen zu verwenden. Im Grunde mussten die Kinder Israel also am jeweiligen Tag mit dem Herrn wandeln und darauf vertrauen, dass er am folgenden Tag für ausreichend Nahrung sorgen würde und jeden weiteren Tag ebenso. Auf diese Weise konnten sich ihre Gedanken und ihr Herz nicht allzu weit vom Herrn entfernen.

Wir sollten übrigens auch anmerken, dass diese 40 Jahre Manna nicht als Almosen auf Dauer gedacht waren. Sobald die Stämme Israels in der Lage waren, sich selbst zu versorgen, wurde das auch von ihnen verlangt. Sie hatten den Jordan überquert und waren vorbereitet, Kanaan zu erobern, Jericho zuerst. Danach geschah laut der Schrift dies: „Am Tag nach dem Pascha … aßen sie … geröstetes Getreide [also die Ernte des Vorjahres] aus den Erträgen des Landes.

Vom folgenden Tag an, nachdem sie von den Erträgen des Landes gegessen hatten, blieb das Manna aus; von da an hatten die Israeliten kein Manna mehr, denn sie aßen in jenem Jahr von der Ernte des Landes Kanaan.“ (Josua 5:11,12.)

Genauso müssen wir, wenn wir den Herrn um unser tägliches Brot bitten – um Hilfe bei dem, was wir selbst nicht schaffen können –, dennoch rührig bleiben und das tun, was in unserer Macht steht.

Man muss auf den Herrn vertrauen – mit der Zeit kommt die Lösung

Einige Zeit, bevor ich als Generalautorität berufen wurde, hatte ich wirtschaftliche Probleme, die sich über mehrere Jahre hinzogen. Sie waren nicht entstanden, weil jemand sie verschuldet oder absichtlich herbeigeführt hätte, sondern – wie so manches im Leben – einfach so. Sie nahmen an Schwere und Dringlichkeit mal zu und mal ab, legten sich aber nie völlig. Zeitweise waren dadurch das Wohlergehen meiner Familie und meiner selbst bedroht und ich dachte, wir stünden vor dem finanziellen Ruin. Ich betete darum, dass ein Wunder dazwischenfahren und uns erlösen möge. Obwohl ich oft darum betete, voller Aufrichtigkeit und mit ernsthaftem Wunsch, lautete die Antwort schließlich: „Nein.“ Irgendwann lernte ich dann, so zu beten wie der Heiland: „Nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.“ (Lukas 22:42.) Ich suchte die Hilfe des Herrn bei jedem winzigen Schritt auf dem Weg zu einer abschließenden Lösung.

Es gab Zeiten, da hatte ich all meine Mittel ausgeschöpft, und es gab nichts und niemanden, wohin ich mich in dem Moment hätte wenden können, es gab schlicht keinen Menschen, den ich in meiner Zwangslage um Hilfe bitten konnte. Aller Möglichkeiten beraubt, fiel ich mehr als einmal vor dem Vater im Himmel nieder auf die Knie und flehte weinend um seine Hilfe. Und er half wirklich. Manchmal war es nicht mehr als innerer Friede – die Zusicherung, dass alles gut ausgehen werde. Ich sah vielleicht nicht, wie oder wohin es gehen sollte, aber der Herr ließ mich wissen, dass er, direkt oder indirekt, einen Ausweg schaffen würde. Mal veränderten sich die Umstände oder mir kam eine neue hilfreiche Idee, mal ergaben sich unerwartet Einkünfte oder andere Mittel gerade zur rechten Zeit. Irgendwie gab es eine Lösung.

Obwohl ich damals litt, bin ich heute im Rückblick dankbar, dass mein Problem sich nicht rasch lösen ließ. Durch den Umstand, dass ich gezwungen war, über viele Jahre hinweg fast täglich Gott um Hilfe zu bitten, lernte ich wahrhaftig, wie man betet und Antworten darauf erhält, und ich lernte auf sehr pragmatische Weise, an Gott zu glauben. Ich lernte meinen Erlöser und meinen Vater im Himmel auf eine Weise und in einem Ausmaß kennen, wie es andernfalls vielleicht nie geschehen wäre, oder es hätte viel länger gedauert. Ich begriff, dass das tägliche Brot ein kostbares Gut ist. Ich erfuhr, dass Manna heute genau so real sein kann wie das greifbare Manna aus der biblischen Geschichte. Ich lernte, von ganzem Herzen auf den Herrn zu vertrauen. Ich lernte, Tag für Tag mit ihm zu wandeln.

