Berufen und erwählt

James E. Faust

Second Counselor in the First Presidency


James E. Faust
Diejenigen, die berufen, bestätigt und eingesetzt wurden, verdienen unsere Unterstützung und Zustimmung.

Meine lieben Brüder im Priestertum, ich möchte Ihnen sagen, dass ich für alles, was Sie tun, um das Werk des Herrn in aller Welt voranzubringen, dankbar bin. Ich möchte über das heilige Amt der Priestertumsführer sprechen, die „berufen und erwählt“ 1 wurden, die Kirche zu dieser Zeit zu führen. Dieses Jahr ist aus mindestens zwei Gründen ein besonderes: Zum einen begehen wir im Dezember den 200. Jahrestag der Geburt des Propheten Joseph Smith und zum anderen hat Präsident Gordon B. Hinckley im Juni seinen 95. Geburtstag gefeiert. Ich bezeuge, dass der Prophet Joseph Smith als der erste Prophet dieser Evangeliumszeit berufen und erwählt wurde, und dass Präsident Gordon B. Hinckley jetzt der Prophet, Seher und Offenbarer dieser Kirche ist.

Als Mike Wallace vor einigen Jahren Präsident Hinckley für die Sendung 60 Minutes interviewte, sagte er: „Manche Leute sagen, dies sei eine Kirche in der Hand von alten Männern.“ Präsident Hinckley erwiderte: „Ist es nicht großartig, einen reifen Mann an der Spitze zu haben; einen Mann mit gutem Urteilsvermögen, der nicht von jedem Widerstreit der Meinungen hin und her geworfen wird?“ 2 Sollte also jemand unter Ihnen denken, die derzeitigen Führungsbeamten seien zu alt, die Kirche zu führen, muss Präsident Hinckley ihm vielleicht noch ein paar Ratschläge mit auf den Weg geben, welche Weisheit sich mit dem Alter einstellt!

Von den 102 Aposteln, die in dieser Evangeliumszeit berufen wurden, haben nur 13 länger gedient als Präsident Hinckley. Er war länger Apostel als Brigham Young, Präsident Hunter, Präsident Lee, Präsident Kimball und viele andere. Es ist wunderbar, unter seiner inspirierten Führung zu stehen. Bitte sehen Sie mir nach, wenn ich sage, dass ich selbst manchmal das Gefühl habe, dass ich an der Schwelle zur Ewigkeit stehe. Mit 85 Jahren bin ich der Drittälteste unter den lebenden Generalautoritäten. Nach dieser Ehre habe ich nicht getrachtet. Ich habe einfach nur so lange gelebt.

Ich glaube, niemals zuvor in der Geschichte der Kirche hat größere Einigkeit geherrscht als zu dieser Zeit unter meinen Brüdern in der Ersten Präsidentschaft, im Kollegium der Zwölf Apostel und unter den anderen Generalautoritäten der Kirche, die berufen und erwählt wurden und jetzt die Kirche leiten. Ich denke, dafür gibt es mehr als genug Beweise. Die jetzigen Führer des Reiches Gottes auf Erden sind länger durch die Inspiration des Herrn geleitet worden als jede andere Gruppe. Wir sind die älteste Gruppe, die je an der Spitze der Kirche stand.

Ich habe mit einigen dieser Männer nahezu ein halbes Jahrhundert lang zusammengearbeitet. Deswegen kann ich, so meine ich, sagen, dass meine Amtsbrüder ausnahmslos gute, ehrenwerte und vertrauenswürdige Männer sind. Ich kenne ihr Herz. Sie sind die Diener des Herrn. Ihr einziger Wunsch ist, ihre hohe Berufung auszuführen und das Reich Gottes auf der Erde aufzubauen. Die Brüder, die zu dieser Zeit dienen, sind erfahren, erprobt und aufrichtig. Einige haben nicht mehr die körperliche Kraft von einst, aber ihr Herz ist so rein, ihre Erfahrung so groß, ihr Verstand so wach und ihre geistige Weisheit so umfassend, dass es eine Wohltat ist, in ihrer Gegenwart zu sein.

