2000–2009
Kinder
April 2002


Kinder

In dem, was wir glauben, und in dem, was wir lehren, gibt es … Ratschläge, Gebote und sogar Warnungen, dass wir unsere Kinder beschützen, lieben, versorgen und sie lehren müssen, „auf den Wegen der Wahrheit … zu wandeln“.

Vor vielen Jahren hielten Elder A. Theodore Tuttle und ich in Cuzco, einer Stadt hoch in den peruanischen Anden, eine Abendmahlsversammlungab, die in einem langen, schmalen Raum stattfand, dessen Tür zur Straße ging. Es war ein sehr kalter Abend.

Als Bruder Tuttle sprach, erschien ein kleiner, vielleicht sechsjähriger Junge in der Tür. Er war nackt, abgesehen von einem zerlumpten Hemd, das ihm bis zu den Knien reichte.

Zu unserer Linken befand sich ein kleiner Tisch, auf dem ein Tablett mit Brot für das Abendmahl stand. Der zerlumpte, elternlose Straßenjunge sah das Brot und schlich langsam an der Wand entlang, um dorthin zu gelangen. Er hatte den Tisch schon fast erreicht, als ihn eine Frau sah, die am Gang saß. Durch eine rasche Kopfbewegung gab sie ihm zu verstehen, dass er nach draußen zu verschwinden habe. Das tat mir in der Seele weh.

Später kam der Junge wieder. Er drückte sich an der Wand entlang und sah erst das Brot und danach mich an. Inzwischen hatte er schon fast wieder die Stelle erreicht, wo die Frau ihn sehen konnte. Ich streckte die Arme aus, und er rannte auf mich zu. Ich nahm ihn auf meinen Schoß.

Dann – als symbolische Geste – setzte ich ihn auf Elder Tuttles Platz. Nach dem Schlussgebet verschwand er zu meinem großen Bedauern wieder in der Dunkelheit.

Als ich wieder zu Hause war, erzählte ich Präsident Spencer W. Kimball von ihm. Er war tief bewegt und erwähnte die Geschichte in einer Konferenzansprache. Er erzählte auch anderen davon und sagte mehr als einmal zu mir: „Dieses Erlebnis hat eine weitaus größere Bedeutung, als Ihnen bisher bewusst geworden ist.“

Ich habe diesen elternlosen Straßenjungen niemals vergessen. Wenn ich in Südamerika war, habe ich in der Menge oft nach seinem Gesicht gesucht. Und wenn ich an ihn denke, kommen mir noch andere wie er in den Sinn.

Nach dem 2. Weltkrieg befand ich mich eines kalten Abends auf einem Bahnhof im Süden Japans. Ich hörte ein Klopfen am Zugfenster. Draußen stand ein Junge, ebenfalls nur in einem zerlumpten Hemd und mit einem Stofffetzen um seinen geschwollenen Kiefer gewickelt. Sein Kopf war mit Ausschlag bedeckt. In der Hand hielt er eine rostige Dose und einen Löffel – das Symbol verwaister Bettelknaben. Während ich noch bemüht war, die Tür zu öffnen, um ihm Geld zu geben, fuhr der Zug ab. Diesen hungrigen kleinen Jungen dort in der Kälte, der seine leere Blechdose in die Höhe streckte, werde ich niemals vergessen.

Im Krankenhaus eines staatlichen Internats für Indianer lag ein kranker kleiner Erstklässler mit Fieber und laufender Nase. Ich öffnete für ihn ein Päckchen von seiner Mutter, die in einem viele hundert Meilen entfernten Reservat wohnte. In einer kleinen, mit einem Etikett für Autoteile versehenen Pappschachtel, die sie sich zweifellos von einem Handelsposten besorgt hatte, fanden sich etwas frittiertes Navahobrot und Hammelfleisch – ihr Weihnachtsgeschenk für ihren kleinen Jungen.

Vor kurzem habe ich in den Nachrichten wieder die lange, schon vertraute Flüchtlingsschlange gesehen. Wie immer sah man auch Kinder, die Kinder trugen. Ein Mädchen hockte oben auf einem dicken Bündel, das seine Mutter trug. Während sie sich langsam und still nach vorne schoben, schaute sie in die Kamera. Das kleine, schwarze ernste Gesicht und die großen, dunklen Augen schienen zu fragen: Warum?

