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Herbst 1995 | Im Willen des Vaters verschlungen‟

Im Willen des Vaters verschlungen‟

Herbst 1995 Generalkonferenz

Das einzige wirklich Persönliche, das wir auf Gottes Altar legen können, ist, daß wir unseren Willen ihm unterwerfen.

Immer wenn ein Mitglied der Kirche über die Weihung spricht, sollte dies mit Ehrfurcht geschehen und mit dem Eingeständnis, daß jeder von uns die „Herrlichkeit Gottes verloren‟ hat (siehe Römer 2:23). Auch die Gewissenhaften stehen mit leeren Händen da, aber sie sind sich des Mankos bewußt und bemühen sich aus ganzem Herzen. So ist es tröstlich, daß sich Gottes Gnade nicht nur auf jene beschränkt, „die [ihn] lieben und alle [seine] Gebote halten‟, sondern auch denen gilt, „die danach trachten, dieses zu tun‟ (LuB 46:9).

Eine zweite Gruppe von Mitgliedern sind „ehrenhaft‟, aber nicht „tapfer‟. Sie sind sich der Kluft nicht bewußt und erkennen auch nicht, daß sie sie überbrücken müssen. (Siehe LuB 76:79.) Diese ehrenhaften Menschen sind weder gemein noch schlecht. Nicht was sie getan, sondern was sie nicht getan haben, ist verkehrt. Zum Beispiel: Wenn sie tapfer wären, könnten sie auf andere beträchtlich einwirken, statt daß diese sie bloß in freundlicher Erinnerung behalten.

In der dritten Gruppe finden sich andere, die sich ungeheuerlich in den Schmutz der Welt verstricken und uns alle daran erinnern, daß man - wie Petrus schreibt – der Sklave dessen ist, von dem man überwältigt wurde (siehe 2 Petrus 2:19). Wenn man nach dem trachtet, „was dem Fleisch entspricht‟, kann man nicht den „Geist Christi‟ haben, weil das Denken dann fern von Jesus ist, wie dies auch für die Wünsche und „Absichten des Herzens‟ gilt. (Siehe Römer 8:5; l Korinther 2:16; Mosia 5:13.) Und siehe da - wenn der Herr uns fremd ist, dienen wir letztlich anderen Herren. Die Gewalt dieser anderen Herren ist real, auch wenn sie manchmal subtil ist, denn sie bestimmt die Richtung. Ja, wir sind alle Kämpfer, wenn auch manchmal nur im Heer der Gleichgültigen.

Solange wir nicht bereit sind, uns vom Herrn führen zu lassen, werden wir von unseren Begierden angetrieben, sind wir um die geringeren Dinge des Tages besorgt. Das Heilmittel findet sich in der Klage König Benjamins: „Denn wie soll jemand einen Herrn kennen, dem er nicht gedient hat und der für ihn ein Fremder ist und der den Gedanken und Absichten seines Herzens ferne steht?‟ (Mosia 5:13.) Leider antworten viele heutige Menschen auf die Frage „Was denkt ihr über den Messias?‟: „Ich denke eigentlich überhaupt nicht an ihn!‟

Was müssen wir uns also versagen? „Wenn nun ein Mensch sein Kreuz auf sich nimmt, versagt er sich alles, was ungöttlich ist, und jegliche irdische Begierde und hält meine Gebote.‟ (Bibelübertragung von Joseph Smith - Matthäus 16:26.)

Denken Sie über die folgenden drei Beispiele dafür nach, wie ehrenhafte Menschen etwas zurückbehalten, wodurch größere Weihung unmöglich wird. (Siehe Apostelgeschichte 5:1-4.) Eine Schwester engagiert sich auf lobenswerte Weise sichtbar im Gemeinwesen und ist mit Recht deswegen gut angesehen. Dabei bleibt sie aber dem Tempel Jesu und seinen heiligen Schriften vergleichsweise fremd, beides zwei wesentliche Aspekte des Jüngerseins. Dabei könnte sie doch das Abbild Christi in ihrem Angesicht haben.

Ein ehrenhafter Vater, der pflichtbewußt seine Familie versorgt, geht mit den Angehörigen seiner Familie nicht sehr gütig' und sanftmütig um. Wenngleich er der Sanftmut und der Güte Jesu, die wir doch nachahmen sollen, noch vergleichsweise fremd ist, würde ein wenig Anstrengung seitens dieses Vaters viel ausmachen.

