Die heilende Kraft des Tempeldienstes

  • 30 August 2013

"Mein Vater konnte mir diese Liebe zu Lebzeiten nicht zeigen"

Ein Zeugnis von Inge Egger, Gemeinde Innsbruck

 

Vor eineinhalb Jahren verstarb unerwartet mein leiblicher Vater. Leider hatte ich keine enge Beziehung zu ihm, weil meine Eltern sich trennten und ich bei meiner Mutter aufwuchs. Meine Beziehung zu meinem Vater entstand lediglich durch meine Besuche während der Ferien. Ich hatte als Erwachsene oftmals mit dieser Situation gehadert, wegen der mangelnden Liebe, die ich durch meinen Vater erfuhr. Ich versuchte einige Male, die Beziehung zu ihm zu verbessern, doch empfand ich nie die Zuneigung, die ich mir erhofft hatte. Meine Vorstellung von einem liebenden Vater unterschied sich sehr von der Realität.

Auf seiner Beerdigung traf ich meine Geschwister und Halbgeschwister wieder und auch seine zweite Frau und seine Schwester, meine Tante. Ich war schockiert, wie gefühlskalt und unpersönlich die Beerdigung ablief, unter den Familienmitgliedern fehlten Regungen wie Trauer, Zusammengehörigkeit oder Zuwendung. Gleichzeitig verspürte ich Dankbarkeit meiner Mutter gegenüber, weil sie es mir ermöglicht hatte, schon als Kind die Kirche Christi kennenzulernen und weil sie mich in den Grundsätzen des Evangeliums belehrt hatte.

Auf der Beerdigung traf ich auch den Sohn meines Vaters aus zweiter Ehe. Er kam in Begleitung des Aufsehers einer Strafvollzugsanstalt. Und wieder war ich betrübt. Ich habe einen Bruder, der im Gefängnis sitzt. Ich schämte mich dafür. Dann erkannte ich auch, warum meine Erkundigungen über meinen Bruder immer unbeantwortet blieben. Ich erkannte, dass auch mein Vater zu Lebzeiten sehr über die Umstände des Vergehens seines Sohnes betrübt gewesen sein muss. Es belastete in so sehr, dass er mit mir nie darüber sprechen wollte.

Kürzlich haben meine beiden Söhne, also seine Enkel, stellvertretend für ihn die Taufe durchgeführt. Julian taufte Jakob anstelle und zu Gunsten meines Vaters. Das war für mich ein erhebender Anblick. Ich war wirklich sehr berührt und mir kamen die Tränen. Während der Taufsession versuchte ich mich auf meinen Vater zu konzentrieren um zu fühlen, ob er doch diese heilige Handlung angenommen hatte? Doch ich konnte anfangs nichts verspüren. Während des Verlaufs dieser Taufsession begann ich im Liahona (vom September 2013), den ich mitgebracht hatte, zu schmökern und traf dabei auf einen Artikel von Elder Jeffrey R. Holland: „Die Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit Gottes“. Dabei musste ich immer mehr an meinen Bruder, der im Gefängnis sitzt, denken. Ich hatte vor einiger Zeit damit begonnen, ihm zu schreiben, doch hatte ich in letzter Zeit immer weniger Interesse für ihn aufgebracht und überlegte sogar schon, ob dieser briefliche Kontakt überhaupt einen Sinn hatte.

Da hörte ich im Geist eine Stimme, die mir sagte: „Kümmere dich um Uwe, sag ihm das... er braucht dich!“ Das war die Antwort auf meine Frage! Ich fühlte, was mein Vater mir vermitteln wollte. Ich fühlte, dass er das Evangelium angenommen hatte, sonst wäre es ihm ja gleichgültig, was mit seinem Sohn passiert. Mir wurde klar: Er liebt seinen Sohn und er liebt mich! Mein Vater braucht mich, er zählt auf mich. Ich bin ihm auch nicht gleichgültig. Er liebt! Er konnte mir diese Liebe zu Lebzeiten nur nicht zeigen.

Erleichterung und Dankbarkeit erfüllten mein Herz. Erleichterung, von einer Last befreit zu sein, die mich quälte. Dankbarkeit darüber, dass unser Vater im Himmel einen Weg für uns bereitet hat, trotz der Sünden, die wir im Leben begehen, zu ihm zurückkehren und glücklich werden zu können.

Durch die Liebe, die ich im Tempel erlebe, habe ich die Hoffnuung darauf erlangt, Liebe auch in der zukünftigen Welt zu erleben. Der Tempel hilft mir, Frieden zu finden.