Kinder sind heute genau wie früher und sie werden immer so sein. Sie sind unendlich kostbar. Mit jedem Kind, das geboren wird, wird die Unschuld der Welt aufgefrischt.

Ich denke unablässig an Kinder und Jugendliche und ihre Eltern und bete für sie.

Vor kurzem besuchten wir eine Abendmahlsversammlung, die von Kindern mit besonderen Bedürfnissen gestaltet wurde. Jedes Kind konnte entweder schlecht hören oder sehen oder war geistig zurückgeblieben. Sie alle hatten einen Teenager als Betreuer. Die Kinder sangen und musizierten für uns. Vor uns – wir saßen in der ersten Reihe – stand ein Mädchen, das für die hinter uns Sitzenden, die gehörlos waren, in die Gebärdensprache übersetzte.

Jenny gab kurz Zeugnis. Dann sprachen ihre beiden Eltern. Sie erzählten, wie verzweifelt sie gewesen waren, als sie erfuhren, dass ihr Kind niemals ein normales Leben führen konnte. Sie erzählten von den unzähligen täglichen Schwierigkeiten, die folgten. Wenn andere Jenny anstarren oder lachen, legen ihre Brüder schützend den Arm um sie. Dann sprach die Mutter über die Liebe und die vollkommene Freude, die Jenny in die Familie gebracht hatte.

Diese Eltern haben erfahren: „Nach viel Drangsal kommt der Segen.“ (LuB 103:12.) Ich sah, dass das Unglück sie zusammengeschmiedet und wie reines Gold geläutert hatte – sie wurden zu wahren Heiligen der Letzten Tage.

Sie erzählten uns, dass sich Jenny gerne mit Vätern anfreundet. Als ich ihr die Hand schüttelte, sagte ich daher: „Ich bin ein Großvater.“

Sie schaute auf und antwortete: „Ah ja, das sieht man.“

Weder in den heiligen Schriften noch in unseren Veröffentlichungen noch in unserem Glauben gibt es irgendetwas, was Eltern oder sonst jemanden berechtigte, seine eigenen Kinder oder die Kinder anderer zu vernachlässigen, zu misshandeln oder zu missbrauchen.

In der heiligen Schrift, in dem, was wir veröffentlichen, in dem, was wir glauben, und in dem, was wir lehren, gibt es aber Ratschläge, Gebote und sogar Warnungen, dass wir unsere Kinder beschützen, lieben, versorgen und sie lehren müssen, „auf den Wegen der Wahrheit … zu wandeln“ (Mosia 4:15). Es ist einfach undenkbar, dass man seine Kinder im Stich lässt.

Einige der deutlichsten Warnungen und schärfsten Strafandrohungen in den Offenbarungen stehen im Zusammenhang mit kleinen Kindern. Jesus hat gesagt: „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde.“ (Matthäus 18:6.)

Zu Lebzeiten des Propheten Mormon wollten Menschen, die nicht verstanden, dass kleine Kinder „vor Gott schuldlos“ befunden werden (Mosia 3:21) und „in Christus lebendig“ sind (siehe Moroni 8:12), kleine Kinder taufen. Mormon schrieb, sie leugneten „die Barmherzigkeit Christi“ und achteten „seine Sühne und die Macht seiner Erlösung für nichts“ (Moroni 8:20).

Moroni wies sie mit den folgenden Worten scharf zurecht: „Wer da meint, kleine Kinder brauchten die Taufe, der befindet sich in der Galle der Bitternis und in den Banden des Übeltuns, denn er hat weder Glauben noch Hoffnung noch Nächstenliebe; darum muss er, falls er ausgetilgt wird, solange er noch so denkt, in die Hölle hinabgehen. …

Siehe, ich spreche unerschrocken, denn ich habe Vollmacht von Gott.“ (Moroni 8:14,16.)

Erst wenn ein Kind das Alter der Verantwortlichkeit erreicht hat, das der Herr auf acht Jahre festgelegt hat (siehe LuB 68:27), muss es getauft werden. Vorher ist es schuldlos.

