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Frühjahr 1999 | Freundschaft, ein Grundsatz des Evangeliums

Freundschaft, ein Grundsatz des Evangeliums

Frühjahr 1999 Generalkonferenz

Wenn wir wirklich ein Werkzeug in der Hand des Vaters im Himmel sein wollen, um seine ewigen Absichten zu verwirklichen, brauchen wir bloß ein Freund zu sein.

Guten Morgen, Brüder und Schwestern, auch wenn man sich, ganz offen gesagt, bei einem Auftrag wie diesem nie so ganz wohl fühlt, bin ich doch am heutigen Ostermorgen wirklich dankbar für die Gelegenheit, zu Ihnen zu sprechen.

Mein weiser Vater sagte mir einmal, daß ich, wenn ich genau hinhörte, worüber die Leute am Rednerpult sprechen, wissen würde, welche Evangeliumsgrundsätze ihnen ein Anliegen seien und mit welchen sie gerade Schwierigkeiten hätten. über die Jahre hat diese Beobachtung meines Vaters mich dazu veranlaßt, sehr sorgsam auszuwählen, worüber ich sprechen wollte. Ich muß Ihnen aber trotzdem heute etwas gestehen: Seit Präsident Gordon B. Hinckley mit uns über die drei grundlegenden Bedürfnisse eines jeden Mitglieds der Kirche gesprochen hat, nämlich einen Freund zu haben, Verantwortung zu tragen und durch das gute Wort Gottes genährt zu werden, habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, was für ein Freund ich bin.

Der Prophet Joseph Smith hat erklärt: “Freundschaft ist einer der großen und grundlegenden Leitgedanken des Mormonismus.”1 Dieser Gedanke sollte uns alle begeistern und motivieren, weil Freundschaft etwas ist, was in unserer Welt am dringendsten gebraucht wird. Ich glaube, wir alle haben ein starkes Verlangen nach Freundschaft, ein tiefes Sehnen nach der Befriedigung und Sicherheit, die nur eine enge und dauerhafte Beziehung uns schenken kann. Wenn wir jemand Freundschaft entgegenbringen, ist das meiner Meinung nach eine der besten Taten christlichen Dienens und christlicher Liebe. Nächstenliebe und Freundschaft sind in der Tat ganz eng miteinander verwandt. Man könnte den Apostel Paulus leicht verändert so wiedergeben: “[Freundschaft] ist langmütig, [Freundschaft] ist gütig. [Freundschaft] ereifert sich nicht,… sucht nicht ihren Vorteil, läßt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. [Freundschaft] hört niemals auf.”2

Wie so vieles, was wertvoll ist im Leben, läßt sich unser Bedürfnis nach Freundschaft oft am besten innerhalb der Familie stillen. Wenn unsere Kinder daheim Freundschaft erfahren ­ untereinander und auch mit den Eltern ­, müssen sie nicht verzweifelt nach Anerkennung außerhalb der Familie suchen. Meine Frau und ich haben etwas erreicht, was uns große Freude macht: wir durften miterleben, daß unsere Kinder gute Freunde geworden sind. Es ist wirklich ein Wunder: gerade diejenigen, die einander in jungen Jahren körperlich auf das heftigste bedroht haben, stehen einander heute sehr nahe und genießen ihre Freundschaft. In gleicher Weise kann, glaube ich, Eltern kein schöneres Kompliment gemacht werden, als wenn Kinder sagen, daß ihre Eltern zu ihren besten Freunden zählen.

Freundschaft ist auch ein unerläßlicher und wunderbarer Teil des Werbens und der Ehe. Eine Beziehung zwischen Mann und Frau, die mit Freundschaft beginnt und danach zu einer Liebesbeziehung und schließlich zur Ehe heranwächst, bleibt normalerweise eine dauerhafte, ewige Freundschaft. In der heutigen Welt, in der Ehen so schnell wieder gelöst werden, geht es einem wirklich zu Herzen, wenn ein Ehepaar jahrein, jahraus still die gegenseitige Freundschaft genießt und schätzt, während die beiden gemeinsam Freud und Leid des Erdenlebens durchmachen. Ein kürzlich veröffentlichter Bericht über 25 Jahre Grundlagenforschung bezüglich der Ehe hat folgendes erbracht: “Eine dauerhafte Ehe wird … durch etwas ganz Einfaches zusammengehalten, das aber von grundlegender Bedeutung ist: Freundschaft.”3 In einem rührenden Brief, den der Prophet Joseph Smith seiner Frau Emma während der Trennung und der Drangsal von Missouri schrieb, um sie zu trösten, sagt er: “O meine liebe Emma, ich möchte, daß du nicht vergißt, daß ich dir und den Kindern für immer ein wahrer und treuer Freund sein werde.”4

