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Herbst 1993 | Gleichheit durch Verschiedenheit

Gleichheit durch Verschiedenheit

Herbst 1993 Generalkonferenz

Dadurch, daß der himmlische Vater dem Mann und der Frau verschiedene Aufgaben übertragen hat, gibt er ihnen die größten Chancen, geistig zu wachsen, zu dienen und sich weiterzuentwickeln.

Es ist mir eine Ehre, zu Ihnen, den Schwestern der FHV, sprechen zu dürfen. Jede von Ihnen ist Teil der größten und ältesten Frauenorganisation der Welt und der einzigen, die von einem Propheten Gottes gegründet wurde. Ich übermittle Ihnen die Grüße der Ersten Präsidentschaft und des Rates der Zwölf Apostel. Wir und Ihre örtlichen Priestertumsführer schätzen Sie Schwestern sehr. Wir erkennen alles, was Sie tun, um das Gottesreich aufbauen zu helfen, dankbar an. Wir staunen über Ihren Glauben und den engagierten Dienst, den Sie in Ihrer Familie, in der Kirche und im Gemeinwesen leisten. Wir beten für Sie, und wir haben Sie alle lieb.

Meine Brüder und ich fungieren als Priestertumsberater für die FHV-Präsidentschaft und den FHV-Ausschuß. Die FHV steht heute vor einer größeren Herausforderung als je zuvor - sie hat es mit vielen verschiedenen Sprachen, Kulturkreisen und Umweltbedingungen zu tun, und die Lebensbedingungen in der Welt sind einem steten Wandel unterworfen. Sie muß sorgfältig planen, und zwar im Großen und im Kleinen: im Großen deshalb, weil sie die unterschiedlichen Bedürfnisse der über drei Millionen Frauen berücksichtigen muß, die in über 130 verschiedenen Ländern leben, und im Kleinen deshalb, weil sie ja jeder Schwester gerecht werden muß. Die FHV und das Evangelium müssen jede Frau einschließen. Jede von Ihnen ist willkommen, jede von Ihnen wird gebraucht, ob Sie achtzehn oder achtzig sind, verheiratet oder alleinstehend, ob Sie Englisch sprechen oder Portugiesisch, ob sie auf einer Insel leben oder in den Bergen, ob Sie Kinder haben oder einfach Kinder lieb haben, aber keine eigenen Kinder haben, ob Sie ein Universitätsstudium abgeschlossen oder nur wenig Bildung genossen haben, ob Sie einen Mann haben, der nicht aktiv ist, oder mit einem Pfahlpräsidenten verheiratet sind, ob Sie ein Zeugnis haben oder darum ringen, eines zu erlangen. Sie gehören hierher! Sie und Ihre Talente und Stärken und das, was Sie in die FHV einbringen, werden in der Kirche dringend gebraucht. Wie Eliza R. Snow, die zweite Präsidentin der FHV, einmal gesagt hat: „Es gibt keine Schwester, die so isoliert wäre und deren Wirkungskreis so eng begrenzt wäre, daß sie nicht viel dazu beitragen könnte, das Gottesreich auf der Erde aufzurichten." (Womaris Exponent, 15. September 1893, Seite 62.) Ich bete darum, daß der Geist des Herrn heute Abend mit uns sein möge. Ich möchte Ihnen nämlich ein Grundprinzip des Evangeliums nahe bringen, das, wenn es verstanden wird, Sie Schwestern in dem Streben nach ewigem Leben stärkt und Ihnen zum Segen gereicht.

Der Vater im Himmel liebt alle seine Kinder gleichermaßen vollkommen und unendlich. Seine Töchter liebt er nicht anders als seine Söhne. Auch unser Erretter, der Herr Jesus Christus, liebt Männer und Frauen gleichermaßen. Sein Sühnopfer und sein Evangelium sind für alle Kinder Gottes bestimmt. Während seines irdischen Wirkens hat Jesus Männern und Frauen gleichermaßen gedient: er hat sowohl Männer als auch Frauen geheilt und sowohl Männer als auch Frauen unterwiesen.

Das Evangelium Jesu Christi kann Männer und Frauen gleichermaßen und nach den gleichen Grundsätzen heiligen. Glaube, Umkehr, Taufe und die Gabe des Heiligen Geistes sind beispielsweise Bedingungen, die für alle Kinder Gottes gelten, ungeachtet des Geschlechts. Das gleiche gilt für die Bündnisse und Segnungen des Tempels. Das Werk und die Herrlichkeit unseres Vaters bestehen darin, die Unsterblichkeit und das ewige Leben seiner Kinder zustande zu bringen (siehe Mose 1:39). Er liebt uns alle gleichermaßen, und sein größtes Geschenk - ewiges Leben - steht allen offen.

