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Frühjahr 2007 | Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!

Frühjahr 2007 Generalkonferenz

Weil unser Erretter auf Golgota gestorben ist, hat der Tod keine dauerhafte Macht über uns.

Vor kurzem habe ich einige Familienalben durchgeblättert. Schöne Erinnerungen kamen mir in den Sinn, als ich immer mehr Bilder von geliebten Menschen ansah, die sich bei Familienausflügen, Geburtstagen, Familientreffen und an Jahrestagen trafen. Seit diese Fotos geschossen wurden, sind einige dieser lieben Angehörigen von uns gegangen. Mir fielen die Worte des Herrn ein: „Ihr sollt liebevoll miteinander leben, sodass ihr über den Verlust derer, die sterben, weinen sollt.“1 Ich vermisse jeden Einzelnen, der unseren Familienkreis verlassen hat.

Mit dem Tod umzugehen ist zwar schwierig und schmerzlich, aber er ist ein wesentlicher Bestandteil des Erdenlebens. Wir haben unsere irdische Reise damit begonnen, dass wir das Vorherdasein verließen und auf diese Erde kamen. Der Dichter Wordsworth hat diese Reise in seiner inspirierten „Ode an die Unsterblichkeit“ in Worte gefasst:

Geburt, das ist nur Schlaf und ein Vergessen:

Die Seele, die aufgeht mit uns, die unsres Lebens Stern,

ein anderes Zuhaus hat sie besessen

und kommt daher von fern:

Nicht alles sie vergessen hat,

nicht gleicht sie unbeschriebnem Blatt:

Nach uns ziehend Wolkenglanz und Glorienschein,

von Gott wir kommen, er ist unser Heim:

Der Himmel uns umgibt in Kindertagen!2

Das Leben geht weiter. Auf die Kindheit folgt die Jugend, und ehe man sich versieht, ist man erwachsen. Wenn wir den Sinn und die Probleme des Lebens ergründen und darüber nachdenken, stellt sich uns allen früher oder später die Frage nach der Dauer des Lebens und ob man selbst immerwährendes Leben haben kann. Diese Fragen drängen sich uns am meisten auf, wenn ein geliebter Mensch von uns geht oder wenn wir damit konfrontiert sind, diejenigen, die wir lieben, zurücklassen zu müssen.

In solchen Zeiten denken wir über die alle betreffende Frage nach, die Ijob vor Jahrhunderten gestellt hat: „Wenn einer stirbt, lebt er dann wieder auf?“3

Heute wie schon von jeher ziehen Skeptiker das Wort Gottes in Zweifel, und jeder muss sich entscheiden, wem er zuhören will. Clarence Darrow, ein berühmter Rechtsanwalt und Agnostiker, äußerte: „Kein Leben hat viel Wert, und … jeder Tod ist nur ein kleiner Verlust.“4 Schopenhauer, der deutsche Philosoph und Pessimist, schrieb: „Der Wunsch nach Unsterblichkeit ist der Wunsch nach ewiger Fortsetzung eines großen Fehlers.“5 Zu ihren Worten kommen die jüngerer Generationen hinzu, wenn törichte Menschen den Messias erneut kreuzigen – sie tasten seine Wunder an, bezweifeln seine Göttlichkeit und bestreiten seine Auferstehung.

Robert Blatchford griff in seinem Buch „Gott und mein Nächster“ energisch allgemein anerkannte christliche Überzeugungen wie Gott, Christus, Gebet und Unsterblichkeit an. Er erklärte kühn: „Ich behaupte, dass ich alles, was ich beweisen wollte, so umfassend und maßgeblich bewiesen habe, dass kein Christ, wie großartig und fähig er auch sein mag, meine Argumente widerlegen oder meinen Standpunkt erschüttern kann.“6 Er umgab sich mit einer Mauer des Zweifels. Dann geschah etwas Unerwartetes. Seine Mauer zerfiel plötzlich zu Staub. Er blieb ohne Schutz und Verteidigung zurück. Langsam tastete er sich zurück auf den Weg zu dem Glauben, den er verachtet und verspottet hatte. Was hatte diesen grundlegenden Wandel seiner Sichtweise bewirkt? Seine Frau war gestorben. Voller Kummer ging er in das Zimmer, in dem ihre sterblichen Überreste lagen. Er blickte noch einmal in das Gesicht, das er so sehr geliebt hatte. Als er aus dem Zimmer kam, sagte er zu einem Freund: „Sie ist es, und sie ist es dochnicht. Nichts ist mehr, wie es war. Etwas, was vorher da war, ist fortgenommen worden. Sie ist nicht mehr dieselbe. Was wurde fortgenommen, wenn nicht die Seele?“

