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Frühjahr 1992 | Die Zunge kann ein scharfes Schwert sein

Die Zunge kann ein scharfes Schwert sein

Frühjahr 1992 Generalkonferenz

„Seien Sie jemand, der Güte ausstrahlt und der aufbaut. Seien Sie jemand, der verständnisvoll und vergebungsbereit ist und der nur auf das Gute im Mitmenschen achtet."

A1s König David im siebenundfünfzigsten Psalm um Barmherzigkeit £ A. flehte, rief er: „Ich muß mich mitten unter Löwen lagern, die gierig auf Menschen sind. Ihre Zähne sind Spieße und Pfeile, ein scharfes Schwert ihre Zunge." (Psalm 57:5.) In der heutigen Welt fallen wir vielfach Menschen zum Opfer, die ihre Zunge als scharfes Schwert gebrauchen. Der Mißbrauch der Zunge sorgt für zusätzliche Verwicklung und Zerstörung; Medien und Privatpersonen beteiligen sich an diesem Zeitvertreib, bei dem Leute mit Worten niedergemacht werden.

Allzu viele machen andere gern mit Worten nieder: ihre Nachbarn, jemanden aus der Familie, einen Beamten, das Gemeinwesen, das Land, die Kirche. Es ist auch besorgniserregend, wie oft es vorkommt, daß Kinder ihre Eltern und Eltern ihre Kinder mit Worten niedermachen.

Wir Mitglieder der Kirche dürfen nicht vergessen, daß die Worte „Nein, sprich nicht bös!" (Gesangbuch, Nr. 31) nicht bloß so dahergesungen werden, sondern daß wir sie auch beherzigen müssen. Mehr als je zuvor müssen wir dies bedenken: „Wenn es etwas Tugendhaftes oder Liebenswertes gibt, wenn etwas guten Klang hat oder lobenswert ist, so trachten wir danach." (13. Glaubensartikel.) Wenn wir uns an diese Ermahnung halten, haben wir keine Zeit für das heimtückische Hobby, andere mit Worten niederzumachen, statt sie aufzubauen.

Manch einer meint, er müsse andere mit Worten niedermachen, um ihnen etwas heimzuzahlen, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken oder im Vorteil zu sein oder um zu gewinnen. Solches Verhalten ist nie angebracht. Oft gehen Charakter und guter Ruf und fast immer die Selbstachtung unter dem zerstörerischen Einfluß dieses gemeinen Tuns verloren.

Wir sind leider sehr weit von dem einfachen Motto „Wenn du über jemanden oder etwas nichts Gutes sagen kannst, dann sag gar nichts" abgekommen und neigen nur allzu häufig dazu, andere mit Worten niederzumachen.

Es gibt zwar reichlich Material und Gerüchte über Fehlverhalten, die denen, die gern verletzen und mit Worten niedermachen, gute Munition liefern, aber der Herr erinnert uns daran, daß nur jemand, der ohne Sünde ist, als erster einen Stein werfen darf (siehe Johannes 8:7). Häßliche Berichte und Gespräche stehen denen, die gern in Schmutz und Sensationen wühlen, immer zur Verfügung. Keiner von uns ist vollkommen. Wir haben alle Fehler, die nicht schwer zu finden sind, vor allem wenn einem sehr daran liegt. Bei genauer Betrachtung finden sich bei jedem Vorfälle und Eigenschaften, die destruktiv sein können, wenn man sie an die große Glocke hängt.

Wir müssen zum Wesentlichen zurückkehren und in unserer Familie das Gute und Lobenswerte anerkennen. Der Familienabend muß wieder einen hohen Stellenwert erhalten, und wir müssen ihn nutzen, um gute Gespräche zu führen und sinnvoll zu belehren, und dürfen ihn niemals dazu mißbrauchen, um Familienmitglieder, Nachbarn, Lehrer oder Kirchenführer mit Worten niederzumachen. Die Treue innerhalb der Familie wird stark, wenn wir dem Guten und Positiven Nachdruck verleihen, unsere negativen Gedanken im Zaum halten und nach dem trachten, was guten Klang hat.

Es wird immer Menschen geben, denen daran liegt, uns und andere mit Worten niederzumachen, aber wir können nicht zulassen, daß ein schwerer Schlag uns zu Boden schmettert oder uns davon abhält, im Privatleben und in der Kirche Fortschritt zu machen.

