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Herbst 1998 | Was fragen die Menschen in bezug auf uns?

Was fragen die Menschen in bezug auf uns?

Herbst 1998 Generalkonferenz

Ich möchte einfach, so einfach, wie ich es verstehe, eine Antwort auf die Fragen geben, die die Menschen uns betreffend stellen.

Meine lieben Brüder und Schwestern, es ist mir eine große Ehre, zu Ihnen zu sprechen.

Wir werden in letzter Zeit häufig von den Medien interviewt. Wie viele von Ihnen wissen, bin ich neulich in der Fernsehsendung Larry King Live aufgetreten. Ich habe mich dazu bereit erklärt, weil ich das Gefühl hatte, daß es zwar mit gewissen Risiken verbunden war, daß es aber auch eine großartige Gelegenheit war, mich vor der Welt zu Fragen zu äußern, die uns betreffen.

In der Sendung fragte Mr. King mich ganz direkt: „Was ist Ihre Rolle? Sie sind der Führer einer großen Kirche. Was ist Ihre Rolle?“

Ich erwiderte: „Meine Rolle ist es, die Lehre zu verkünden. Meine Rolle ist es, den Menschen ein Vorbild zu sein. Meine Rolle ist es, der Verteidigung der Wahrheit meine Stimme zu verleihen. Meine Rolle ist es, die Werte zu bewahren, die in unserem Kulturkreis, unserer Gesellschaft wichtig sind. Meine Rolle ist es, zu führen.“

Diese Antwort war spontan gegeben. Ich hatte nicht mit der Frage gerechnet. Aber im Geist dieser Antwort habe ich mir gedacht, daß ich gern etwa ein halbes Dutzend Fragen stellen möchte, die häufig von den Medien und von anderen Kirchen gestellt werden. An dieser Stelle müssen meine Antworten natürlich kurz ausfallen. Jede dieser Fragen verdient eine ausführliche Erörterung.

Ich habe die Fragen willkürlich ausgewählt und ihnen keine spezielle Reihenfolge gegeben, außer der ersten. Ich möchte mit niemandem streiten. Ich respektiere die Religion eines jeden Menschen und achte seinen Wunsch, danach zu leben. Ich möchte einfach, so einfach, wie ich es verstehe, eine Antwort auf die Fragen geben, die die Menschen uns betreffend stellen.

Erste Frage: Was lehren die Mormonen in bezug auf die Gottheit, in bezug auf Gott?

Seit der Zeit der ersten Vision stellen die Menschen diese Frage, und sie stellen sie auch heute noch und werden das weiterhin tun, solange sie an den Gott ihrer Überlieferungen glauben, währendwir vom Gott neuzeitlicher Offenbarung Zeugnis geben.

Der Prophet Joseph Smith hat erklärt: „Das erste Prinzip des Evangeliums besteht darin, daß wir mit Gewißheit erkennen, wer Gott ist, und wissen, daß wir mit ihm sprechen können, wie ein Mensch mit dem anderen spricht.“ (Lehren des Propheten Joseph Smith, Hg. Joseph Fielding Smith [1976], Seite 354.)

„Wir glauben an Gott, den ewigen Vater, und an seinen Sohn, Jesus Christus, und an den Heiligen Geist.“ (1. Glaubensartikel.) Dieser erste Glaubensartikel gibt einen Abriß unserer Lehre. Wir nehmen nicht das Athanasianische Glaubensbekenntnis an. Wir nehmen auch nicht das Nizäische Glaubensbekenntnis oder irgendein anderes Glaubensbekenntnis an, das auf Überlieferung und menschlichen Schlußfolgerungen beruht.

Wir nehmen allerdings, als Grundlage unserer Lehre, die Aussage des Propheten Joseph Smith an, nämlich bezüglich dessen, was er erlebt hat, als er im Wald um Weisheit betete: „Als das Licht auf mir ruhte, sah ich zwei Gestalten von unbeschreiblicher Helle und Herrlichkeit über mir in der Luft stehen. Eine von ihnen redete mich an, nannte mich beim Namen und sagte, dabei auf die andere deutend: Dies ist mein geliebter Sohn. Ihn höre!“ (Joseph Smith­Lebensgeschichte 1:17.)

Zwei reale Wesen standen vor ihm. Er sah sie. Sie hatten die Gestalt eines Menschen, nur waren sie ihrer Erscheinung nach herrlicher. Er sprach mit ihnen. Sie sprachen mit ihm. Es waren keine amorphen Geister. Beide waren ein individuelles Wesen. Es waren Wesen aus Fleisch und Gebein, und ihre Wesensart wurde dem Propheten in späteren Offenbarungen weiter bestätigt.