Später schrieb er: „Der Tod ist nicht das, was einige Menschen sich vorstellen. Es ist nur so, als gehe man in einen anderen Raum. In diesem anderen Raum finden wir … die teuren Frauen und Männer und die süßen Kinder, die wir geliebt und verloren haben.“7

Gegen die Zweifel der heutigen Welt an der Göttlichkeit Christi suchen wir einen Bezugspunkt, eine unanfechtbare Quelle, ja, das Zeugnis von Augenzeugen. Stephanus, der in biblischer Zeit den grausamen Märtyrertod erleiden musste, blickte zum Himmel auf und rief: „Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.“8

Wen überzeugt nicht das bewegende Zeugnis, das Paulus den Korinthern gab? Er hat verkündet: „Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. … Als Letztem von allen“, so Paulus, „erschien er auch mir.“9

In unserer Evangeliumszeit ist dieses Zeugnis unerschrocken vom Propheten Joseph Smith verkündet worden, der mit Sidney Rigdon bezeugt hat: „Und nun, nach den vielen Zeugnissen, die von ihm gegeben worden sind, ist dies, als letztes von allen, das Zeugnis, das wir von ihm geben: Dass er lebt!“10

Dieses Wissen hält uns aufrecht und verleiht uns Kraft. Diese Wahrheit tröstet. Diese Zusicherung führt den, der von Kummer gebeugt ist, aus dem Schatten ins Licht.

1997 traf ich Heiligabend eine bemerkenswerte Familie. Jedes ihrer Mitglieder hatte ein unerschütterliches Zeugnis von der Wahrheit und Wirklichkeit der Auferstehung. Die Familie bestand aus Mutter, Vater und vier Kindern. Jedes der Kinder – drei Söhne und eine Tochter – war mit einer seltenen Form der Muskeldystrophie geboren worden, und jedes war behindert. Mark, der damals 16 Jahre alt war, hatte sich einer Operation an der Wirbelsäule unterzogen, durch die er sich besser bewegen können sollte. Die anderen beiden Jungen, Christopher, 13, und Jason, 10, sollten in ein paar Tagen nach Kalifornien fahren, um sich der gleichen Operation zu unterziehen. Die einzige Tochter, Shanna, war damals fünf Jahre alt – ein hübsches Mädchen. Alle Kinder waren intelligent und voller Glauben, und es war offensichtlich, dass ihre Eltern, Bill und Sherry, auf jedes einzelne stolz waren. Wir unterhielten uns eine Zeit lang, und der besondere Geist der Familie erfüllte mein Büro und mein Herz. Der Vater und ich gaben den beidenJungen, denen die Operation bevorstand, einen Segen, und dann fragten die Eltern, ob die kleine Shanna für mich singen dürfe. Ihr Vater deutete an, dass sie eine verminderte Lungenkapazität habe und es ihr möglicherweise schwer fallen würde, aber sie würde es gern versuchen. Begleitet von einer Kassettenaufnahme und mit einer wunderschönen, klaren Stimme, die keinen einzigen Ton verfehlte, sang sie von einer besseren Zukunft:

Ich träume von einem herrlichen Tag

in einer Welt, wie ich sie gern säh;

einem herrlichen Ort, wo die Sonne mich mag,

denn sie scheint nur für mich aus der Höh.

