Ehren Sie das Priestertum und nutzen Sie es gut!

Richard G. Scott

Of the Quorum of the Twelve Apostles


Das vollkommene Vorbild dafür, wie man das heilige Priestertum ausübt, ist unser Erlöser Jesus Christus. Er diente mit Liebe, Mitgefühl und Nächstenliebe.

Meine lieben Brüder, wir haben uns überall auf der Welt in der einzigartigen Bruderschaft des heiligen Priestertums Gottes versammelt. Wie gesegnet sind wir doch, dass wir zu den wenigen Männern auf dieser Erde gehören, denen die Vollmacht anvertraut wurde, im Namen des Erretters zu handeln, um andere durch den rechtschaffenen Gebrauch seines Priestertums zu segnen.

Ich frage mich, Brüder, wer von uns ernsthaft darüber nachdenkt, wie unschätzbar wertvoll es ist, das Aaronische oder das Melchisedekische Priestertum zu tragen. Wenn wir bedenken, wie wenig Männer, die auf dieser Erde gelebt haben, das Priestertum empfangen haben und wie Jesus Christus ihnen die Vollmacht gegeben hat, in seinem Namen zu handeln, sollten wir zutiefst demütig und dankbar sein für das Priestertum, das wir tragen.

Das Priestertum ist die Vollmacht, im Namen Gottes zu handeln. Diese Vollmacht ist unerlässlich, um sein Werk auf Erden zu verwirklichen. Das Priestertum, das wir tragen, ist ein uns anvertrauter Teil der ewigen Vollmacht Gottes. Wenn wir treu und gewissenhaft sind, wird unsere Ordinierung zum Priestertum ewig Bestand haben.

Die Übertragung der Vollmacht allein verleiht uns jedoch noch nicht die mit dem Amt verbundene Macht. Inwieweit wir die Macht des Priestertums ausüben können, hängt von unserer eigenen Würdigkeit, unserem Glauben an den Herrn Jesus Christus und unserem Gehorsam gegenüber seinen Geboten ab. Wenn dann noch ein solider Grundstock an Evangeliumswissen hinzukommt, nimmt unsere Fähigkeit, das Priestertum würdig auszuüben, gewaltig zu.

Das vollkommene Vorbild dafür, wie man das heilige Priestertum ausübt, ist unser Erlöser Jesus Christus. Er diente mit Liebe, Mitgefühl und Nächstenliebe. Sein Leben war ein unvergleichliches Beispiel an Demut und Macht. Das Priestertum bringt dann die größten Segnungen, wenn wir unseren Mitmenschen demütig dienen, ohne an uns selbst zu denken. Wenn wir als glaubenstreue, gehorsame Priestertumsträger dem Beispiel Jesu folgen, können wir über große Macht verfügen. Wenn erforderlich, können wir mit dieser Macht heilen, segnen, trösten und Rat geben, sofern wir den leisen Eingebungen des Geistes getreulich folgen.

Ich möchte Sie bitten, sich ein paar Minuten lang vorzustellen, Sie und ich befänden uns unter vier Augen an einem ruhigen Ort, dessen Atmosphäre die Führung durch den Heiligen Geist zulässt. Einige von Ihnen werden regelmäßig über ihre Würdigkeit befragt, während andere Berufungen haben, bei denen dies selten vorkommt. Stellen Sie sich nun bitte vor, dass Sie und ich in den nächsten Minuten ganz unter uns ein Priestertumsinterview führen.

Denken Sie bitte in dieser kurzen Zeit, die wir beisammen sind, darüber nach, inwieweit Sie würdig sind, die heilige Vollmacht, die Sie besitzen, auszuüben. Denken Sie bitte auch darüber nach, wie beständig Sie Ihr Priestertum zum Segen anderer einsetzen. Es geht mir nicht um Kritik, sondern ich möchte dazu beitragen, dass Sie einen größeren Nutzen erzielen, wenn Sie Ihr Priestertum ausüben.