Stellen Sie sich einen zurückgekehrten Missionar vor, der im Laufe seiner ehrenhaften Mission viel dazugelernt hat und nun ernsthaft nach Erfolg im Beruf strebt. Er kommt an einen Punkt, an dem die Welt ihn voll in Anspruch nimmt. Aber auf dem engen und schmalen Pfad kann man keine Kurven schneiden. Somit verzichtet er darauf, statt seiner selbst zuerst das Reich Gottes aufzubauen. Eine kleine Kurskorrektur würde jetzt hinsichtlich des späteren Bestimmungsorts ungeheuer viel ausmachen.

Die soeben genannten Fehler bestehen in der Unterlassung. Sobald die telestialen Sünden überwunden sind und hinfort vermieden werden, fällt das Augenmerk immer mehr auf die Unterlassungssünden. Die Unterlassungen zeigen, daß wir des celestialen Reichs nicht völlig würdig sind. Nur umfassendere Weihung kann diese Unterlassungen korrigieren, deren Folgen genau so real sind wie die Sünden, die wir begehen. Viele von uns haben also ausreichend Glauben, um die schweren Begehungssünden zu vermeiden, aber nicht genügend Glauben, um das zu opfern, was sie so sehr beherrscht, oder sich auf die Unterlassungen zu konzentrieren.

Meist unterlassen wir etwas deshalb, weil i wir es nicht schaffen, über uns hinauszublicken. Wir sind so sehr damit beschäftigt, unsere Temperatur zu messen, daß wir das brennende Fieber der anderen nicht bemerken, selbst wenn wir ihnen das eine oder andere dagegen geben könnten, was sie brauchen: Aufmunterung, Güte, Lob. Die Hände, die herabhängen und vor allen anderen emporgehoben werden müssen, gehören denen, die zu entmutigt sind, als daß sie sie noch ausstreckten.

Alles hängt gewissermaßen von unseren Wünschen ab, die unser Denken prägen. Unsere Wünsche gehen unserem Handeln voraus und finden sich tief in unserer Seele und bringen uns zu Gott oder von ihm weg (siehe LuB 4:3). Gott kann unsere Wünsche bilden, und andere trachten danach, unsere Wünsche zu manipulieren. Aber wir gestalten die Gedanken und Wünsche unseres Herzens selbst.

Die Regel lautet letztlich: „Gemäß [unserem] Wunsch soll es geschehen‟, „denn ich, der Herr, werde alle Menschen gemäß ihren Werken richten, gemäß den Wünschen ihres Herzens.‟ (Alma 41:5; LuB 6:20,27.) Der Wille eines Menschen gehört also ihm allein. Gott geht nicht darüber hinweg und auch nicht dagegen an. Darum tun wir besser daran, auch die Folgen dessen zu wollen, was wir uns wünschen.

Seit jeher ist es so, daß man nur dann wirklich glücklich sein kann, wenn man den eigenen Willen nach dem Willen Gottes ausrichtet. Alles andere ergibt nur ein kleineres Maß. (Siehe Alma 12:11.) Der Herr nimmt sich unser an, auch wenn wir zu Beginn „nicht mehr tun [können], als den Wunsch [haben], zu glauben‟, aber bereit sind, „einem Teil [seiner] Worte Raum [zu] geben.‟ (Alma 32:37.) Ein bißchen Platz ist alles, was er braucht! Den aber müssen wir uns wünschen und ihm verschaffen.

So viele von uns lassen sich von der Weihung abhalten, weil wir irrtümlicherweise meinen, daß wir unsere Individualität verlieren, wenn wir unseren Willen im Willen des Vaters verschlungen sein lassen. (Mosia 5:17.) Worum wir uns wirklich Sorgen machen, ist selbstverständlich nicht, daß wir uns selbst aufgeben, sondern Selbstsüchtiges wie Stellung, Zeit, Privilegien und Besitztümer. Da nimmt es nicht wunder, daß der Herr uns anweist, uns selbst zu verlieren. (Siehe Lukas 9:24.) Er bittet uns nur, unser altes Ich zu verlieren, damit wir ein neues Ich finden können. Es geht nicht darum, die Identität zu verlieren, sondern die wahre Identität zu finden! Und doch verlieren sich so viele Menschen in ihren Hobbys und in Sorgen um so weitaus geringere Dinge.

