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Herbst 1991 | Stärke die wankenden Knie

Stärke die wankenden Knie

Herbst 1991 Generalkonferenz

„ Wir stärken und erbauen, wenn wir die guten Seiten eines Menschen aufzeigen, und wir verursachen Furcht und Schwäche, wenn wir ungebührlich kritisch sind."

In der heiligen Schrift findet sich eine Redewendung, die mich immer fasziniert hat. Es ist der Ausdruck „die müden Knie". Dieses „müde" sollte hier wohl als schwach, kraftlos, gebrechlich verstanden werden.

Als Frederick G. Williams als Ratgeber des Propheten Joseph Smith berufen wurde, erhielt er folgenden Auftrag: „Darum sei treu; übe das Amt, das ich dir bestimmt habe, unbeirrt aus; stütze die Schwachen, hebe die herabgesunkenen Hände empor, und stärke die müden Knie." (LuB 81:5.)

In Verbindung mit dem Wort „stärken" hat mich die Redewendung zum Nachdenken über die eigentliche Bedeutung veranlaßt. Zuerst nahm ich an, „müde Knie" bedeute soviel wie schwach oder erschöpft. Der Kontext in Jesaja jedoch, wo der hebräische Text mit „wankende Knie" wiedergegeben wird, läßt auf eine umfassendere Bedeutung schließen, so etwas wie angsterfüllt. Auch heute hört man sagen: „weich in den Knien" oder „ihm schlottern die Knie", um damit Furcht zum Ausdruck zu bringen.

Den Vers 5 in, Lehre und Bündnisse', Abschnitt 81, kann man so auslegen, daß Frederick G. Williams vom Herrn aufgefordert wird, die Schwachen zu stärken („stütze die Schwachen"), denen, die erschöpft und entmutigt sind, Mut einzuflößen („hebe die herabgesunkenen Hände empor") und denjenigen, die müde Knie und ein verzagtes Herz haben, neuen Antrieb und Auftrieb zu geben.

Im März 1832, als dieser Abschnitt offenbart wurde, hatten die Mitglieder allen Grund, sich zu fürchten. In Hiram in Ohio, wo Joseph Smith wohnte, begegnete man den Heiligen immer feindseliger. Joseph Smith und Sidney Rigdon wurden von einem fünfzigköpfigen Pöbel brutal attackiert.

Wer heutzutage jemanden schädigen will, braucht dazu nicht mehr Teer und Federn, sondern Schmähung und Besserwisserei.

Jetzt, nach 160 Jahren, zweifle ich nicht daran, daß die Aufforderung, die müden Knie zu stärken, angebrachter ist.

Wer von uns hat nicht schon müde Knie oder Furcht und Unsicherheit erfahren, wenn er sich den Aufgaben gegenübersieht, vor die uns das irdische Dasein stellt?

Wie ist das mit dem Vater, der lange Stunden arbeitet, um seine Familie zu ernähren, und dann am Monatsende feststellt, daß sein Einkommen kaum ausreicht, die Ausgaben zu decken? Wird er nicht fürchten müssen, daß eine unvorhergesehene Ausgabe das ohnehin schon angespannte Budget der Familie sprengt? Sitzt ihm nicht die Angst im Nacken, er werde nicht imstande sein, seine Familie mit dem Nötigsten zu versorgen?

Und wie ist es mit den Eltern, die ein unglückliches, widerspenstiges Kind haben? Müssen sie nicht Zweifel und Furcht empfinden bei dem Gedanken, vielleicht nicht die richtigen Ratschläge, die notwendige Disziplin, die rechten Regeln aufbringen zu können? Müssen sie nicht die Angst haben, ihrem Kind nicht genügend bedingungslose Liebe geben zu können? Fürchten sie nicht, ihr Kind könnte wegen ihrer Erziehung auf ewig verloren sein?

