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Herbst 2005 | Priestertumsvollmacht in der Familie und in der Kirche

Priestertumsvollmacht in der Familie und in der Kirche

Herbst 2005 Generalkonferenz

In der Art, wie die Priestertumsvollmacht in der Familie und in der Kirche wirkt, gibt es viele Gemeinsamkeiten und einige Unterschiede.

Ich möchte über die Priestertumsvollmacht in der Familie und in der Kirche sprechen.

I.

Ich war sieben, als mein Vater starb. Ich war das älteste von drei kleinen Kindern, die meine Mutter unter Mühen großzog. Als ich zum Diakon ordiniert wurde, sagte sie, wie sehr sie sich freue, einen Priestertumsträger in der Familie zu haben. Trotzdem hatte Mutter in der Familie nach wie vor das Sagen und bestimmte unter anderem, wer beten sollte, wenn wir uns allmorgendlich niederknieten. Ich war verwirrt. Mir war beigebracht worden, dass das Priestertum in der Familie präsidiere. Irgendetwas musste ich an diesem Grundsatz nicht verstanden haben.

Etwa zur selben Zeit hatten wir einen Nachbarn, der seine Frau unterdrückte und manchmal schimpflich behandelte. Er brüllte wie ein Löwe, und sie duckte sich wie ein Lamm. Wenn sie zur Kirche gingen, lief sie immer ein paar Schritte hinter ihm. Das ärgerte meine Mutter. Sie war eine starke Frau, die solch einen Despotismus nicht hinnahm, und es erzürnte sie, wenn eine andere Frau so misshandelt wurde. Immer wenn ich sehe, wie ein Mann seine Vollmacht missbraucht, um seinen Stolz zu befriedigen, oder auch nur mit dem geringsten Maß von Unrecht über seine Frau herrscht oder Zwang auf sie ausübt (siehe LuB 121:37), denke ich an ihre Reaktion.

Ich habe auch erlebt, wie manche glaubenstreuen Frauen missverstanden haben, wie die Vollmacht des Priestertums wirkt. Aufgrund ihrer Partnerschaft mit ihrem Mann in der Familie wollte schon manche Frau diese Beziehung auf die Priestertumsberufung ihres Mannes, beispielsweise Bischof oder Missionspräsident, ausweiten. Dagegen wirft manch eine Alleinstehende, der von einem Mann beispielsweise bei einer Scheidung Unrecht angetan wurde, das Priestertum irrtümlich mit männlichem Missbrauch in einen Topf und begegnet jeglicher Vollmacht des Priestertums mit Argwohn. Wer im Umgang mit einem Elektrogerät schlechte Erfahrungen gemacht hat, sollte deswegen nicht ganz auf den Strom verzichten.

Zu all den von mir beschriebenen Situationen kommt es, weil die Vollmacht des Priestertums falsch verstanden wird, ebenso der bedeutende Grundsatz, dass diese Vollmacht zwar in der Familie und in der Kirche präsidiert, das Priestertum jedoch in beiden Bereichen unterschiedliche Aufgaben hat. Diesen Grundsatz haben die herausragenden Führer der Kirche und von Familien, die ich kenne, begriffen und angewandt, doch wird er selten erklärt. Selbst aus den heiligen Schriften, die schildern, wie die Priestertumsvollmacht unterschiedlich ausgeübt wird, geht selten klar hervor, wann sich ein Grundsatz ausschließlich auf die Ausübung der Priestertumsvollmacht in der Familie, wann auf die in der Kirche und wann auf beides bezieht.

II.

In der Lehre wie auch in der Praxis stehen die Familie und die Kirche in einem Verhältnis, das beide stärkt. Die Familie ist auf die Kirche angewiesen, was die Lehre, die heiligen Handlungen und die Schlüssel des Priestertums betrifft. In der Kirche finden sich die Unterweisung, die Vollmacht und die heiligen Handlungen, die nötig sind, um die Familienbeziehungen in der Ewigkeit fortsetzen zu können.

Sowohl in der Familie als auch in der Kirche haben wir Programme und Aktivitäten. Sie sind alle so miteinander verwoben, dass der Einsatz für das eine dem Einsatz für das andere gleichkommt. Wenn ein Kind sieht, wie seine Eltern ihren Berufungen in der Kirche treu nachkommen, wird dadurch seine Beziehung zur Familie gestärkt. Wenn die Familien stark sind, ist auch die Kirche stark. Beides geht Hand in Hand. Beide sind wichtig und nötig, und beide müssen mit großer Rücksicht aufeinander geführt werden. Die Programme und Veranstaltungen der Kirche dürfen nicht so umfassend sein, dass in der Familie nicht alle zu einem gemeinsamen Zeitpunkt als Familie zusammenkommen können. Andererseits sollen Unternehmungen der Familie nicht so angesetzt werden, dass sie mit der Abendmahlsversammlung oder sonstigen wichtigen Versammlungen der Kirche kollidieren.