Auch die inspirierte Organisation der Kirche fördert Freundschaften. Von jungen Jahren an bis ins hohe Alter gehören wir zu Gruppen, in denen Freundschaft und Geselligkeit gedeihen kann. In Interviews, Versammlungen, Klassen, Kollegien, Räten, Präsidentschaften und einer ganzen Reihe weiterer Vereinigungen können wir Freundschaften schließen und Verständnis finden. Die vorgeschriebene Grußformel der ältesten, die die Schule der Propheten in Kirtland besuchten, drückt einen Geist der Freundschaft aus, den wir uns alle aneignen sollten:

“[Ich] empfange … euch in der Gemeinschaft mit dem festen, unverrückbaren und unabänderlichen Entschluß, durch die Gnade Gottes in den Banden der Liebe euer Freund … zu sein.”5

Unser Zusammenleben in der Kirche bereitet mehr Freude und ist produktiver, wenn es von aufrichtiger Freundschaft begleitet ist. So lehrt etwa ein Lehrer im Evangelium, der nicht der Freund seiner Schüler wird, niemals mit bleibendem Einfluß und nachhaltiger Wirkung. Ein Seminarlehrer, den ich liebte und von dem ich viel lernte, schrieb mir in mein Highschool-Jahrbuch einen einzigen Satz, der mir sehr viel bedeutet. Er sagte, er sei dankbar, mein Freund zu sein.

Ein Bischof, egal wie versiert er in Verwaltungsangelegenheiten ist, muß den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ein Freund sein, wenn er ihnen helfen will, ihr geistiges Potential zu erreichen. Ich war sehr berührt, als eine junge Frau, die ich kannte, zu ihrem Bischof ging, um ihm eine ziemlich schwere übertretung zu bekennen. Sie war besorgt gewesen, wie der Bischof darauf reagieren würde, daß sie vom Weg des Evangeliums abgewichen war, und war nur nach beträchtlichem Drängen zu ihm gegangen. Als ich sie später fragte, wie er reagiert hätte, erzählte sie mir sehr bewegt, daß er mit ihr geweint hätte und daß ihr Bischof nun einer ihren besten Freunde sei, der gemeinsam mit ihr daran arbeite, daß sie vom Herrn Vergebung erlange.

Als Heilige der Letzten Tage stehen wir vor einer besonderen Herausforderung, wenn es darum geht, Freundschaften zu schließen und aufrechtzuhalten. Da wir uns in großem Maße unserer Ehe, unserer Familie und unserer Kirche verpflichtet fühlen, zögern wir möglicherweise, unseren Freundeskreis zu erweitern und uns anderen zuzuwenden, die nicht dieser engsten Gruppe angehören. Ich habe dieses Dilemma in den vergangenen Tagen selbst erfahren, als ich zu Hause ungestört diese Ansprache vorbereiten wollte. Zweimal kamen alte Freunde, die ich sehr gern habe und die ich nur selten sehe, unangemeldet bei uns vorbei. Was zu einer besonderen Zeit des Wiedersehens und des Schwelgens in Erinnerungen hätte werden können, wurde zu einem ungeduldigen Warten darauf, daß die Besuche endeten und ich wieder daran gehen konnte, meine Ansprache über Freundschaft zu schreiben!

Ich schäme mich seither. Wie egoistisch man doch sein kann! Wie unwillig, belästigt zu werden, zu geben, anderen ein Segen zu sein und gesegnet zu werden. Was für Eltern, Nachbarn und Diener des Herrn Jesus Christus können wir denn sein, wenn wir nicht auch freiwillig ein Freund sind? Ist die Freundschaft in unserem Informationszeitalter nicht immer noch die beste Technologie zur übermittlung der Wahrheiten und des Lebens, die uns am Herzen liegen? Hindert uns nicht unser zögerliches Zugehen auf andere beträchtlich daran, Gott zu helfen, daß seine ewigen Absichten verwirklicht werden?