Es stimmte mich demütig und überwältigte mich, als ich vor 33 Jahren als Assistent der Zwölf Apostel berufen wurde. Einige Tage danach gab mir Präsident Hugh B. Brown den Rat, vor allem darauf zu achten, dass ich mich immer mit den Brüdern im Einklang befand. Präsident Brown ging nicht weiter darauf ein. Er sagte einfach: „Halte zu den Brüdern!“ Ich fasste das so auf, dass ich mich an den Rat und die Führung des Präsidenten der Kirche und des Kollegiums der Zwölf Apostel halten sollte. Das hallte in mir als etwas nach, was ich von ganzem Herzen tun wollte.

Andere mögen diesen Rat für falsch halten, aber er verdient einige Beachtung. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass geistige Führung in hohem Maße davon abhängt, dass man mit dem Präsidenten der Kirche, der Ersten Präsidentschaft und dem Kollegium der Zwölf Apostel im Einklang steht – also mit allen, die als Propheten, Seher und Offenbarer bestätigt werden. Mir ist unklar, wie man erwarten kann, mit dem Geist des Herrn voll und ganz im Einklang zu sein, wenn man nicht mit dem Präsidenten der Kirche und den übrigen Propheten, Sehern und Offenbarern im Einklang steht.

Als ich Diakon war, nahm mein Vater mich und meinen großen Bruder zur Allgemeinen Priestertumsversammlung ins Tabernakel mit. Ich weiß noch, wie begeistert ich darüber war, dass ich mich in der Gegenwart des Propheten Gottes – Präsident Heber J. Grant – und der anderen Propheten und Apostel befand. Ich lauschte aufmerksam ihren Worten und nahm mir das, was sie sagten, sehr zu Herzen. Im Laufe der Jahre haben sie viele Themen oft wiederholt angesprochen. Ich gehe davon aus, dass einige davon auch bei dieser Konferenz erneut zur Sprache kommen. Sie sind ausschlaggebend für unsere Erlösung, und wir brauchen die Wiederholung.

Von Anfang an gab es in der Weltgeschichte viele Beispiele für Menschen, die nicht mit den Propheten im Einklang standen. In den ersten Tagen unserer Evangeliumszeit wurden mehrere Apostel – zu ihrem großen Bedauern – dem Propheten Joseph Smith untreu. Einer davon war Lyman E. Johnson, ein Mitglied des ursprünglichen Kollegiums der Zwölf Apostel, der aufgrund sündhaften Verhaltens aus der Kirche ausgeschlossen wurde. Später beklagte er seinen geistigen Niedergang. Er sagte: „Ich würde mir die rechte Hand abschlagen lassen, wenn ich dafür nur wieder daran glauben könnte. Ich war einst von Freude und Glück erfüllt. Meine Träume waren schön. Wenn ich morgens erwachte, war ich guter Dinge. Ich war Tag und Nacht glücklich; ich war von Frieden, Freude und Dankbarkeit erfüllt. Jetzt kenne ich nur noch Finsternis, Schmerz, Kummer und Trübsal im höchsten Maße. Seither war ich keinen einzigen Moment mehr glücklich.“ 3 1856 verunglückte er im Alter von 45 Jahren tödlich mit dem Schlitten.

Auch Luke S. Johnson wurde 1835 in das erste Kollegium der Zwölf Apostel berufen. Seine geistige Entschlossenheit wurde 1837 durch eine Finanzspekulation erschüttert. Rückblickend sagte er später: „Mein Geist verfinsterte sich, und ich musste meinen Weg allein gehen. Der Geist Gottes war nicht mehr bei mir, und ich vernachlässigte meine Pflicht. Das führte dazu, dass ich am 3. September 1837 bei einer Konferenz in Kirtland … aus der Kirche ausgestoßen wurde.“ Im Dezember 1837 schloss er sich Abtrünnigen an, die die Kirche öffentlich in den Schmutz zogen, und 1838 wurde er wegen seiner Abtrünnigkeit aus der Kirche ausgeschlossen. Acht Jahre lang unterhielt er eine Arztpraxis in Kirtland. 1846 kehrte er schließlich mit seiner Familie in die Gemeinschaft der Heiligen zurück. Er sagte: „Ich habe am Wegesrand angehalten und blieb abseits vom Werk des Herrn stehen. Doch mein Herz ist bei den Mitgliedern. Ich möchte zu den Heiligen gehören, mit ihnen in die Wildnis ziehen und bis zum Ende bei ihnen bleiben.“ Er ließ sich im März 1846 erneut taufen und erreichte 1847 mit der ersten Abteilung der Pioniere den Westen. 1861 starb er im Alter von 54 Jahren in Salt Lake City als voll integriertes Mitglied der Kirche. 4