Tragen Ihre persönlichen, innersten Gedanken dazu bei, dass der Heilige Geist Sie führen kann, oder wäre ein gründlicher Hausputz angebracht? Nähren Sie Ihren Geist mit aufbauendem Material oder sind Sie der Verlockung pornografischer Literatur oder Internetseiten erlegen? Vermeiden Sie gewissenhaft den Gebrauch von Anregungsmitteln und Substanzen, die dem zuwiderlaufen, was mit dem Wort der Weisheit beabsichtigt ist, oder haben Sie sich eine Rechtfertigung für die eine oder andere Ausnahme zurechtgelegt? Achten Sie peinlich darauf, was Ihnen über Ihre Augen und Ohren in den Sinn kommt, um sicherzugehen, dass es Ihnen zuträglich und erbaulich ist?

Wenn Sie geschieden sind: Sorgen Sie dafür, dass die Kinder, deren Vater Sie sind, finanziell bekommen, was sie wirklich brauchen, und nicht nur das gesetzlich vorgeschriebene Mindestmaß?

Wenn Sie verheiratet sind: Sind Sie Ihrer Frau sowohl in Gedanken als auch in Ihren Handlungen treu? Sind Sie Ihrem Ehebund treu, indem Sie niemals mit einer anderen Frau eine Unterhaltung führen, die Ihre Frau lieber nicht mitanhören sollte? Sind Sie nett und freundlich zu Ihrer Frau und Ihren Kindern und unterstützen Sie sie? Helfen Sie Ihrer Frau, indem Sie Arbeiten im Haushalt übernehmen? Übernehmen Sie die Führung bei gemeinsamen Aktivitäten wie dem Schriftstudium, dem Familiengebet und dem Familienabend, oder muss Ihre Frau einspringen, weil Sie mangelndes Interesse zeigen? Sagen Sie Ihrer Frau, dass Sie sie lieben?

Falls sich irgendjemand unter Ihnen bei einer der Antworten, die er sich in Gedanken auf meine Fragen gegeben hat, unwohl gefühlt hat, sollte er jetzt Gegenmaßnahmen ergreifen. Wenn Sie Würdigkeitsprobleme haben, bitte ich Sie von ganzem Herzen, so schnell wie möglich mit Ihrem Bischof oder einem Mitglied der Pfahlpräsidentschaft zu sprechen. Sie benötigen Hilfe. Das, was Sie beunruhigt, wird nicht von allein heilen. Wenn man sich nicht darum kümmert, wird es wahrscheinlich noch schlimmer werden. Es mag Ihnen schwerfallen, mit Ihrem Priestertumsführer darüber zu sprechen, aber ich fordere Sie dennoch auf, dies jetzt anzugehen – um Ihrer selbst willen und um derentwillen, denen etwas an Ihnen liegt.

Brüder, ich spreche nun darüber, dass das Priestertum gebraucht werden soll, um anderen ein Segen zu sein, insbesondere den Töchtern des himmlischen Vaters.

In der Proklamation zur Familie steht, dass Mann und Frau gleichwertige Partner sein sollen. Ich bin sicher, dass jede Ehefrau in der Kirche dies begrüßt und unterstützt. Ob es zu dieser gleichwertigen Partnerschaft kommt, hängt vom Ehemann ab. Viele Männer praktizieren diese gleichwertige Partnerschaft mit ihrer Frau zum beiderseitigen Wohle und zum Wohle ihrer Kinder. Aber es gibt auch viele, die das nicht tun. Ich rufe jeden Mann, der noch zögert, eine gleichwertige Partnerschaft mit seiner Frau aufzubauen, dazu auf, den vom Herrn inspirierten Rat zu befolgen und zu verwirklichen. Eine gleichwertige Partnerschaft bringt den größten Segen, wenn beide, Mann und Frau, den Willen des Herrn ergründen, wenn eine wichtige Entscheidung für sie selbst oder ihre Kinder ansteht.