Unsere Sache, die Sache der Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, ruht darauf, ob diese herrliche erste Vision wirklich stattgefunden hat. Damit öffnete sich der Schleier für diese, die Evangeliumszeit der Fülle. Nichts, worauf wir unsere Lehre gründen, nichts, was wir lehren, nichts, wonach wir leben, ist wichtiger als diese erste Verkündigung. Ich behaupte: wenn Joseph Smith mit Gott dem Vater und mit seinem geliebten Sohn gesprochen hat, dann ist auch alles andere, wovon er gesprochen hat, wahr. Das ist das Scharniergelenk, an dem das Tor hängt, das zum Weg der Errettung und des ewigen Lebens führt.

Sind wir Christen? Natürlich sind wir Christen. Wir glauben an Christus. Wir verehren Christus. Wir nehmen in einem feierlichen Bund seinen Namen auf uns. Die Kirche, der wir angehören, trägt seinen Namen. Er ist unser Herr, unser Erretter, unser Erlöser, der das Sühnopfer gebracht hat, mit dem Errettung und ewiges Leben verbunden sind.

Zweite Frage: Welche Haltung nimmt die Kirche zur Homosexualität ein?

Erstens glauben wir daran, daß die Ehe zwischen Mann und Frau von Gott verordnet ist. Wir glauben, daß die Ehe ewig sein kann ­ kraft der Ausübung der Macht des immerwährenden Priestertums im Haus des Herrn.

Die Menschen fragen nach unserer Haltung zu denen, die sich als Schwule und Lesben betrachten. Meine Antwort lautet, daß wir sie als Söhne und Töchter Gottes lieben. Sie mögen bestimmte Neigungen haben, die sehr stark sind und die sie vielleicht nur schwer in den Griff bekommen können. Die meisten Menschen haben bisweilen die eine oder andere Neigung. Wenn sie diese Neigungen nicht ausleben, können sie genauso vorangehen wie alle übrigen Mitglieder der Kirche. Wenn sie das Gesetz der Keuschheit und die sittlichen Grundsätze der Kirche übertreten, unterliegen sie der Disziplin der Kirche, genauso wie andere auch.

Wir möchten diesen Menschen helfen, sie stärken und ihnen in ihren Schwierigkeiten beistehen. Aber wir können nicht schweigend zusehen, wenn sie sich unsittlich verhalten, wenn sie versuchen, für eine sogenannte gleichgeschlechtliche Ehe einzutreten, sich dafür einzusetzen und in einer solchen Beziehung zu leben. Wer so etwas erlaubt, nimmt die sehr ernste und heilige Grundlage einer von Gott gebilligten Ehe und ihren Zweck, die Gründung einer Familie, auf die leichte Schulter.

Dritte Frage: Welche Haltung nehmen Sie zur Abtreibung ein?

Laut den Zentren für Krankheitsbekämpfung und Vorbeugung hat es 1995 allein in den Vereinigten Staaten über 1 200 000 Abtreibungen gegeben. Was ist aus der Achtung vor dem Menschenleben geworden? Wie können Männer und Frauen die große und kostbare Gabe des Lebens, die ihrem Ursprung und Wesen nach göttlich ist, leugnen?

Ein Kind ist etwas so Wundervolles. Ein Neugeborenes ist so schön. Es gibt kein größeres Wunder als die Erschaffung menschlichen Lebens.

Abtreibung ist häßlich und erniedrigend, sie bringt unausweichlich Reue und Kummer mit sich.

Wir sprechen uns zwar dagegen aus, aber wir räumen diese Möglichkeit ein, wenn zum Beispiel die Schwangerschaft die Folge von Inzest oder Vergewaltigung ist, wenn kompetente Ärzte der Meinung sind, daß das Leben oder die Gesundheit der Mutter in Gefahr ist, oder wenn kompetente Ärzte zu dem Schluß gekommen sind, daß der Fötus so schwer geschädigt ist, daß das Baby die Geburt nicht überlebt.

Aber solche Fälle sind selten, und die Wahrscheinlichkeit, daß sie vorkommen, kann man vernachlässigen. In solchen Umständen sollen diejenigen, die vor dieser Frage stehen, sich mit ihren örtlichen Kirchenführern beraten und aufrichtig beten und, ehe sie handeln, durch das Beten eine Bestätigung erhalten.

Es gibt einen viel besseren Weg.

Wenn keine Aussicht auf Heirat besteht und die Mutter verlassen worden ist, besteht noch die sehr willkommene Möglichkeit, das Kind von Eltern adoptieren zu lassen, die es lieben und umsorgen. Es gibt viele solche Ehepaare, die sich nach einem Kind sehnen und kein Kind bekommen können.

Vierte Frage: Welche Haltung nimmt die Kirche zur Polygamie ein?

Wir sind heute mit vielen Zeitungsartikeln zu diesem Thema konfrontiert. Das rührt von einem Fall von angeblichem Kindesmißbrauch seitens solcher Personen her, die die Mehrehe praktizieren.

