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Frühjahr 1999 | Eure celestiale Reise

Eure celestiale Reise

Frühjahr 1999 Generalkonferenz

Jede von euch wird lehrreiche Zeiten erleben, in denen ihr die Liebe eurer Mutter, die Stärke eures Vaters und die Inspiration Gottes erfahrt.

Meine lieben Schwestern, welch ein Segen es für mich ist, heute abend vor euch zu stehen und daran zu denken, daß zusätzlich zu all denen, die hier im Tabernakel versammelt sind, viele Tausende durch Satellitenübertragung zusehen und zuhören. Ich bete um die Hilfe des Herrn.

Henry Wadsworth Longfellow beschrieb euch und eure Zukunft in einem klassischen Gedicht. Er schrieb:

Wie schön die Jugend ist, wie hell sie scheint,

Mit Träumen, Wünschen, die man kennt.

Ein Buch mit Anfängen,

Geschichte ohne Ende.

Eine Heldin jedes Mädchen,

und jeder Mann ein Freund.1

Euch kostbaren Mädchen, euren Müttern, Lehrerinnen und JD-Führungskräften möchte ich ein paar Gedanken und Vorschläge dazu mitteilen, wie ihr eure Schritte durchs Erdenleben hin zum celestialen Reich unseres himmlischen Vaters lenken könnt.

Ich habe sorgfältig vier Ziele ausgewählt, die euch zum Handeln bewegen und euch führen und euch ewige Freude bringen können, nämlich:

1. Blickt nach oben.

2. Geht in euch.

3. Geht aus euch heraus.

4. Geht vorwärts.

Sprechen wir zuerst über die dringende Bitte: Blickt nach oben.

Der himmlische Vater hat jedem das Verlangen mitgegeben, den Blick nach oben zu richten. Die heiligen Schriften sagen laut und deutlich: “Sieh zu, daß du auf Gott blickst und lebst”.2 Kein Problem ist für seine Aufmerksamkeit zu klein, und keines ist so groß, daß er gläubiges Beten nicht beantworten würde. Beten ist gewiß der Weg, auf dem man geistige Kraft erlangt. Ihr könnt zielgerichtet beten, wenn euch bewußt wird, wer ihr seid und was der himmlische Vater mit euch vorhat.

Es wird euch nicht schwerfallen, euch in aufrichtigem Gebet an ihn zu wenden, wenn ihr an die Worte des Apostels Paulus denkt: “Wißt ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?”3

Wenn ihr dem himmlischen Vater Freude bereiten wollt, dann ehrt euren Vater und eure Mutter, wie er es geboten hat. Sie lieben euch von ganzem Herzen. Eure Freude ist ihre Freude, und euer Kummer ist ihr Kummer. Sie wünschen sich, daß ihr die himmlische Führung erhaltet, die der Herr euch gibt.

Ich höre manchmal enttäuschte Eltern sagen, ihre Tochter oder ihr Sohn befände sich gerade in den “furchtbaren Teenagerjahren”. Ich möchte euch viel lieber als “wunderbare Teenager” bezeichnen.

Es war nie vorgesehen, daß das Leben nur aus Lachen und Glücklichsein besteht. Jede von euch wird lehrreiche Zeiten erleben, in denen ihr die Liebe eurer Mutter, die Stärke eures Vaters und die Inspiration Gottes erfahrt.

Mit Erlaubnis von Elder Russell M. Nelson erzähle ich euch von einer lehrreichen Erfahrung, nämlich wie Kummer durch das Wissen um den Plan des himmlischen Vaters gemildert werden kann.

Elder und Schwester Nelson sind mit neun Töchtern gesegnet, gefolgt von einem Sohn. Sie sind eine glückliche, eng verbundene Familie. Als die Kinder noch jünger waren, versammelten sie sich einmal am Abend um ihre Mutter und ihren Vater, und ihr Vater begann sie zu unterweisen. Er sagte: “Viele Ehepaare werden berufen, als Missionare zu dienen, und, im Fall des Missionspräsidenten, ihre Kinder dorthin mitzunehmen, wohin sie berufen werden.” Dann stellte der Vater die entscheidende Frage: “Wenn eure Mutter und ich einen solchen Auftrag erhielten, wärt ihr dann bereit, uns zu begleiten?”