Durch beständigen Gehorsam sowohl im ersten als auch im zweiten Stand wußte Jesus immer, in welche Richtung er blickte. Konsequent entschied er sich dafür, seinem Vater gleich zu werden: „Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, wenn er den Vater etwas tun sieht. Was nämlich der Vater tut, das tut in gleicher Weise der Sohn‟ (Johannes 5:19). „Denn [ich] habe … den Willen des Vaters in allem von Anfang an gelitten.‟ (3 Nephi 11:11.)

In dem Maß, wie sich der eigene Wille immer mehr dem Willen Gottes unterordnet, kann man Inspiration und Offenbarung für die Prüfungen des Lebens empfangen. In der schweren, prägenden Prüfung mit Isaak, „zweifelte [Abraham] nicht im Unglauben‟ (Römer 4:20). John Taylor hat festgestellt, daß nichts außer dem Geist der Offenbarung Abraham diese Zuversicht schenken und ihn unter diesen außergewöhnlichen Umständen aufrechterhalten konnte. (Siehe Journal of Discourses, 14:361.) Vertrauen auch wir in einer verwirrenden Prüfung, für die wir keine Erklärung haben, auf Gott? Ist uns klar, wirklich klar, daß er weiß, wann wir unter Druck stehen und verwirrt sind? Die vorbehaltlose Weihung, die bis zum Sühnopfer führte, sichert uns sein vollkommenes Einfühlungsvermögen. Jesus hat unseren Schmerz schon vor uns gefühlt, und er weiß, wie uns zu helfen ist.

(Siehe Alma 7:11,12.) Da der Unschuldigste am meisten gelitten hat, kann unser „Warum?‟ dem seinen nicht ebenbürtig sein, aber wir können uns ebenso fügen wie er. (Siehe Matthäus 26:39.)

Die wachsende Bereitschaft, uns unterzuordnen, bringt einen weiteren Segen: die wachsende Fähigkeit zur Freude. Präsident Brigham Young hat einmal gesagt: „Wenn ihr köstliche Freude erleben wollt, dann werdet ein Heiliger der Letzten Tage, und lebt nach der Lehre Jesu Christi.‟ (Journal of Discourses, 18:247.)

Weihung ist also kein Resignieren oder gedankenloses Nachgeben, sondern vielmehr eine bewußte Erweiterung, durch die wir ehrlicher werden, so wie wir singen: „Mehr würdig des Reiches‟. Weihung ist daher kein Resignieren und auch kein achselzuckendes Hinnehmen, sondern vielmehr die Bereitschaft, das Joch noch besser zu schultern.

Weihung bedeutet „mit Beständigkeit in Christus vorwärtsstreben‟, mit dem „Glanz der Hoffnung und indem [man] Liebe [hat] zu Gott und zu allen Menschen‟ und sich dabei „am Wort von Christus weidet‟ (2 Nephi 31:20). Jesus strebte mit ganzer Kraft vorwärts. Er schreckte nicht zurück, indem er nur sechzig Prozent des Weges zum vollen Sühnopfer zurücklegte. Er „führte das, was [er] für die Menschenkinder vorhatte, bis zum Ende aus‟, und brachte die allgemeine Auferstehung zuwege - nicht eine, bei der vierzig Prozent außen vorbleiben. (Siehe LuB 19:18,19.)

Jeder von uns tut gut daran, sich zu fragen: „Worin besteht mein Zurückschrecken?‟ Sanftmütige innere Einkehr führt zu kühnen Einsichten. Was haben wir beispielsweise auf dem Weg als Jünger schon bereitwillig zurückgelassen? Es ist der einzige Weg, auf dem Müllabladen gestattet, ja, sogar erwünscht ist. Zu Beginn bestand der Müll aus den schwereren Begehungssünden. Später ändert sich der Müll: weggeworfen wird, was Mißbrauch oder Vergeudung von Zeit und Talent verursacht hat.

An diesem Weg zur Weihung beschleunigen harte und unerwünschte Herausforderungen manchmal das Überbordwerfen, das nötig ist, um mehr Weihung zu erreichen. (Siehe Helaman 12:3.) Wenn wir weich geworden sind, mögen harte Zeiten notwendig sein. Wenn wir zufrieden sind, mag eine Dosis göttlicher Unzufriedenheit verabreicht werden. Eine relevante Einsicht mag im Tadel enthalten sein. Eine neue Berufung holt uns weg von der vertrauten Routine, in der wir bereits die erforderlichen Fähigkeiten entwickelt haben. Wir mögen unseren gewohnten Luxus verlieren, so daß auch das bösartige Gewebe des Materialismus entfernt werden kann. Man mag durch Demütigung versengt werden, so daß der Stolz wegschmelzen kann. Was auch immer wir brauchen, wird auf die eine oder andere Art und Weise berücksichtigt.