Männer und Frauen sind vor Gott, was ihre ewigen Möglichkeiten betrifft, zwar gleich, aber sie haben in seinem ewigen Plan verschiedene Aufgaben zu erfüllen, die allerdings gleich wichtig sind. Wir müssen wissen, daß Gott alle seine Kinder mit unendlicher Weisheit und vollkommener Gerechtigkeit betrachtet. Deshalb kann er das, was uns voneinander unterscheidet, anerkennen und uns sogar darin bestärken, während er uns gleichzeitig die gleichen Chancen einräumt, geistig zu wachsen und uns weiterzuentwickeln.

Der himmlische Vater hat Männern und Frauen verschiedene Aufgaben für die Sterblichkeit zugeteilt, als wir noch als seine Geistsöhne und Geisttöchter bei ihm gelebt haben. Seinen Söhnen wollte er das Priestertum und die Aufgaben übertragen, die mit der Vaterschaft einhergehen, und seinen Töchtern hat er die Aufgaben übertragen, die mit der Mutterschaft einhergehen - mit allem, was dazugehört.

Die Erschaffung der Welt, das Sühnopfer Jesu Christi und die Wiederherstellung des Evangeliums in den Letzten Tagen durch den Propheten Joseph Smith dienen einem einigenden Zweck: alle Geistkinder des ewigen Vaters sollen die Möglichkeit erhalten, einen sterblichen Körper anzunehmen und dann, dank der Entscheidungsfreiheit, den Erlösungsplan befolgen zu können, der durch das Sühnopfer Jesu Christi möglich geworden ist. Gott hat all dies für uns bereitet, damit wir in unsere himmlische Heimat zurückkehren können, in Unsterblichkeit und ewiges Leben gekleidet, um als Familie bei ihm zu leben.

Eine Familie kann erst dann bei ihm leben, wenn Mann und Frau kraft des Priestertums für die Ewigkeit gesiegelt sind. Wir erkennen an, daß viele in der Kirche sich diesen großen Segen wünschen, aber in diesem Leben kaum sehen, wie er in Erfüllung geht. Trotzdem bleibt die verheißene Erhöhung für jeden von uns ein erreichbares Ziel. Die

Propheten sagen deutlich, daß keinem Sohn und keiner Tochter Gottes irgendein Segen vorenthalten bleiben wird, wenn sie ihn lieben, an ihn glauben, seine Gebote halten und treu bis ans Ende ausharren.

Das meiste von dem, was ein Mann und eine Frau tun müssen, um für das erhöhte Familienleben würdig zu sein, beruht auf geteilter Verantwortung und gemeinsamen Zielen. Viele Bedingungen sind für Mann und Frau genau gleich. Der Gehorsam gegenüber Gottes Gesetzen wird beispielsweise von Mann und Frau gleichermaßen gefordert. Mann und Frau sollen auf die gleiche Weise beten. Sie können gleichermaßen auf ihr Beten eine Antwort erhalten und somit für ihre geistige Entwicklung persönliche Offenbarung empfangen.

Sowohl der Mann als auch die Frau sollen ihrer Familie und ihren Mitmenschen dienen, aber die Art und Weise, wie sie das konkret tun, kann ganz verschieden aussehen. Gott hat beispielsweise durch seine Propheten offenbart, daß ein Mann das Priestertum empfangen und Vater werden soll und daß er seine Familie in Rechtschaffenheit und mit Sanftmut und reiner, ungeheuchelter Liebe führen soll, so wie der Herr die Kirche führt (siehe Epheser 5:23). Sie haben in erster Linie die Aufgabe, für die materiellen Bedürfnisse der Familie zu sorgen (siehe LuB 83:2). Eine Frau kann Kinder zur Welt bringen; sie hat in erster Linie die Aufgabe und die Möglichkeit, sie in einer liebevollen, geistigen Atmosphäre zu erziehen und zu nähren. In dieser gottgewollten Partnerschaft unterstützen Mann und Frau einander in ihren gottgegebenen Fähigkeiten. Dadurch, daß der himmlische Vater dem Mann und der Frau verschiedene Aufgaben übertragen hat, gibt er ihnen die größten Chancen, geistig zu wachsen, zu dienen und sich weiterzuentwickeln. Er hat dem Mann und der Frau nicht verschiedene Aufgaben übertragen, nur um die Vorstellung von der Familie zu verankern, sondern um dafür zu sorgen, daß die Familie für immer bestehen kann, was ja letztlich das Ziel im ewigen Plan des himmlischen Vaters ist.