Bernard Baruch, der sechs US-Präsidenten als Berater gedient hat, wurde einmal gefragt, warum Angriffe von Feinden ihn nicht aus dem Gleichgewicht brächten. Er antwortete: „Niemand kann mich demütigen oder aus der Fassung bringen. Ich lasse das nicht zu."

Wir werden daran erinnert, daß Jesus Christus, der einzige vollkommene Mensch, der jemals auf der Erde gelebt hat, uns durch sein stilles Beispiel gelehrt hat, in schwierigen Zeiten zu schweigen, statt Zeit und Energie darauf zu verwenden, andere mit Worten niederzumachen, worum es auch immer gehen mag.

Was ist nun das Gegenmittel gegen dieses Niedermachen mit Worten, das Gefühle verletzt, andere erniedrigt, Beziehungen zerstört und die Selbstachtung untergräbt? Es ist die Nächstenliebe. Moroni hat das so gesagt: „Darum, meine geliebten Brüder, wenn ihr nicht Nächstenliebe habt, seid ihr nichts, denn die Nächstenliebe vergeht nie. Darum haltet an der Nächstenliebe fest, die das Größte ist von allem. … Die Nächstenliebe ist die reine Christusliebe, und sie dauert für immer fort." (Moroni 7:46,47.)

Nächstenliebe wird wohl in vielfacher Hinsicht mißverstanden. Wir verstehen unter Nächstenliebe häufig, daß man die Kranken besucht, den Bedürftigen etwas zu essen bringt oder das, was man übrig hat, mit denen teilt, die weniger haben. Aber in Wirklichkeit ist Nächstenliebe viel, viel mehr.

Wirkliche Nächstenliebe ist nicht etwas, was man weggibt, sondern etwas, was man sich aneignet, was zum Teil von einem selbst wird. Und wenn man die Nächstenliebe tief im Herzen trägt, ist man nie wieder derselbe. Man kann sich dann nicht einmal mehr vorstellen, andere mit Worten niederzumachen.

Nächstenliebe in ihrer höchsten Form legen wir vielleicht dann an den Tag, wenn wir einander mit Güte begegnen, wenn wir unsere Mitmenschen nicht verurteilen oder sie mit einem Etikett belegen, wenn wir nachgiebig sind oder stillbleiben. Nächstenliebe bedeutet, daß man das Anderssein und die Schwächen der anderen akzeptiert, daß man geduldig bleibt, auch wenn man enttäuscht worden ist, daß man nicht gleich beleidigt ist, wenn jemand etwas anders anpackt, als wir gehofft haben. Nächstenliebe bedeutet, daß man die Schwäche eines anderen nicht ausnützt und daß man bereit ist, jemandem, der einen verletzt hat, zu verzeihen. Nächstenliebe bedeutet, daß wir voneinander das Beste erwarten.

Keiner von uns hat es nötig, daß jemand ihn mal wieder mit Worten niedermacht und ihn auf das hinweist, was er falsch gemacht hat. Die meisten von uns wissen sehr wohl, in welchen Bereichen sie ihre Schwächen haben. Was wir alle brauchen, das sind Angehörige, Freunde, Arbeitgeber und Brüder und Schwestern, die uns unterstützen, die genug Geduld aufbringen, uns zu belehren, die an uns glauben und die glauben, daß wir trotz unserer Schwächen unser Bestes geben. Wo ist die Bereitschaft geblieben, dem anderen gegenüber nachgiebig zu sein? Wo ist die Hoffnung geblieben, daß der andere es schaffen werde? Was ist aus der Gewohnheit geworden, sich füreinander einzusetzen?

Es darf uns nicht überraschen, daß eine der Taktiken des Widersachers in den Letzten Tagen darin besteht, unter den Menschenkindern Haß zu schüren. Er mag es, wenn wir einander kritisieren, uns übereinander lustig machen und die Fehler unseres Nächsten, die uns bekannt sind, zu unserem Vorteil nutzen und ganz allgemein übereinander herziehen. Das Buch Mormon sagt deutlich, woher aller Zorn und alle Gehässigkeit und Gier und aller Haß kommen.