Wie ist das mit jemandem, der alleinerziehend ist? Muß die oder der Betreffende nicht fürchten, von der Unzahl von Aufgaben zu Boden gedrückt zu werden, um so mehr, als diese Aufgaben allein, ohne Partner, bewältigt werden müssen?

Anscheinend kann sich niemand einem gewissen Maß an Ungewißheit, Unsicherheit, Zweifel und sogar Furcht entziehen. Das Erdenleben ist notwendigerweise unvorhersehbar und voller Herausforderungen. Ein ehrlicher Mensch, der das Leben kennt, kann niemals ganz sicher sein, daß sich seine Umstände nicht unerwartet ändern.

Wie werden wir mit den unvermeidlichen Augenblicken der Furcht, der „wankenden Knie", fertig? Es kommt besonders darauf an, dass wir dabei nicht allein sind. Es hilft immer, wenn wir einem liebevollen Freund oder Verwandten unseres Vertrauens unser Herz ausschütten können, einem, der sich unsere Unsicherheit mit Einfühlungsvermögen anhört. Oft finden wir, daß er, dem wir uns anvertrauen, schon ähnliche Erfahrungen gemacht hat und wir aus seinem weisen Rat Nutzen ziehen können.

Das Leben ist niemals leicht, und wir können von Zeit zu Zeit unsere „wankenden Knie" nicht umgehen. Darum ist es so wesentlich, daß wir einander lieben und stützen.

Wenn wir uns überlegen, wie wir unsere Freunde, die müde Knie haben, stärken können, müssen wir zunächst uns selber prüfen. Haben wir selber müde Knie, die der Anlaß sind, daß wir uns und unsere Mitmenschen durch Wort und Tat schwächen?

Ich möchte einige fast unmerkliche Trends und Verlockungen aufzählen, die dazu beitragen, daß unsere Knie müde werden. An sich reichen sie nicht aus, um den Abfall vom Glauben herbeizuführen, aber wenn man sie nicht stoppt, verlieren unsere Knie die Kraft, die sie brauchen, wenn wir der Wirklichkeit des Lebens und seinen Ängsten gegenüberstehen.

In, Lehre und Bündnisse' 11:22 lesen wir: „Befasse dich gründlich mit meinem Wort, das unter die Menschenkinder hinausgegangen ist." Nirgendwo wird uns gesagt, wir sollten die Lehrsätze des Evangeliums durch persönliche Berichtigungen verwässern. Wir haben nur eine eingeschränkte Sicht, und unsere Kraft hängt davon ab, daß wir das Wort Gottes verstehen und befolgen.

Der eine oder andere von uns neigt vielleicht dazu, sich mit dem Wort in der Weise zu befassen, daß er dort, wo der Herr nur wenig gesagt hat, eine Menge hinzufügt. So jemand muß sich aber an der Kernfrage ausrichten: Tragen meine Aufsätze, Erklärungen und Bemerkungen dazu bei, daß der Glaube gestärkt und das Zeugnis gefestigt wird? Oftmals können wir im eigenen Leben und im Leben anderer Menschen Irreführung und Verwirrung stiften, wenn wir etwas Aufregendes oder Unorthodoxes in den Raum stellen. Wankende Knie werden durch diejenigen gestärkt, die zielstrebig führen, nicht aber durch persönliche Interpretation.

Einige verzichten darauf, sich daraus Kraft zu holen, daß sie den Sabbat heilig halten. Sie sagen: „Der Sonntag ist mein freier Tag. Da tue ich, was mir gefällt. Ich kann Gott auch verehren, ohne daß mir an dem Tag Versammlungen oder nützliche Besuche bei Verwandten und Nachbarn vorgeschrieben werden."

Man kann die Freiheit des Sabbats mit seinen Segnungen dadurch verlieren, daß man egoistisch wird und sich nicht mehr in ein bewährtes Schema einfügt. Der Sabbat geht Stunde um Stunde verloren, er geht Ausflug um Ausflug verloren.