Er wartete auf ihre Antwort. Eine Tochter sagte: “Vati, dich würden sie nicht berufen; ich bin doch Cheerleader an der Highschool!”

Ein älteres Kind fügte hinzu: “Ich könnte nicht mitkommen. Ich studiere doch an der Universität.”

So fuhren die Teenager mit ihren Antworten fort, bis die kleine Emily, mit ihrer reinen Seele, antwortete: “Daddy, wenn du berufen wirst, komme ich mit.”

Tatsächlich wäre jedes der Kinder bereit gewesen, mitzugehen, aber Emily rührte die Familie mit ihrer einfachen, doch tiefgründigen Antwort zu Tränen.

Die Jahre vergingen schnell. Die Kinder heirateten. Enkel kamen in die Familie. Dann erkrankte Emily am gefürchteten Krebs. Sie ging nach einem tapferen und mutigen Kampf heim.

Elder Nelson sprach bei der Beerdigung. Ich habe nie eine feinfühligere Ansprache gehört. Er sprach vom Erlösungsplan und schilderte die Verheißungen, die Gott im Hinblick auf das ewige Bestehen der Familie gibt. Leise fügte er hinzu: “Emily hat ihre irdische Schulzeit nur ein bißchen früher abgeschlossen.” Welch ein lehrreicher Augenblick!

Als die große Familie hinter dem Sarg herging, trug Elder Nelson zwei von Emilys kleinen Kindern auf den Armen. Alle, die dabei waren, erlebten, wie Wahrheit gelehrt und eine bedeutende Lektion gelernt wurde. Wir wurden inspiriert, zum Himmel aufzublicken.

Zweitens: Geht in euch.

Möge eine jede von euch sich selbst fragen: Weiß ich, wohin ich gehen will, wer ich sein will und was ich tun will?

Der Herr hat auf solche Fragen geantwortet: “Sucht Worte der Weisheit aus den besten Büchern; trachtet nach Wissen, ja, durch Lerneifer und auch durch Glauben.”4

Die heiligen Schriften, die Führung eurer Eltern und die sorgfältige Unterweisung, die ihr in der PV, bei den Jungen Damen, in der Sonntagsschule, in der Abendmahlsversammlung und im Seminar erhaltet, bestärken euch in eurem Entschluß, so gut zu sein, wie ihr nur sein könnt.

Lernt zielgerichtet, sowohl in der Kirche als auch in der Schule. Schreibt eure Ziele auf und wie ihr sie erreichen wollt. Setzt euch hohe Ziele, denn ihr könnt ewige Segnungen erlangen.

Man darf nicht erwarten, daß man zu Beginn der Reise einen ungehinderten Blick auf den gesamten Lebensweg haben kann. Ihr müßt mit Weggabelungen und Biegungen rechnen. Aber ihr könnt nicht darauf hoffen, das gewünschte Ziel der Reise zu erreichen, wenn ihr ziellos überlegt, ob ihr euch nach Osten oder nach Westen wenden sollt. Ihr müßt eure Entscheidungen zielbewußt treffen.

Wie Lewis Carroll in seinen bekannten Abenteuern der kleinen Alice im Wunderland erzählt, folgte Alice einem Weg durch den Wald im Wunderland und kam an eine Gabelung. Sie stand unentschlossen da und fragte die Cheshire-Katze, die plötzlich in einem Baum in der Nähe auftauchte, welchen Weg sie einschlagen solle. “Wohin willst du?” fragte die Katze.

“Ich weiß nicht”, erwiderte Alice.

“Dann”, entgegnete die Katze, “ist es doch egal, oder?”5

Wir wissen, wohin wir gehen wollen. Besitzen wir auch die Entschlossenheit ­ ja, den Glauben ­, dorthin zu gelangen?

“Kommt … und lernt von mir”6, sagte der Herr. “Komm und folge mir nach!”7, bat er eindringlich. Wenn ihr seine freundliche Einladung annehmt, seid ihr bereit für unser nächstes Ziel, nämlich aus euch herauszugehen.