Nephi hat prophezeit, in den Letzten Tagen werde der Teufel „im Herzen der Menschenkinder wüten und sie zum Zorn aufstacheln gegen das, was gut ist" (2 Nephi 28:20). In Anbetracht dessen, was wir ständig in den Medien sehen, leistet der Satan da wohl recht gute Arbeit. In den sogenannten Nachrichten werden wir mit teilweise sehr eingehenden Darstellungen, allzuhäufig in lebhaften Farben überfallen - Gier, Erpressung, gewalttätige Sexualverbrechen und gegenseitige Beleidigungen von Kontrahenten aus dem Geschäftsleben, dem Sport und der Politik.

Durch die heilige Schrift zieht sich ein roter Faden. Betrachten wir zunächst die Bergpredigt, die nach unserer Erkenntnis die erste Predigt war, die Jesus vor seinen neuberufenen Aposteln hielt. Das wichtigste Thema in dieser Predigt des Herrn, die in mancher Hinsicht die Anleitung dafür ist, wie wir zu ihm kommen können, sind wohl Tugenden wie Liebe, Anteilnahme, Vergebungsbereitschaft und Langmut - mit anderen Worten: die Eigenschaften, die uns befähigen, teilnahmsvoller mit unseren Mitmenschen umzugehen. Betrachten wir doch die Aussage des Herrn an die Zwölf: sie (und diese Ermahnung gilt auch uns) sollten sich zuerst mit ihrem Bruder versöhnen (siehe

Matthäus 5:24) und ohne Zögern mit ihrem Gegner Frieden schließen (siehe Vers 25). Außerdem sagte ihnen der Herr: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen." (Vers 44.) Und: „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin." (Vers 39.)

Es ist wohl interessant, daß sich die ersten Grundsätze, die der Herr Jesus Christus seinen neuberufenen Aposteln vermittelte, darum drehten, wie wir einander behandeln. Und worauf hat er in der kurzen Zeit, die er auf dem amerikanischen Kontinent bei den Nephiten verbrachte, besonderen Nachdruck gelegt? Im Grunde auf das gleiche. Liegt der Grund dafür vielleicht darin, daß die Art, wie wir miteinander umgehen, die Grundlage des Evangeliums Jesu Christi ist?

Während einer informellen Fireside mit einer Gruppe erwachsener Heiliger der Letzten Tage stellte der Leiter der Fireside, die folgende Frage zur Diskussion: „Woran erkennt man, ob jemand zu Jesus Christus bekehrt ist?" Fünfundvierzig Minuten lang gaben die Anwesenden alle möglichen Antworten auf diese Frage, und der Leiter schrieb sie sorgfältig an die Tafel. Aber nach einer Weile wischte dieser große Lehrer alles, was er angeschrieben hatte, wieder aus. Er erklärte, alle Antworten seien sinnvoll gewesen und er sei dafür dankbar. Aber dann brachte er den folgenden wesentlichen Grundsatz zum Ausdruck: „Das beste und deutlichste Anzeichen dafür, daß wir geistigen Fortschritt machen und zu Christus kommen, ist die Art, wie wir unsere Mitmenschen behandeln."

Denken Sie doch einmal darüber nach die Art, wie wir die Mitglieder unserer Familie, unsere Freunde, unsere Mitarbeiter jeden Tag behandeln, ist genauso wichtig wie manch anderer mehr ins Auge fallende Evangeliumsgrundsatz, den wir bisweilen in den Vordergrund stellen. Im letzten Monat hat die FHV ihr hundertfünfzigjähriges Bestehen gefeiert. Ihr Motto „Die Liebe hört niemals auf" ist für ihre Mitglieder und andere Menschen in aller Welt Lebensinhalt.

Stellen Sie sich vor, was in der heutigen Welt - oder in unserer Gemeinde, unserer Familie, unserem Priestertumskollegium und in unseren Hilfsorganisationen - geschehen könnte, wenn sich jeder von uns fest vornehmen würde, die anderen liebzuhaben, über sie zu wachen und sie zu trösten. Stellen Sie sich vor, was dann alles möglich wäre!