Seien Sie empfänglich für die Eingebungen des Geistes, wenn Sie den ungeheuren Vorzug in Anspruch nehmen, durch das Priestertum im Namen des Herrn zu handeln. Achten Sie mehr darauf, wie Sie die Macht des Priestertums im Leben derer, die Sie lieben und denen Sie dienen, noch besser anwenden können. Dabei denke ich insbesondere an Menschen wie die Witwe, der Sie als verständnisvoller, mitfühlender Priestertumsträger bestimmt eine große Hilfe sein können. Menschen wie diese bitten oft nicht um Hilfe. Stellen Sie sich darauf ein, bei ihnen auf eine Vielfalt von Sorgen und Nöten zu stoßen; vielleicht können Sie jemandem durch einen inspirierten Priestertumssegen seine Ängste nehmen, vielleicht sind kleinere Reparaturen fällig.

Seien Sie als Bischof einfühlsam und aufmerksam gegenüber den Schwestern in Ihrem Gemeinderat. Sie können Ihnen sagen, was die Frauen in Ihrer Gemeinde, die keinen Priestertumsträger zu Hause haben, brauchen. Durch einen Hausbesuch können die FHV-Schwestern feststellen, wo der Schuh drückt, und Ihnen Lösungen vorschlagen. Geht eine Angelegenheit über den Einflussbereich der FHV hinaus, können Sie das Ältestenkollegium oder die Hohepriestergruppe einspannen, um nach Bedarf zu helfen.

Wenn Sie als Bischof einen Mann und seine Frau bei Eheproblemen beraten, schenken Sie dann den Aussagen der Ehefrau ebenso viel Glauben wie denen des Mannes? Bei meinen Reisen durch die Welt habe ich festgestellt, dass manche Frauen nicht genügend Beachtung finden, weil sich ein Priestertumsführer von einem Sohn des himmlischen Vaters leichter überzeugen lässt als von einer Tochter. Eine solche Unausgewogenheit darf niemals eintreten.

Erfahren alleinstehende Schwestern die ihnen gebührende Rücksicht und Beachtung in einer Gemeinde, die überwiegend aus Familien besteht? Wird ihnen Gelegenheit gegeben, wichtige Berufungen auszuüben, damit sie spüren, dass sie willkommen und erwünscht sind? Erfahren sie die notwendige Unterstützung durch das Priestertum?

Die Priestertumsvollmacht dient dem Zweck, zu geben, zu dienen, zu erbauen, zu inspirieren, und nicht dazu, ungerechte Herrschaft oder Zwang auszuüben. In manchen Kulturkreisen hat der Mann traditionell die dominante Rolle. Er überwacht und bestimmt alles, was die Familie betrifft. Dies ist nicht die Weise des Herrn. Mancherorts betrachtet der Mann die Frau geradezu als sein Eigentum, als ob sie zu seinem Privatbesitz gehöre. Das ist eine grausame, unergiebige und irrige Vorstellung von der Ehe, wie sie von Luzifer befürwortet wird. Jeder Priestertumsträger muss sie ablehnen. Sie beruht auf der falschen Annahme, dass der Mann der Frau irgendwie überlegen sei. Nichts könnte der Wahrheit ferner sein. In den heiligen Schriften wird bekräftigt, dass der himmlische Vater sich seine größte, herrlichste und erhabenste Schöpfung, die Frau, bis zum Schluss aufgehoben hat. Erst als alles andere abgeschlossen war, wurde die Frau erschaffen. Erst dann wurde das Werk für vollendet und gut erklärt.

Über unsere Frauen, Mütter, Großmütter, Schwestern und andere wichtige Frauen in unserem Leben sagte Präsident Hinckley: „Von allen Geschöpfen des Allmächtigen gibt es kein schöneres, kein inspirierenderes als eine reizende Tochter Gottes, die tugendhaft lebt und weiß, warum sie so leben soll, die ihren Körper als etwas Heiliges, etwas Göttliches ehrt und achtet, die ihren Verstand entwickelt und ihren Horizont ständig erweitert und ihren Geist mit immerwährender Wahrheit nährt.“ 1

Gott hat es so vorgesehen, dass sich die Frau in vielerlei Hinsicht grundlegend vom Mann unterscheidet. 2 Sie ist mitfühlend und auf das Wohl ihrer Mitmenschen bedacht. Diese natürliche Anteilnahme kann eine Frau jedoch überfordern, wenn sie weit mehr Ziele wahrnimmt, als sie – selbst mit der Hilfe des Herrn – überhaupt verwirklichen kann. Manche verlieren den Mut, weil sie meinen, sie schaffen nicht alles, was sie schaffen sollten. Ich glaube, dass viele würdige, erfolgreiche und engagierte Frauen in der Kirche so empfinden.