Als ich vor Jahren als Bischof diente, zog eine neubekehrte Familie in unsere ländliche Gegend in Utah. Diese guten Leute hatten sich im Osten der Vereinigten Staaten der Kirche angeschlossen und waren in dem kleinen Zweig dort liebevoll integriert und in die Arbeit einbezogen worden. Als sie in unsere große, alteingesessene Gemeinde kamen, wurden sie irgendwie übersehen. Einige Familienmitglieder, insbesondere der Vater, waren von der Kirche und den Mitgliedern enttäuscht.

Als ich eines Sonntagmorgens feststellte, daß der Vater nicht in der Priestertumsversammlung war, fuhr ich gleich zu ihm nach Hause. Er bat mich hinein, und wir hatten ein sehr offenes Gespräch über die Schwierigkeiten, die er mit seinem neuen Glauben und seinen neuen Nachbarn hatte. Nachdem wir verschiedene Lösungsmöglichkeiten in Betracht gezogen hatten, an denen er allesamt keinen großen Gefallen fand, fragte ich ihn leicht frustriert, was wir denn tun könnten, um ihm zu helfen. Ich werde seine Antwort niemals vergessen:

“Nun, Bischof”, sagte er (und hier muß ich etwas umformulieren), ” egal, was Sie tun, teilen Sie um Himmels willen keinen Freund für mich ein!”

An jenem Tag habe ich etwas Wichtiges gelernt. Niemand will ein “Projekt” sein, wir alle wollen ganz einfach spontan gemocht werden. Und wenn wir schon Freunde haben sollen, dann wenigstens echte und wahre, keine “eingeteilten”.

Brüder und Schwestern, wenn wir wirklich ein Werkzeug in der Hand des Vaters im Himmel sein wollen, um seine ewigen Absichten zu verwirklichen, brauchen wir bloß ein Freund zu sein. Was es doch ausmachen könnte, wenn jeder von uns aus freiem Willen und eigener Entscheidung sich in bedingungsloser Freundschaft denen zuwendet, die noch nicht der Kirche angehören! Uns könnte nicht länger vorgeworfen werden, daß wir Menschen zuerst begeistert aufnehmen, ihnen aber dann die kalte Schulter zeigen. Versuchen Sie sich vorzustellen, was für positive Auswirkungen es hätte, wenn jede Familie, die in der Kirche aktiv ist, beständig einer weniger aktiven oder neugetauften Familie Interesse und Freundschaft angedeihen ließe. Jedem von uns ist es gegeben, ein Freund zu sein. Ob alt oder jung, reich oder arm, gebildet oder ungebildet, wir alle können ein Freund sein ­ in jeder Sprache und jedem Land.

Kurz vor seiner Kreuzigung sagte unser Erretter zu seinen Jüngern: “Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde.”6 Ich bete darum, daß wir, die wir also mit der Freundschaft Christi gesegnet sind, in Zukunft anderen das sind, was er uns ist ­ ein wahrer Freund. Nie sind wir Christus ähnlicher als dann, wenn wir ein Freund sind. Ich bezeuge Ihnen, daß Freunde in meinem Leben einen unschätzbaren Wert haben, und ich danke allen meinen Freunden. Ich weiß, wenn wir uns und unsere Freundschaft anbieten, leisten wir einen ganz wichtigen Beitrag zum Werk Gottes und tragen dazu bei, daß seine Kinder glücklich sind und Fortschritt machen. Im Namen Jesu Christi, amen.

Quellenangaben anzeigenQuellenangaben ausblenden
    1. Lehren des Propheten Joseph Smith, 322.

    2. 1. Korinther 13:4­8.

    3. John Gottman, zitiert in Karen S. Peterson, “Friendship Makes Marriages a Success”, USA Today, 1. April 1999, 1D.

    4. Zitiert in Daniel H.Ludlow, Hg., Encyclopedia of Mormonism, 5 Bde. (1992), 3:1345.

    5. LuB 88:133.

    6. Johannes 15:13,14.