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Frühjahr 2002 | Das Friedfertige des Reiches

Das Friedfertige des Reiches

Frühjahr 2002 Generalkonferenz

Friede – wahrer Friede, der Ihr innerstes Wesen erfüllt – kommt nur im und durch den Glauben an den Herrn Jesus Christus.

Brüder und Schwestern, ich möchte, für uns alle, der FHV-Präsidentschaft und dem FHV-Ausschuss, die uns so gut gedient haben und nun entlassen wurden, meinen Dank aussprechen.

Wieder einmal kommen wir zum Ende einer erhebenden und inspirierenden Generalkonferenz. Während dieser wunderbaren Tage der Unterweisung und der Zeugnisse fühle ich mich immer gestärkt und erbaut. Ich weiß, dass es den meisten von Ihnen auch so geht. Vielleicht ähneln unsere Gefühle während der Konferenz denen der Jünger des Erretters in alter Zeit, als sie ihm von Ort zu Ort nachfolgten, um von ihm die gute Nachricht seines Evangeliums zu hören.

Für die Israeliten war die damalige Zeit in vielerlei Hinsicht entmutigend. Sie litten unter der Herrschaft des römischen Reiches und sehnten sich nach Freiheit und Frieden. Sie erwarteten den Messias; sie waren sich sicher, dass er kommen und sie aus der physischen und politischen Unterdrückung befreien würde. Und manche waren für das Evangelium des Erretters empfänglich, das Glücklichsein und Frieden bringt, auch wenn sie seine vollständige geistige Bedeutung nicht verstanden.

An einem besonderen Tag zu Beginn seines irdischen Wirkens folgte dem Herrn eine große Menschenmenge an den See von Galiläa und drängte sich um ihn, als er am Ufer stand. „Er stieg … in ein Boot auf dem See und setzte sich; die Leute aber standen am Ufer. Und er … lehrte sie in Form von Gleichnissen.“ (Markus 4:1,2.)

Großes und Wunderbares wurde an jenem Tag gelehrt, darunter auch das Gleichnis vom Sämann (siehe Markus 4:3–20). Am Ende eines langen Tages der Unterweisung schlug der Herr seinen Jüngern vor, ans andere Ufer des Sees von Galiläa zu fahren.

Während sie an jenem Abend über den See fuhren, „erhob sich [plötzlich] ein heftiger Wirbelsturm, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass es sich mit Wasser zu füllen begann.

Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?

Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich, und es trat völlige Stille ein.“ (Markus 4:37–39.)

Können Sie sich vorstellen, was die Apostel wohl dachten, als sie sahen, dass die Urgewalten – der Sturm, der Regen und der See – dem Gebot des Meisters gehorchten und sich beruhigten? Zwar waren sie erst vor kurzem zum heiligen Apostelamt berufen worden, aber dennoch kannten und liebten sie ihn und glaubten an ihn. Sie hatten ihre Arbeit und ihre Familie verlassen, um ihm nachzufolgen. In relativ kurzer Zeit hatten sie unglaubliche Lehren von ihm gehört und gesehen, wie er mächtige Wunder vollbrachte. Aber dies überstieg ihr Verständnis, und man konnte dies wohl auch ihren Blicken entnehmen.

„Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?

Da ergriff sie große Furcht, und sie sagten zueinander: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen?“ (Markus 4:40,41.)

In turbulenten und oft erschreckenden Zeiten bewegt uns die Verheißung des Erretters, dass wir unbegrenzten und ewigen Frieden haben können, besonders. Gerade so muss auch seine Fähigkeit, die tobenden Wellen zu beruhigen, diejenigen besonders berührt haben, die an jenem stürmischen Abend vor langer Zeit bei ihm waren.

So wie die Menschen, die zur Zeit seines irdischen Wirkens gelebt haben, gibt es auch unter uns solche, die nach äußerem Frieden und Wohlstand als Zeichen der wundersamen Macht des Erretters Ausschau halten. Manchmal verstehen wir nicht, dass der immerwährende Friede, den Jesus uns verheißt, ein innerer Friede ist, der aus dem Glauben geboren und im Zeugnis verankert ist und durch die Liebe genährt wird und sich durch beständigen Gehorsam und die Umkehr ausdrückt. Es ist ein Friede des Geistes, der Herz und Seele beeinflusst. Erkennt und erfährt man tatsächlich diesen inneren Frieden, so fürchtet man sich nicht vor weltlichem Missklang oder Streit. Dann weiß man tief im Herzen, dass in Bezug auf das wirklich Wichtige alles in Ordnung ist.

