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Herbst 2005 | Am wichtigsten ist das, was bleibt

Am wichtigsten ist das, was bleibt

Herbst 2005 Generalkonferenz

Als Ihre Führer fordern wir die Mitglieder der Kirche überall auf, die Familie an die erste Stelle zu setzen und Möglichkeiten zu finden, ihre eigene Familie zu stärken.

Vor kurzem besuchte ich gemeinsam mit ein paar Brüdern einige Notunterkünfte in Louisiana, Mississippi und Texas, wo verzweifelte, entwurzelte Opfer des Hurrikans Katrina untergebracht waren, die gerade versuchten, ihr Leben neu zu ordnen. Ihre Berichte und ihre Situation waren in vielerlei Hinsicht tragisch und herzzerreißend, aber bei allem, was ich hörte, berührte mich am meisten die Sehnsucht nach der Familie. „Wo ist meine Mutter?“ „Ich kann meinen Sohn nicht finden.“ „Ich habe meine Schwester verloren.“ Hier waren hungrige, verängstigte Menschen, die alles verloren hatten und Lebensmittel, ärztliche Versorgung und jede Art von Hilfe benötigten, aber was sie sich am meisten wünschten und am dringendsten brauchten, war ihre Familie.

Krisensituationen und Veränderungen jeglicher Art erinnern uns daran, was am wichtigsten ist. Im Alltag nehmen wir unsere Familie – unsere Eltern, Kinder und Geschwister – oft als selbstverständlich hin. Aber bei Gefahr, Not und Veränderungen steht außer Frage, dass unsere größte Sorge unserer Familie gilt. Das wird umso mehr der Fall sein, wenn wir dieses Leben verlassen und in die Geisterwelt eintreten. Die ersten Menschen, nach denen wir dort suchen, werden sicher Vater, Mutter, Ehepartner, Kinder und Geschwister sein.

Ich glaube, das Ziel des Erdenlebens ist es, „eine ewige Familie aufzubauen“. Hier auf dieser Erde bemühen wir uns alle, Teil einer großen Familie zu werden, und haben die Gelegenheit, selbst einen Teil dieser Familie zu bilden und zu gestalten. Das ist einer der Gründe, warum unser himmlischer Vater uns hierher gesandt hat. Nicht jeder wird im Erdenleben einen Partner finden und eine Familie gründen, aber ungeachtet der individuellen Lebensumstände ist jeder ein wertvolles Mitglied der Familie Gottes.

Brüder und Schwestern, in diesem Jahr wird die Proklamation zur Familie, die 1995 von der Ersten Präsidentschaft und dem Kollegium der Zwölf Apostel herausgegeben wurde, zehn Jahre alt (siehe „Die Familie – eine Proklamation an die Welt“, Liahona, Oktober 2004, Seite 49). Damals wie heute ist sie ein eindringlicher Aufruf, die Familie zu schützen und zu stärken, und eine ernsthafte Warnung in einer Welt, in der sinkende Werte und falsch gesetzte Prioritäten die Gesellschaft zu zerstören drohen, indem sie ihre grundlegende Einheit untergraben.

Die Proklamation ist ein prophetisches Dokument, nicht nur deshalb, weil sie von Propheten herausgegeben wurde, sondern auch, weil sie ihrer Zeit voraus war. Sie warnt nämlich vor genau dem, was die Familie im letzten Jahrzehnt bedroht und untergraben hat, und fordert, der Familie die wichtige Stellung und Bedeutung beizumessen, die sie benötigt, um in einem Umfeld zu bestehen, das der traditionellen Ehe und der Eltern-Kind-Beziehung so feindlich wie nie zuvor gegenübersteht.

Die klare und einfache Sprache der Proklamation steht in scharfem Gegensatz zu den wirren und verdrehten Äußerungen einer Gesellschaft, die sich nicht einmal auf eine Definition der Familie einigen, geschweige denn die Hilfe und Unterstützung bereitstellen kann, die Eltern und Familien brauchen. Sie kennen die Zitate aus der Proklamation, wie zum Beispiel:

  • „Die Ehe zwischen Mann und Frau [ist] von Gott verordnet.“

  • „Das Geschlecht ist ein wesentliches Merkmal der individuellen vorirdischen, irdischen und ewigen Identität und Lebensbestimmung.“

  • „Mann und Frau tragen die feierliche Verantwortung, einander und ihre Kinder zu lieben und zu umsorgen.“

  • „Das Kind hat ein Recht darauf, im Bund der Ehe geboren zu werden und in der Obhut eines Vaters und einer Mutter aufzuwachsen, die den Ehebund in völliger Treue einhalten.“

  • „Der Zerfall der Familie [wird] Unheil über die einzelnen Menschen, die Gemeinwesen und die Nationen bringen, wie es in alter und neuer Zeit von den Propheten vorhergesagt worden ist.“

Die letzten Worte der Proklamation schließlich drücken die einfache Wahrheit aus, dass die Familie die „Grundeinheit der Gesellschaft“ ist.

