Wie man den Wunsch zu lernen wecken kann

– Bonnie L. Oscarson, Präsidentin der Jungen Damen

  • 7. August 2015

Schwester Bonnie L. Oscarson erklärt, dass mit dem Unterricht in der Kirche das gleiche Ziel verfolgt wird wie mit der Unterweisung in der Familie: ein brennendes Zeugnis.

Das Wichtigste aus dem Artikel

  • Schaffen Sie eine Unterrichtsatmosphäre, in der unsere Kinder und Jugendlichen den Wunsch entwickeln und festigen, zu studieren, zu lernen und aus eigener Überzeugung heraus das Evangelium zu leben.
  • Lehren bedeutet nicht, einen Eimer zu füllen, sondern ein Feuer zu entfachen.
  • Mit dem Unterricht in der Kirche wird das gleiche Ziel verfolgt wie mit der Unterweisung in der Familie: ein brennendes Zeugnis.

„Beim Unterricht in der Kirche geht es nicht darum, mit beeindruckenden pädagogischen Künsten zu glänzen. Vielmehr sollen die Teilnehmer dazu angeregt werden, die Verantwortung zu übernehmen, selbst etwas über das Evangelium zu lernen. In ihnen soll der Wunsch geweckt werden, das Evangelium zu studieren, zu verstehen und danach zu leben.“ – Bonnie L. Oscarson, Präsidentin der Jungen Damen

Als Mutter und Großmutter ist es mein größter Wunsch, dass meine Kinder und Enkelkinder danach streben, die Grundsätze des Evangeliums zu verstehen und alle Segnungen der Mitgliedschaft in der Kirche zu genießen. Kurz gesagt hoffe ich, dass sie wahrhaft bekehrt sein werden. Doch ganz gleich, wie sehr ich mir das für meine Lieben wünsche, kann ich es nicht für sie übernehmen. Jeder ist selbst dafür verantwortlich, zu lernen und sich zu bekehren. Man kann nicht für jemand anderen ein Zeugnis erlangen.

Als Eltern und Lehrer können wir jedoch etwas tun: Wir können eine Lernatmosphäre schaffen, in der unsere Kinder und Jugendlichen den Wunsch entwickeln und festigen, zu studieren, zu lernen und aus eigener Überzeugung heraus das Evangelium zu leben.

Wir werden oft daran erinnert, dass das Zuhause der Ort sein soll, wo man am meisten über das Evangelium lernt und sich bekehrt. Eltern sind die besten Lehrer, weil sie instinktiv wissen, welche Bedürfnisse und Herausforderungen ihre Kinder haben. Sie schaffen auf natürliche Weise Gelegenheiten, auf diese Bedürfnisse einzugehen. Eltern machen sich keine Gedanken darüber, wie sie ihre Kinder als Pädagogikexperten beeindrucken können. Sie haben eher das Ziel, das Interesse ihrer Kinder zu wecken, den Anstoß zu tiefergehenden Gesprächen zu geben und ihr Herz zu erreichen. Und damit regen sie ihre Kinder dazu an, etwas über das Evangelium zu lernen und danach zu leben. Da Eltern nur das Beste für ihre Kinder wollen, wissen sie am besten, wie sie sie dazu motivieren können, sich aufzumachen und zu lernen.

Was können dann die Lehrer in der Kirche tun, damit sich der Wunsch zu lernen entwickelt? Wie kann ein Lehrer in der Kirche in den Schülern den Wunsch wecken, ein Zeugnis zu erlangen, so wie es die Eltern zu Hause tun würden?

Stellen Sie sich einmal zwei verschiedene Unterrichtssituationen an einem typischen Sonntag in der Kirche vor.

Erste Situation:

Ein Schüler kommt in den Unterricht und erwartet, im Evangelium unterwiesen zu werden. Der Lehrer ist hervorragend vorbereitet. Er erzählt Geschichten und persönliche Beispiele, macht kreativen Anschauungsunterricht, hat gut ausgearbeitete Handzettel dabei und bringt neue Ideen und Einsichten mit ein. Der Lehrer ist unterhaltsam, kann sich sehr gut ausdrücken und hat für volle vierzig Minuten die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Teilnehmer. Während die Schüler den Klassenraum verlassen, reden sie darüber, wie großartig der Lehrer doch eben gewesen ist.

