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    Frühjahr 2006 | Mehr Freundlichkeit ist notwendig

    Mehr Freundlichkeit ist notwendig

    Frühjahr 2006 Generalkonferenz

    Warum muss überhaupt jemand gemein oder unfreundlich sein? Warum können wir nicht freundlich aufeinander zugehen?

    Es ist sehr schwer, nach Bruder Monson zu sprechen, denn trotz einer Menge Humor ist er sehr aufrichtig. Vielen Dank, meine Brüder, für Ihren Glauben und Ihre Gebete. Ich bin dafür sehr dankbar. Wenn ein Mann älter wird, wird er etwas milder und freundlicher. Darüber habe ich in letzter Zeit viel nachgedacht.

    Ich habe mich gefragt, warum es so viel Hass auf der Welt gibt. Wir sind in schreckliche Kriege verwickelt, in deren Folge Menschen sterben oder verwundet werden. In unserer Umgebung sehen wir immer mehr Neid, Stolz, Arroganz und beißende Kritik, Väter, die wegen Belanglosigkeiten zornig werden und ihre Frau zum Weinen bringen und ihren Kindern Angst machen.

    Der Rassismus zeigt längst wieder sein hässliches Gesicht. Mir wurde mitgeteilt, dass Rassismus sogar unter uns zu finden ist. Ich kann nicht begreifen, wie das möglich ist. Es schien mir so, als hätten wir uns alle über die Offenbarung gefreut, die Präsident Kimball 1978 erhielt. Ich war damals dort im Tempel. Für mich und meine Gefährten bestand kein Zweifel daran, dass diese Offenbarung der Sinn und der Wille des Herrn war.

    Nun wird mir berichtet, dass rassistische Beleidigungen und Verunglimpfungen manchmal in unserer Mitte zu hören sind. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass jemand, der sich abfällig über Menschen anderer Hautfarbe äußert, sich nicht als wahren Jünger Christi bezeichnen kann. Noch kann er von sich behaupten, im Einklang mit den Lehren der Kirche Christi zu sein. Wie kann ein Mann, der das Melchisedekische Priestertum trägt, so anmaßend sein und meinen, er sei des Priestertums würdig, während ein anderer, der rechtschaffen lebt, dessen Hautfarbe jedoch anders ist, unwürdig sei?

    Solange ich der Ersten Präsidentschaft angehöre, habe ich immer wieder auf die Vielfalt in unserer Gesellschaft hingewiesen und darüber gesprochen. Wir sind von dieser Vielfalt umgeben und müssen uns bemühen, ihr Raum zu geben.

    Machen wir uns bewusst, dass jeder von uns ein Sohn oder eine Tochter unseres himmlischen Vaters ist, der alle seine Kinder liebt.

    Brüder, es gibt absolut keine Grundlage für Rassismus im Priestertum dieser Kirche. Falls mir jemand zuhört, der zu rassistischem Verhalten neigt, dann soll er vor den Herrn treten, um Vergebung bitten und davon lassen.

    Von Zeit zu Zeit erhalte ich Briefe, in denen mir vorgeschlagen wird, worüber auf der Konferenz gesprochen werden sollte. Kürzlich erhielt ich so einen Brief. Eine Frau schrieb mir, dass ihre erste Ehe in einer Scheidung geendet habe. Dann lernte sie einen Mann kennen, der sehr nett und rücksichtsvoll zu sein schien. Doch kurz nach der Heirat fand sie heraus, dass seine finanzielle Situation chaotisch war. Er besaß wenig Geld, gab aber dennoch seine Arbeit auf und wollte auch nicht wieder arbeiten. So war sie dann gezwungen, arbeiten zu gehen, um die Familie zu versorgen.

    Seither sind Jahre vergangen, und er ist immer noch arbeitslos. Sie berichtet auch von zwei anderen Männern, die sich ebenso verhalten. Sie weigern sich zu arbeiten, und ihre Frau ist gezwungen, viele Stunden zu arbeiten, um die Familie zu ernähren.