Doch gibt es, wie Präsident Hinckley den Brüdern gestern Abend gesagt hat, keinen Frieden in Sünde. Es mag Bequemlichkeit, Beliebtheit, Ruhm, ja sogar Wohlstand geben, aber keinen Frieden. „Schlecht zu sein hat noch nie glücklich gemacht.“ (Alma 41:10.) Man kann keinen inneren Frieden haben, wenn man nicht in Harmonie mit der offenbarten Wahrheit lebt. Es gibt keinen Frieden, wenn man Böses im Sinn hat oder streitsüchtig ist. Es gibt keinen Frieden in Unsittlichkeit, freier Liebe oder Freizügigkeit. Es gibt keinen Frieden in der Sucht nach Drogen, Alkohol oder Pornographie. Es gibt keinen Frieden, wenn man andere in irgendeiner Weise misshandelt, sei es seelisch, körperlich oder sexuell, denn wer andere misshandelt, wird in mentalem und geistigem Aufruhr verbleiben, bis er in aller Demut zu Christus kommt und durch vollständige Umkehr Vergebung sucht.

Irgendwann, so glaube ich, sehnt sich jeder nach dem „Frieden Gottes, der alles Verstehen übersteigt“ (Philipper 4:7). Wir bekommen diesen Frieden für unser beunruhigtes Herz nur, wenn wir dem Licht Christi folgen, das „jedem Menschen … gegeben [ist], damit er Gut von Böse unterscheiden könne“ (Moroni 7:16). Es bringt uns dazu, von Sünde umzukehren und Vergebung anzustreben. Wir alle hungern danach, „das Friedfertige des Reiches“ zu erfahren (LuB 36:2) und von der „Saat der Gerechtigkeit“ zu kosten, die „für die Menschen, die Frieden stiften, … ausgestreut“ ist (Jakobus 3:18). Jeder muss in seiner Familie, der Nachbarschaft und dem Gemeinwesen nach Frieden trachten. Wir dürfen niemals daran beteiligt sein, Streit oder Zwietracht zu entfachen.

Zu allen Zeiten hat der Herr seinen Anhängern Frieden versprochen. Der Psalmist hat geschrieben: „Der Herr gebe Kraft seinem Volk. Der Herr segne sein Volk mit Frieden.“ (Psalm 29:11.) Jesaja spricht vom Erretter als dem „Fürst des Friedens“ (Jesaja 9:5). Nephi sah den Tag unter seinen Nachkommen voraus, da „der Sohn der Rechtschaffenheit … ihnen erscheinen [wird]; und er wird sie heilen, und sie werden mit ihm Frieden haben“ (2 Nephi 26:9).

Nur wenige Stunden, bevor der Herr Jesus Christus den herrlichen, doch qualvollen Weg des Sühnopfers auf sich nahm, gab er seinen Aposteln diese bedeutsame Verheißung: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“ (Johannes 14:27.)

Verhieß er seinen geliebten Weggefährten die Art von Frieden, die die Welt anerkennt – Sicherheit, Sorglosigkeit ohne Streit oder Leid? Der Geschichtsbericht zeigt gewiss etwas anderes auf. Die damaligen Apostel mussten bis an ihr Lebensende viel leiden und wurden heftig verfolgt. Wahrscheinlich hat der Herr deshalb seiner Friedensverheißung diese Erklärung hinzugefügt: „Nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.“ (Johannes 14:27.)

„Dies habe ich zu euch gesagt, damit ihr in mir Frieden habt“, fuhr er fort. „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.“ (Johannes 16:33; Hervorhebung hinzugefügt.)

Friede – wahrer Friede, der Ihr innerstes Wesen erfüllt – kommt nur im und durch den Glauben an den Herrn Jesus Christus. Großer Friede kann das Herz und die Seele der Kinder des himmlischen Vaters erfüllen, wenn diese kostbare Wahrheit entdeckt wird und die Grundsätze des Evangeliums verstanden und angewandt werden. Der Erretter hat durch den Propheten Joseph Smith gesagt: „Derjenige, der die Werke der Rechtschaffenheit tut, [wird] seinen Lohn empfangen …, nämlich Frieden in dieser Welt und ewiges Leben in der zukünftigen Welt.“ (LuB 59:23.)

