“Ein Hoherpriester der künftigen Güter”

Of the Quorum of the Twelve Apostles


Jeffrey R. Holland
Manche Segnungen kommen bald, manche spät und manche gar erst im Himmel, aber sie kommen zu einem jeden, der das Evangelium Jesu Christi annimmt.

An jenen Tagen, an denen wir die Hilfe des Himmels ganz besonders nötig haben, tut es gut, daran zu denken, wie der Erretter im Hebräerbrief bezeichnet wird. Der Verfasser--vermutlich der Apostel Paulus--spricht hier vom "um so erhabeneren Priesterdienst" Jesu und weshalb er der "Mittler eines besseren Bundes" ist, "der auf bessere Verheißungen gegründet ist". Er sagt uns, dass Christus durch seine Mittlerrolle und sein Sühnopfer zum "Hohenpriester der künftigen Güter" wurde. 1

Es gibt für jeden von uns Zeiten, wo wir das Wissen brauchen, dass alles wieder einmal besser werden wird. Moroni nannte das im Buch Mormon: "Auf eine bessere Welt hoffen". 2 Jeder muss sich, schon um seines seelischen und geistigen Durchhaltevermögens willen, auf Erholung freuen können, auf etwas Angenehmes, das erneuert und Hoffnung gibt, und zwar ungeachtet dessen, ob diese Segnung nun schon bald eintreten wird oder noch in weiter Ferne liegt. Es genügt schon das bloße Wissen, dass man hinkommen kann, dass es diese Verheißung künftiger Güter gibt, ob sie nun schon messbar ist oder noch weit weg.

Ich erkläre hiermit, dass das Evangelium Jesu Christi uns genau das bietet, und zwar besonders dann, wenn wir gerade Schweres durchmachen. Es gibt Hilfe. Es gibt Glück. Es gibt wirklich Licht am Ende des Tunnels, nämlich das Licht der Welt, den strahlenden Morgenstern, "das Licht, das endlos ist, das niemals verfinstert werden kann". 3 Es ist der Sohn Gottes selbst. In liebevollem Lob, das weit über den Sinn von Shakespeares Romeo hinausgeht, sagen wir: "Welch Licht bricht durch das Fenster dort?" Es ist die zurückgekehrte Hoffnung und Jesus ist die Sonne. 4 Jedem, der darum kämpft, dieses Licht zu sehen und diese Hoffnung zu finden, sage ich: Harre aus. Bemüh Dich weiterhin. Gott liebt dich. Alles wird wieder besser werden. Christus kommt zu dir mit seinem "erhabeneren Priesterdienst" und einer Zukunft mit besseren Verheißungen. Er ist der "Hohepriester der künftigen Güter".

Ich denke da an neuberufene Missionare, die ihre Familie und ihre Freunde zurücklassen und denen mitunter auch Ablehnung und Entmutigung widerfährt und die anfangs zumindest auch mal Heimweh haben und vielleicht ein bisschen furchtsam sind.

Ich denke da an junge Mütter und Väter, die Kinder großziehen, während sie selbst noch studieren, oder die eben erst ins Berufsleben einsteigen und finanziell kaum genug haben und darauf hoffen, in Zukunft einmal finanziell besser gestellt zu sein. Gleichzeitig denke ich aber auch an Eltern, die allen irdischen Besitz aufgeben würden, wenn ihr in die Irre gegangenes Kind nach Hause zurückkehrte.

Ich denke an die alleinerziehenden Eltern, die all das durchmachen--und es alleine durchmachen ­, die durch Tod, Scheidung oder Entfremdung oder sonst durch irgendein Unglück, das sie in glücklicheren Tagen nicht vorhersehen konnten und das sie sich auch ganz gewiss nicht gewünscht hatten, verlassen worden sind.