    Paulus sagte zu Timotheus: „Wer aber für seine Verwandten, besonders für die eigenen Hausgenossen, nicht sorgt, der verleugnet damit den Glauben und ist schlimmer als ein Ungläubiger.“ (1 Timotheus 5:8.) Das sind unmissverständliche Worte.

    Der Herr hat in einer neuzeitlichen Offenbarung gesagt: „Frauen haben an ihren Mann Anspruch auf ihren Unterhalt, bis ihr Mann weggenommen wird. …

    Alle Kinder haben an ihre Eltern Anspruch auf ihren Unterhalt, bis sie mündig sind.“ (LuB 83:2,4.)

    Von Anfang an hat die Kirche den Ehemann als Versorger der Familie angesehen. Ich glaube, dass kein Mann als ein Mitglied in gutem Stand betrachtet werden kann, der sich weigert zu arbeiten, um seine Familie zu ernähren, obwohl er körperlich dazu fähig wäre.

    Anfangs habe ich nun gesagt, dass ich nicht wüsste, warum es so viele Konflikte, so viel Hass und Bitterkeit in der Welt gibt. Natürlich weiß ich, dass all dies das Werk des Widersachers ist. Er bearbeitet jeden Einzelnen von uns. Er zerstört starke Männer. Das hat er schon immer getan, schon seit der Gründung der Kirche. Präsident Wilford Woodruff hat gesagt:

    „Ich habe Oliver Cowdery erlebt, als es schien, als bebte die Erde unter seinen Füßen. Ich habe nie ein mächtigeres Zeugnis von einem Mann gehört als von ihm, wenn er unter dem Einfluss des Geistes stand. Aber in dem Moment, als er das Reich Gottes verließ, verlor er diese Macht. … Er war seiner Kraft beraubt wie Simson auf den Knien von Delila. Er verlor die Macht und das Zeugnis, das er besessen hatte, und er gewann es nie wieder in seiner Fülle zurück, solange er auf Erden weilte, obwohl er als Mitglied der Kirche starb.“ (Lehren der Präsidenten der Kirche: Wilford Woodruff, Seite 113.)

    Ich habe die Erlaubnis, Ihnen von einem jungen Mann zu erzählen, der in unserem Land aufwuchs. Er gehörte nicht der Kirche an. Er und seine Eltern waren in einer anderen Kirche aktiv.

    Er konnte sich erinnern, dass er in seiner Jugend von Jugendlichen unserer Kirche geringschätzig behandelt worden war. Sie hatten ihm das Gefühl gegeben, ein Außenseiter zu sein, und sich über ihn lustig gemacht.

    Er entwickelte einen regelrechten Hass auf die Kirche und ihre Mitglieder. Er konnte nichts Gutes an ihnen finden.

    Dann verlor sein Vater seine Arbeit, und sie mussten umziehen. Er war 17 und konnte an dem neuen Wohnort aufs College. Dort spürte er zum ersten Mal in seinem Leben Herzlichkeit unter Freunden. Einer von ihnen, Richard, war Vorsitzender eines Vereins und fragte ihn, ob er nicht eintreten wolle. Er schreibt: „Zum ersten Mal in meinem Leben war jemand an mir interessiert. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte, aber ich trat dankbar ein. … Wie schön das Gefühl war, einen Freund zu haben! Dafür hatte ich mein ganzes Leben lang gebetet. 17 Jahre lang hatte ich gewartet. Nun hatte Gott mein Gebet erhört.“

    Mit 19 hatte er einen Ferienjob und war dabei mit Richard in einem Zelt untergebracht. Ihm fiel auf, dass Richard jeden Abend in einem Buch las. Er fragte, was er lese. Richard antwortete, er lese das Buch Mormon. Er erzählt: „Ich wechselte schnell das Thema und ging zu Bett. Schließlich war es das Buch, das meine Kindheit zerstört hatte. Ich versuchte es zu vergessen, aber eine Woche verging, und ich konnte nicht schlafen. Warum las er es jeden Abend? Ich konnte die unbeantworteten Fragen nicht länger ertragen. Also fragte ich ihn an einem Abend, was an dem Buch so wichtig sei. Wovon handelte es? Er gab mir das Buch. Ich erklärte ihm kurz, dass ich dieses Buch auf keinen Fall berühren wollte. Ich wollte nur wissen, wovon es handelte. Da las er mir aus dem Buch die Stelle vor, wo er gerade mit Lesen aufgehört hatte. Er las etwas von Jesus und seinem Erscheinen auf dem amerikanischen Kontinent. Ich war verblüfft. Mir war nicht bewusst, dass die Mormonen an Jesus glaubten.“