Und würde an diesem Wintertag

mein Wunsch irgendwie wahr gemacht,

dann käme der Tag, den ich mir erträumt,

hier und heut in aller Pracht.11

Wir alle waren sichtlich gerührt, als sie endete. Die geistige Stimmung bei diesem Besuch bestimmte in dem Jahr die Atmosphäre meines Weihnachtsfestes.

Ich blieb mit der Familie in Kontakt, und als der älteste Sohn, Mark, neunzehn wurde, wurde ihm ermöglicht, eine besondere Mission am Hauptsitz der Kirche zu erfüllen. Schließlich hatten auch die anderen beiden Brüder die Gelegenheit, eine solche Mission zu erfüllen.

Vor nicht ganz einem Jahr erlag Christopher mit 22 der Krankheit, von der jedes der Kinder geplagt war. Und im vergangenen September erhielt ich die Nachricht, dass die kleine Shanna, nun 14 Jahre alt, verstorben war. Beim Trauergottesdienst wurde Shanna auf erhebende Weise die letzte Ehre erwiesen. Ihre beiden überlebenden Brüder, Mark und Jason, mussten Halt am Rednerpult suchen, als sie von zu Herzen gehenden Familienerlebnissen berichteten. Shannas Mutter bot ein wunderschönes Lied im Duett dar. Shannas Vater und Großvater hielten ergreifende Reden. Trotz ihres Kummers gaben beide machtvoll und aus tiefstem Herzen Zeugnis von der Wirklichkeit der Auferstehung und dass Shanna tatsächlich noch lebt, genau wie ihr Bruder Christopher, und dass beide die herrliche Wiedervereinigung mit ihrer geliebten Familie erwarten.

Als es an mir war zu sprechen, erzählte ich von dem Besuch der Familie in meinem Büro fast neun Jahre zuvor und sprach von dem schönen Lied, das Shanna damals gesungen hatte. Ich schloss mit dem Gedanken: „Weil unser Erretter auf Golgota gestorben ist, hat der Tod keine dauerhafte Macht über uns. Shanna lebt, sie ist heil und es geht ihr gut, und für sie ist dieser herrliche Tag, von dem sie an einem besonderen Heiligabend 1997 sang, der Tag, den sie sich erträumt, hier und heut.“

Meine Brüder und Schwestern, wir lachen, wir weinen, wir arbeiten, wir spielen, wir lieben, wir leben. Und dann sterben wir. Der Tod ist unser aller Erbe. Alle müssen durch sein Tor schreiten. Der Tod erhebt Anspruch auf die Alten, die Müden und die Erschöpften. Er kommt zu den Jungen, in der Blüte ihrer Hoffnung und auf dem Höhepunkt ihrer Erwartungen. Selbst kleine Kinder sind vor seiner Hand nicht sicher. Der Apostel Paulus hat es so ausgedrückt: „Es [ist] dem Menschen bestimmt …, ein einziges Mal zu sterben.“12

Und wäre da nicht ein Mann und seine Mission gewesen, nämlich Jesus von Nazaret, dann würden wir tot bleiben. Er wurde in einem Stall geboren, in eine Krippe gelegt. Seine Geburt erfüllte die inspirierten Aussagen vieler Propheten. Er wurde aus der Höhe belehrt. Er bereitete das Leben, das Licht und den Weg. Menschenmengen folgten ihm. Kinder liebten ihn. Die Hochmütigen wiesen ihn ab. Er sprach in Gleichnissen. Er lehrte durch sein Beispiel. Er führte ein vollkommenes Leben.

Der König der Könige und der Herr der Herren war gekommen, und doch wurde er von einigen begrüßt wie ein Feind, ein Verräter. Es folgte ein Possenspiel, das einige als Gerichtsverhandlung bezeichneten. Der Ruf: „Kreuzige ihn, kreuzige ihn!“13 tönte durch die Luft. Dann begann der Aufstieg zum Hügel Golgota.

