Die Frauen in unserem Leben

Gordon B. Hinckley

President of the Church


Gordon B. Hinckley
Wie dankbar bin ich und wie dankbar müssen wir alle sein für die Frauen in unserem Leben.

Meine Brüder und Schwestern, ich möchte zu Beginn einige persönliche Gedanken äußern. Vor sechs Monaten sagte ich am Ende unserer Konferenz, dass meine geliebte Frau, meine Partnerin seit 67 Jahren, ernsthaft erkrankt sei. Sie starb zwei Tage später. Es war der 6. April, und das ist ein bedeutsamer Tag für uns Mitglieder der Kirche. Ich möchte öffentlich den engagierten Ärzten und dem Pflegepersonal danken, die sich in den letzten Lebenstagen meiner Frau um sie gekümmert haben.

Meine Kinder und ich waren an ihrem Bett, als sie friedlich in die Ewigkeit hinüberging. Ich hielt ihre Hand und sah, wie das Leben aus ihr wich, und ich muss sagen, ich war erschüttert. Vor unserer Heirat war sie das Mädchen meiner Träume gewesen, wie es in einem damals sehr bekannten Lied heißt. Sie war meine geliebte Gefährtin während mehr als zwei Dritteln eines Jahrhunderts gewesen; sie war mir ebenbürtig vor dem Herrn, ja, eigentlich mir überlegen. Und jetzt, auf meine alten Tage, ist sie wieder das Mädchen meiner Träume.

Unmittelbar nach ihrem Tod wurde mir von überall in der Welt in großem Maße Liebe erwiesen. Schöne Blumengebinde wurden in großer Zahl gesandt. Auf ihren Namen wurden dem Ständigen Ausbildungsfonds und ihrem Lehrstuhl an der Brigham-Young-Universität große Spenden gewidmet. Es kamen buchstäblich Hunderte von Briefen. Wir haben ganze Kartons mit Briefen von Menschen, die wir kennen, und noch mehr von Menschen, die wir nicht kennen. Sie alle drückten Bewunderung für sie aus und Mitgefühl und Liebe für uns, die Hinterbliebenen.

Leider waren wir nicht in der Lage, jeden einzelnen Brief zu beantworten. Und darum nutze ich diese Gelegenheit, um jedem von Ihnen für seine Freundlichkeit uns gegenüber zu danken. Danke, ganz herzlichen Dank, und bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir nicht antworten konnten. Wir hätten es gar nicht schaffen können, doch was Sie uns geschrieben haben, war in der Zeit unserer Trauer wie ein Mantel des Trostes.

Ich bin dankbar sagen zu können, dass ich mich in unserem langen Leben an keinen ernsthaften Streit erinnern kann. Hin und wieder kleine Differenzen, ja, aber nichts wirklich Ernstes. Ich glaube, unsere Ehe war so harmonisch, wie eine Ehe nur sein kann.

Mir ist klar, dass viele von Ihnen auf gleiche Weise gesegnet sind, und ich beglückwünsche Sie dazu auf das Herzlichste, denn letzten Endes gibt es keine Beziehung, die reicher ist als die Partnerschaft zwischen Mann und Frau, und nichts, was mehr Möglichkeiten – zum Guten wie zum Bösen – bietet, als die niemals endenden Auswirkungen der Ehe.

Ich habe diese Auswirkungen stets vor Augen. Und ich sehe sowohl Schönes als auch Tragisches. Daher will ich heute einige Worte über die Frauen in unserem Leben sagen.

Ich beginne bei der Erschaffung der Welt.

Von diesem großen, einzigartigen und erstaunlichen Unterfangen lesen wir im Buch Genesis und im Buch Mose. Der Allmächtige war der Architekt dieser Schöpfung. Auf seine Weisung hin führte sein geliebter Sohn, der große Jahwe, das Werk aus, und dieser wurde dabei von Michael, dem Erzengel, unterstützt.

