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Herbst 1999 | Unser bestes "Ich" werden

Unser bestes "Ich" werden

Herbst 1999 Generalkonferenz

Wenn wir [dem Herrn vertrauen], erkennen wir, dass wir in seinem heiligen Auftrag handeln, dass seine göttlichen Absichten erfüllt sind und dass wir an dieser Erfüllung teilhatten.

Vor langer Zeit und an einem weit entfernten Ort lehrte unser Herr und Erretter, Jesus Christus, die Menschenmenge und seine Apostel "[den] Weg, die Wahrheit und das Leben".1 Er gab mit seinen heiligen Worten Rat.Er gab uns ein Vorbild durch sein beispielhaftes Leben. Gelegentlich pflegte der Herr auch die Fragezu stellen: "Was für Männer solltihr sein?"2

Als er während seines geistlichen Diensts auf dem amerikanischen Kontinent dieselbe Frage stellte, gab er selbst eine bedeutsame Antwort: "Was für Männer sollt ihr sein? Wahrlich, ich sage euch: So, wie ich bin".3

Während seines Wirkens auf der Erde beschrieb er uns, wie wir leben sollen, wie wir dienen sollen und was wir tun sollen, damit wir unser bestes "Ich" werden können.

Wir finden im Johannesevangelium solch eine Lektion: "Philippus traf Natanaël und sagte zu ihm: Wir haben den gefunden, über den Mose im Gesetz und über den auch die Propheten geschrieben haben: Jesus aus Nazaret, den Sohn Josefs.

Da sagte Natanaël zu ihm: Aus Nazaret? Kann von dort etwas Gutes kommen? Philippus antwortete: Komm und sieh!

Jesus sah Natanaël auf sich zukommen und sagte über ihn: Da kommt ein echter Israelit, ein Mann ohne Falschheit."4

Für unsere Erdenreise gibt der Rat des Apostels Paulus himmlische Weisung: "Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert und ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht!" Und dann folgt der abschließende Auftrag: "Was ihr gelernt und angenommen, gehört und an mir gesehen habt, das tut! Und der Gott des Friedens wird mit euch sein."5

Auf der Suche nach unserem besten " Ich" leiten verschiedene Fragen unsere Gedanken: Bin ich so, wie ich sein möchte? Bin ich dem Herrn heute näher als gestern? Werde ich ihm morgen noch näher sein? Habe ich den Mut, mich zum Besseren zu wandeln?

Es ist Zeit, einen oft vergessenen Weg einzuschlagen, den Weg, den wir den "Familienweg" nennen könnten, damit unsere Kinder und Enkel wirklich wachsen und alle ihre Möglichkeiten ausschöpfen können. Es herrscht ein nationaler--sogar internationaler--Trend. Er enthält die unausgesprochene Botschaft: "Kehrt zu euren Wurzeln zurück, zu euren Familien, zu Lektionen, die ihr gelernt habt, zu Vorbildern, die ihr hattet, zu den Werten der Familie. Oft handelt es sich nur darum, dass man nach Hause kommt--nach Hause zu einem Speicher, der lange nicht untersucht worden ist, zu Tagebüchern, die selten gelesen werden, zu fast vergessenen Fotoalben.

Der schottische Dichter James Barrie hat geschrieben: "Gott hat uns Erinnerungen gegeben, damit wir im Dezember unseres Lebens die Rosen des Junis haben können."6 Welche Erinnerungen haben wir an Mutter? Vater? Großeltern? Familie? Freunde?

Was haben wir von unserem Vater gelernt? Vor Jahren fragte ein Vater Elder ElRay L. Christiansen, welchen Namen er ihm für seine neue Jacht vorschlagen würde. Bruder Christiansen schlug vor: "Nennen Sie sie doch Sabbatbrecher". Ich bin sicher, dass der angehende Seemann überlegt hat, ob sein Stolz und seine Freude ein Sabbatbrecher oder ein Sabbathalter sein würde. Wie immer seine Entscheidung auch ausfiel, sie hat seine Kinder zweifellos nachhaltig beendruckt.

Ein anderer Vater erteilte einem Sohn eine unvergessliche Lektion in Gehorsam, und durch sein Beispiel lehrte er ihn, den Sonntag zu ehren. Ich hörte dies bei der Trauerfeier für eine Generalautorität: H. Verlan Andersen. Einer seiner Söhne zollte ihm Anerkennung. Wir können diese Lektion überall, wo wir sind, und bei allem, was wir tun, anwenden. Es ist das Beispiel der persönlichen Erfahrung.