Er wurde verhöhnt, verlacht, verspottet, in den Schmutz gezogen und an ein Kreuz geschlagen; dabei ertönte der Ruf: „Der Messias, der König von Israel! Er soll doch jetzt von seinem Kreuz herabsteigen, damit wir sehen und glauben.“14 „Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen.“15 Seine Reaktion: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“16 „In deine Hände lege ich meinen Geist. Nach diesen Worten hauchte er den Geist aus.“17 Sein Körper wurde von liebevollen Händen in eine aus Stein gehauene Grabkammer gelegt.

Am ersten Tag der Woche kamen Maria aus Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, zusammen mit anderen früh am Morgen zum Grab. Sie waren verblüfft, denn der Körper ihres Herrn war nicht mehr da. Lukas berichtet, dass zwei Männer in leuchtenden Gewändern zu ihnen traten und sagten: „Warum sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden.“18

Nächste Woche wird die christliche Welt das bedeutendste Ereignis in der aufgezeichneten Geschichte feiern. Die einfache Aussage „Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden“ war die erste Bestätigung der buchstäblichen Auferstehung unseres Herrn und Heilands, Jesus Christus. Das leere Grab an jenem ersten Ostermorgen brachte tröstliche Gewissheit, eine bejahende Antwort auf Ijobs Frage: „Wenn einer stirbt, lebt er dann wieder auf?“19

Für jeden, der einen geliebten Menschen verloren hat, können wir Ijobs Frage in eine Antwort umformen: Wenn einer stirbt, dann lebt er wieder auf. Wir wissen es, denn wir haben das Licht offenbarter Wahrheit. „Ich bin die Auferstehung und das Leben“, so die Worte des Meisters. „Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“20

Inmitten der Tränen und Prüfungen, inmitten der Ängste und Sorgen, inmitten des Kummers und der Einsamkeit, die dem Verlust eines geliebten Menschen folgen, gibt es die Zusicherung immerwährenden Lebens. Unser Herr und Erretter ist dafür ein lebendiger Zeuge.

Mit ganzem Herzen und aller Inbrunst meiner Seele erhebe ich als besonderer Zeuge meine Stimme zum Zeugnis und verkünde, dass Gott lebt. Jesus ist sein Sohn, der Einziggezeugte des Vaters im Fleisch. Er ist unser Erlöser, er ist unser Mittler beim Vater. Er ist am Kreuz gestorben, um für unsere Sünden zu sühnen. Er war der Erste, der auferstand. Weil er starb, werden alle wieder leben. „Welch Trost mir die Erkenntnis gibt: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“21 Möge die ganze Welt dies wissen und nach dieser Erkenntnis leben, darum bete ich demütig. Im Namen Jesu Christi, des Herrn und Erretters. Amen.

Quellenangaben anzeigenQuellenangaben ausblenden
    1. LuB 42:45

    2. William Wordsworth, „Ode: Intimations of Immortality from Recollections of Early Childhood“, in The Oxford Book of English Verse, 1250–1900, Hg. Arthur Quiller-Couch, 1939, Seite 628

    3. Ijob 14:14

    4. The Story of My Life, 1932, Kapitel 47, Absatz 34

    5. Arthur Schopenhauer, in The Home Book of Quotations, Hg. Burton Stevenson, 1934, Seite 969

    6. God and My Neighbor, 1914

    7. Siehe More Things in Heaven and Earth: Adventures in Quest of a Soul, Robert Blatchford, 1925, Seite 11

    8. Apostelgeschichte 7:56

    9. 1 Korinther 15:3-5

    10. LuB 76:22

    11. „The Beautiful Day“, aus dem Film Scrooge, 1970, Text und Musik von Leslie Bricusse

    12. Hebräer 9:27

    13. Lukas 23:21

    14. Markus 15:32

    15. Markus 15:31

    16. Lukas 23:34

    17. Lukas 23:46

    18. Lukas 24:5,6

    19. Ijob 14:14

    20. Johannes 11:25,26

    21. „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“, Gesangbuch, Nr. 85; siehe auch Ijob 19:25