Der Apostel Paulus gibt euch den folgenden weisen Rat: “Niemand soll dich wegen deiner Jugend geringschätzen. Sei den Gläubigen ein Vorbild in deinen Worten, in deinem Lebenswandel, in der Liebe, im Glauben, in der Lauterkeit.”8

Ihr jungen Schwestern habt grenzenlose Möglichkeiten, auf andere zuzugehen und ihnen ein Segen zu sein. Denkt beispielsweise an den Vorzug, den heiligen Tempel besuchen zu können und dort denen zu dienen, die vor uns gegangen sind, indem ihr als Stellvertreter dient, um ihnen die Segnungen der Taufe zu ermöglichen.

Als ich morgens einmal zum Tempel ging, begegnete ich einer Gruppe von jungen Damen, die schon früh am Morgen an Taufen für diejenigen, die uns vorangegangen sind, teilgenommen hatten. Ihr Haar war naß. Ihr Lächeln war strahlend. Ihr Herz war von Freude erfüllt. Ein Mädchen drehte sich zum Tempel um und brachte seine Gefühle zum Ausdruck: “Heute ist der glücklichste Tag meines Lebens.”

Es gibt viele Möglichkeiten, den Lebenden zu dienen. Ihr könnt es tun und ihnen unsagbare Freude schenken. Alten- und Pflegeheime werden für Kranke, Betagte und Pflegebedürftige zur Heimat. Sie sehnen sich nach den Tagen ihrer Jugend. Sie sehnen sich nach ihrer Familie und ihrer behaglichen Wohnung.

In einer Sonntagsversammlung in einem Pflegeheim spielte ein Mädchen in eurem Alter, nachdem die im Rollstuhl sitzenden Bewohner das Abendmahl erhalten hatten, ein Solo auf der Geige. Die älteren Schwestern waren so dankbar! Sie brachten ihre Dankbarkeit mit Ausrufen wie “schön”, “herrlich”, “du liebes Kind” laut zum Ausdruck. Die Geigen- spielerin ließ sich von diesen Zwischenrufen nicht beirren; sie halfen ihr sogar, in ihrem Spiel neue Höhen zu erreichen.

An jenem Tag sagte sie zu mir: “Ich habe noch nie besser gespielt. Etwas schien mich über mich selbst und meine eigenen Fähigkeiten zu erheben. Ich spürte die Inspiration der Liebe meines himmlischen Vaters.”

Ich erinnerte sie: “Wenn ihr euren Mitmenschen dient, allein dann dient ihr eurem Gott.”9

Sie nickte zustimmend, legte ihre Geige sorgfältig zurück in den Geigenkasten und ging zurück auf ihren Platz, während ihr Freudentränen über die Wangen liefen.

Mögen wir nie vergessen, auf unsere Mitmenschen zuzugehen.

Und zum Schluß: Geht vorwärts. Meidet die Neigung, eine Eingebung oder eine Möglichkeit zum Wachsen und Dienen aufzuschieben. Ein solcher Aufschub raubt uns Zeit. Stellt euch den täglichen Herausforderungen des Lebens. Wann habt ihr zum letztenmal eurer Mutter in die Augen gesehen und aufrichtig die willkommenen Worte ausgesprochen “Mutter, ich liebe dich wirklich”?? Und wie steht es mit eurem Vater, der sich täglich müht, um für euch zu sorgen? Auch Väter freuen sich, wenn sie aus dem Mund ihres Kindes diese kostbaren Worte “Ich liebe dich” hören.

Es ist viel zu einfach, die Eltern als selbstverständlich zu betrachten und nicht zu merken, wieviel sie euch bedeuten und wieviel ihr ihnen bedeutet. Das wurde einmal in einer Schulklasse deutlich. Nachdem sich die Schüler im Unterricht mit Magneten beschäftigt hatten, wurde ihnen unter anderem die Frage gestellt: “Was beginnt mit M' und liest Gegenstände auf?” über ein Drittel der Schüler antwortete: “Mutter.”

Geht auch dann, wenn Prüfungen und Stockungen euch vorübergehend aufhalten, weiter vorwärts.