Der Sohn Elder Andersens erzählte, dass er vor Jahren an einem Samstagabend eine besondere Schulveranstaltung hatte. Er lieh sich den Familienwagen aus. Als er den Schlüssel erhalten hatte und hinausgehen wollte, sagte sein Vater: "Der Wagen braucht für morgen Benzin. Tanke auf jeden Fall, bevor du nach Hause kommst."

Elder Andersons Sohn erzählte, dass der Abend wunderschön war. Er traf Freunde, es gab Erfrischungen, und alle unterhielten sich gut. Aber in seiner Begeisterung vergaß er die Anweisung seines Vater, Benzin zu tanken, bevor er nach Hause fuhr.

Der Sonntagmorgen dämmerte. Elder Anderson entdeckte, dass der Tank leer war. Der Sohn sah, wie sein Vater ins Haus zurückging und den Autoschlüssel auf den Tisch legte. Bei den Andersens war der Sonntag ein Tag der Anbetung und des Dankes, nicht ein Tag, um etwas zu kaufen.

Elder Andersens Sohn fuhr fort: "Ich sah, wie mein Vater den Mantel anzog, sich von uns verabschiedete und dann den weiten Weg zur Kirche zu Fuß ging, um eine frühe Versammlung zu besuchen". Die Pflicht rief. Die Wahrheit wurde nicht der Bequemlichkeit geopfert.

Am Schluss seiner Trauerrede sagte der Sohn: "Niemand ist jemals von seinem Vater erfolgreicher unterwiesen worden als ich in diesem Falle. Mein Vater kannte die Wahrheit nicht nur, er lebte auch danach."

Gerade in der Familie formen wir unsere Einstellung und unsere tiefen überzeugungen. Gerade in der Familie wird Hoffnung gefördert oder zerstört.

Unser Zuhause muss mehr sein als eine Zufluchtstätte. Es sollte auch ein Ort sein, wo Gottes Geist wohnen kann, wo die Stürme vor der Tür enden, wo Liebe herrscht und Frieden wohnt.

Vor kurzer Zeit schrieb mir eine junge Mutter: "Manchmal frage ich mich, ob ich das Leben meiner Kinder überhaupt beeinflusse. Als alleinstehende Mutter mit zwei Arbeitsstellen, um zu überleben, komme ich manchmal nach Hause in ein völliges Durcheinander. Aber ich gebe die Hoffnung nie auf.

Meine Kinder und ich sahen eine Fernsehübertragung der Generalkonferenz, und Sie sprachen über das Beten. Mein Sohn sagte: Mutti, das hast du auch immer zu uns gesagt.' Ich fragte ihn: Was meinst du?' Er antwortete: "Du hast uns gelehrt zu beten und hast uns gezeigt, wie man betet. Aber neulich kam ich abends in dein Zimmer, um dich etwas zu fragen, und da lagst du auf den Knien und hast zum Vater im Himmel gebetet. Er ist wichtig für dich. Er wird auch für mich wichtig sein.'" Der Brief schloss: "Ich denke, man weiß nie, was für einen Einfluss man ausübt, bis ein Kind beobachtet, dass man selbst das tut, was man die Kinder gelehrt hat." Was für eine großartige Lektion hat da ein Kind von seiner Mutter gelernt.

Als Junge hatte ich an einem Muttertag in der Sonntagsschule ein verwirrendes Erlebnis, das ich all die Jahre hindurch nicht vergessen habe. Melvin, ein blinder Bruder in der Gemeinde, ein guter Sänger, stand vorn, als ob er uns alle sehen könte. Er sang das Lied: "Meine wundervolle Mutter". Hell glühende Strahlen der Erinnerung durchdrangen die Herzen der Menschen. Männer griffen nach ihrem Taschentuch, in den Augen der Frauen standen Tränen.

Wir Diakone pflegten durch die Reihen zu gehen und jeder Mutter eine kleine Geranie in einem Blumentopf zu geben. Manche Mütter waren jung, andere im mittleren Alter und manche waren schon sehr alt. Ich sah, dass jede Mutter gütige Augen hatte. Jede sagte: "Danke." Ich spürte den Geist des Satzes: "Wenn jemand einem anderen eine Blume gibt, dann bleibt der Duft an den Händen des Gebenden hängen." Diese Lektion habe ich nie vergessen und ich werde sie auch nie vergessen.