Zuerst wurden Himmel und Erde gestaltet, dann wurde das Licht von der Finsternis geschieden. Die Wasser wurden vom Land getrennt. Dann kamen die Pflanzen, gefolgt von den Tieren. Und dann kam die Krönung der Schöpfung – der Mensch. Genesis berichtet darüber: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut.“ (Genesis 1:31.)

Doch der Vorgang war noch nicht abgeschlossen.

„Aber eine Hilfe, die dem Menschen entsprach, fand er nicht.

Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, sodass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch.

Gott, der Herr, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu.

Und der Mensch sprach: Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie heißen.“ (Genesis 2:20-23.)

Und so wurde Eva Gottes Krönung der Schöpfung, der Abschluss seines gesamten wunderbaren Werkes.

Ungeachtet dieser herausragenden Stellung, die der Erschaffung der Frau zukam, wurde sie im Lauf der Zeit oft auf eine zweitrangige Position verwiesen. Sie wurde herabgesetzt. Sie wurde verunglimpft. Sie wurde versklavt. Sie wurde misshandelt. Und trotzdem sind einige der größten Gestalten der heiligen Schrift redliche, fähige und gläubige Frauen.

Wir haben Ester, Noomi und Rut im Alten Testament. Wir haben Saria im Buch Mormon. Wir haben Maria, die Mutter des Erlösers der Welt – sie, die als Auserwählte Gottes von Nephi folgendermaßen beschrieben wird: „Eine Jungfrau, überaus schön und anmutig, mehr als alle anderen Jungfrauen.“ (1 Nephi 11:15.)

Sie trug das Kind Jesus nach Ägypten, um sein Leben vor dem Zorn des Herodes zu schützen. Sie umsorgte Jesus in seiner Kindheit und den frühen Mannesjahren. Sie stand vor ihm, als sein schmerzgepeinigter Körper am Kreuz auf dem Hügel Golgota hing. Inmitten all seines Leidens sagte er zu ihr: „Frau, siehe, dein Sohn!“ Und seinen Jünger bat er, sich um sie zu kümmern: „Siehe, deine Mutter!“ (Johannes 19:26,27.)

Maria und Marta waren Teil seines Lebens und ebenso auch Maria aus Magdala. Sie war es, die an jenem ersten Ostermorgen zum Grab kam. Und sie, eine Frau, war es, der der auferstandene Herr zuerst erschien. Wenn selbst Jesus der Frau eine so hervorragende Stellung einräumt, warum verweigern ihr dies dann so viele Männer, obwohl sie sich zu seinem Namen bekennen?

In seinem großen Plan schuf Gott die Menschen als zweierlei Geschlechter. Diese Dualität findet in der Ehe Ausdruck und veredelt den Menschen. Ein Wesen ergänzt das andere. Paulus hat schon gesagt: „Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau.“ (1 Korinther 11:11.)

Keine sonstige Einrichtung entspricht der erhabenen Absicht des Allmächtigen. Mann und Frau sind seine Schöpfung. Ihre Dualität ist von ihm beabsichtigt. Ihre einander ergänzenden Beziehungen und Funktionen sind grundlegend für seine Absichten. Einer ist ohne den anderen unvollständig.

Mir ist klar, dass es unter uns viele wunderbare Frauen gibt, die nicht die Gelegenheit zur Heirat haben. Auch sie leisten einen gewaltigen Beitrag. Sie dienen glaubenstreu und fähig in der Kirche. Sie lehren in den Organisationen. Sie haben Ämter inne.

Ich habe neulich etwas sehr Interessantes erlebt. Die Generalautoritäten waren in einer Versammlung und die Präsidentschaft der FHV war bei uns. Diese fähigen Frauen standen in unserem Beratungszimmer und erläuterten uns Grundsätze der Wohlfahrt und der Hilfe für die Bedrängten. Unsere Position als Amtsträger der Kirche wurde durch das, was sie taten, nicht geschmälert – sondern unsere Fähigkeit zu dienen nahm zu.