Weitere Gewohnheiten, die uns schwächen, sind Streitigkeiten und Kontroversen. Wenn es dem Satan gelingt, daß wir uns zum Zeitvertreib in Streiterei und Wortgefechte einlassen, ist es für ihn viel leichter, uns in schwerere Sünden zu verwickeln, die uns das ewige Leben kosten können. Zorn ist ein armseliger Ersatz für Selbstbeherrschung und Dienst am Nächsten.

In der letzten Zeit haben wir alle miterlebt, wie etliche so schwach geworden sind, daß sie beinah völlig zu Fall gekommen sind, weil sie die wichtigen Grundsätze Ehrlichkeit und Redlichkeit aufgegeben haben, um aufgrund von „Leistung" emporzukommen. Man kann aber auf Dauer keine persönliche Höhe erreichen, indem man andere Menschen als Stufen benutzt, um selber hochzukommen.

Es darf nicht überraschen, daß jemand, der „unschuldige" Notlügen von sich gibt, bald selbst in Not gerät, und zwar schuldig.

Trotz der unzähligen Beispiele von Skandalen im Geschäft, in der Religion und in der Regierung sind Ehrlichkeit und Redlichkeit noch immer die Mittel, mit denen man die Knie stärken kann.

Der Sportlehrer einer High School von St. Louis in Illinois übernahm eine Gruppe junger Männer und gewann mit ihnen eine Meisterschaft. Der Sportredakteur einer dortigen Zeitung schrieb:

„Eine Geschichte, die man selbst in Hollywood nicht glauben würde: Jungen, die in Amerikas katastrophalster Großstadt aufwachsen, die auf nichts Bock haben, jahrein, jahraus; kein Geld, keine großartigen Anlagen, bloß ein Trainer, der immer noch glaubt, daß Stolz und Anstrengung Sinn haben."

Der Sportlehrer sagte den Jungen: „Das Leben ist nicht immer fair, aber von uns selbst können wir noch immer Vortrefflichkeit erwarten."

Er bestand darauf, daß alle seine Spieler hart trainierten, auch die Stars. Seine Mannschaft gewann mehr als nur viele Meisterschaften.

Auf meiner letzten Reise nach Großbritannien hatte ich Gelegenheit, mich mit einem Achtzehnjährigen zu unterhalten, der mit vielen Missionaren in enger Verbindung gestanden hatte. Ich mußte in den nächsten paar Tagen zu vielen Missionaren sprechen, und so bat ich diesen Freund, mir zu sagen, was er für das Wichtigste hielt, wenn ein Missionar erfolgreich sein wollte. Seine Antwort war einfach: „Sie müssen arbeiten können. Viele kommen auf Mission und können nicht arbeiten." Im Lauf der Jahre habe ich erfahren, daß Arbeit und Zielstrebigkeit die Knie nicht schwächen.

Wie dieser Achtzehnjährige bemerkt hat, können wir die müden Knie bei anderen und bei uns selbst dadurch stärken, daß wir uns an die Arbeit machen.

Viele von uns wollen alles sofort: Kraft, Vergnügen, Akzeptiertwerden, Linderung, Antwort, Änderung, Erfolg, Wissen, Reichtum - alles sofort - und lassen die tägliche Bemühung und Arbeit links liegen. Freilich wird man entmutigt, und die Knie werden schwächer, wenn man die gesteckten Ziele nicht sofort erreicht. Aber Arbeit ist ein notwendiger Bestandteil des geordneten Lebens.

Oft hört man: „Sei ein Licht und richte nicht!" Und doch maßen wir uns das Recht an, die Fehler der anderen aufzuzeigen oder auf den eigenen Schwächen herumzureiten. Ständiges Kritisieren höhlt den Menschen aus, nimmt seinen Knien die Kraft. Wenn wir unsere Familie, unsere Freunde und Führer eingehend betrachten, sehen wir ihre menschlichen Grenzen.