    Richard fragte ihn, ob er nicht in einem Chor für die Pfahlkonferenz mitsingen wolle. Der Tag kam, und die Konferenz begann. „Elder Gary J. Coleman vom Ersten Kollegium der Siebziger war der Gastsprecher. Während der Konferenz fand ich heraus, dass er auch [ein Bekehrter war]. Am Ende hörte Richard nicht auf, mich am Arm zu ziehen. Er wollte, dass ich mit ihm sprach. Schließlich gab ich nach. Noch während ich auf ihn zuging, drehte er sich zu mir um und lächelte. Ich stellte mich vor und sagte ihm, dass ich kein Mitglied sei und nur gekommen sei, um im Chor zu singen. Er lächelte und sagte, er freue sich sehr, dass ich da sei. Dann meinte er noch, die Musik habe ihm sehr gefallen. Ich fragte ihn, woher er denn wisse, dass die Kirche wahr sei. Er gab mir eine Kurzfassung seines Zeugnisses und fragte, ob ich schon das Buch Mormon gelesen hätte. Ich verneinte. Er versprach mir, dass ich den Geist verspüren würde, sobald ich das Mormon las.“

    Kurze Zeit später waren der junge Mann und sein Freund miteinander unterwegs. Richard gab ihm ein Buch Mormon und bat ihn, daraus vorzulesen. Das tat er, und plötzlich berührte ihn der Heilige Geist.

    Die Zeit verging, und sein Glaube wuchs. Schließlich wollte er sich taufen lassen. Seine Eltern waren dagegen, aber er ließ sich dennoch taufen und wurde ein Mitglied der Kirche.

    Sein Zeugnis wuchs weiter. Erst vor ein paar Wochen hat er im Tempel in Salt Lake City eine wunderbare junge Frau geheiratet, für Zeit und alle Ewigkeit. Elder Gary J. Coleman vollzog die Siegelung.

    So endet die Geschichte. Sie enthält ein paar großartige Aussagen. Zunächst einmal ist da das bedauerliche Verhalten der gleichaltrigen Mitglieder der Kirche.

    Daneben steht das Verhalten von Richard, der sich als Freund erwies. Mit Richard erlebte er genau das Gegenteil von dem, was er zuvor erlebt hatte. Das führte zu seiner Bekehrung und Taufe, obwohl doch so vieles dagegen gesprochen hatte.

    Ein solches Wunder kann und wird geschehen, wenn Freundlichkeit, Achtung und Liebe zugegen sind. Warum muss überhaupt jemand gemein oder unfreundlich sein? Warum können wir nicht freundlich aufeinander zugehen? Warum gibt es so viel Bitterkeit und Feindseligkeit? Das gehört nicht zum Evangelium Jesu Christi.

    Wir alle straucheln gelegentlich. Wir alle machen Fehler. Ich möchte die Worte Jesu im Vaterunser etwas abwandeln: „Und vergib uns unsere Verfehlungen, wie wir denen vergeben, die gegen uns gefehlt haben.“ (Vgl. Matthäus 6:12 oder JSÜ – Matthäus 6:13.)

    William W. Phelps, der dem Propheten sehr nahe stand, verriet ihn 1838, was zu Joseph Smiths Einkerkerung in Missouri führte. Nachdem ihm bewusst geworden war, dass er Schreckliches angerichtet hatte, schrieb er an den Propheten und bat ihn um Vergebung. Der Prophet antwortete wie folgt:

    „Es ist richtig, wir haben infolge deines Verhaltens viel zu leiden gehabt – der bittere Kelch, schon voll genug für den Sterblichen, der ihn trinken muss, wurde wirklich zum Überfließen gebracht, als du dich gegen uns wandtest. …

    Immerhin, der Kelch ist geleert, der Wille unseres Vaters ist geschehen, und wir sind immer noch am Leben, wofür wir dem Herrn danken. …

    Ich glaube, dass dein Bekenntnis echt und deine Umkehr aufrichtig ist, und so wird es mich freuen, dir wiederum die rechte Hand der Gemeinschaft zu reichen, und ich werde über die Rückkehr des verlorenen Sohnes glücklich sein.