Wir brauchen die Veranstaltungen der Kirche wie auch die Unternehmungen der Familie. Wenn alle Familien vollständig und ideal wären, könnte sich die Kirche auf weniger Veranstaltungen beschränken. Aber in einer Welt, in der viele unserer Jugendlichen in einer Familie aufwachsen, in der ein Elternteil fehlt, nicht der Kirche angehört oder sonst nicht im Evangelium führt, müssen Veranstaltungen der Kirche dringend die Lücken schließen. Unsere verwitwete Mutter erkannte klugerweise, dass die Veranstaltungen der Kirche ihren Söhnen Erfahrungen vermittelten, die wir mangels eines männlichen Vorbilds bei uns zu Hause nicht machen konnten. Ich weiß noch, wie sie mir nahe legte, die guten Männer in unserer Gemeinde zu beobachten und ihnen nachzueifern. Sie trieb mich dazu an, am Scoutprogramm und an den weiteren Veranstaltungen der Kirche teilzunehmen, die mir die Möglichkeit dazu boten.

In einer Kirche mit so vielen Alleinstehenden, die zurzeit nicht in der Beziehung leben, die der Herr für all seine Söhne und Töchter vorgesehen hat, müssen sich die Kirche und die Familien besonders der Bedürfnisse der Alleinstehenden annehmen.

III.

Die Priestertumsvollmacht wirkt in der Familie und in der Kirche. Das Priestertum ist die Macht Gottes, die all seinen Kindern – Männern wie Frauen – zum Segen gereicht. Unsere knappen Wendungen wie „die Frauen und das Priestertum“ geben manchmal ein falsches Bild. Die Männer sind nicht „das Priestertum“. Die Priestertumsversammlung ist die Versammlung derjenigen, die das Priestertum tragen und ausüben. Die Segnungen des Priestertums, wie die Taufe, das Empfangen des Heiligen Geistes, das Endowment im Tempel und die ewige Ehe, stehen Mann und Frau gleichermaßen offen. Gemäß den Grundsätzen, die der Herr festgelegt hat, wirkt die Priestertumsvollmacht in der Familie und in der Kirche.

Nach dem Tod meines Vaters präsidierte meine Mutter über unsere Familie. Sie hatte kein Amt im Priestertum, aber als der hinterbliebene Elternteil war sie nun die leitende Beamtin der Familie. Zugleich hatte sie grenzenlose Achtung vor der Priestertumsvollmacht unseres Bischofs und anderer Führer der Kirche. Sie präsidierte über ihre Familie, aber die Brüder präsidierten über die Kirche.

IV.

In der Art, wie die Priestertumsvollmacht in der Familie und in der Kirche wirkt, gibt es viele Gemeinsamkeiten und einige Unterschiede. Wenn wir diese Unterschiede nicht erkennen und berücksichtigen, stoßen wir auf Schwierigkeiten.

Schlüssel. Ein wichtiger Unterschied zwischen der Wirkungsweise in der Kirche und in der Familie besteht darin, dass alle Priestertumsvollmacht in der Kirche auf Weisung dessen ausgeübt wird, der die Schlüssel dazu innehat. Dagegen ist die Vollmacht, die in der Familie präsidiert – sei es durch den Vater oder durch eine alleinerziehende Mutter – bei familiären Fragen wirksam, ohne dass jemand, der die Schlüssel des Priestertums innehat, die Genehmigung dazu geben müsste. Zur Vollmacht in der Familie gehört es, die Unternehmungen und Zusammenkünfte der Familie wie den Familienabend, das Familiengebet und die Unterweisung im Evangelium zu leiten sowie die Kinder zu beraten und zu erziehen. Dazu gehört auch, dass ein ordinierter Vater einen Priestertumssegen gibt. Dagegen sind die Schlüssel des Priestertums notwendig, um die Ordinierung oder Einsetzung eines Familienangehörigen zu genehmigen. Der Herr hat nämlich nicht der Familie, sondern der Kirche die Pflicht übertragen, die heiligen Handlungen des Priestertums zu vollziehen und aufzuzeichnen.

Grenzen. Die Organisationen der Kirche wie Gemeinde, Kollegium oder Hilfsorganisationen sind räumlich begrenzt, was die Pflichten und Vollmachten der damit verbundenen Berufungen einschränkt. Dagegen hängen Beziehungen und Aufgaben im Rahmen der Familie nicht davon ab, wo die einzelnen Angehörigen wohnen.

Dauer. Berufungen in der Kirche sind zeitlich begrenzt, die Familienbeziehungen jedoch von Dauer.