Wir müssen uns bei alledem die rauhe irdische Wirklichkeit vor Augen halten und uns an unseren gesunden Menschenverstand halten und uns durch persönliche Offenbarung leiten lassen. Manch einer heiratet in diesem Leben nicht. Manche Ehen scheitern. Manche bleiben kinderlos. Manche Kinder entscheiden sich selbst gegen die aufopferndste Erziehung durch liebevolle Eltern. In manchen Fällen sind Gesundheit und Glaube schwach. Manche, die lieber zu Hause bleiben würden, müssen arbeiten. Wir wollen nicht über unsere Mitmenschen urteilen, da wir ihre Situation ja nicht kennen und auch nicht wissen, wozu der gesunde Menschenverstand und persönliche Offenbarung sie bewegen haben. Wir wissen ja, daß Mann und Frau die ganze Sterblichkeit hindurch Schwierigkeiten durchmachen und daraufhin geprüft werden, wie weit sie sich dem Plan Gottes, den er für sie hat, verpflichtet haben. Wir dürfen nicht vergessen, daß Prüfungen und Versuchungen ein wichtiger Teil unseres Lebens sind. Wir dürfen unsere Mitmenschen nicht wegen der Art und Weise, wie sie angesichts von Unglück und Bedrängnis mit ihrer Entscheidungsfreiheit umgehen, kritisieren.

In diesen Letzten Tagen erleben wir, wie immer mehr Menschen andere bedrängen, Ablehnung zu empfinden und zu äußern, wenn Enttäuschung und Schwierigkeiten in ihr Leben treten. Sie wollen uns glauben machen, die Kirche oder ihre Führer seien den Frauen gegenüber unfair oder den Frauen bliebe im Rahmen des Evangeliums die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen, vorenthalten. Schwestern, wir wissen, daß die Kirche aus sterblichen Menschen besteht, daß Priestertumsführer Fehler machen und daß manche ihre Treuhandschaft nicht mit der angemessenen Sensibilität ausüben. Ich möchte Ihnen aber dies eine deutlich vor Augen halten: das Evangelium Jesu Christi stellt für eine Frau oder einen Mann die einzige Möglichkeit dar, sich als Kind Gottes voll und ganz zu verwirklichen. Nur das Evangelium kann uns von den schrecklichen Auswirkungen der Sünde befreien. Nur indem wir nach dem Plan leben, den Gott für uns aufgestellt hat, voll Glauben und fest entschlossen, letztlich in einer ewigen Familie zu leben, können wir einmal würdig sein, in seiner Gegenwart zu leben. Idealerweise behindern die Kirche und die Familie unseren Fortschritt nicht, sondern sind ihm förderlich, indem sie uns auf den Evangeliumsweg stellen, der uns zu Gott zurückführt. Wir dürfen jeder gründlich und gebeterfüllt ergründen, was Gott mit uns in bezug auf unsere persönlichen Herausforderungen und Schwierigkeiten vorhat. Persönliche Offenbarung ist wirklich etwas Persönliches. Sie beruht nicht auf dem Geschlecht oder der Position, sondern auf der Würdigkeit. Sie erfolgt als Antwort auf aufrichtiges Fragen. Offenbarung für die Kirche ergeht allerdings nur durch die Propheten, Seher und Offenbarer des Herrn.

In unserer verwirrenden Zeit kann es schwierig sein, unbeirrbar auf dem Evangeliumsweg zu bleiben. Wir hören viele überzeugende Stimmen, die uns drängen, der offenbarten Wahrheit den Rücken zu kehren und die Anschauungen der Welt zu übernehmen. Ich möchte Ihnen drei einfache Anregungen vorlegen, die uns allen helfen, den Standpunkt der Ewigkeit deutlich vor Augen zu behalten.