Ich lege den Mitgliedern der Kirche ans Herz, den Präsidenten der Kirche, die Erste Präsidentschaft, das Kollegium der Zwölf Apostel und die übrigen Generalautoritäten von ganzem Herzen und mit ganzer Seele zu unterstützen. Wenn wir dies tun, liegen wir in einem sicheren Hafen.

Präsident Brigham Young sagte, er habe den Propheten Joseph Smith viele Male sagen hören, dass er „ständig beten, Glauben ausüben, nach seiner Religion leben und seine Berufung groß machen musste, um die Kundgebungen des Herrn zu erlangen und im Glauben standhaft zu bleiben“. 5 Jeder von uns kann damit rechnen, dass sein Glaube auf die Probe gestellt wird. Das kann ganz unterschiedlich aussehen. Vielleicht gefällt Ihnen nicht immer, was die Führer der Kirche sagen. Sie versuchen nicht, sich beliebt zu machen. Sie bemühen sich, uns vor den Gefahren und Enttäuschungen zu bewahren, die die Missachtung der Gesetze Gottes nach sich zieht.

Wir müssen auch die örtlichen Führer unterstützen, denn auch sie wurden „berufen und erwählt“. Jedes Mitglied dieser Kirche kann vom Bischof oder Zweigpräsidenten, vom Pfahl- oder Missionspräsidenten oder vom Präsidenten der Kirche und dessen Mitarbeitern Rat erhalten. Keiner dieser Brüder hat sich um seine Berufung beworben. Keiner von ihnen ist vollkommen. Dennoch ist jeder von ihnen ein Diener des Herrn, der von ihm durch jene berufen wurde, die ein Recht auf Inspiration haben. Diejenigen, die berufen, bestätigt und eingesetzt wurden, verdienen unsere Unterstützung und Zustimmung.

Ich habe jeden Bischof, den ich je hatte, bewundert und geachtet. Ich habe mich bemüht, die Führung dieser Bischöfe nie in Frage zu stellen. Wenn ich ihrem Rat folgte, hatte ich stets das Gefühl, dass ich vor „dem Betrug der Menschen …, der Verschlagenheit, die in die Irre führt,“ 6 sicher war. Das rührte daher, dass jeder dieser berufenen und erwählten Führer ein Anrecht auf Offenbarung von Gott hatte, das mit der Berufung einhergeht. Die Missachtung von kirchlichen Führern hat bei vielen dazu geführt, dass sie in geistiger Hinsicht schwach wurden und zugrunde gingen. Wir sollten über jede von uns wahrgenommene Unvollkommenheit, über jeden Makel und jeden Fehler an den Männern, die dazu berufen sind, über uns zu präsidieren, hinwegsehen und das Amt ehren, das sie bekleiden.

Vor vielen Jahren waren in den Gemeinden Veranstaltungen üblich, bei denen Geld für die örtlichen Ausgaben und Aktivitäten zusammenkam, die heute von den allgemeinen Fonds der Kirche und den Budgetzuweisungen an die Einheiten abgedeckt werden. Wir richteten Basare, Ausstellungen, gemeinsame Mahlzeiten und andere Aktivitäten zur Geldbeschaffung aus. Damals hatten wir einen großartigen, engagierten und hingebungsvollen Bischof.