Mit größeren Problemen durch kleinere, tägliche „Häppchen“ zurechtkommen

Gott um das tägliche Brot zu bitten statt um das Brot für eine Woche, einen Monat oder ein Jahr, gestattet uns auch, uns mit kleineren, überschaubareren „Portionen“ eines Problems zu befassen. Um mit etwas sehr Großem zurechtzukommen, müssen wir es möglicherweise in kleinen, täglichen „Häppchen“ verarbeiten. Manchmal ist ein Tag nach dem anderen (oder gar nur ein Tagesabschnitt) alles, was wir bewältigen können. Ich möchte Ihnen ein Beispiel nennen, das nicht aus den heiligen Schriften stammt.

In einem Buch mit dem Titel Der einzige Überlebende, das ich kürzlich las, geht es um die tragische Geschichte eines vierköpfigen Trupps einer Spezialeinheit der US-Marine, der sich vor fünf Jahren auf verdecktem Einsatz in einer abgelegenen Region Afghanistans befand. Als einige Schafhirten, zwei Männer und ein Junge, sie zufällig entdeckten, standen diese Marinesoldaten mit Spezialausbildung vor der Wahl, sie entweder zu töten oder weiterziehen zu lassen – in dem Wissen, dass die drei dann ihren Aufenthaltsort verraten und sie umgehend von Al-Qaida- und Taliban-Truppen angegriffen werden würden. Dennoch ließen sie die unschuldigen Hirten gehen, und in dem darauffolgenden Feuergefecht gegen weit über 100 Angreifer überlebte nur der Autor, Marcus Luttrell.

Dieser berichtet in seinem Buch über die harte Ausbildung und immense Ausdauer, die man braucht, um sich für diese Sondereinheit der US-Marine zu qualifizieren. In Luttrells Gruppe beispielsweise schafften es nur 32 der anfangs 164 Männer, die Ausbildung erfolgreich abzuschließen. Sie standen wochenlang fast ständig körperliche Anstrengungen durch, zum Teil in kaltem Meerwasser. Sie schwammen, paddelten in aufblasbaren Booten oder trugen diese, liefen durch Sand, machten täglich hunderte Liegestütze, schleppten Baumstämme über einen Hindernisparcours und so weiter. Sie waren fast ununterbrochen erschöpft.

Mich beeindruckte, was ein Vorgesetzter zu Beginn der letzten und schwierigsten Trainingsphase zu der Gruppe sagte:

„Erstens: Ich möchte nicht, dass Sie plötzlich hereinbrechenden Belastungen nachgeben. Wenn Sie schlimme Schmerzen haben, halten Sie einfach durch. Bringen Sie den Tag zu Ende. Falls es Ihnen dann noch immer schlecht geht, denken Sie lange und intensiv nach, ehe Sie beschließen, aufzugeben. Zweitens: Gehen Sie jeden Tag der Reihe nach an. Immer eins nach dem anderen.

Lassen Sie nicht zu, dass die Gedanken mit Ihnen durchgehen, schmieden Sie keine Pläne für den Ausstieg, weil Sie sich um die Zukunft sorgen oder darum, wie viel Sie wohl aushalten. Denken Sie nicht an künftige Schmerzen. Halten Sie einfach den ganzen Tag durch, dann liegt eine großartige Laufbahn vor Ihnen.“1

Normalerweise ist es gut, sich vorzustellen, was kommt, und sich darauf einzustellen. Manchmal jedoch ist der Rat dieses Offiziers klug: „Gehen Sie jeden Tag der Reihe nach an. … Denken Sie nicht an künftige Schmerzen. Halten Sie einfach den ganzen Tag durch.“ Sich darum zu sorgen, was ist oder sein könnte, kann uns schwächen. Es kann uns lähmen und uns dazu bringen, dass wir aufgeben.