Es gibt einige Männer, die arroganterweise meinen, sie seien den Frauen überlegen. Sie scheinen nicht zu begreifen, dass sie selbst gar nicht existieren würden, wenn ihre Mutter sie nicht geboren hätte. Wenn sie auf die eigene Überlegenheit pochen, erniedrigen sie ihre Mutter. Jemand hat gesagt: „Der Mann kann keine Frau herabsetzen, ohne sich selbst herabzusetzen; er kann sie nicht erheben, ohne sich selbst nicht auch gleichzeitig zu erheben.“ (Alexander Walker, Elbert Hubbard’s Scrap Book, 1923, Seite 204.)

Wie wahr dies doch ist. Wir sehen überall die bittere Frucht der Herabsetzung. Scheidung ist eine ihrer Folgen. Dieses Übel durchwuchert unsere Gesellschaft. Es ist die Folge mangelnden Respekts gegenüber dem Ehepartner, und das äußert sich in Vernachlässigung, Kritik, Misshandlung und böswilligem Verlassen. Wir in der Kirche sind dagegen nicht immun.

Jesus hat gesagt: „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“ (Matthäus 19:6.)

Das Wort Mensch ist hier allgemein gefasst, aber Tatsache ist, dass vor allem Männer für die Umstände verantwortlich sind, die zur Scheidung führen.

Nachdem ich im Laufe der Jahre mit Hunderten von Scheidungsfällen zu tun gehabt habe, bin ich davon überzeugt, dass eine einzige Gewohnheit mehr als alles andere dazu beitragen kann, dieses traurige Problem zu lösen.

Wenn nämlich jeder Ehemann und jede Ehefrau ständig alles in ihrer Macht Stehende tun würde, um dafür zu sorgen, dass der Partner glücklich und zufrieden ist, dann gäbe es, wenn überhaupt, nur wenige Scheidungen. Man würde keine Auseinandersetzungen hören. Vorwürfe würden niemals vorgebracht. Wutausbrüche kämen nicht vor. Liebe und Fürsorglichkeit träten an die Stelle von Misshandlung und Gemeinheit.

Vor vielen Jahren war ein beliebtes Lied mit folgendem Text modern:

Ich möchte glücklich sein,
doch ich werde nicht glücklich sein,
bis ich auch dich glücklich gemacht.
(Irving Caesar, „I Want to Be Happy“, 1924.)

Wie wahr das doch ist!

Jede Frau ist eine Tochter Gottes. Man kann sie nicht beleidigen, ohne auch ihn zu beleidigen. Ich bitte die Männer dieser Kirche inständig, auf das Göttliche in ihren Partnerinnen zu achten und es zu nähren. In dem Ausmaß, in dem das geschieht, gibt es Eintracht, Frieden, ein reicheres Familienleben und liebevolles Umsorgen.

Präsident McKay hat uns zu Recht vor Augen geführt: „Kein anderweitiger Erfolg kann ein Versagen in der Familie wettmachen.“ (Zitiert aus J. E. McCulloch, Home: The Savior of Civilization, 1924, Seite 42; in Conference Report, April 1935, Seite 116.)

Präsident Lee rief uns diese Wahrheit in Erinnerung: „Die wichtigste Arbeit, die Sie jemals tun werden, ist das, was Sie in Ihren eigenen vier Wänden tun.“ („Maintain Your Place as a Woman“, Ensign, Februar 1972, Seite 51.)

Für die meisten ehelichen Schwierigkeiten ist Scheidung keine Lösung. Die Lösung liegt in Umkehr und Vergebung, in Güte und Fürsorge. Die Lösung findet sich in der Goldenen Regel.

Es liegt große Schönheit darin, wenn ein junger Mann und eine junge Frau sich am Altar die Hand reichen und vor Gott geloben, einander zu ehren und zu lieben. Doch wie trostlos ist das Bild, wenn es einige Monate oder Jahre später spitze Bemerkungen, gemeine und verletzende Worte, lautes Schimpfen und bittere Vorwürfe gibt.