Berufung und Entlassung. Ein weiterer Unterschied besteht hinsichtlich der Aufnahme und der Beendigung eines Amtes. In der Kirche hat ein Priestertumsführer, der die erforderlichen Schlüssel innehat, die Vollmacht, jemanden, der unter seiner Leitung dient, zu berufen und zu entlassen. Er kann sogar dafür sorgen, dass jemand seine Mitgliedschaft verliert und dass sein Name „ausgelöscht“ wird (siehe Mosia 26:34-38; Alma 5:56-62). Im Gegensatz dazu sind die Familienbeziehungen so wichtig, dass das Familienoberhaupt nicht die Vollmacht hat, in Sachen Familienzugehörigkeit Änderungen vorzunehmen. Das kann nur jemand, der bevollmächtigt ist, im Rahmen der Gesetze der Menschen oder der Gesetze Gottes Familienbeziehungen zu ordnen. So kann der Bischof zwar die FHV-Leiterin entlassen, aber die Beziehung zu seiner Frau kann er ohne eine Scheidung nach den Gesetzen der Menschen nicht lösen. Auch seine Siegelung für die Ewigkeit kann ohne das Annullierungsverfahren nach den Gesetzen Gottes nicht beendet werden. Ähnlich kann auch ein Jugendlicher, der in einer Klassen- oder einer Kollegiumspräsidentschaft dient, durch die Priestertumsvollmacht in der Gemeinde entlassen werden, aber die Eltern können sich nicht von einem Kind scheiden lassen, dessen Lebenswandel ihnen nicht passt. Die Familienbeziehungen sind dauerhafter als die Beziehungen in der Kirche.

Partnerschaft. Ein äußerst wichtiger Unterschied dabei, wie die Priestertumsvollmacht in der Familie und in der Kirche wirkt, ergibt sich daraus, dass die Familie patriarchalisch geführt wird, während die Führung der Kirche hierarchisch aufgebaut ist. Das Konzept der Partnerschaft funktioniert in der Familie anders als in der Kirche.

Die Proklamation zur Familie erklärt die Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau sehr gut. Sie haben zwar getrennte Aufgaben, dennoch müssen „Vater und Mutter … einander in diesen heiligen Aufgaben als gleichwertige Partner zur Seite stehen“ („Die Familie – eine Proklamation an die Welt“, Liahona, Oktober 2004, Seite 49; Hervorhebung hinzugefügt).

Präsident Spencer W. Kimball hat dazu gesagt: „Wenn wir die Ehe als Partnerschaft bezeichnen, so meinen wir eine vollwertige Partnerschaft. Wir wünschen nicht, dass die Frauen in der Kirche bei diesem ewigen Auftrag stille oder beschränkte Teilhaberinnen sind! Bitte seien Sie eine konstruktive und vollwertige Partnerin.“ (The Teachings of Spencer W. Kimball, Hg. Edward L. Kimball, 1982, Seite 315.)

Präsident Kimball hat auch gesagt: „Wir haben von Männern erfahren, die zu ihrer Frau sagen: ‚Ich trage das Priestertum, und du musst tun, was ich sage.‘“ Er hat solch einen Missbrauch der Priestertumsvollmacht in der Ehe entschieden zurückgewiesen und gesagt, dass so ein Mann „in seinem Priestertum nicht geehrt werden soll“ (The Teachings of Spencer W. Kimball, Seite 316).

In bestimmten Teilen der Welt herrschen Kulturen und Traditionen vor, die es einem Mann zugestehen, die Frau zu unterdrücken, aber solch ein Missbrauch darf in die Familien der Kirche Jesu Christi keinen Eingang finden. Bedenken Sie, wie Jesus gelehrt hat: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist … Ich aber sage euch …“ (Matthäus 5:27,28.) So ist der Erretter den herrschenden Gebräuchen dadurch entgegengetreten, dass er Frauen rücksichtsvoll behandelte. Unsere Richtschnur muss die Evangeliumskultur sein, die er vermittelt hat.

Wenn ein Mann den Segen des Herrn wünscht, um seine Familie zu führen, muss er die Priestertumsvollmacht gemäß den Grundsätzen ausüben, die der Herr dafür vorgesehen hat:

„Kraft des Priestertums kann und soll keine Macht und kein Einfluss anders geltend gemacht werden als nur mit überzeugender Rede, mit Langmut, mit Milde und Sanftmut und mit ungeheuchelter Liebe, mit Wohlwollen und mit reiner Erkenntnis.“(LuB 121:41,42.)