Heute rufe ich die Mitglieder der Kirche und engagierte Eltern, Großeltern und weitere Verwandte überall auf, an dieser großartigen Proklamation festzuhalten, sie zu einem Banner zu machen, ähnlich dem „Banner der Freiheit“ von Hauptmann Moroni, und uns zu verpflichten, nach diesen Grundsätzen zu leben. Da wir alle Teil einer Familie sind, bezieht sich die Proklamation auf jeden.

Öffentliche Meinungsumfragen zeigen, dass man überall auf der Welt der Familie im Allgemeinen die höchste Priorität einräumt, seit ein paar Jahren jedoch scheinen einflussreiche Gesellschaftskreise die Familie zu ignorieren oder zumindest falsch zu definieren. Beachten Sie, was sich im letzten Jahrzehnt verändert hat:

  • Viele größere nationale und internationale Institutionen, die bisher die Familie unterstützt und gestärkt haben, versuchen nun, die Familie zu ersetzen oder zu sabotieren, obwohl sie ursprünglich zu deren Unterstützung gegründet wurden.

  • Im Namen der „Toleranz“ wurde die Definition der Familie so erweitert, dass sie kaum wiederzuerkennen ist: eine „Familie“ kann aus Personen gleich welchen Geschlechts bestehen, die zusammenleben, mit oder ohne Verpflichtungen oder Kinder, mit oder ohne Interesse an den Folgen.

  • Zügelloser Materialismus und Egoismus lassen viele glauben, dass eine Familie und insbesondere Kinder eine Belastung und ein finanzieller Klotz am Bein sind, nur hinderlich, und nicht ein heiliges Vorrecht darstellen, das einem hilft, Gott ähnlicher zu werden.

Und doch wissen die meisten Eltern überall auf der Welt um die Bedeutung und die Freude, die mit einer natürlichen Familie verbunden sind. Freunde von mir, die gerade von einer Vortragsreise für Familien und Eltern auf verschiedenen Kontinenten zurückgekehrt sind, haben mir berichtet, dass sich die Hoffnungen und Sorgen von Eltern überall auf der Welt auf bemerkenswerte Weise ähneln.

In Indien sagte eine besorgte hinduistische Mutter: „Ich möchte doch nur, dass ich einen größeren Einfluss auf meine Kinder habe als die Medien oder die Freunde.“

Und eine buddhistische Mutter in Malaysia meinte: „Ich möchte, dass meine Söhne in der Lage sind, sich in der Welt zurechtzufinden, aber nicht, dass sie wie die Welt sind.“ Eltern aus verschiedenen Kulturkreisen und Konfessionen reden und empfinden so wie wir Eltern in der Kirche.

Die Welt muss erfahren, was in der Proklamation steht, denn die Familie ist die Grundeinheit der Gesellschaft, der Wirtschaft, unserer Kultur und unseres Staates. Und wie die Heiligen der Letzten Tage wissen, wird die Familie auch die Grundeinheit im celestialen Reich sein.

Unsere Überzeugung von der besonderen Bedeutung der Familie basiert auf wiederhergestellten Lehren in dieser Kirche. Wir wissen um die Heiligkeit der Familie in beiden Richtungen unserer ewigen Existenz. Wir wissen, dass wir vor diesem Leben bei unserem himmlischen Vater als Teil seiner Familie gelebt haben, und wir wissen, dass Familienbeziehungen bis über den Tod hinaus Bestand haben können.

Wenn wir dieser Erkenntnis entsprechend leben und handeln, sind wir für die Welt von Interesse. Eltern, die ihrer Familie hohen Wert beimessen, wird es zur Kirche ziehen, denn sie bietet der Familie Struktur, Werte, Lehren und ewige Perspektiven, nach denen sie suchen und die sie anderswo nicht finden können.