In den Fünfzigerjahren überlebte meine Mutter eine radikale Krebsoperation. Diese allein war schon schwierig, aber es folgten noch Dutzende schmerzhafte Bestrahlungen unter medizinischen Bedingungen, die man heute als ziemlich primitiv ansehen würde. Sie weiß noch, dass ihre Mutter sie in dieser Zeit etwas lehrte, was ihr seitdem immer geholfen hat: „Ich war so krank und schwach und sagte eines Tages zu ihr: ,Ach, Mutter, ich halte das nicht aus! Noch sechzehn Mal diese Behandlung!‘ Darauf die Mutter: ,Schaffst du es denn heute?‘ ,Ja.‘ ,Nun, mein Schatz, mehr brauchst du heute nicht zu tun!‘ Es hat mir schon oft geholfen, mich darauf zu besinnen, jeden Tag und jede Sache der Reihe nach anzugehen.“

Der Geist kann uns zeigen, wann wir vorausschauen und wann wir uns nur mit einem Tag, einem Augenblick befassen sollten. Wenn wir den Herrn fragen, wird er uns durch den Heiligen Geist wissen lassen, wann es sich für uns empfiehlt, uns an das Gebot zu halten, das er seinen Aposteln vor alters gab: „Darum sorgt nicht für den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seinem eigenen Übel.“ (3 Nephi 13:34; siehe auch Matthäus 6:34.)

Wir brauchen Gottes „tägliches Brot“, um unser Potenzial auszuschöpfen

Ich habe ja gesagt, dass es sehr wichtig ist, um das tägliche Brot zu bitten und es aus Gottes Hand anzunehmen, damit wir Gottvertrauen erlernen und die Schwierigkeiten des Lebens ertragen. Wir brauchen außerdem eine tägliche Ration an Brot von Gott, um zu werden, wie wir werden müssen. Umzukehren, besser zu werden und schließlich einmal „Christus in seiner vollendeten Gestalt dar[zu]stellen“ (Epheser 4:13), wie Paulus es ausdrückte, vollzieht sich Schritt für Schritt. Neue, gute Gewohnheiten in unseren Charakter aufzunehmen oder schlechte Gewohnheiten oder Abhängigkeiten zu überwinden, bedeutet meistens, uns heute anzustrengen und morgen noch einmal und dann wieder, vielleicht viele Tage lang, ja, sogar Monate und Jahre, bis der Sieg errungen ist. Aber wir können es schaffen, weil wir Gott um das tägliche Brot bitten können, um die Hilfe, die wir täglich brauchen.

Wir fassen in dieser Jahreszeit die guten Vorsätze für das neue Jahr, und ich möchte dazu Präsident N. Eldon Tanner zitieren, der einmal Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft war: „Es zahlt sich aus, wenn man sich vornimmt, Besseres zu leisten. Fassen wir doch den Entschluss, diszipliniert Vorsätze auszuwählen und zu überlegen, welchen Zweck sie haben. Gehen wir dann zu guter Letzt die Verpflichtung ein, diese Vorsätze auch zu halten und uns durch nichts davon abhalten zu lassen. Denken wir jeden Morgen daran: An einen guten Vorsatz kann man sich zumindest diesen einen Tag lang halten. Dann fällt es uns immer leichter, und schließlich wird es zur Gewohnheit.“2

Vor gut einem Jahr sprach Elder David A. Bednar darüber, dass Beständigkeit in kleinen täglichen Gewohnheiten wie dem Familiengebet, Schriftstudium und dem Familienabend für die Stärkung der Familie entscheidend ist. Beständige Anstrengung in scheinbar kleinen, täglichen Schritten ist ein wesentliches Prinzip, wann immer etwas Großes zu vollbringen ist, so auch beim Fortschritt auf dem Weg als Jünger Jesu. Zur Veranschaulichung verglich Elder Bednar tägliche Handlungen mit einzelnen Pinselstrichen in einem Gemälde, die gemeinsam mit der Zeit ein Kunstwerk ergeben. Er sagte:

„In meinem Büro hängt ein schönes Bild von einem Weizenfeld. Das Bild besteht aus einer endlosen Ansammlung einzelner Pinselstriche, von denen keiner – für sich betrachtet – besonders interessant oder beeindruckend ist. Eigentlich kann man, wenn man direkt vor der Leinwand steht, lediglich eine Unmenge scheinbar zusammenhangloser und reizloser Striche von gelber, goldener und brauner Farbe erkennen. Bewegt man sich jedoch nach und nach von der Leinwand weg, fügen sich die einzelnen Pinselstriche ineinander und ergeben so das wunderschöne Landschaftsbild eines Weizenfelds. …

Doch so wie die gelben, goldenen und braunen Pinselstriche einander ergänzen und ein beeindruckendes Meisterwerk ergeben, kann unsere Beständigkeit darin, vermeintlich Unscheinbares zu tun, eine bedeutende Wirkung erzielen. ‚Darum werdet nicht müde, Gutes zu tun, denn ihr legt die Grundlage für ein großes Werk. Und aus etwas Kleinem geht das Große hervor.‘ (LuB 64:33.)“3

Präsident Ezra Taft Benson gab einmal im Hinblick auf die Umkehr diesen Rat:

„Bei unserem Streben, [Christus] immer ähnlicher zu werden, [müssen wir] darauf achten …, dass wir den Mut und die Hoffnung nicht verlieren. Man braucht ein ganzes Leben, um so wie Christus zu werden, und meistens wachsen und verändern wir uns nur langsam, fast unmerklich. In den heiligen Schriften lesen wir bemerkenswerte Berichte von Menschen, bei denen sich eine drastische Änderung vollzogen hat, und zwar in einem einzigen Augenblick: Alma der Jüngere, Paulus auf dem Weg nach Damaskus, Enos, der bis tief in die Nacht betet, König Lamoni. Solche erstaunlichen Beispiele dafür, wie sich selbst tief in Sünde verstrickte Menschen ändern konnten, vermitteln Zuversicht, dass das Sühnopfer auch diejenigen erreichen kann, die zutiefst verzweifelt sind.

Wir müssen bei der Besprechung solcher bemerkenswerter Beispiele allerdings vorsichtig sein. Obwohl sie sich wirklich zugetragen haben und sehr beeindruckend sind, sind sie eher die Ausnahme als die Regel. Auf jeden Paulus, auf jeden Enos und auf jeden König Lamoni kommen Hunderte und Tausende, für die sich die Umkehr weit weniger dramatisch, sondern viel unmerklicher gestaltet. Tag um Tag nahen sie sich dem Herrn, ohne sogar richtig zu merken, dass sie Gott immer ähnlicher werden. Sie führen ein ruhiges Leben voller Güte, Dienst am Nächsten und Selbstverpflichtung. …

Wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren, denn die Hoffnung ist der Anker für die Menschenseelen. Der Satan möchte gern, dass wir diesen Anker fortwerfen, weil er uns dann entmutigen und zur Aufgabe bewegen kann. Aber wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren. Der Herr freut sich über jedes Bemühen, selbst über die allerkleinste alltägliche Anstrengung, durch die wir ihm ähnlicher werden wollen.“4

Trachten Sie nach der Hilfe des Herrn, um anderen zu dienen

Denken Sie aber auch daran, dass wir nicht nur nach innen schauen dürfen, wenn wir nach dem täglichen Maß an Brot von Gott streben. Wenn wir so werden wollen wie der Herr, der ja „nicht gekommen [ist], um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen“ (Markus 10:45), werden wir ihn auch um Hilfe dabei bitten, unserem Nächsten Tag für Tag zu dienen.

Präsident Thomas S. Monson lebt besser nach diesem Grundsatz als jeder andere, den ich kenne. Er hat stets das Gebet im Herzen, Gott möge ihm Bedürfnisse und Möglichkeiten offenbaren, damit er den Menschen in seinem Umfeld jeden Tag und Augenblick beistehen kann. Ein Beispiel aus seiner Zeit als Bischof verdeutlicht die Tatsache, dass manchmal sogar schon geringe Mühe – mit dem Wirken des Geistes – bemerkenswerte Früchte hervorbringen kann. Ich zitiere aus Heidi Swintons Biografie von Präsident Monson, To the Rescue („Zur Rettung“):