Wenn die Priestertumsvollmacht in der patriarchalischen Familie auf diese Weise ausgeübt wird, dann erreichen wir die „vollwertige Partnerschaft“, von der Präsident Kimball gesprochen hat. Wie es in der Proklamation zur Familie heißt:

„Ein glückliches Familienleben kann am ehesten erreicht werden, wenn die Lehren des Herrn Jesus Christus seine Grundlage sind. Erfolgreiche Ehen und Familien gründen und sichern ihren Bestand auf den Prinzipien Glaube, Gebet, Umkehr, Vergebungsbereitschaft, gegenseitige Achtung, Liebe [und] Mitgefühl.“ (Liahona, Oktober 2004, Seite 49.)

Eine Berufung in der Kirche wird gemäß den Grundsätzen ausgeübt, die uns alle bei unserer Arbeit unter der Vollmacht des Priestertums in der Kirche leiten. Dazu zählen – wie in Abschnitt 121 dargelegt – überzeugende Rede und Milde; beides ist in der hierarchischen Struktur der Kirche besonders vonnöten.

Die Grundsätze, die ich im Zusammenhang mit der Ausübung der Priestertumsvollmacht genannt habe, sind für eine verheiratete Frau leichter zu verstehen und zu akzeptieren als für eine Alleinstehende, vor allem eine, die nie verheiratet war. Sie erlebt zurzeit nicht die Vollmacht des Priestertums in der ehelichen Partnerschaft. Sie erlebt die Priestertumsvollmacht in der Hierarchie der Kirche, und es gibt alleinstehende Frauen, die der Meinung sind, sie hätten in dieser Beziehung nichts zu sagen. Daher ist ein effektiver Gemeinderat unumgänglich, wo sich die Beamten und die Beamtinnen der Gemeinde unter der präsidierenden Vollmacht des Bischofs regelmäßig zusammensetzen und Rat halten.

V.

Ich schließe mit einigen allgemeinen Anmerkungen und einem persönlichen Erlebnis.

Im Mittelpunkt der Lehre der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage steht die Familie. Unsere Beziehung zu Gott und der Zweck des Erdenlebens lassen sich am Beispiel der Familie erklären. Wir sind Geistkinder himmlischer Eltern. Der Evangeliumsplan wird im Rahmen der irdischen Familie umgesetzt, und unser höchstes Streben besteht darin, diese Familienbeziehungen in alle Ewigkeit fortzusetzen. Die Mission der Kirche Jesu Christi besteht letzten Endes darin, uns zu helfen, die Erhöhung im celestialen Reich zu erlangen, und das geht nur im Rahmen der Familie.

Kein Wunder, dass unsere Kirche dafür bekannt ist, dass die Familie im Mittelpunkt steht. Kein Wunder, dass wir angesichts der gegenwärtigen rechtlichen und kulturellen Abwertung der Ehe und des Kinderhabens betrübt sind. Zu einer Zeit, in der die Welt anscheinend nicht mehr begreift, welchem Zweck Ehe und Kinder dienen, ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Heiligen der Letzten Tage in dieser Angelegenheit Klarheit haben.

Die glaubenstreue verwitwete Mutter, die mich großgezogen hat, wusste um die ewige Natur der Familie. Stets achtete sie die Position unseres verstorbenen Vaters. Sie ließ ihn in der Familie gegenwärtig sein. Sie sprach davon, dass ihre Tempelehe ewig Bestand hatte. Sie erinnerte uns oft an das, was unser Vater wohl von uns erwartete, damit uns klar wurde, dass der Erlöser verheißen hat, dass wir für immer eine Familie sein können. Ich denke an ein Erlebnis, das zeigt, was für eine Wirkung ihre Unterweisung hatte. Als ich Diakon war, bat mich einmal unser Bischof kurz vor Weihnachten, ihm beim Verteilen der Weihnachtskörbe an die Witwen der Gemeinde zu helfen. An jede Tür brachte ich einen Korb und seine Grüße. Als er mich nach Hause fuhr, war noch ein Korb übrig. Er reichte ihn mir und sagte, er sei für meine Mutter. Als er wegfuhr, stand ich im Schneetreiben und fragte mich, warum er einen Korb für meine Mutter hatte. Sie bezeichnete sich nie als Witwe, und ich hatte sie nie als eine betrachtet. Für einen 12-jährigen Jungen war sie keine Witwe. Sie hatte einen Ehemann, und wir hatten einen Vater. Er war eben nur eine Weile weg.

Ich freue mich auf den herrlichen Tag in der Zukunft, an dem alle, die getrennt sind, wieder vereint sein werden und wir alle vollständig gemacht werden, wie der Herr es verheißen hat. Ich gebe Zeugnis von Jesus Christus, dem einziggezeugten Sohn des ewigen Vaters, dessen Priestertumsvollmacht und dessen Sühnopfer und Auferstehung all das möglich machen. Im Namen Jesu Christi. Amen.