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Herbst 1998 | Eine Zeit voll großer Möglichkeiten

Eine Zeit voll großer Möglichkeiten

Herbst 1998 Generalkonferenz

Dies ist eine Zeit, wo wir die Hand ausstrecken und auf jemanden einwirken sollen, eine Zeit, wo wir den Sabbat heilighalten sollen, und eine Zeit, wo wir die Lampen unserer Tempel hell brennen lassen sollen.

Vor kurzem sagte eine charmante junge Schwester in der Abendmahlsversammlung, daß eine gute Ansprache entweder mit einem guten Witz oder mit einer maßlosen Unwahrheit beginnen sollte. Ich bin praktisch unfähig, Witze zu erzählen, aber ich kann aufrichtig sagen, daß ich mich hier am Pult völlig wohl fühle und nicht die geringste Angst habe.

Am Ende unserer Hundertfünzig-Jahr-Feiern gab uns unser geliebter Prophet vor kurzem den neuen Schwerpunkt unserer Aufmerksamkeit vor: „Es ist jetzt an der Zeit, uns umzuwenden und uns der Zukunft zu stellen. Wir leben in einer Zeit der tausend Möglichkeiten. Es istan uns, sie zu ergreifen und vorwärtszugehen. Wir leben in einer wundervollen Zeit, in der ein jeder von uns seinen kleinen Teil dazu beitragen kann, das Werk des Herrn zu seiner erhabenen Bestimmung hinzuführen.“ (Gordon B. Hinckley, Der Stern, Januar 1998, 69.)

Im täglichen Leben stehen wir alle vor Herausforderungen. Aber darin liegen auch unsere größten Möglichkeiten. Wenn wir unsere Möglichkeiten erkennen und dementsprechend handeln, ergeben sich daraus Fortschritt, Glücklichsein und geistiges Wachstum. Wir müssen daran mitwirken, das Werk des Herrn vorwärtszubringen. Die Möglichkeiten, die uns offenstehen, sind zwar endlos, aber ich möchte Ihnen doch ein paar ans Herz legen.

Immer wieder werden wir von dieser Kanzel aus daran erinnert, den Sabbat heilig zu halten. Wenn wir den Sabbat zur Zeit nicht heilig halten, ist jetzt der geeignete Augenblick, uns dazu zu verpflichten, diese Gelegenheit wahrzunehmen und die Segnungen zu erlangen, die mit dem Gehorsam diesem Gebot gegenüber einhergehen.

Viele meinen, die Begriffe „Sabbat“ und „Spieltag“ seien synonym. Ein Bekannter von mir, der mehrere Geschäfte in hauptsächlich von Heiligen der Letzten Tagen bewohnten Orten führt, sagt mir, er könne genau sagen, wann die Versammlungen vorbei seien, denn dann steige die Zahl der Kunden drastisch an. Die Freizeitgestaltung in all ihren Formen ist für viele zur Hauptbeschäftigung am Sabbat geworden.

Als wir jung verheiratet waren, wohnten wir im Südosten des Salt Lake Valley. Gelegentlich, wenn wir unsere Einkäufe in einem kleinen Lebensmittelladen erledigten, sahen wir Präsident Joseph Fielding Smith und seine Frau ihre Einkäufe im selben Laden machen. Nachdem ich sie ein paar Mal beobachtet hatte, nahm ich meinen Mut zusammen und fragte Präsident Smith, warum er vom Stadtzentrum aus an einen Dutzend Lebensmittelläden vorbeifuhr, um in diesem Laden einzukaufen. Er schaute über den Rand seiner Brille und sagte eindringlich: „Junge!“ (Da hatte er sofort meine Aufmerksamkeit.) Meine Frau und ich kaufen in solchen Läden ein, die den Sabbat heilig halten.