Ich möchte kategorisch sagen, daß diese Kirche mit denen, die die Polygamie praktizieren, nichts zu tun hat. Es sind keine Mitglieder der Kirche. Die meisten sind nie Mitglieder gewesen. Sie verstoßen gegen das Zivilrecht. Sie wissen, daß sie gegen das Recht verstoßen. Sie machen sich strafbar. Die Kirche ist in dieser Sache natürlich nicht zuständig.

Wenn festgestellt wird, daß eins unserer Mitglieder die Mehrehe praktiziert, wird es exkommuniziert, was die schwerste Strafe ist, die die Kirche verhängen kann. Diejenigen, die an so etwas beteiligt sind, übertreten nicht nur Zivilgesetze, sondern auch das Gesetz dieser Kirche. Einer unserer Glaubensartikel, die für uns verbindlich sind, lautet: „Wir glauben daran, daß es recht ist, einem König oder Präsidenten oder Herrscher, einer Obrigkeit untertan zu sein und den Gesetzen zu gehorchen, sie zu achten und für sie einzutreten.“ (12. Glaubensartikel.) Man kann das Gesetz nicht gleichzeitig befolgen und mißachten.

So etwas wie einen „mormonischen Fundamentalisten“ gibt es nicht. Es ist ein Widerspruch, diese beiden Begriffe zusammen zu verwenden.

Vor über hundert Jahren hat Gott seinem Propheten Wilford Woodruff deutlich offenbart, daß die Mehrehe nicht mehr praktiziert werden sollte, was bedeutet, daß sie jetzt gegen das Gesetz Gottes verstößt. Selbst in Ländern, wo das zivile oder religiöse Gesetz die Polygamie zuläßt, lehrte die Kirche, daß eine Ehe monogam sein muß, und läßt Menschen, die die Mehrehe praktizieren, nicht als Mitglieder zu.

Fünfte Frage: Worauf führen Sie das Wachstum der Kirche zurück?

Wir wachsen. Wir wachsen auf wundervolle Weise. Mit dem natürlichen Wachstum und den Bekehrtentaufen haben wir jedes Jahr rund 400 000 neue Mitglieder. Auf der Basis von zehn Millionen sind das rund 4 Prozent, was für eine Kirche außergewöhnlich gut ist.

Die Menschen halten in unserer Welt der sich wandelnden Wertvorstellungen Ausschau nach einem soliden Anker. Sie wünschen sich etwas, woran sie festhalten können, da die Welt um sie herum immer mehr in Unordnung gerät.

Wir heißen sie als neue Mitglieder willkommen und geben ihnen das Gefühl, daß sie bei uns zu Hause sind. Sie spüren die Wärme der Gemeinschaft mit den Heiligen.

Sie bekommen etwas zu tun. Sie erhalten eine Aufgabe. Es wird ihnen das Gefühl vermittelt, daß sie Teil der großen Aufwärtsbewegung in diesem, dem Werk Gottes, sind.

Und natürlich haben wir die Missionare, die ihnen bei der Suche nach der Wahrheit helfen.

Sie entdecken bald, daß von ihnen als Heiligen der Letzten Tage viel erwartet wird. Sie haben nichts dagegen. Sie entsprechen den Erwartungen, und es gefällt ihnen. Sie erwarten von ihrer Religion, daß sie anspruchsvoll ist, daß sie sich ändern müssen. Sie entsprechen den Bedingungen. Sie geben Zeugnis von dem Guten, das in ihr Leben gekommen ist. Sie sind begeistert und glaubenstreu.

Sechste Frage: Was ist mit Ehegatten- und Kindesmißbrauch?

Mißbrauch in jeder Form verurteilen wir nachdrücklich. Wir sprechen uns entschieden gegen den physischen, sexuellen, verbalen oder seelischen Mißbrauch des Ehepartners und der Kinder aus. In unserer Proklamation zur Familie steht: „Mann und Frau tragen die feierliche Verantwortung, einander und ihre Kinder zu lieben und zu umsorgen.… Die Eltern haben die heilige Pflicht, ihre Kinder in Liebe und Rechtschaffenheit zu erziehen, für ihre physischen und geistigen Bedürfnisse zu sorgen.… Mann und Frau ­ Vater und Mutter ­ werden vor Gott darüber Rechenschaft ablegen müssen, wie sie diesen Verpflichtungen nachgekommen sind.“ (Proklamation zur Familie, Der Stern, Januar 1996.)

Wir tun alles, was wir können, um dieses schreckliche Übel auszumerzen. Wenn die Gleichheit zwischen Mann und Frau anerkannt wird, wenn man erkennt, daß jedes Kind, das zur Welt kommt, ein Kind Gottes ist, dann gibt es auch ein größeres Verantwortungsbewußtsein, und man umsorgt die Menschen, für die man verantwortlich ist, hilft ihnen und liebt sie mit beständiger Liebe.