Manchen Müttern, manchen Vätern, manchen Kindern und manchen Familien werden hier in der Sterblichkeit schwere Bürden auferlegt. Die Familie Borgstrom in Nordutah war solch eine Familie. Es war die Zeit des Zweiten Weltkriegs. In verschiedenen Teilen der Welt wurde verbissen gekämpft.

Die Borgstroms verloren vier ihrer fünf Söhne, die beim Heer waren. Innerhalb von sechs Monaten gaben alle vier Söhne ihr Leben hin--jeder in einem anderen Teil der Welt.

Nach dem Krieg wurden die Leichen der vier Brüder nach Hause nach Tremonton gebracht. Die Trauerfeier füllte das Tabernakel in Garland. General Mark Clark war anwesend. Später sagte er gerührt: "Ich flog am 26. Juni morgens nach Garland, sprach mit der Familie, unter anderem mit dem Vater, der Mutter und den beiden verbliebenen Söhnen… . Einer war ein Teenager. Ich hatte niemals eine gefasstere Familie gesehen.

Als die vier mit Flaggen bedeckten Särge vor uns in der Kirche standen und als ich diese tapferen Eltern sah, war ich tief beeindruckt von ihrem Glauben und ihrem Stolz auf diese großartigen Söhne, die ihr Leben für Grundsätze geopfert hatten, die ihre Eltern sie von Kind auf gelehrt hatten.

Beim Essen wandte Frau Borgstrom sich mir zu und sagte mit leiser Stimme: Werden Sie meinen Jüngsten nehmen?' Ich antwortete flüsternd, ich würde, solange ich das Heer an der Westküste befehligte, mich darum bemühen, dass ihr Sohn, falls er eingezogen würde, innerhalb des Landes eingesetzt würde.

Mitten in dieser flüsternden Unterhaltung mit der Mutter lehnte der Vater sich vor und sagte: Mutter, ich habe gehört, was du und der General über unseren Jüngsten gesagt habt. Wir wissen, dass er gehen wird, wenn das Land ihn braucht.'

Ich konnte meine Gefühle kaum beherrschen. Hier waren Eltern, die im Krieg vier Söhne verloren hatten, und doch waren sie bereit, das letzte Opfer für ihr Land zu bringen, falls das gefordert wurde."

Es ist das Evangelium Jesu Christi, das an diesem Tag, der unvergesslich bleiben wird, die Familie und die Herzen berührt hatte.

Die Jahre sind gekommen und vergangen, aber immer noch wird am dringlichsten ein Zeugnis vom Evangelium gebraucht. Wenn wir uns der Zukunft zuwenden, dürfen wir die Lektionen der Vergangenheit nicht vernachlässigen. Unser himmlischer Vater hat seinen Sohn gegeben. Der Sohn Gottes gab sein Leben. Sie fordern uns auf, unser Leben in ihren göttlichen Dienst zu stellen. Werden Sie das tun? Und ich? Und wir? Es gilt Lektionenzu lehren, es gilt Gutes zu tun, und es gilt, Seelen zu retten.

Lassen Sie uns an König Benjamins Ratschlag denken: "Wenn ihr euren Mitmenschen dient, allein dann dient ihr eurem Gott."7 Bemühen Sie sich, die zu retten, die Ihre Hilfe brauchen. Heben Sie sie auf den höheren und besseren Weg . Wie wir in der PV singen: "Führet, leitet und begleitet, dass den Weg ich find: lehrt mich, alles das zu tun, was mich zu ihm einst bringt."8

Wahrer Glaube ist nicht auf die Kindheit beschränkt, er ist vielmehr für alle wichtig. In den Sprichwörtern lesen wir: "Mit ganzem Herzen vertrau auf den Herrn, bau nicht auf eigene Klugheit,

such ihn zu erkennen auf all deinen Wegen, dann ebnet er selbst deine Pfade."9 Wenn wir das tun, erkennen wir, dass wir in seinem heiligen Auftrag handeln, dass seine göttlichen Absichten erfüllt sind und dass wir an dieser Erfüllung teilhatten.