Ich denke an diejenigen, die gern verheiratet wären und es doch nicht sind, die sich ein Kind wünschen und doch keines bekommen, die zwar Bekannte, aber kaum Freunde haben, die wegen eines Todesfalls trauern oder an einer Krankheit leiden. Ich denke an die, die unter Sünde leiden--unter ihrer eigenen Sünde oder der eines anderen--und die das Wissen brauchen, dass sie geheilt werden können. Ich denke an die Einsamen, die Bedrückten, die das Gefühl haben, das Leben sei an ihnen vorübergegangen, und die nun wünschen, es würde bald vorübergehen. All jenen und noch vielen anderen sage ich: Haltet am Glauben fest. Haltet an der Hoffnung fest. "Betet immer, und seid gläubig." 5 So wie Paulus über Abraham geschrieben hat: "Gegen alle Hoffnung hat er voll Hoffnung geglaubt . . . ohne im Glauben schwach zu werden". Er "wurde stark im Glauben", und er war "fest davon überzeugt, dass Gott die Macht besitzt, zu tun, was er verheißen hat". 6

Selbst wenn Sie nicht immer den Silberstreifen am Horizont sehen können, so sieht ihn doch Gott, denn er ist die Quelle jenes Lichts, wonach Sie suchen. Er liebt Sie wirklich. Er kennt Ihre ängste. Er hört Ihr Beten. Er ist Ihr himmlischer Vater, und er weint bestimmt genauso viele Tränen, wie sein Kind sie vergießt.

Trotz dieser guten Ratschläge weiß ich doch, dass sich so mancher unter Ihnen wirklich im erschreckendsten Sinn des Wortes dem Wind und den Wellen ausgeliefert fühlt. Im Sturm und Unwetter des Lebens rufen Sie vielleicht eben jetzt wie der Dichter des folgenden kleinen Gedichts aus:

"Es wird finster, die Furt erkenne ich nicht.
Alles sieht so anders aus, keinen Weg seh ich mehr.
Selbst der Fels hat ein böses Gesicht.
Mein Herz ist voll Angst, o Herr. 7

Nicht ohne die Stürme des Lebens anzuerkennen, sondern gerade weil es sie gibt, gebe ich Zeugnis von der Liebe Gottes und der Macht des Erretters, die den Sturm stillen können. Denken Sie daran, in der Geschichte in der Bibel war er ja auch mit draußen auf dem Wasser, er war mitten im schlimmsten Sturm dabei--neben dem Kleinsten, dem Jüngsten und Furchtsamsten. Nur einer, der gegen diese drohenden Wellen angekämpft hat, hat das Recht, uns zu sagen: "Seid ruhig!" 8 Nur einer, der den vollen Ansturm solcher Bedrängnis erlebt hat, hat das Recht, uns zu sagen: "Seid guten Mutes!" 9 Das ist keine schwungvolle Rede über die Macht des positiven Denkens, obwohl positives Denken heutzutage in der Welt sehr gebraucht wird. Nein, Christus weiß besser als jeder andere, dass die Prüfungen des Lebens sehr in die Tiefe gehen können und dass wir nicht oberflächlich damit umgehen. Der Herr tut Schwieriges nicht einfach mit billigen Schlagwörtern ab, aber er spricht sich doch gegen Ungläubigkeit aus und beklagt den Pessimismus. Er möchte, dass wir glauben!

Kein Auge hat wohl mehr gesehen als seines, und viel von dem, was er gesehen hat, hat wohl sein Herz durchbohrt. Seine Ohren müssen jeden Schmerzensschrei, jede Klage des Mangels oder der Verzweiflung vernommen haben. Er war, weit mehr als wir je werden verstehen können, "ein Mann des Leides und mit Schmerzen vertraut". 10 Dem Laien in den Straßen Judäas muss sein Leben wohl als Versagen vorgekommen sein, als Katastrophe--ein guter Mensch, der völlig vom Bösen um ihn und vom übeltun anderer überwältigt wird. Er wurde missverstanden und verzerrt dargestellt, ja, selbst von Anfang an gehasst. Ganz gleich, was er sagte, man verdrehte jedes Wort, misstraute jeder Tat und stellte seine Motive in Frage. In der ganzen Weltgeschichte hat niemand je so rein geliebt oder so selbstlos gedient--und ihm wurde so teuflisch vergolten. Und dennoch gab er bei alledem nie den Mut auf. Er verlor nie die Hoffnung. Nichts konnte seinen Glauben an die Zukunft zunichte machen. Selbst in den dunklen Stunden in Getsemani und auf Golgota vertraute er weiterhin jenem Gott, von dem er einen Augenblick lang fürchtete, er hätte ihn verlassen.