Es ist manchmal erstaunlich, wenn man beobachtet, was dieser Friede im Leben derer, die ihn annehmen, bewirken kann. Als ich vor vielen Jahren über die Kanada-Mission Toronto präsidierte, begannen die Missionare eine Familie zu unterweisen, die in geistiger Finsternis lebte. Sie waren arm, ungebildet und ihr Äußeres verriet, dass sie von normaler Hygiene und Körperpflege nicht viel hielten. Aber sie waren gute, ehrbare Menschen – Menschen mit „aufrichtigem Herzen“, wie wir immer beten, dass die Missionare sie finden mögen – und sie waren für Geistiges empfänglich, als sie erstmals den Frieden verspürten, den das Evangelium schenken kann.

Als wir hörten, dass sie sich taufen lassen wollten, besuchte ich mit meiner Frau den Taufgottesdienst. Ich stand gerade neben dem Bischof der Gemeinde, als die Familie hereinkam. Ich muss Ihnen ehrlich sagen, dass sie einen interessanten Anblick boten. Sie sahen ungekämmt, schmutzig und irgendwie zerzaust aus. Da der Bischof eine Zeit lang nicht in der Stadt gewesen war, hatte er die neuesten Mitglieder seiner Gemeinde bisher noch nicht kennen gelernt; der erste Eindruck, den sie machten, war – sagen wir einmal – nicht beeindruckend. Als sie weitergegangen waren, dachte ich, dass ich wohl spüren konnte, wie ihm die Knie weich wurden.

Ich legte diesem guten Bischof den Arm auf die Schulter, um ihn zu stützen – körperlich und geistig. Ich fühlte mich bewegt, ihm zu sagen: „Bischof, ist das nicht herrlich? Wir werden gute Heilige der Letzten Tage aus ihnen machen!“

Er sah mich an und lächelte. Ich war mir nicht sicher, ob er lächelte, weil er meiner Meinung war oder ob er dachte, ich sei nur ein weiterer allzu begeisterter Missionar.

Der Taufgottesdienst fand statt und die Familie wurde getauft. Am nächsten Tag beschlossen wir, die Gemeinde zu besuchen, um sicher zu stellen, dass die Familie gut aufgenommen wurde, wenn sie als neue Mitglieder der Kirche die Versammlungen besuchten.

Als die Familie zur Abendmahlsversammlung kam und die Kapelle betrat, saß ich neben dem Bischof auf dem Podium. Der Vater trug ein sauberes, weißes Hemd. Es war nicht groß genug für ihn und er konnte den obersten Knopf nicht zumachen, und er trug eine Krawatte, die ich vorher schon bei einem der Missionare gesehen hatte. Aber sein Gesicht strahlte vor Glück und Frieden. Die Mutter und die Töchter sahen im Vergleich zum Vortag wie verwandelt aus. Ihre Kleider waren nicht ausgefallen, aber sauber und nett. Auch sie strahlten das gewisse Leuchten des Evangeliums aus. Die kleinen Jungen trugen weiße Hemden, die ihnen einige Nummern zu groß waren, obwohl sie die Ärmel aufgekrempelt hatten. Und die Krawatten, die sie trugen, reichten ihnen fast bis zum Knie. Es war ganz offensichtlich, dass die Missionare den kleinen Jungen ihre weißen Hemden und ihre Krawatten angezogen hatten, damit sie angemessen gekleidet zur Abendmahlsversammlung kommen konnten.

Sie saßen neben ihren Missionaren und sie strahlten buchstäblich das Licht des Evangeliums aus. Alma beschreibt dies so, dass man das Abbild Gottes in den Gesichtsausdruck aufgenommen hat (siehe Alma 5:14). Ich beugte mich wieder zum Bischof hinüber und sagte: „Sehen Sie, Bischof? Wir werden aus ihnen Heilige machen!“

Natürlich war diese äußere Verwandlung über Nacht nur oberflächlich, wenn man sie mit der überwältigenden und viel bedeutenderen geistigen Verwandlung vergleicht, die in der Familie vor sich ging, als das Evangelium in ihr Herz und Leben Einzug hielt. Die ganze Familie kam aus geistiger Finsternis heraus ins Licht und in die Wahrheit des Evangeliums, als sie von den Missionaren unterwiesen und in der Folge vom Bischof und den Mitgliedern der Gemeinde in die Gemeinschaft aufgenommen wurde. Die Familie wurde in diesem Licht gewärmt, erfrischt und belebt, und zwar durch den Frieden, der daraus resultiert, dass man weiß, dass der Herr Jesus Christus lebt. Das Licht der Evangeliumswahrheiten, die durch den Propheten Joseph Smith auf Erden wiederhergestellt worden sind, begann, dieser Familie den Weg zum Tempel zu weisen, wo sie nach einem Jahr ihre ewigen Segnungen empfingen.