Lassen Sie mich diese Wahrheit mit einem persönlichen Erlebnis veranschaulichen. Als ich vor vielen Jahren Bischof war, hatte ich das Gefühl, dass ich Augusta Schneider besuchen solle, eine Witwe aus dem Elsass, die wenig Englisch, aber fließend Französisch und Deutsch sprach. Nach dieser ersten Eingebung besuchte ich sie jahrlang zur Weihnachtszeit. Einmal sagte Augusta: "Bischof, ich möchte Ihnen etwas geben, was großen Wert für mich hat." Dann ging sie zu einer besonderen Stelle in ihrer bescheidenen Wohnung und holte das Geschenk. Es war ein wunderschönes Stück Filz, vielleicht 15 mal 20 Zentimeter groß, auf das sie liebevoll die Medaillen gesteckt hatte, die ihr Mann für seinen Dienst in den französischen Streitkräften im Ersten Weltkrieg erhalten hatte. Sie sagte: "Ich möchte gern, dass Sie diesen Schatz bekommen, der mir so sehr am Herzen liegt." Ich protestierte höflich und sagte, dass sie doch in ihrer Verwandtschaft jemanden haben würde, dem sie dieses Geschenk geben könne. "Nein", antwortete sie fest, "Sie sollen es bekommen, denn Sie haben die Seele eines Franzosen."

Kurz nach diesem besonderen Geschenk verließ Augusta die Sterblichkeit und kehrte zu dem Gott zurück, der ihr das Leben geschenkt hatte. Ab und zu wunderte ich mich über ihre Aussage, ich hätte "die Seele eines Franzosen". Ich hatte keine Ahnung, was das bedeuten sollte.

Viele Jahre später durfte ichPräsident Ezra Taft Benson zurWeihung des Frankfurt-Tempels begleiten. Dieser Tempel sollte den deutsch-, französisch- und niederländischsprechenden Mitgliedern dienen. Als ich mein Gepäck für diese Reise packte, fühlte ich mich veranlasst, die Medaillen mitzunehmen, hatte aber keine Ahnung, was ich damit tun wollte.

In einer der Weihungssessionen in französischer Sprache war der Tempel voll. Der Gesang und die Ansprachen waren sehr schön. Alle waren dankbar für Gottes Segnungen. Ich entnahm meinem Programm, dass auch Mitglieder aus Elsass-Lothringen da waren.

Während ich sprach, bemerkte ich, dass der Organist Schneider hieß. Deshalb erzählte ich vonmeiner Beziehung zu Augusta Schneider. Dann ging ich zur Orgel und gab dem Organisten die Medaillen. Ich gab ihm auch den Auftrag, den Namen Schneider in seinen genealogischen Forschungen zu verfolgen. Der Geist des Herrn bestätigte uns im Herzen, dass dies eine besondere Session war. Bruder Schneider fiel es schwer, sichauf das Schlusslied des Gottesdienstes vorzubereiten, weil er so bewegt war von dem Geist, den er im Tempel spürte.

Ich wusste, dass diese kostbare Gabe--ja, das Scherflein der Witwe, denn es war alles, was Augusta Schneider besaß,-- in der Hand eines Menschen war, der dafür sorgen würde, dass viele mit der Seele eines Franzosen nun die Segnungen erlangen würden, die der heilige Tempel für die Lebenden und für die Toten bereit hält.

Ich bezeuge, dass bei Gott alles möglich ist. Er ist unser himmlischer Vater. Sein Sohn ist unser Erlöser. Wenn wir uns bemühen, seine Wahrheiten kennenzulernen und dann entsprechend zu leben, wird unser Leben und das anderer Menschen überreichlich gesegnet werden.

Ich erkläre feierlich, dass Gordon B. Hinckley ein wahrer Prophet für unsere Zeit ist und dass er in dem großen Werk, das unter seiner Leitung vorwärtsgeht, geführt wird.

Mögen wir immer daran denken, dass Gehorsam gegenüber Gottes Geboten die verheißenen Segnungen hervorbringt.

Möge jeder von uns würdig sein, sie zu erhalten, erbitte ich im Namen Jesu Christi, amen.

Quellenangaben anzeigenQuellenangaben ausblenden
    1. Johannes 14:6.

    2. 2 Petrus 3:11

    3. 3 Nephi 27:27.

    4. Johannes 1:45­47.

    5. Philipper 4:8,9.

    6. Nach James Barrie, in Peter's Quotations: Ideas for Our Time, Hg. Laurence J. Peter (1977), 335.

    7. Mosia 2:17.

    8. Gesangbuch, Nr. 202.

    9. Sprichwörter 3:5,6.