Die Sabbatheiligung ist kein neues Gebot. Uns wird nur das gesagt, was Generationen von den Propheten ihrer Zeit gehört haben und was die Propheten des Herrn in unserer Zeit viele Male wiederholt haben. Die neuzeitlichen heiligen Schriften ermahnen uns folgendermaßen:

„Und damit du dich selbst noch mehr von der Welt unbefleckt halten mögest, sollst du an meinem heiligen Tag ins Haus desBetens gehen und deine heiligen Handlungen darbringen; denn wahrlich, das ist der Tag, der bestimmt ist, daß ihr von eurer Arbeit ruht und daß du dem Allerhöchsten deine Ergebenheit erweisest.“ (LuB 59:9,10.)

Ich weiß, es ist schwer ­ vor allem für unsere jungen Mitglieder ­, den Sabbat heiligzuhalten, wenn Sportmannschaften, in denen sie so gern aufgestellt sein wollen, ihre Spiele regelmäßig am Sonntag ansetzen. Ich weiß, es erscheint vielentrivial, wenn sie nur ein paar Dinge brauchen, schnell in einen Laden zu gehen und am Sonntag etwas einzukaufen. Aber ich weiß auch, daß die Sabbatheiligung zu den wichtigsten Geboten gehört, die wir befolgen können, um uns für die Eingebungen des Geistes bereit zu machen.

Dies ist die Zeit der Möglichkeit für eine Familie, aufrecht dazustehen und sich zu denen zählen zu lassen, die das vierte große Gebot befolgen: „Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinen Gott, geweiht.“ (Exodus 20:8-10.)

Vor ein paar Jahren ging Präsident Hinckley auf eine Bemerkung über die Anzahl der Tempelweihungen ein, an denen er als Generalautorität teilgenommen hatte. Er meinte, es sei sein Wunsch, so lange an Tempelweihungen teilzunehmen, bis wir 100 Tempel in Betrieb hätten. Als ich das hörte, mußte ich einfach ein paar Berechnungen anstellen, und mir wurde klar, daß die Anzahl der Tempel in Betrieb und die Tempel in Planung oder im Bau noch lange nicht hundert ausmachten. Da es der Präsidierenden Bischofschaft obliegt, den Bau eines Tempels zu beaufsichtigen, sobald er bekanntgegeben worden ist, weiß ich noch, wie ich sagte: „Präsident Hinckley, der Herr möge Sie mit einem langen Leben segnen.“

Ich hatte keine Ahnung, daß unser Prophet vielleicht damals schon die Eingebung vom Himmel hatte, zu überlegen, wie die würdigen Familien der Heiligen der Letzten Tage mehr Gelegenheiten bekommen können, an den Segnungen teilzuhaben, die mit dem Tempelbesuch einhergehen. Wie Sie weinte auch ich auf der Frühjahrskonferenz vor Freude, als wir Präsident Hinckley sagen hörten:

„Wir [sind] in den letzten Monaten viel unter den Mitgliedern der Kirche umhergereist. Ich war bei vielen, die nur wenig weltliche Güter besaßen. Aber sie haben im Herzen den großen, brennenden Glauben an dieses Werk der Letzten Tage. Sie lieben die Kirche. Sie lieben das Evangelium. Sie lieben den Herrn und wollen seinen Willen tun. Sie zahlen den Zehnten, so bescheiden er auch ist. Sie bringen gewaltige Opfer, um den Tempel zu besuchen. Sie reisen tagelang in billigen Bussen und mit alten Booten. Sie sparen ihr Geld und verzichten auf so manches, um das alles zu ermöglichen.

Sie brauchen den Tempel in ihrer Nähe.… Deshalb nehme ich jetzt die Gelegenheit wahr, der gesamten Kirche ein Programm anzukündigen, laut dem sofort rund 30 kleinere Tempel gebaut werden.… Diese Tempel werden zusätzlich zu den 17 Tempeln gebaut, die bereits im Bau befindlich sind. Das sind dann insgesamt 47 neue Tempel zusätzlich zu den 51, die bereits in Betrieb sind. Ich glaube, wir fügen besser noch zwei weitere hinzu, damit es bis zum Ende des Jahrhunderts 100 sind.“ (Der Stern, Juli 1998, 100f.)