John Taylor hat darauf hingewiesen, daß der Herr uns vielleicht sogar das Herz zerreißt. (Siehe John Taylor, Journal of Discourses, 14:359f.) Wenn unser Herz so auf die Dinge der Welt gesetzt ist, muß es vielleicht zerrissen oder zerbrochen werden oder eine mächtige Wandlung durchmachen.

Weihung ist sowohl ein Grundsatz als auch ein Vorgang. Sie ist nicht an einen einzigen Augenblick gebunden, sondern entwickelt sich freigiebig und Tropfen für Tropfen, bis der Becher der Weihung schließlich überläuft.

Lange davor jedoch, wie Jesus erklärt hat, müssen wir im Herzen entscheiden, „daß wir tun, was er von uns verlangt.‟ (Übertragung von Joseph Smith - Lukas 14:28.) Präsident Young hat uns geraten: „Fügt euch dem Willen des Herrn und anerkennt seine Hand in allem, … dann seid ihr ganz auf dem richtigen Weg; solange ihr nicht an dem Punkt angelangt seid, könnt ihr nicht ganz auf dem rechten Weg sein. Dorthin müssen wir gelangen.‟ (Journal of Discourses, 5:351 f.)

Die Hand Gottes anerkennen bedeutet mit den Worten Joseph Smiths unter anderem, daß man darauf vertraut, daß er „reichlich Vorsorge getroffen‟ hat, um all seine Absichten zu erfüllen (siehe Lehren des Propheten Joseph Smith, Seite 224f.). Manchmal lenkt er eindeutig, dann wieder scheint er die Zügel locker zu lassen. Darum sind wir nicht immer imstande, die Rolle der Hand Gottes zu begreifen, aber wir kennen sein Herz und seinen Sinn genug, um uns unterzuordnen. Wenn wir verwirrt sind oder unter Druck stehen, gibt es vielleicht nicht immer eine Erklärung, aber doch immer Hilfe. Das Wissen weicht der Unterwerfung, wenn wir Augenblicke erleben, wo uns gesagt wird: „Seid ruhig und wißt, daß ich Gott bin.‟ Je mehr der eigene Wille „verschlungen‟ ist, desto mehr wird das eigene Leid in der „Freude über Christus verschlungen‟. (Alma 31:38.)

Vor siebzig Jahren prägte Lord Moulton das eingängige Wort vom „Gehorsam gegenüber dem Unerzwingbaren‟ und beschrieb damit den „Gehorsam eines Menschen gegenüber dem, wozu er nicht gezwungen werden kann.‟ („Law And Manners‟, The Atlantic Monthly, Juli 1924, Seite 1.) Die Segnungen Gottes, einschließlich derer, die mit der Weihung verbunden sind, werden uns aufgrund von unerzwungenem Gehorsam gegenüber den Gesetzen zuteil, auf denen sie beruhen. Unsere Wünsche bestimmen also den Grad unseres „Gehorsams gegenüber dem Unerzwingbaren‟. Gott bemüht sich, daß wir uns mehr weihen und alles geben, damit er, wenn wir zu ihm nach Hause zurückkehren, uns großzügig alles geben kann, was er hat. (Siehe LuB 84:38.)

Zum Abschluß: Das einzige wirklich Persönliche, das wir auf Gottes Altar legen können, ist, daß wir unseren Willen ihm unterwerfen. All das andere, das wir „geben‟, ist eigentlich nur etwas, was er uns gegeben oder geliehen hat. Wenn Sie und ich uns jedoch unterordnen, indem wir unseren Willen im Willen des Vaters verschlungen sein lassen, dann geben wir ihm wirklich etwas! Das ist der einzige Besitz, den wir wirklich geben können!

Weihung stellt somit die einzige bedingungslose Kapitulation dar, die auch ein umfassender Sieg ist!

Mögen wir uns diesen Sieg von Herzen wünschen. Im Namen Jesu Christi. Amen