Kein Mann, der seine Frau oder seine Kinder mißbraucht, ist würdig, das Priestertum Gottes zu tragen. Niemand, der seine Frau oder seine Kinder mißbraucht, ist würdig, in dieser Kirche ein Mitglied in gutem Stand zu sein. Der Mißbrauch von Ehepartner und Kindern ist vor Gott ein sehr schwerwiegendes Vergehen, und wer so etwas tut, kann damit rechnen, daß er von der Kirche bestraft wird.

Siebte Frage: Wie finanziert die Kirche ihren Betrieb?

Bruder Faust hat sich heute morgen sehr beredt dazu geäußert. Außenstehende fragen sich, wie wir soviel tun können. Sie äußern sich ­ auch schriftlich ­ dahingehend, daß die Kirche sehr reich sein und über ein gewaltiges Vermögen verfügen muß.

Ja, wir haben Vermögen. Wir haben überall auf der Erde Gotteshäuser. Wir bauen jedes Jahr viele neue. Wir führen ein großes Programm an höherer Bildung durch, haben Seminare und Religionsinstitute. Wir haben beispiellose familiengeschichtliche Einrichtungen. Wir unterhalten eine gewaltige Missionsorganisation, wozu auch die Instandhaltungder Missionsheime und anderer Einrichtungen gehört ­ zusätzlichzu den Unterhaltskosten der Missionare, für die die Missionare und ihre Familie selbst aufkommen. Wir führen auch noch weitere Programme durch, die alle Geld kosten.

Aber alle diese und noch mehr verschlingen Geld und bringen kein Geld ein. Es ist sehr kostspielig, diese Kirche zu betreiben. Ihr weltweiter Betrieb wird mit dem geweihten Zehnten der treuen Mitglieder finanziert. Das Gesetz des Zehnten ist ein wundervoller und herrlicher Grundsatz. Er ist so einfach zu verstehen und zu befolgen. Er ist das Finanzierungsgesetz des Herrn.

Ich danke dem Herrn aus tiefstem Herzen für den Glauben derer, die ehrlich den Zehnten zahlen. Sind sie dadurch ärmer? Wir bezeugen, daß der Herr in seiner Vorsehung es irgendwie wettmacht, und zwar auf großzügige Weise. Es handelt sich nicht um eine Steuer, sondern um ein freiwilliges Opfer, das vertraulich gegeben wird. Es ist ein Grundsatz, der mit einer erstaunlichen Verheißung verbunden ist. Gott hat gesagt: „Wartet, ob ich euch dann nicht die Schleusen des Himmels öffne und Segen im Übermaß auf euch herabschütte.“ (Maleachi 3:10.)

Nun, das ist alles, wofür ich heute morgen Zeit habe. Man könnte noch viel mehr Punkte erörtern. Dies ist nur eine Auswahl von Fragen, die die neugierige Welt uns stellt.

Wir müssen dies wissen, Sie und ich, die wir die Lehren dieser Kirche hochhalten, nämlich daß dies Gottes Werk ist, geleitet vom Herrn Jesus Christus, daß es nach ihrem Plan und ihrem Muster funktioniert und unter ihrem Segen steht.

Warum sind wir so glückliche Menschen? Aufgrund unseres Glaubens, der stillen Zuversicht, die wir im Herzen haben, daß unser Vater im Himmel, dem alles untersteht, auf seine Söhne und Töchter, die in Liebe und Dankbarkeit und Gehorsam vor ihm wandeln, achtgibt. Wir werden immer glückliche Menschen sein, wenn wir so leben. Sünde hat noch nie glücklich gemacht. Übertretung hat noch nie glücklich gemacht. Unehrlichkeit in Reden und Tun hat noch nie glücklich gemacht. Glücklich wird man, wenn man den Lehren und Geboten Gottes unseres ewigen Vaters und seines geliebten Sohnes, des Herrn Jesus Christus, gehorsam ist.

Wie ich an dieser Stelle schon früher gesagt habe, meine Brüder und Schwestern, lieben wir Sie. Wir lieben Sie um Ihres Glaubens willen und weil Sie gute Menschen sind. Wir lieben Sie, weil Sie bereit sind, das zu tun, worum Sie gebeten werden. Wir lieben Sie, weil Sie dem Willen des Herrn gehorsam sind.

Da wir wissen, daß dieses Werk wahr ist, gehen wir vorwärts, ein jeder von uns. Mögen wir uns erneut anstrengen, die ganze Waffenrüstung Gottes anzuziehen, und auf ihn blicken. Darum bete ich von Herzen im Namen unseres Erlösers, des Herrn Jesus Christus, amen.