Da Christus den Blick unwandelbar auf die Zukunft richtete, vermochte er alles zu erdulden, was von ihm verlangt wurde, konnte er leiden wie sonst keiner, ja, wie König Benjamin sagte, "mehr, als ein Mensch ertragen kann, ohne daran zu sterben" 11 , konnte er auf die Menschen blicken, die im Leben Schiffbruch erlitten haben, und auf die Verheißungen, die dem alten Israel gegolten hatten und die nun in Scherben lagen, und doch sagen: "Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht." 12 Wie schaffte er das? Wie konnte er daran glauben? Weil er weiß, dass für den Glaubenstreuen letztlich alles gut ausgeht Er ist ein König; er spricht für die Krone; er weiß, was er verheißen kann. Er weiß: "So wird der Herr für den Bedrückten zur Burg, zur Burg in Zeiten der Not. . . . Der Arme ist nicht auf ewig vergessen, des Elenden Hoffnung ist nicht für immer verloren." 13 Er weiß: "Nahe ist der Herr den zerbrochenen Herzen, er hilft denen auf, die zerknirscht sind." Er weiß: "Der Herr erlöst seine Knechte; straflos bleibt, wer sich zu ihm flüchtet." 14

Verzeihen Sie, wenn ich mit einem persönlichen Erlebnis schließe, das zwar nicht die schwere Last beschreibt, die so mancher von Ihnen zu tragen hat, aber ich will Ihnen damit doch Trost geben. Vergangenen Monat vor dreißig Jahren machte sich eine kleine Familie auf den Weg zu einem Studienplatz am anderen Ende der Vereinigten Staaten. Sie hatten nur ein altes Auto, und alles, was ihnen gehörte, passte in weniger als die Hälfte des allerkleinsten überlandtransporters. Sie verabschiedeten sich von ihren besorgten Eltern und fuhren auf die Autobahn, doch nach genau 55 Kilometern blieb ihr überlastetes Auto plötzlich stehen.

Der junge Vater fuhr auf eine Nebenstraße ab, verglich den Dampf unter der Kühlerhaube mit seinem eigenen ärger und ließ seine vertrauensvolle Frau mit den beiden unschuldigen Kindern--das jüngere war gerade erst drei Monate alt--im Auto zurück und machte sich auf den fünf Kilometer langen Weg zur Metropole Süd-Utahs, dem Städtchen Kanarraville, das damals gerade 65 Einwohner hatte. Gleich am Rand der Ortschaft erhielt er Wasser, und ein sehr netter Mann brachte ihn mit dem Wagen zu seiner wartenden Familie zurück. Sie setzten das Auto wieder in Gang und fuhren langsam--sehr langsam--nach St. George in die Werkstatt zurück.

Nach mehr als zwei Stunden Herumprobierens hatte man den Defekt noch immer nicht gefunden, und so begann die Reise aufs neue. Doch nach genau derselben Zeit passsierte genau an derselben Stelle genau dasselbe wieder. Es war bestimmt nicht mehr als 5 Meter von der ersten Stelle entfernt--wahrscheinlich bloß 2 Meter. Hier wirkten offenbar äußerst präzise mechanische Gesetzmäßigkeiten.

Der verdrossene junge Vater, der sich diesmal eher dumm vorkam, ließ wieder seine Lieben im Wagen zurück und machte sich erneut auf den Weg. Der Mann, der ihm das Wasser gab, sagte diesmal: "Entweder Sie oder der andere, der ihnen so ähnlich sieht, braucht wohl einen neuen Kühler fürs Auto." Wieder brachte ein netter Nachbar den Vater zu dem alten Auto und seiner wartenden Familie zurück. Er wusste nicht mehr, sollte er lachen oder weinen ob der schlimmen Lage, in der sich seine Familie befand.

"Wie lange sind Sie schon unterwegs?" fragte der Nachbar. "Fünfundfünfzig Kilometer", entgegnete ich. "Und wie weit müssen Sie noch fahren?" "Viertausendzweihundert Kilometer", sagte ich. "Also Sie können das ja schaffen, und Ihre Frau und die zwei Kleinen da auch, aber bestimmt nicht mit diesem Auto." Er hatte völlig Recht.