Das muss nicht sein, liebe Brüder und Schwestern! Wir können uns über diese niedrigen und armseligen Elemente in unserem Leben erheben (siehe Galater 4:9). Wir können das göttliche Wesen im anderen suchen und erkennen, das wir ja als Kinder unseres Vaters im Himmel alle besitzen. Wir können zusammen nach den von Gott gegebenen Mustern für die Ehe leben und das erreichen, wozu wir fähig sind, wenn wir Selbstdisziplin üben und es unterlassen, unseren Gefährten zurechtzuweisen.

Die Frauen in unserem Leben sind Wesen, die mit besonderen Eigenschaften – göttlichen Eigenschaften – ausgestattet sind, die sie veranlassen, sich gütig und liebevoll um ihre Mitmenschen zu kümmern. Wir können sie dazu ermuntern, wenn wir ihnen Gelegenheit geben, den ihnen innewohnenden Talenten und Impulsen Ausdruck zu verleihen. In ihrem hohen Alter hat meine Frau eines Abends leise zu mir gesagt: „Du hast mir immer Flügel zum Fliegen gegeben, und ich liebe dich deswegen.“

Ich kannte einen mittlerweile verstorbenen Mann, der darauf bestand, für seine Frau und seine Kinder alle Entscheidungen zu treffen. Sie konnten nicht einmal ein Paar Schuhe ohne ihn kaufen. Sie konnten keinen Klavierunterricht nehmen. Sie konnten ohne seine Zustimmung nicht in der Kirche dienen. Ich habe gesehen, wohin so eine Einstellung führt – und sie führt zu nichts Gutem.

Mein Vater hat es niemals unterlassen, meiner Mutter Komplimente zu machen. Wir Kinder wussten, dass er sie liebt, denn wir sahen, wie er sie behandelt. Er gab ihrem Wunsch nach. Und ich werde immer zutiefst dankbar für sein Beispiel sein. Viele von Ihnen sind auf gleiche Weise gesegnet.

Ich könnte jetzt so weitermachen, aber das ist nicht nötig. Ich möchte nur die große, ins Auge springende Wahrheit unterstreichen, dass wir alle Kinder Gottes sind, Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern.

Liebe ich als Vater meine Töchter weniger als meine Söhne? Nein. Wenn ich einer Unausgewogenheit schuldig bin, dann zugunsten meiner Mädchen. Ich habe einmal gesagt, dass ein Mann, der alt wird, besser Töchter um sich haben sollte. Sie sind so lieb und gut und zuvorkommend. Ich kann wohl sagen, dass meine Söhne fähig und weise sind. Meine Töchter sind klug und lieb. Und ich bin deswegen überglücklich.

Frauen sind absolut notwendig im Plan des Glücklichseins, den der Himmlische Vater für uns entworfen hat. Der Plan funktioniert ohne sie nicht.

Brüder, es gibt so viel Unglück auf dieser Welt. Es gibt zu viel Elend und Kummer und Schmerz. Zu viele Tränen werden von trauernden Ehefrauen und Töchtern vergossen. Es gibt zu viel Vernachlässigung, Misshandlung und Lieblosigkeit.

Gott hat uns das Priestertum gegeben, und dieses Priestertum kann nicht anders ausgeübt werden „als nur mit überzeugender Rede, mit Langmut, mit Milde und Sanftmut und mit ungeheuchelter Liebe, mit Wohlwollen und mit reiner Erkenntnis, wodurch sich die Seele sehr erweitert, ohne Heuchelei und ohne Falschheit“ (LuB 121:41,42).

Wie dankbar bin ich und wie dankbar müssen wir alle sein für die Frauen in unserem Leben. Gott segne sie. Möge seine große Liebe auf sie herabträufeln und sie mit Glanz und Schönheit, Anmut und Glauben krönen. Und möge sein Geist auf uns als Männer herabträufeln und uns immerdar dazu bringen, ihnen Dank und Achtung zu erweisen, sie zu ermutigen, zu stärken, zu umsorgen und zu lieben, denn das ist der Wesenskern des Evangeliums unseres Herrn und Erlösers. Darum bitte ich demütig im heiligen Namen Jesu Christi. Amen.