    Dein Brief wurde letzten Sonntag den Heiligen vorgelesen, und es wurde ihre Meinung festgestellt; folgender einstimmiger Beschluss wurde gefasst: W. W. Phelps soll wieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden.

    ‚Komm, lieber Bruder, her zu mir, der Krieg ist nun zu Ende; wir reichen uns, der Freund dem Freund, wie ehedem die Hände.‘“ (Lehren des Propheten Joseph Smith, Seite 168f.)

    Brüder, genau diese Einstellung, die der Prophet hier zum Ausdruck bringt, müssen auch wir entwickeln. Wir dürfen nicht selbstgefällig werden. Wir sind Mitglieder der Kirche unseres Herrn. Wir sind ihm verpflichtet, ebenso uns selbst und anderen. Diese alte sündige Welt braucht dringend Männer, die stark sind, die tugendhaft sind, die voll Glauben und Rechtschaffenheit sind, Männer, die bereit sind, zu vergeben und zu vergessen.

    Abschließend freue ich mich, sagen zu können, dass die Beispiele und Geschichten, die ich angeführt habe, nicht das Verhalten und die Einstellung der großen Mehrheit unserer Mitglieder widerspiegeln. Ich beobachte überall um mich herum eine wunderbare Liebe und großes Interesse am anderen.

    Vor einer Woche war dieser Saal voll von wunderschönen Jungen Damen, die sich bemühen, nach dem Evangelium zu leben. Sie sind im Umgang miteinander selbstlos. Sie bemühen sich, einander zu stärken. Sie machen ihren Eltern und dem Zuhause, aus dem sie stammen, alle Ehre. Sie sind dabei, erwachsen zu werden, und werden auch ihr weiteres Leben nach den Idealen ausrichten, die sie jetzt anspornen.

    Denken Sie an all das Gute, was die Frauen der FHV vollbringen. Die Auswirkungen ihres gütigen Tuns sind auf der ganzen Welt zu spüren. Frauen beugen sich herab und geben von ihrer Zeit, ihrer liebevollen Anteilnahme und ihren Mitteln, um den Kranken und Armen beizustehen.

    Denken Sie an das Wohlfahrtsprogramm mit all seinen freiwilligen Helfern, die Essen, Kleidung und andere Artikel an Bedürftige ausgeben.

    Denken Sie an unsere weitreichenden humanitären Bemühungen, die nicht auf Mitglieder der Kirche beschränkt sind, sondern den ärmsten Ländern der Welt zugute kommen. Die Masern sind durch die Mitwirkung der Kirche in vielen Gebieten so gut wie ausgerottet worden.

    Betrachten Sie auch die Auswirkungen des Ständigen Ausbildungsfonds. Tausende werden aus dem Joch der Armut befreit und gelangen ins Sonnenlicht des Wissens und des Wohlstandes.

    Ich könnte Ihnen viele weitere Beispiele aufzählen, welch große Anstrengungen die guten Menschen in dieser Kirche unternehmen, um einander zu unterstützen, und wie überall auf der Welt den Armen und Notleidenden geholfen wird.

    Unseren guten Werken und unserem Einfluss sind keine Grenzen gesetzt. Halten wir uns nicht mit Kritik oder Negativem auf. Beten wir um Stärke, beten wir um die Fähigkeit und den Wunsch, anderen zu helfen. Mögen wir das Licht des Evangeliums jederzeit und überall ausstrahlen, damit der Geist des Erlösers von uns ausstrahle.

    Um die Worte des Herrn an Josua zu verwenden, Brüder: „Sei mutig und stark[.] Fürchte dich also nicht und hab keine Angst; denn der Herr, dein Gott, ist mit dir bei allem, was du unternimmst.“ (Josua 1:9.)

    Im Namen des Herrn, Jesus Christus. Amen.