Zu Beginn dieser Evangeliumszeit wurden unsere Vorfahren mit der Möglichkeit gesegnet, große Opfer zu bringen, um Tempel zu bauen. Sie gaben großzügig von ihren knappen finanziellen Mitteln und setzten ihre Körperkraft ein. Als der Tempel in Kirtland und später in Nauvoo fertiggestellt wurde, brachten die Heiligen große Opfer. Sie wurden dafür gesegnet. Nachdem die Heiligen in die Berge gezogen waren, bauten sie im Westen mehrere Tempel. Jedes Tempelprojekt stellte ein großes Opfer dar. Von Gott verheißen, warten Segnungen auf den, der die Gelegenheit wahrnimmt, sich am Tempelbau zu beteiligen.

Die Zeit der Möglichkeiten, die uns heute im Tempeldienst erwarten, unterscheidet sich von der Vergangenheit. Von uns wird nicht erwartet, daß wir Nägel einschlagen, Steine behauen, Holz sägen, Zement gießen oder uns sonstwie körperlich am Tempelbau beteiligen. Wir sind jedoch aufgerufen, treu den Zehnten zu zahlen, damit der Tempelbau vorangehen kann. Wir sind aufgefordert, unsere Dienste anzubieten und denen, die uns vorangegangen sind, die errettenden heiligen Handlungen zu ermöglichen. Einfach gesagt: Wir haben die Möglichkeit, dafür zu sorgen, daß in unseren Tempeln die Lampen von früh bis spät brennen. Vielleicht könnten wir dafür sorgen, daß sie auch die ganze Nacht brennen müssen, wie das am Wochenende in manchen Tempel der Fall ist.

Vor einigen Jahren verwendete ein größeres Unternehmen der Kommunikationsbranche in der Werbung den folgenden Satz: „Strecken Sie die Hand aus und sprechen Sie jemanden an.“ Präsident Hinckley hat uns daran erinnert, daß wir oft Gelegenheit haben, die Hand auszustrecken und jemanden anzusprechen. In bezug auf die neuen Mitgliedern hat er gesagt, daß wir die Hand ausstrecken und liebevoll und aufnahmebereit auf sie zugehen sollen; wer sich der Kirche entfremdet hat, braucht etwas Zuspruch, bedingungslose Liebe und ein volles Maß an Vergebung; unsere Nachbarn, Kollegen und Freunde, die nicht der Kirche angehören, brauchen den Segen, aufgrund unserer Worte und Taten vom heiligen Geist berührt zu werden.

Vor kurzem nahm ich im Rahmen einer Pfahlkonferenz an einer Schulungsversammlung für Pfahl- und Gemeinderäte teil, wo gut vorbereitete Vorträge darauf eingingen, wie man neue und weniger aktive Mitglieder sowie Nichtmitglieder einbeziehen kann, statt sie auszusperren. Die Pfahl-JD-Leiterin, Schwester Laura Chipman, schlug fünf Punkte dazu vor, wie wir dabei vorgehen können. Das sind: 1. In uns gehen: Vermitteln wir ungewollt eine Haltung, die andere ausschließt? 2. Ermitteln: Kennen wir die Neugetauften, die weniger Aktiven oder die Nichtmitglieder, die inunserer Nachbarschaft oder im Gemeinwesen leben? 3. Kennenlernen: Bemühen wir uns, die Interessen, Talente und Fertigkeiten dererkennenzulernen, die wir in die Gemeinschaft aufnehmen wollen? 4. Einladen: Laden wir Nachbarnund Freunde zu passenden Aktivitäten ein? 5. Einbeziehen: Können wir irgendwie die Fertigkeiten, Talente und Fähigkeiten derer, die wir einbeziehen wollen, nutzen?