Erstens: konzentrieren Sie sich auf das Grundsätzliche. Da die einfachen Wahrheiten des Evangeliums so tiefgründig sind, brauchen Sie niemals im seichten Wasser spekulativer Theologie zu waten. Vermitteln Sie einander in der FHV und beim Besuchslehren die reinen Lehren, die in den heiligen Schriften und in den genehmigten Leitfäden zu finden sind; der Heilige Geist wird Sie darin anleiten und bestätigen. Lehren Sie Ihre Kinder Glauben, Umkehr, Taufe und die übrigen Grundprinzipien des wiederhergestellten Evangeliums. Gehen Sie Ihre Bündnisse mit Gott ein, und empfangen Sie alle heiligen Handlungen des Priestertums. Studieren Sie die heiligen Schriften, vor allem das Buch Mormon, und sinnen Sie darüber nach - und zwar allein und als Familie. In einer Welt voller Konflikte und Verwirrung finden Sie im offenbarten Wort Gottes Frieden und Sicherheit.

Zweitens: wahren Sie das Gleichgewicht. Um das Evangelium zu lernen, müssen wir frei und offen darüber diskutieren können, aber denken Sie daran, daß das meiste von Gott deutlich festgelegt worden ist und einfach keiner Veränderung unterliegt. Die Lehren und Grundsätze der Kirche beruhen nur auf Offenbarung, nicht auf Gesetzgebung. Es handelt sich um Gottes Plan; wir sind nicht befugt, ihn abzuändern oder daran herumzupfuschen.

Unsere Aufgabe ist es, die Grundsätze des Evangeliums so in unser Leben zu integrieren, daß wir im Gleichgewicht bleiben. Wenn wir uns nämlich im Gleichgewicht befinden, dann ist unser Leben auch, ehe wir es uns versehen, von geistiger Erkenntnis erfüllt, die bestätigt, daß der himmlische Vater uns liebt und daß sein Plan gerecht und wahr ist und daß wir uns bemühen müssen, ihn zu verstehen und voll Freude danach zu leben.

Drittens: bemühen Sie sich voll Liebe umeinander, denn „die Nächstenliebe vergeht nie" (Moroni 7:46). Viele Ihrer Schwestern, auch unter denen, die heute Abend hier sind, leiden aus dem einen oder anderen Grund. Bemühen Sie sich um diese Schwestern, hören Sie sich ihre Sorgen an, erweisen Sie sich ihres Vertrauens würdig, und behalten Sie das, was Ihnen anvertraut wird, immer für sich. Helfen Sie ihnen, die Last zu tragen. Unterrichten Sie sie durch Ihr Reden und Ihr Beispiel im Plan des himmlischen Vaters für seine Kinder. Machen Sie ihnen klar, daß unser Vater sich der Entscheidungsfreiheit seiner Kinder unerschütterlich verpflichtet hat. Erklären Sie ihnen, welch wesentliche Rolle die Schwierigkeiten im Hinblick auf unser ewiges Leben spielen. Nehmen Sie sie an der Hand, und helfen Sie ihnen, umzukehren, zu vergeben, Glauben zu haben, auszuharren und alles zu tun, was nötig ist. Vergessen Sie niemals, daß der Herr vielleicht durch Sie in ihrem Leben ein Wunder wirken mag.

Schwestern, Sie gehören der FHV an. Sie ist in jeder Gemeinde und jedem Zweig auf Weisung des Priestertums gegründet worden. Die Schwestern Ihrer FHV-Leitung vor Ort sind weise, inspirierte Frauen, die durch Offenbarung berufen und eingesetzt sind von denen, die die Vollmacht innehaben, die heiligen Handlungen des Evangeliums zu vollziehen. Ich war zweimal Bischof, und ich möchte, daß Sie wissen: Sie gehören einer Organisation an, die für Ihre Gemeinde lebenswichtig ist, und was Sie dort einbringen, ist für das Werk des Herrn von großem Wert.

Möge Gott Sie segnen, liebe Schwestern ganz persönlich, in Ihrer Familie und in Ihrer Berufung in der Kirche. Möge er Sie für Ihren treuen Dienst segnen. Mögen Sie die tröstliche Gewißheit spüren, daß der himmlische Vater eine jede von Ihnen, seinen Töchtern, liebt und daß der Weg, den er Ihnen vorzeichnet, der Weg zu vollkommener Gerechtigkeit ist - in diesem Leben und in Ewigkeit. Das bezeuge ich, und ich bete demütig darum, daß die Segnungen des Herrn mit Ihnen sein mögen. Im Namen Jesu Christi. Amen.