Eine junge Frau, die der Pfahl-FHV-Leitung angehörte und gleichzeitig an einem sehr schwierigen Projekt arbeitete, verlor an einem Morgen in der Leitungssitzung die Beherrschung. Daß sie so unzufrieden war, lag kaum an der Frage, um die es gerade ging, sondern vielmehr daran, daß sie zu Hause mit ihrer großen Aufgabe unter entsetzlichem Druck stand und daß sie frustriert und völlig erledigt war. Anschließend war ihr Verhalten ihr peinlich, und sie rief die anderen sofort an, um sich zu entschuldigen. Ihre Freundinnen in der FHV-Leitung waren großzügig und meinten, sie solle sich darüber keine Gedanken mehr machen. Trotzdem meinte sie, daß sie sie jetzt vielleicht nicht mehr so schätzten, nachdem sie sich so hatte gehenlassen. Aber am Abend klingelte es an der Tür, und da standen die anderen Schwestern von der FHV-Leitung mit einem Abendessen in der Hand. „Als du heute morgen die Beherrschung verloren hast, war uns klar, daß du völlig fertig sein mußt. Wir haben uns gedacht, daß dir ein kleines Abendessen vielleicht hilft. Wir haben dich sehr lieb." Die junge Frau war verwundert. Trotz ihres Ausbruchs am Morgen waren ihre Freundinnen gekommen und boten ihr Unterstützung an, statt sie zu kritisieren. Sie nutzten die Gelegenheit nicht, um sie mit Worten niederzumachen, sondern sie waren von Nächstenliebe erfüllt.

Seien Sie jemand, der Güte ausstrahlt und der aufbaut. Seien Sie jemand, der verständnisvoll und vergebungsbereit ist und der nur auf das Gute im Mitmenschen achtet. Helfen Sie Ihren Mitmenschen, durch den Umgang mit Ihnen zu besseren Menschen zu werden. Seien Sie Ihren Konkurrenten gegenüber fair, ob im Geschäftsleben, im Sport oder anderswo. Lassen Sie sich nicht zu der heute üblichen Redeweise verlocken, mit der versucht wird, durch Einschüchterung oder dadurch, daß man den Charakter des anderen angreift, „zu gewinnen". Seien Sie denen, die ängstlich, einsam oder sehr belastet sind, behilflich.

Wenn wir einander ins Herz blicken und verstehen könnten, welche großen Schwierigkeiten wir alle zu tragen haben, dann würden wir wohl viel behutsamer, liebevoller, geduldiger und toleranter miteinander umgehen.

Wenn der Widersacher uns dazu bringen kann, daß wir aufeinander herumhacken, Fehler suchen, einander mit Worten niedermachen, kritisieren und demütigen, dann hat er die Schlacht schon halb gewonnen. Warum? Solches Verhalten ist zwar nicht mit schweren Sünden gleichzusetzen, aber immerhin neutralisiert es uns im geistigen Sinn. Der Geist des Herrn kann nirgendwo wohnen, wo gezankt und kritisiert und in irgendeiner Form mit Worten niedergemacht wird.

Schon in biblischer Zeit hat Jakobus uns ermahnt, unsere Zunge zu hüten:

„So ist auch die Zunge nur ein kleines Körperglied und rühmt sich doch großer Dinge. Und wie klein kann ein Feuer sein, das einen großen Wald in Brand steckt.

Auch die Zunge ist ein Feuer, eine Welt voll Ungerechtigkeit. Die Zunge ist der Teil, der den ganzen Menschen verdirbt und das Rad des Lebens in Brand setzt; sie selbst aber ist von der Hölle in Brand gesetzt." (Jakobus 3:5,6.)

Ich möchte noch einmal grundsätzlich betonen: wenn wir uns wahrhaftig zu Jesus Christus bekehren und uns ihm verpflichten, dann geschieht etwas Interessantes: unsere Aufmerksamkeit wendet sich dem Wohlergehen unserer Mitmenschen zu, und unser Verhalten ihnen gegenüber ist zunehmend von Geduld und Güte erfüllt, wir akzeptieren sie behutsam und möchten in ihrem Leben eine positive Rolle spielen. Damit beginnt die wahre Bekehrung.

Nehmen wir einander doch mit offenen Armen an, akzeptieren wir einander so, wie wir sind, gehen wir davon aus, daß jeder sein Bestes gibt, und achten wir darauf, wie wir lieber leise Botschaften der Liebe und des Ansporns aussenden, statt mit Worten niederzumachen!

Jakobus erinnert uns: „Wo Frieden herrscht, wird (von Gott) für die Menschen, die Frieden stiften, die Saat der Gerechtigkeit ausgestreut." (Jakobus 3:18.)

Möge Gott uns einzeln und insgesamt helfen, zu erkennen und zu lehren, daß statt des Niedermachens mit Worten heute und allezeit Nächstenliebe herrschen muß. Darum bete ich im Namen Jesu Christi. Amen.