Man darf Kinder weder übergehen noch vernachlässigen. Sie dürfen keinesfalls misshandelt oder missbraucht werden. Man darf sie auch nicht im Stich lassen oder sich nach der Scheidung von ihnen entfremden. Die Eltern sind verantwortlich, für ihre Kinder zu sorgen.

Der Herr hat gesagt: „Alle Kinder haben gegen ihre Eltern Anspruch auf Unterhalt, bis sie mündig sind.“ (LuB 83:4).

Wir müssen uns ihrer körperlichen, geistigen und seelischen Bedürfnisse annehmen. Im Buch Mormon heißt es: „Ihr werdet nicht zulassen, dass eure Kinder hungrig seien oder nackt; ihr werdet auch nicht zulassen, dass sie die Gesetze Gottes übertreten und miteinander kämpfen und streiten und dass sie dem Teufel dienen, der der Herr der Sünde ist oder der böse Geist, von dem unsere Väter gesprochen haben, der also ein Feind aller Rechtschaffenheit ist.“ (Mosia 4:14.)

Nichts kommt einem verantwortungsbewussten Vater gleich, der wiederum seine Kinder Verantwortungsbewusstsein lehrt. Nichts ist wichtiger als eine Mutter, die bei den Kindern ist, sie zu trösten und ihnen Geborgenheit zu schenken. Liebe, Schutz und Zärtlichkeit sind von unschätzbarem Wert.

Der Herr hat gesagt: „Ich aber habe euch geboten, eure Kinder in Licht und Wahrheit aufzuziehen.“ (LuB 93:40.)

Nur allzu oft kommt es vor, dass ein Elternteil die Kinder alleine großziehen muss. Der Herr aber hat Möglichkeiten, dem Betreffenden die Kraft zu geben, das, was normalerweise die Aufgabe von zwei Eltern ist, alleine zu bewältigen. Es ist ein sehr schmerzlicher Fehler, wenn Vater oder Mutter ihre Kinder ganz bewusst im Stich lassen.

Ich denke oft auch an einen weiteren Jungen. Wir haben ihn bei der Seminar-Abschlussfeier in einem abgelegenen Ort in Argentinien kennen gelernt. Er war gut gekleidet und wohl genährt.

Die Schüler gingen den Gang hinunter zum Podium. Dort waren drei relativ hohe Stufen. Der Junge kam nicht die erste Stufe hoch, weil seine Beine zu kurz waren. Er war kleinwüchsig.

Da fielen uns hinter ihm zwei kräftige Jungen auf, die vortraten – jeder an eine Seite – und ihn vorsichtig auf das Podium hoben. Als die Feier zu Ende war, hoben sie ihn wieder herunter und begleiteten ihn nach draußen. Sie waren seine Freunde und gaben auf ihn Acht. Er hätte die erste Stufe nicht bewältigen können, wenn seine Freunde ihn nicht emporgehoben hätten.

Wer in die Kirche kommt, ist – in geistiger Hinsicht – wie ein Kind. Er braucht jemanden – einen Freund –, der ihn emporhebt.

Wenn wir die Stufen nach der Taufe so anordnen, dass nur diejenigen sie erklimmen können, die lange, kräftige Beine haben, lassen wir außer Acht, was der Herr in den Offenbarungen erklärt hat. Die Propheten haben uns gelehrt: „Obwohl ihr … schon Lehrer sein müsstet, braucht ihr von neuem einen, der euch die Anfangsgründe der Lehre von der Offenbarung Gottes beibringt; Milch habt ihr nötig, nicht feste Speise. …

Feste Speise aber ist nur für Erwachsene, deren Sinne durch Gewöhnung geübt sind, Gut und Böse zu unterscheiden.“ (Hebräer 5:12,14.)

Der Apostel Paulus hat geschrieben: „Milch gab ich euch zu trinken statt fester Speise; denn diese konntet ihr noch nicht vertragen. Ihr könnt es aber auch jetzt noch nicht.“ (1 Korinther 3:2.)

In einer 1830 kurz vor der Gründung der Kirche erteilten Offenbarung hat der Herr gewarnt: „Denn sie können jetzt noch kein Fleisch vertragen, sondern müssen erst Milch bekommen; darum dürfen sie hiervon nichts wissen, damit sie nicht zugrunde gehen.“ (LuB 19:22).