Zweite Situation:

Der Lehrer hat die Schüler im Voraus gebeten, den anderen von einem Erlebnis aus der letzten Woche zu erzählen. Die Schüler kommen somit vorbereitet zum Unterricht. Alle Schüler erzählen sodann von einer Erfahrung, die sie mit dem Grundsatz des Evangeliums gemacht haben, der in der Woche zuvor besprochen wurde. Der Geist erfüllt den Raum. Der Lehrer regt die Klasse zum Gespräch an, indem er durchdachte, sinnvolle Fragen stellt. Danach lesen die Schüler eine Schriftstelle und sprechen miteinander über einen weiteren Grundsatz des Evangeliums und darüber, wie sie ihn in ihrem eigenen Leben anwenden können. Der Lehrer lenkt das Gespräch, ohne im Mittelpunkt zu stehen. Jeder beteiligt sich. Den Schülern wird Zeit gegeben, die Gedanken und Eindrücke, die ihnen gekommen sind, sowie persönliche Ziele für die kommende Woche aufzuschreiben. Als die Schüler den Klassenraum verlassen, sind sie vom Evangelium begeistert und wollen für sich weiter lesen und studieren, um die Grundsätze, die besprochen wurden, zu verstehen und besser danach zu leben.

Welche Situation stellt das Ideal für den Unterricht in der Kirche dar?

Diese Beispiele sind natürlich stark vereinfacht. Doch man kann daran gut erkennen, dass es beim Unterricht in der Kirche nicht darum geht, mit beeindruckenden pädagogischen Künsten zu glänzen. Vielmehr sollen die Teilnehmer dazu angeregt werden, die Verantwortung zu übernehmen, selbst etwas über das Evangelium zu lernen. In ihnen soll der Wunsch geweckt werden, das Evangelium zu studieren, zu verstehen und danach zu leben. Es gibt einen bekannten Spruch, der häufig William Butler Yeats zugeschrieben wird. Er besagt: „Lehren bedeutet nicht, einen Eimer zu füllen, sondern ein Feuer zu entfachen.“ Mit dem Unterricht in der Kirche wird das gleiche Ziel verfolgt wie mit der Unterweisung in der Familie: ein brennendes Zeugnis.

Sowohl in der Familie als auch in der Kirche sollte das Augenmerk auf den Lernenden ruhen, nicht auf der Art des Unterrichts. Es gibt Schulungsunterlagen für Lehrkräfte, in denen Fragen aufgeführt sind, mithilfe derer der Betreffende erkennen kann, wo sein Schwerpunkt liegt. Ein Lehrer, der sich nur auf seinen Unterricht konzentriert, fragt: „Was soll ich heute im Unterricht machen?“ und „Was werde ich heute unterrichten?“ Vergleichen Sie diese zwei Fragen mit denen des Lehrers, der sich auf die Lernenden konzentriert: „Was werden meine Schüler heute wohl im Unterricht machen?“ und „Wie kann ich heute meinen Schülern helfen, für sich zu entdecken, was sie wissen müssen?“ (Siehe „Die Rolle des Schülers“ in dem Leitfaden „Das Evangelium lehren“ – Schulungsunterlagen für die Fortbildung von CES-Lehrkräften.)

Schwester Virginia Pearce, ehemalige Ratgeberin in der JD-Präsidentschaft, hat festgestellt: „Ein guter Lehrer wünscht sich keine Schüler, die nach dem Unterricht über ihren großartigen und ungewöhnlichen Lehrer sprechen, sondern die über das großartige Evangelium sprechen.“ („Das gewöhnliche Klassenzimmer – eine machtvolle Umgebung für kontinuierliches Wachstum“, Herbst-Generalkonferenz 1996.)

Elder Dallin H. Oaks vom Kollegium der Zwölf Apostel hat darauf hingewiesen, dass „jedes Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage … ein Lehrer [ist] oder … es einmal sein [wird]“ („Evangeliumsunterricht“, Herbst-Generalkonferenz 1999). Eltern sind tagein, tagaus Lehrer, von früh bis spät. Und fast jeder von uns hat irgendwann im Leben einmal eine Berufung inne, in der er andere als Lehrer unterweist. Daher müssen wir alle begreifen, wie wichtig es ist, unserer Familie und den Unterrichtsteilnehmern dabei zu helfen, eigenes Interesse am Lernen zu entwickeln. Ein gewöhnlicher Lehrer bereitet sich darauf vor, einen Unterricht abzuhalten. Ein außergewöhnlicher Lehrer bereitet sich darauf vor, einen Funken des Glaubens zu entfachen, aus dem sich ein Zeugnis entwickelt und der alles verändern kann.