Noch einmal zitiere ich den Propheten Jesaja: „Alle deine Söhne werden Jünger des Herrn sein, und groß ist der Friede deiner Söhne.“ (Jesaja 54:13.)

Wenn wir einmal von der süßen Frucht von Gottes Frieden gekostet haben, wollen wir natürlich andere daran teilhaben lassen. Franz von Assisi ist dafür bekannt, dass er die ganze Schöpfung liebte. Er verbrachte fast sein ganzes Leben damit, den Armen und Bedürftigen in seiner Nähe zu helfen – auch den Tieren. Der Friede, den er in seinem Dienst fand, gab ihm Kraft und weckte in ihm den Wunsch, auch andere mit einzubeziehen. Er schrieb:

Herr, mach mich zum Werkzeug deines Friedens.

Dass ich Liebe bringe, wo man sich hasst,

Dass ich Versöhnung bringe, wo Zwietracht ist,

Dass ich den Glauben bringe, wo Zweifel quält,

Dass ich die Hoffnung bringe, wo Verzweiflung droht,

Dass ich die Freude bringe, wo Traurigkeit ist,

Dass ich das Licht bringe, wo Finsternis waltet.

O, Meister, hilf mir, dass ich nicht danach verlange,

Getröstet zu werden, sondern zu trösten,

Verstanden zu werden, sondern zu verstehen,

Geliebt zu werden, sondern zu lieben.

Denn wer gibt, der empfängt,

Wer verzeiht, dem wird verziehen,

Wer stirbt, der wird zum ewigen Leben geboren.

Mehr als einmal ermahnte der Herr seine Anhänger, „Friedensstifter“ zu sein und verhieß ihnen, „sie [würden] Söhne Gottes genannt werden“ (Matthäus 5:9). Dieser Gedanke zieht sich durch alle heiligen Schriften und macht den Frieden durch Gleichnisse und Erklärungen deutlich:

  • „Schließ … Frieden mit deinem Gegner.“ (Matthäus 5:25.)

  • „Liebt eure Feinde.“ (Matthäus 5:44.)

  • „Richtet nicht.“ (Matthäus 7:1.)

  • „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Matthäus 22:39.)

  • „Verurteilt nicht.“ (Lukas 6:37.)

  • „Erlasst einander die Schuld.“ (Lukas 6:37.)

  • „Liebt einander.“ (Johannes 13:34.)

Dies sind nur einige Anweisungen in den heiligen Schriften, die uns klarmachen, dass man Gottes Frieden nicht horten kann. Vielmehr müssen wir unsere Familie, unsere Freunde und das Gemeinwesen großzügig daran teilhaben lassen. Wir müssen die Kirche und auch diejenigen daran teilhaben lassen, die ihr nicht angehören. Wenn sie sich auch nicht dafür entscheiden, die Süße und den Frieden der Fülle des wiederhergestellten Evangeliums für sich selbst zu kosten, so werden sie sicher dadurch gesegnet sein, dass sie es bei uns sehen und den Frieden des Evangeliums in unserer Gegenwart spüren. Die Botschaft des Friedens wird durch unser Beispiel wachsen und sich ausbreiten.

„Lebt in Frieden!“, sagte der Apostel Paulus. „Dann wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.“ (2 Korinther 13:11.)

Ich bin dankbar, Ihnen bezeugen zu können, dass Jesus der Messias ist; er ist der Sohn Gottes. Wenn wir ihm gläubig und vertrauensvoll nachfolgen, können wir alle den süßen inneren Frieden finden, den das Evangelium uns schenkt, wie es uns während dieser Konferenz so wunderbar gelehrt wurde. Das bezeuge ich demütig im Namen Jesu Christi. Amen.