Unsere familienorientierte Perspektive sollte die Heiligen der Letzten Tage motivieren, sich zu bemühen, die besten Eltern der Welt zu sein. Sie sollte bewirken, dass wir große Hochachtung vor unseren Kindern haben, die ja in Wirklichkeit unsere Geistbrüder und -schwestern sind, und uns veranlassen, alle erforderliche Zeit zu investieren, um unsere Familie zu stärken. Ja, nichts hat größeren Einfluss auf unser Glück – unser eigenes und das Glück unserer Kinder – als wie sehr wir einander in der Familie lieben und unterstützen.

Präsident Harold B. Lee bezeichnete die Kirche als ein entscheidendes Gerüst, das dazu beiträgt, den Einzelnen und die Familie aufzubauen (Herbst-Generalkonferenz 1967). Die Kirche ist das Reich Gottes auf Erden, aber im Reich des Himmels wird die Familie die Quelle unseres ewigen Fortschritts und ewiger Freude sein und die Ordnung des himmlischen Vaters. Uns wird oft gesagt, dass wir eines Tages aus unseren Berufungen in der Kirche entlassen werden, aus unseren Familienbeziehungen jedoch werden wir, wenn wir würdig sind, nie entlassen.

Joseph F. Smith hat gesagt: „Es kann außerhalb der Familie kein wahres Glück geben, und jede Anstrengung, ihren Einfluss zu heiligen und zu bewahren, erhebt diejenigen, die sich für den Bestand der Familie abmühen und Opfer bringen. Männer und Frauen sind manchmal darauf aus, etwas anderes an die Stelle der Familie zu setzen; sie reden sich ein, Familie bedeute Einschränkung und die größte Freiheit bestehe darin, sich bewegen zu können, wie man will. Ohne Dienen gibt es aber kein Glück, und kein Dienst ist größer als der, der das Zuhause in eine göttliche Institution verwandelt und das Familienleben fördert und bewahrt.“ (Lehren der Präsidenten der Kirche: Joseph F. Smith, Seite 382.)

Nun mag jemand fragen: Wie können wir unser Zuhause und unsere Familie in einer Welt schützen, bewahren und stärken, die so machtvoll in die entgegengesetzte Richtung zieht? Ich möchte drei einfache Vorschläge unterbreiten:

  1. Beten Sie täglich gemeinsam als Familie und halten Sie wöchentlich den Familienabend ab. Beides lädt den Heiligen Geist ein, der die Hilfe und Kraft bietet, die wir als Eltern und Führer der Familie brauchen. Die Leitfäden und Zeitschriften der Kirche enthalten viele gute Anregungen für den Familienabend. Sie können auch als Familie eine Zeugnisversammlung abhalten, in der Eltern und Kinder in einer vertrauten Atmosphäre über ihren Glauben und ihre Gefühle sprechen können.

  2. Lehren Sie zu Hause das Evangelium und grundlegende Werte. Gewinnen Sie Freude daran, gemeinsam in den heiligen Schriften zu lesen. Zu viele unserer Eltern geben diese Verantwortung an die Kirche ab. Das Seminarprogramm, die Hilfsorganisationen und Priestertumskollegien spielen zwar als Ergänzung zur elterlichen Unterweisung im Evangelium eine wichtige Rolle, doch die Hauptverantwortung liegt bei den Eltern. Sie können beispielsweise einen Aspekt des Evangeliums oder eine Wertvorstellung Ihrer Familie auswählen und dann nach Gelegenheiten Ausschau halten, diese zu vermitteln. Seien Sie vernünftig und beschäftigen Sie weder die Kinder noch sich selbst in so vielen Bereichen außer Haus, dass Sie zu beschäftigt sind, um den Geist des Herrn, der Ihnen die verheißene Führung für Sie und Ihre Familie geben möchte, zu erkennen oder zu fühlen.

  3. Stärken Sie auf sinnvolle Weise die Verbundenheit in der Familie, um Ihren Kindern eine Identität zu geben, die stärker ist als alles, was sie in ihrem Freundeskreis, in der Schule oder anderswo finden. Das kann durch Familientraditionen bei Geburtstagen, Feiertagen, beim Abendessen oder am Sonntag zustande kommen. Das kann auch durch Familienregeln zustande kommen, die logische und verständliche Folgen haben. Organisieren Sie Ihre Familie auf einfache Weise, sodass die Kinder bestimmte Aufgaben oder Pflichten im Haushalt haben und je nachdem, wie gut sie diese erfüllen, Lob oder andere Anerkennung bekommen. Bringen Sie ihnen bei, wie wichtig es ist, Schulden zu vermeiden und Geld zu verdienen, es zu sparen und es auch weise auszugeben. Helfen Sie ihnen, die Verantwortung für ihre zeitliche und geistige Selbständigkeit zu übernehmen.