Ein Mitglied aus einer Nachbargemeinde hatte mitbekommen, dass man mit einer Dunking Machine viel Geld verdienen konnte. Dabei wirft man einen Baseball auf einen markierten mechanischen Arm. Wenn ein Ball ins Schwarze trifft, wird ein Mechanismus ausgelöst und derjenige, der sich auf dem zur Maschine gehörigen Sitz befindet, fällt in ein mit kaltem Wasser gefülltes Becken. Unsere Gemeinde beschloss, die Maschine einzusetzen. Jemand meinte, dass mehr Leute für einen Wurf zahlen würden, wenn der Bischof auf dem Sitz Platz nähme. Unser Bischof war kein Spielverderber und trug ja auch die Verantwortung für die Geldbeschaffung. Also war er gern bereit, sich auf den Sitz über dem Becken zu begeben. Schon bald kamen die ersten, die die Zielscheibe unter Beschuss nahmen. Mehrere trafen ins Schwarze, und der Bischof ging baden. Das ging eine halbe Stunde so weiter, und der Bischof begann vor Kälte zu zittern. Die meisten Anwesenden fanden das äußerst amüsant, mein Vater aber war sehr verärgert, dass das Bischofsamt derart erniedrigt und der Lächerlichkeit oder gar dem Spott preisgegeben wurde. Das eingenommene Geld war zwar für einen guten Zweck vorgesehen, aber ich weiß noch, dass ich mich dafür schämte, dass einige unserer Mitglieder nicht mehr Achtung vor dem Bischofsamt und dem Mann zeigten, der uns Tag und Nacht so eifrig als guter Hirt gedient hatte. Als Träger des Priestertums Gottes müssen wir unseren Angehörigen, Freunden und Bekannten mit gutem Beispiel vorangehen, indem wir die Führer der Kirche unterstützen.

Der Rat in den heiligen Schriften sowie von den örtlichen Führern und Generalautoritäten der Kirche bietet den Mitgliedern der Kirche Schutz und Führung. Beispielsweise haben die Brüder, seit ich denken kann, von diesem und anderen Pulten die Mitglieder dazu aufgerufen, im Rahmen ihres Einkommens zu leben, keine Schulden zu machen und etwas für schwierigere Zeiten zu sparen, denn diese kommen bestimmt. Ich habe Zeiten großer wirtschaftlicher Schwierigkeiten miterlebt, beispielsweise die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg. Aufgrund meiner Erlebnisse habe ich Angst, nicht alles zu tun, was ich kann, um mich und meine Familie vor den Folgen solcher Katastrophen zu schützen. Ich bin den Brüdern für diesen weisen Rat dankbar.

Der Präsident der Kirche wird die Mitglieder nicht in die Irre führen. Das wird nie geschehen! Präsident Hinckley wird von seinen Ratgebern voll und ganz unterstützt, ebenso vom Kollegium der Zwölf Apostel, von den Kollegien der Siebziger und von der Präsidierenden Bischofschaft. Deshalb sind sich, wie ich schon gesagt habe, die Mitglieder der präsidierenden Gremien der Kirche untereinander und mit unserem Präsidenten einig und empfinden besondere Zuneigung für ihn und füreinander. Das Priestertum Gottes ist ein Schutzschild. Es ist ein Schutzschild gegen das Böse in der Welt. Dieser Schild muss sauber gehalten werden, andernfalls wird die Sicht auf unser Ziel und die Gefahren, die uns umgeben, behindert. Das Reinigungsmittel heißt persönliche Rechtschaffenheit, aber nicht jeder wird den Preis bezahlen, um seinen Schild sauber zu halten. Der Herr hat gesagt: „Denn viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt.“ 7 Gerufen sind wir, wenn man uns die Hände auflegt und uns das Priestertum gibt, aber erwählt sind wir erst, wenn wir Gott unsere Rechtschaffenheit, unsere Glaubenstreue und unser Engagement bewiesen haben.

Brüder, dieses Werk ist wahr. Joseph Smith hat den Vater und den Sohn gesehen, er hat ihre Weisung vernommen und ausgeführt. Damit wurde dieses große Werk eingeleitet, für das wir nun die Verantwortung tragen. Ich gebe feierlich Zeugnis, dass es von Gott stammt. Im Namen Jesu Christi. Amen.

Quellenangaben anzeigen

  1.  

    1. LuB 55:1

  2.  

    2.  Discourses of President Gordon B. Hinckley, Volume 1: 1995–1999, Seite 509

  3.  

    3. Zitiert in Brigham Young, Deseret News, 15. August 1877, Seite 484

  4.  

    4. Siehe Susan Easton Black, Who‘s Who in the Doctrine & Covenants, Seite 156f.

  5.  

    5.  Discourses of Brigham Young, Hg. John A. Widtsoe, 1954, Seite 469

  6.  

    6. Epheser 4:14

  7.  

    7. Matthäus 22:14