Eine Segnung, für die ihr euch bereitmachen könnt, ist der Patriarchalische Segen. Eure Eltern und euer Bischof werden wissen, wann es für euch an der Zeit ist, ihn zu erhalten. Der Patriarchalische Segen enthält Kapitel aus dem Buch über die Möglichkeiten eures Lebens. Für euch wird er wie ein Leuchtturm auf einem Hügel sein, der euch vor Gefahren warnt und euch zu einem ruhigen und sicheren Hafen führt. Es sind prophetische Worte aus dem Mund eines Mannes, der dazu berufen und ordiniert ist, euch einen solchen Segen zu geben.

Ich möchte die Gelegenheit wahrnehmen, von euch Jungen Damen ein herzliches Dankeschön an eure Eltern, eure Lehrerinnen und eure Führungskräfte auszusprechen. Sie sind Vorbilder für euch. Sie wissen, daß ihr manche Fehlschläge erlebt, Tage, die euch nach unten ziehen, Enttäuschungen. Sie zeigen euch, wie ihr euch über solche Erfahrungen erheben und auf dem sicheren Lebensweg bleiben könnt, der aufwärts und vorwärts zu celestialer Herrlichkeit führt. Denkt daran: wenn ihr einmal erfahren habt, was Vortrefflichkeit ist, werdet ihr nie wieder mit Mittelmäßigkeit zufrieden sein.

Vor einigen Jahren wurde ein liebenswertes junges Mädchen, Jami Palmer, die damals zwölf Jahre alt war, von ihren Eltern im Rollstuhl in mein Büro geschoben. Man hatte bei ihr Krebs diagnostiziert. Eine Operation war erforderlich. Sie hatte viele Behandlungen und eine lange Genesungszeit vor sich. Es war ein ernster Augenblick. Der Vater bat mich, mit ihm seine mutlose Tochter zu segnen, deren Träume, Hoffnungen und Pläne aufgeschoben werden mußten. Alle weinten. Wir gaben ihr einen Krankensegen.

Ich blieb mit Jami und ihrer Familie in Kontakt. Die Jahre verflogen. Sie hat als Sprecherin der Make-a-Wish Foundation, die Jugendlichen hilft, die an einer lebensbedrohlichen Krankheit leiden, anderen einen unermeßlichen Dienst erwiesen. Jami ist zu einer wunderschönen jungen Frau herangewachsen. Sie studiert jetzt an der Brigham Young University. Sie ist gesund. Sie ist durch das Feuer des Schmelzers gegangen, und ihr Leben wurde verlängert. Sie ist allen dankbar, die ihr durch diese schwierigen Jahre geholfen haben, vor allem ihrem himmlischen Vater für das Leben selbst.

Der Wendepunkt in Jamis Leben trat ein, als die Behandlungen gegen den Krebs begannen. Sie und die Jugendlichen ihrer Gemeinde hatten geplant, zur Timpanogos-Höhle zu wandern. Wer von euch schon einmal dorthin gewandert ist, weiß, daß der Weg steil ist und es endlos zu dauern scheint, bis man die Höhle erreicht. Traurig sagte Jami zu ihren Freunden: “Ich kann nicht mit euch auf die Wanderung gehen.”

“Warum nicht?” fragten sie.

Jami erwiderte: “Ich kann nicht laufen.”

Einen Augenblick herrschte Stille, dann antwortete eine: “Jami, wenn du nicht laufen kannst, dann tragen wir dich.” Und das taten sie ­ hin und zurück!

Ihr Mädchen, wollt ihr nach oben blicken, in euch gehen, aus euch herausgehen und vorwärtsgehen? Dann wird euer Lohn groß und eure Herrlichkeit ewig sein.10

Ich gebe euch, meine lieben Schwestern, mein Zeugnis, daß der himmlische Vater lebt, daß Jesus der Messias ist und daß wir heute von einem Propheten für unsere Zeit geführt werden, nämlich Präsident Gordon B. Hinckley. Im Namen Jesu Christi, amen.

Left
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    1. Henry Wadsworth Longfellow, “Morituri Salutamus,” in The Complete Works of Longfellow (1922), 311.

    2. Alma 37:47.

    3. 1 Korinther 3:16.

    4. LuB 88:118.

    5. Nach Alice's Adventures in Wonderland (1929), 76.

    6. Siehe Matthäus 11:28,29.

    7. Lukas 18:22.

    8. 1 Timotheus 4:12.

    9. Siehe Mosia 2:17.

    10. Siehe LuB 76:6.