Vor genau zwei Wochen bin ich wieder an dieser Stelle vorbeigekommen, wo man von der Autobahn auf die Nebenstraße abfahren kann--genau fünf Kilometer westlich von Kanarraville in Utah. Dieselbe schöne, treue Frau--meine beste Freundin und Stütze all die Jahre--war friedlich neben mir eingeschlafen. Die beiden Kinder aus der Geschichte und der jüngere Bruder, der später noch dazukam, sind inzwischen schon längst erwachsen, waren auf Mission, haben geheiratet und haben jetzt schon selbst Kinder. Das Auto, mit dem ich diesmal unterwegs war, war zwar anspruchslos, aber doch sehr bequem und sehr sicher. Abgesehen von mir und meiner lieben Pat, die so friedlich neben mir schlief, glich diesmal nichts auch nur im entferntesten jener Szene damals, als wir uns vor dreißig Jahren in jener schlimmen Lage befunden hatten.

Aber einen Augenblick lang bildete ich mir ein, ich sähe dort an der Nebenstraße ein altes Auto mit einer lieben jungen Frau und zwei kleinen Kindern, die aus einer schlimmen Lage das Beste machten. Knapp davor, so dachte ich, sah ich einen jungen Mann in Richtung Kanarraville gehen. Er hatte noch einen langen Fußmarsch vor sich. Seine Schultern schienen etwas gebeugt, und die Angst des jungen Vaters um seine Familie zeigte sich in seinem schnellen Schritt. In der Sprache der heiligen Schriften würde man das wohl "herabgesunkene Hände" 15 nennen. Ich konnte nicht anders, ich musste ihm zurufen: "Gib nicht auf, mein Junge. Verzweifle nicht. Geh weiter, bemüh dich. Es wird Hilfe kommen, es wird Glück geben--sogar großes Glück--in dreißig Jahren und immer weiter. Halt die Ohren steif. Alles wird am Ende gut. Vertraue Gott und glaub an die künftigen Güter."

Ich bezeuge: Gott lebt. Er ist unser ewiger Vater, er liebt jeden von uns voll göttlicher Liebe. Ich gebe Zeugnis, dass Jesus Christus sein einziggezeugter Sohn im Fleisch ist, der nun, da er die Welt besiegt hat, Erbe der Ewigkeit ist und Miterbe Gottes, der zur rechten Hand des Vaters ist. Ich bezeuge, dass dies ihre wahre Kirche ist und dass sie uns in den Stunden der Not stützen und immer stützen, selbst wenn wir ihr Eingreifen nicht bemerken. Manche Segnungen kommen bald, manche spät und manche gar erst im Himmel, aber sie kommen zu einem jeden, der das Evangelium Jesu Christi annimmt. Davon kann ich selbst Zeugnis geben. Ich danke dem Vater im Himmel für seine Güte in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in Zukunft, und ich sage das im Namen seines geliebten Sohnes, des hochherzigsten Hohenpriesters, des Herrn Jesus Christus, amen.

Quellenangaben anzeigen

  1.  

    1. Hebräer 8:6; 9:11.

  2.  

    2. Ether 12:4.

  3.  

    3. Siehe Johannes 8:12; Offenbarung 22:16; Mosia 16:9.

  4.  

    4. Siehe William Shakespeare, Romeo und Julia, Zweiter Aufzug, zweite Szene, Zeile 2.

  5.  

    5. LuB 90:24.

  6.  

    6. Römer 4:18,20,21.

  7.  

    7. Joseph Hilaire Belloc, "The Prophet Lost in the Hills at Evening," in Lord David Cecil, Hg., The Oxford Book of Christian Verse (1940), 520.

  8.  

    8. Markus 4:39; siehe auch LuB 101:16.

  9.  

    9. Siehe LuB 68:6; Johannes 16:33.

  10.  

    10. Mosia 14:3; Siehe Jesaja 53:3.

  11.  

    11. Mosia 3:7.

  12.  

    12. Johannes 14:27.

  13.  

    13. Psalm 9:10,19; 34:19,23.

  14.  

    14. Psalm 34:19,23.

  15.  

    15. Siehe LuB 81:5.