„Einer derer, um die [Präsident Monson] sich kümmerte, war Harold Gallacher. Seine Frau und seine Kinder waren in der Kirche aktiv, aber Harold nicht. Seine Tochter Sharon hatte Bischof Monson gebeten, doch ,etwas zu tun‘, damit ihr Vater wieder aktiv würde. Als Bischof fühlte er sich eines Tages gedrängt, Harold zu besuchen. Eines heißen Sommertags klopfte er an Harolds Eingangstür. Der Bischof konnte ihn drinnen sitzen sehen, wie er Zigarette rauchte und die Zeitung las. ,Wer ist da?‘, fragte Harold mürrisch, ohne aufzublicken.

,Ihr Bischof‘, antwortete Tom. ,Ich bin gekommen, um Sie kennenzulernen und Sie zu bitten, mit Ihrer Familie unsere Versammlungen zu besuchen.‘

,Dazu habe ich keine Zeit‘, lautete seine verächtliche Antwort. Er sah nicht einmal auf. Tom dankte ihm fürs Zuhören und verließ die Türschwelle. Später zog die Familie weg, ohne dass Harold jemals die Versammlungen besucht hätte.

Jahre danach rief ein Bruder Gallacher im Büro von Elder Thomas S. Monson an und bat um einen Gesprächstermin bei ihm.

Elder Monson sagte zu seiner Sekretärin: ,Fragen Sie ihn, ob er Harold G. Gallacher heißt, am Vissing Place 55 gewohnt und eine Tochter namens Sharon hat.‘ Als die Sekretärin das tat, war Harold überrascht, dass Elder Monson diese Einzelheiten noch wusste. Als die beiden sich etwas später trafen, umarmten sie einander. Harold sagte: ,Ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen, dass ich damals an dem einen Sommertag vor vielen Jahren nicht aus meinem Sessel aufgestanden bin und Sie hereingelassen habe.‘ Elder Monson fragte ihn, ob er in der Kirche aktiv sei. Harold antwortete mit einem vielsagenden Lächeln: ,Ich bin jetzt Zweiter Ratgeber in der Bischofschaft meiner Gemeinde. Ihre Einladung, in die Kirche mitzukommen, und meine Ablehnung haben mich so lange verfolgt, bis ich beschloss, etwas in der Sache zu unternehmen‘“5

Alltägliche Entscheidungen wirken sich auf die Ewigkeit aus

An das tägliche Brot zu denken, hält uns die Einzelheiten des Lebens im Bewusstsein, die Wichtigkeit der kleinen Dinge, die unseren Tag ausmachen. Die Erfahrung lehrt, dass in der Ehe beispielsweise beständig erwiesene Freundlichkeit, Hilfe und Aufmerksamkeit viel mehr dazu beitragen, die Liebe zu erhalten und die Beziehung zu pflegen, als gelegentlich eine großartige oder teure Geste. Das soll nicht heißen, Brüder – die verheirateten unter Ihnen –, dass Ihre Frau sich nicht über ein neues und wirklich schönes Kleidungsstück oder ab und zu ein anderes Geschenk freuen würde, das mit einem Ausrufezeichen ausdrückt, was Sie für sie empfinden (innerhalb der Möglichkeiten Ihres kläglichen Budgets natürlich). Es ist nur so, dass beständig, täglich Zuneigung auszudrücken – in Wort und Tat – auf lange Sicht weitaus bedeutender ist.

Genauso können wir bei unseren täglichen Entscheidungen gewisse schädliche Einflüsse daran hindern, in unser Leben einzudringen und Teil unseres Wesens zu werden. Bei einer lockeren Unterhaltung, die Elder Neal A. Maxwell und ich vor einigen Jahren mit einem Priestertumsführer im Rahmen einer Pfahlkonferenz führten, stellten wir fest, dass man Pornografie und entsprechende Bilder weitgehend meiden kann, indem man einfach gute Entscheidungen trifft. In den meisten Fällen ist es schlicht eine Frage der Selbstdisziplin, sich nicht dorthin zu begeben, wo man wahrscheinlich auf Pornografie stößt, real oder im Internet. Wir räumten jedoch ein, dass auch jemand, der sich gut überlegt, was er tut, ganz plötzlich von Pornografie überrumpelt werden könnte, da sie ja tragischerweise so verbreitet ist. „Ja“, meinte Elder Maxwell, „aber er kann sie sofort abweisen. Er muss sie nicht hereinbitten und ihr einen Sessel anbieten.“ Auch für andere Einflüsse und Gewohnheiten – schlampiges Äußeres, gedankenloses Verhalten, Schimpfwörter und Fluchen, unfreundliche Kritik, Aufschieben und so weiter – gilt: Wenn wir uns täglich aufmerksam vor deren ersten Anfängen hüten, schützt uns das davor, eines Tages festzustellen, dass ein Übel oder eine Schwäche in uns Wurzeln geschlagen hat, weil wir unachtsam waren.