Vor kurzem nahm ich ander Beerdigung eines meiner Jugendfreunde teil. Dieser Bruder war von Geburt an behindert. Er konnte Gedanken ziemlich gut verstehen, konnte aber weder lesen noch schreiben. Seine Sprechfertigkeit beschränkte sich auf sehr wenige erkennbare Wörter und eine Sprache, die nur er verstand. Einige von uns konnten einige Wörter, die er sprach, verstehen. Allerdings konnten wir am Klang seiner Wörter feststellen, ob er seine Sorge oder seiner großen Fähigkeit zu lieben Ausruck gab. Seine Jugendzeit verbrachte Lynn zum Großteil in einer Sonderschule. Er verbrachte die Sommer und viele Feiertage zu Hause bei seiner Familie. Die letzten siebzehn Jahre verbrachte Lynn, der all seine Angehörigen überlebte, in einem Pflegeheim, wo man am besten auf seine Bedürfnisse eingehen konnte.

Nach Lynns Tod sorgte einer seiner guten Freunde dafür, daß der Trauergottesdienst in dem Gemeindehaus abgehalten wurde, zu dem wir als Jungen gingen. Es kamen seine nahen Freunde, das Personal des Pflegeheims, ein paar Mitglieder, die ihn von vor vielen Jahren noch gekannt hatten, und etwa ein Dutzend Freunde mit Familie. Mehrere Brüder, die ihm während seines langen, oft einsamen Aufenthalts im Pflegeheim noch nahegestanden hatten, sprachen voll Liebe über ihn.

Im Verlauf des Gottesdienstes wurden all unsere Erinnerungen aufgefrischt. Ein Freund erinnerte daran, daß uns unser Sonntagschullehrer einmal eingeladen hatte, im Unterricht Zeugnis zu geben. Alser uns der Reihe nach aufrief, überging er Lynn, vielleicht in der Annahme, er könne es nicht. Mit aller rechtschaffenen Entrüstung, die er aufbrachte, machte er dem Lehrer klar, daß er Gelegenheit haben wollte, Zeugnis zu geben. Wir verstanden zwar nicht, was er sagte, fühlten aber seine Liebe und die Tiefe des großen Geistes, der in einem Körper gefangen war, der nicht völlig funktionieren konnte. Der Geist in der Klasse war sehr stark!

Als das Personal und seine besonderen Freunde aus dem Pflegeheim ihre bedingungslose Liebe für Lynn zum Ausdruck brachten, war es ganz offensichtlich, daß er auf seine demütige Weisedie Hand ausgestreckt und aufsie eingewirkt hatte. Im Verlaufdes Begräbnisses war es deutlich, daß mindestens drei unserer Jugendfreunde und ihre Familie die Hand ausgestreckt und Lynn gedient hatten, indem sie ihn regelmäßig besuchten, Ausflüge im Auto machten und ihn bei besonderen Anlässen und Geburtstagsfeiern zum Essen einluden.

Als die Geschichten und Erinnerungen zu Ende waren, wurde uns allen klar, daß unser körperbehinderter liebevolle Engel und Freund uns und den wunderbaren mitfühlenden Familien, die so oft liebevoll die Hand ausgestreckthatten, weitaus mehr wirklich Wertvolles gegeben hatte, als er je bekommen hatte.

Ja, heute ist wirklich eine Zeit voller Möglichkeiten. Dies ist eine Zeit, wo wir die Hand ausstrecken und auf jemanden einwirken sollen, eine Zeit, wo wir den Sabbat heilighalten sollen, und eine Zeit, wo wir die Lampen unserer Tempel hell brennen lassen sollen, um nur ein paar wenige zu nennen. Ich gebe Zeugnis von unserem lebendigen Vater im Himmel und von seinem Sohn, unserem Erretter und Erlöser, die uns bedingungslos lieben und sich wünschen, daß wir die Gelegenheiten wahrnehmen, die sie geschaffen haben. Ich bringe meine Liebe für unseren Propheten zum Ausdruck, der mit großem Engagement, mit Mut und Würde das Banner voranträgt. Im Namen Jesu Christi, amen.