Eine alte Geschichte, die mir im Lauf der Jahre besonders ans Herz gewachsen ist, besagt:

Ein japanischer Weiser unterhielt sich jeden Abend mit Fabrikarbeitern. Eines Abends sagte er ihnen, er wolle ihnen anderntags etwas Schönes mitbringen. Einer wollte eine Rose haben; ein anderer wünschte sich einen Zweig; ein dritter erbat sich eine Lilie. Am nächsten Abend teilte er die Rose, den Zweig und die Lilie aus.

„An meiner Rose ist ein Dorn", sagte der erste; der zweite beklagte sich: „An meinem Zweig ist ein dürres Blatt." Und der dritte rief: „An meiner Lilie ist ein Schmutzfleck!"

Der Weise nahm alle Gaben zurück und sagte: „Du hattest eine schöne Rose und sahst nur den Dorn; du hattest einen lieblichen grünen Zweig und sahst nur das dürre Blatt, und an der herrlichen Lilie sahst du nur den Schmutzfleck."

In jedem von uns mag es einen Dorn im Charakter geben, ein dürres Blatt am guten Ruf, einen Schmutzfleck in der Vergangenheit. Wenn wir bei den Fehlern der Vergangenheit verweilen, bekommen wir sicherlich müde Knie und haben Angst.

Wenn wir auf die Fehler deuten, die jemand anderer gemacht hat, stärken wir keinesfalls die schwachen Knie und heben ihm die herabgesunkenen Hände nicht empor.

William James schreibt: „Die Kunst der Weisheit besteht darin, daß man weiß, was man übersehen muß."

Von Joseph Smith stammen die Worte: „Ich sagte ihnen, auch ich sei nur ein Mensch, und sie dürften nicht erwarten, daß ich vollkommen sei. Wenn sie von mir Vollkommenheit erwarteten, würde ich diese auch von ihnen erwarten, wenn sie aber meine Schwächen und die der Brüder ertragen wollten, würde auch ich ihre Mängel ertragen." (Lehren des Propheten Joseph Smith, Seite 273.) Wir sind von dem früher in der Kindererziehung geläufigen Spruch: „Wenig Rute verwöhnt das Kind" heute weit entfernt. Sowohl im Geschäftsleben als auch in der Familie bemühen wir uns jetzt, die Menschen dabei zu ertappen, daß sie etwas Gutes tun, und sie dann dafür ehrlich zu loben.

Wir stärken und erbauen, wenn wir die guten Seiten eines Menschen aufzeigen, und wir verursachen Angst und Schwäche, wenn wir ungebührlich kritisch sind.

Ich stimme damit überein, daß Feingefühl die Fehler des anderen auslöscht, anstatt sie ans Licht zu zerren.

In der Schrift wird es so ausgedrückt: „Jede Art von Bitterkeit, Wut, Zorn, Geschrei und Lästerung und alles Böse verbannt aus eurer Mitte!

Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat." (Epheser 4:31,32.)

Der Prophet Joseph Smith sagt: „Keine unheilige Hand kann das Werk aufhalten; möge auch Verfolgung wüten, der Pöbel sich zusammenrotten, mögen Armeen sich vereinigen, falsche Anschuldigung Entehrung bringen - die Wahrheit Gottes wird unerschrocken vorwärtsgehen, erhaben und unbeirrt, bis sie jeden Kontinent durchdrungen, in jedem Klima Fuß gefaßt, jedes Land überzogen hat und in jedes Ohr gelangt ist, bis sich die Absicht Gottes erfüllt hat und der große Jahwe sagt: das Werk ist getan." (History of the Church, 4:540.)

Mit diesem Ausspruch eines Propheten Gottes - müssen einem da die Knie noch wanken?

Möge Gott uns helfen, daß wir unsere müden Knie und die unserer Mitmenschen dadurch stärken, daß wir Tag für Tag unsere Einstellung und unser Beispiel verbessern. Das erbitte ich im Namen Jesu Christi. Amen.