Eigentlich gibt es kaum etwas an einem Tag, was völlig unbedeutend wäre. Selbst Alltägliches, was sich ständig wiederholt, kann winzige, doch bedeutsame Bausteine bilden, aus denen mit der Zeit die Disziplin, der Charakter und die Ordnung entstehen, die wir zur Verwirklichung unserer Pläne und Träume brauchen. Deshalb überlegen Sie sich bei Ihrem Gebet um das tägliche Brot genau, was Sie brauchen – sowohl das, woran es Ihnen fehlt, als auch das, wovor Sie sich schützen müssen. Beim Zubettgehen denken Sie darüber nach, was am Tag gut gelungen ist und was nicht und wodurch der nächste Tag etwas besser werden könnte. Und danken Sie dem Vater im Himmel für das Manna, das er Ihnen unterwegs hingelegt hat, das Sie den Tag über gestärkt hat. Ihre Überlegungen werden Ihren Glauben an Gott vermehren, weil Sie so erkennen, wie seine Hand Ihnen hilft, einiges auszuhalten und anderes zu ändern. Sie werden sich an einem weiteren Tag erfreuen können, einem weiteren Schritt hin zum ewigen Leben.

Jesus Christus ist das Brot des Lebens

Vor allem denken Sie daran, dass wir den Herrn haben, auf den das Manna ja hinwies, das ihn symbolisierte: das Brot des Lebens selbst, den Erretter.

„Jesus antwortete ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben. …

Amen, amen, ich sage euch: Wer glaubt, hat das ewige Leben.

Ich bin das Brot des Lebens.

Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben.

So aber ist es mit dem Brot, das vom Himmel herabkommt: Wenn jemand davon isst, wird er nicht sterben.

Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, (ich gebe es hin) für das Leben der Welt.“ (Johannes 6:35,47-51.)

Ich bezeuge Ihnen, dass das Brot des Lebens, Jesus Christus, wirklich lebt, und dass sein Sühnopfer von unbegrenzter Macht und Reichweite ist. Letztlich ist es sein Sühnopfer, seine Gnade, die unser tägliches Brot sind. Wenden wir uns täglich an ihn, um seinen Willen jeden Tag zu tun, um eins mit ihm zu werden, wie er eins ist mit dem Vater (siehe Johannes 17:20-23). Ich segne Sie, dass der Vater im Himmel Ihnen das tägliche Brot gewähren wird, wenn Sie es von ihm erbitten. Im Namen Jesu Christi. Amen.

© 2011 Intellectual Reserve, Inc. Alle Rechte vorbehalten. Genehmigung: Englisch 10/10, Übersetzung 10/10. Das Original trägt den Titel: Give Us This Day Our Daily Bread. German. PD50028437 150

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    Anmerkungen

  1.   1.

    Marcus Luttrell und Patrick Robinson, Lone Survivor: The Eyewitness Account of Operation Redwing and the Lost Heroes of SEAL Team 10, 2007, Seite 124

  2.   2.

    N. Eldon Tanner, „Heute will ich …“, Liahona, März 2003, Seite 27

  3.   3.

    David A. Bednar, Liahona, November 2009, Seite 19f.

  4.   4.

    Ezra Taft Benson, „Eine mächtige Wandlung im Herzen“, Der Stern, März 1990, Seite 7

  5.   5.

    Heidi S. Swinton, To the Rescue: The Biography of Thomas S. Monson, 2010, Seite 160f.