Danken Sie deshalb als Ehemann, als Sohn Ihrer Frau, Ihrer Mutter für alles, was sie für Sie tut. Zeigen Sie ihr oft Ihre Liebe und Dankbarkeit. Das Leben vieler Töchter des himmlischen Vaters wird dadurch erfüllter, angenehmer und bedeutungsvoller. Viele hören selten ein Lob und erhalten keinen Dank für das enorme Pensum, das sie bewältigen. Wenn Sie als Ehemann spüren, dass Ihre Frau eine Aufmunterung braucht, dann nehmen Sie sie in die Arme und sagen Sie ihr, wie sehr Sie sie lieben. Mögen wir mit den besonderen Frauen, die unser Leben bereichern, stets liebevoll umgehen und für sie dankbar sein.

Häufig erkennen wir den wahren Wert einer Sache erst dann, wenn sie uns genommen wird. Stellen Sie sich, um sich dies zu verdeutlichen, einen Mann vor, der das Priestertum infolge einer Übertretung verloren hatte. Später wurde es ihm zusammen mit allen heiligen Handlungen wiederhergestellt, nachdem er vollständig umgekehrt war. Nach der Wiederherstellung wandte ich mich an seine Frau und fragte: „Möchten Sie einen Segen?“ Sie bejahte begeistert. Dann sah ich den Mann an, der nun wieder das Priestertum ausüben konnte, und fragte: „Möchten Sie Ihrer Frau einen Segen geben?“ Worte können die tiefen Gefühle nicht beschreiben, die mit einem solchen Erlebnis verbunden sind – die liebevolle Verbundenheit, das Vertrauen und die Dankbarkeit. Man muss aber nicht erst sein Priestertum verlieren, um es mehr schätzen zu lernen.

Ich kenne die unermessliche Freude und das Glück, das man empfindet, wenn man seine liebe Frau von ganzem Herzen und ganzer Seele liebt, schätzt und achtet. Mögen Sie durch die Art und Weise, wie Sie das Priestertum anwenden und wie Sie mit den wichtigen Frauen in Ihrem Leben umgehen, die gleiche Erfüllung finden.

Als einer der fünfzehn Apostel des Herrn Jesus Christus auf der Erde möchte ich sagen, was mir das Priestertum bedeutet, indem ich Präsident Howard W. Hunter zitiere, dessen Worte meine Gefühle ausgezeichnet widerspiegeln: „Als besondere Zeugen für Jesus Christus haben wir die ehrfurchtgebietende Aufgabe übertragen bekommen, die Angelegenheiten seiner Kirche und seines Reiches zu leiten und seinen Töchtern und Söhnen zu dienen, wo immer auf der Erde sie sich auch befinden mögen. Aufgrund unserer Berufung, Zeugnis zu geben, zu regieren und zu dienen, wird von uns allen verlangt, dass wir trotz Alter, Gebrechlichkeit, Erschöpfung und Gefühlen der Unzulänglichkeit bis zum letzten Atemzug die Arbeit, die er uns aufgetragen hat, verrichten.“ 3

Gott wird uns dafür zur Rechenschaft ziehen, wie wir seine geliebten Töchter behandelt haben. Behandeln wir sie also so, wie er es von uns wünscht. Ich bete darum, dass der Herr uns dazu führen möge, das Priestertum, das wir tragen, inspirierter, einfühlsamer und wirksamer einzusetzen – vor allem zum Wohle seiner Töchter. Im Namen Jesu Christi. Amen.

Quellenangaben anzeigen

  1.  

    1. Gordon B. Hinckley, „Our Responsibility to Our Young Women“, Ensign, September 1988, Seite 11

  2.  

    2. Siehe Mose 4:17-19; Mose 5:10,11

  3.  

    3. Howard W. Hunter, „An die Frauen der Kirche“, Der Stern, Januar 1993, Seite 86