In der heutigen Welt, wo der Satan die Familie überall angreift, müssen Eltern alles tun, was in ihrer Macht steht, um ihre Familie zu stärken und zu verteidigen. Es kann aber sein, dass ihre Anstrengungen nicht ausreichen. Unsere grundlegende Einheit, die Familie, braucht verzweifelt die Hilfe und Unterstützung aller weiteren Angehörigen und öffentlichen Einrichtungen in unserer Nähe. Brüder und Schwestern, Tanten und Onkel, Großeltern, Cousins und Cousinen können großen Einfluss im Leben eines Kindes ausüben. Bedenken Sie, dass ein Liebesbeweis oder eine Ermutigung durch einen ent- fernteren Verwandten oft der richtige Einfluss sein und einem Kind in einer schwierigen Phase helfen kann.

Die Kirche selbst wird weiterhin in erster Linie die Institution – sozusagen das Gerüst – sein, die starke Familien aufbaut. Ich kann Ihnen versichern, dass den Führern der Kirche das Wohlergehen Ihrer Familie sehr am Herzen liegt; daher werden Sie erleben, wie wir uns noch mehr bemühen, die Bedürfnisse der Familie an die erste Stelle zu setzen und darauf einzugehen. Als Ihre Führer fordern wir aber auch die Mitglieder der Kirche überall auf, die Familie an die erste Stelle zu setzen und Möglichkeiten zu finden, ihre eigene Familie zu stärken.

Weiterhin fordern wir alle öffentlichen Institutionen auf, sich selbst zu überprüfen und weniger zu tun, was Familien schaden könnte, und dafür mehr, um ihnen zu helfen.

Wir fordern die Medien auf, mehr anzubieten, was für die traditionellen Familienwerte spricht, was erbaulich ist und der Familie hilft, und weniger das, was Unmoral oder Materialismus verherrlicht.

Wir fordern die Regierung und die Politiker auf, die Bedürfnisse von Familien und Kindern an die erste Stelle zu setzen und bei der Gesetzgebung und Umsetzung der Politik im Sinne der Familie zu handeln.

Wir fordern Internetanbieter und Websiteautoren auf, angesichts ihres potenziellen Einflusses verantwortungsbewusster zu werden und sich bewusst zum Ziel zu setzen, Kinder vor Gewalt, Pornografie, Schmutz und Schund zu schützen.

Wir fordern Bildungseinrichtungen auf, allgemein gültige Werte sowie Fähigkeiten, die man in der Familie und als Eltern braucht, zu vermitteln, und die Eltern bei ihrer Aufgabe zu unterstützen, Kinder aufzuziehen, die in den kommenden Generationen selbst eine Familie haben werden.

Wir fordern die Mitglieder der Kirche auf, liebevoll auf Nachbarn und Freunde mit anderen Überzeugungen zuzugehen und ihnen zu zeigen, wie man die vielen Angebote unserer Kirche zur Unterstützung der Familie einsetzen kann. Unser Gemeinwesen und unsere Nachbarschaft werden sicherer und stärker, wenn Menschen aller Überzeugungen zusammenarbeiten, um die Familie zu stärken.

Wir dürfen nie vergessen, dass alle größeren Einheiten der Gesellschaft von der kleinsten und grundlegenden Einheit abhängig sind, nämlich der Familie. Ganz gleich, wer oder was wir sind: Wir helfen uns selbst, wenn wir der Familie helfen.

Brüder und Schwestern, wenn wir die Proklamation zur Familie wie ein Banner hochhalten, und wenn wir das Evangelium Jesu Christi leben und lehren, erfüllen wir das Maß unserer Erschaffung hier auf der Erde. Wir werden hier und in der kommenden Welt Frieden und Glück finden. Kein Hurrikan oder eine andere Katastrophe sollte nötig sein, um uns daran zu erinnern, was am wichtigsten ist. Das Evangelium und Gottes Plan des Glücklichseins und der Erlösung sollten uns daran erinnern. Am wichtigsten ist das, was bleibt, und unsere Familien sind für die Ewigkeit bestimmt. Das bezeuge ich im Namen Jesu Christi. Amen.