Wir müssen darauf achten, dass wir die erste Stufe nicht zu hoch ansetzen bzw. so anordnen, dass nur diejenigen mit starken, kräftigen Beinen sie erklimmen können, nicht aber die anderen, die niemanden haben, der sie emporhebt.

Als einige der Jünger die Leute zurechtwiesen, die kleine Kinder zu Jesus brachten, sagte dieser: „Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich.“ (Matthäus 19:14.)

Als seine Jünger fragten, was für Männer sie sein sollten, stellte Jesus ein kleines Kind in ihre Mitte (siehe Matthäus 18:2,3). Denn wenn wir nicht „wie kleine Kinder werden“, können wir „keinesfalls das Reich Gottes ererben“ (3. Nephi 11:38).

Ich trage aufrichtiges Interesse für Eltern und ihre Kinder im Sinn, im Herzen und in der Seele.

Im Laufe der Jahre habe ich mich immer wieder gefragt, was Präsident Kimball wohl gemeint haben mag, wenn er mich an den elternlosen Straßenjungen in Cuzco erinnerte und immer wieder sagte: „Dieses Erlebnis hat weitaus größere Bedeutung, als Ihnen bisher bewusst geworden ist.“ Eines Tages fügte er noch hinzu: „Sie hatten die Zukunft einer Nation auf dem Schoß.“

Inzwischen bin ich 77 Jahre alt und verstehe, was Präsident Kimball damals gesehen hat. Ich weiß, was er gemeint hat. Jener Junge in Cuzco und der Junge in Japan und die anderen Kinder überall auf der Welt beeinflussen in hohem Maße, was ich denke und fühle und beim Beten am ernstlichsten erbitte. Ich denke stets an Kinder und ihre Eltern, die bemüht sind, sie in unserer zunehmend gefährlicher werdenden Zeit großzuziehen.

Wie meine Brüder habe auch ich die ganze Welt bereist. Wie meine Brüder habe auch ich verantwortungsvolle Aufgaben im Bildungsbereich, im Geschäftsleben, in der Regierung und in der Kirche erfüllt. Ich habe Bücher geschrieben. Wie ihnen, so sind auch mir Ehrungen, akademische Grade, Urkunden und Plaketten verliehen worden. Solche Ehrungen gehen mit einer verantwortungsvollen Aufgabe einher und sind nicht verdient.

Wenn ich den Wert all dessen bedenke, kann ich sagen: Es gibt etwas, was für mich wertvoller ist als alle andere – wertvoller sogar als alles andere zusammengenommen. Am wertvollsten ist mir die Art und Weise, wie unsere Söhne und Töchter sowie deren Ehepartner mit ihren Kindern umgehen und wie wiederum unsere Enkel mit ihren eigenen Kindern umgehen.

Was das Verständnis unserer Beziehung zum himmlischen Vater betrifft, haben meine Frau und ich das Wertvollste, was wir als Eltern und Großeltern gelernt haben, von unseren Kindern gelernt.

Dieser Segen war ein Geschenk von meiner Frau. Der Herr hat über eine solche Frau gesagt: Eine Frau sei dem Mann gegeben, „um – gemäß meinem Gebot – sich zu mehren und die Erde zu füllen und um die Verheißung zu erfüllen, die mein Vater vor der Grundlegung der Welt gegeben hat, und damit sie in den ewigen Welten Erhöhung haben können, damit sie Menschenseelen gebären können; denn hierin besteht das Werk meines Vaters weiter, damit er verherrlicht werde.“ (LuB 132:63.)

Wenn eine solche Frau die Mutter der Kinder ist, dann ist es leicht zu verstehen, warum der Herr offenbart hat, dass „von ihren Vätern Großes gefordert werden kann“ (LuB 29:48).

Ich gebe Zeugnis, dass das Evangelium wahr ist und dass es die Macht hat, kleinen Kindern zum Segen zu gereichen. Ich bete aus ganzem Herzen, dass die Kinder, die Jugendlichen und ihre Eltern die Gabe des Heiligen Geistes empfangen, dass sie ihnen ein Führer und ein Schutz sein möge und dass er in ihrem Herzen das Zeugnis hervorbringen möge, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, der Einziggezeugte des Vaters. Im Namen Jesu Christi. Amen.