Betet immer

David A. Bednar

Of the Quorum of the Twelve Apostles


Unsere Gebete werden mit mehr Sinn erfüllt, wenn wir uns in allem, was wir tun, mit dem Herrn beraten, wenn wir von Herzen danksagen und wenn wir für andere beten.

In meiner Botschaft bei der letzten Generalkonferenz sprach ich über den Evangeliumsgrundsatz, dass wir im Gebet voll Glauben bitten sollen. Heute möchte ich über drei weitere Grundsätze sprechen, die dazu beitragen können, dass unsere Gebete mit mehr Sinn erfüllt werden, und ich bete um den Beistand des Heiligen Geistes für Sie und für mich.

Erster Grundsatz: Unsere Gebete werden mit mehr Sinn erfüllt, wenn wir uns in allem, was wir tun, mit dem Herrn beraten (siehe Alma 37:37).

Das Gebet ist, einfach ausgedrückt, Kommunikation mit dem himmlischen Vater; so nehmen seine Söhne und Töchter auf der Erde Verbindung mit ihm auf. „Sobald wir unsere wahre Beziehung zu Gott erkennen (nämlich dass Gott unser Vater ist und wir seine Kinder sind), wird das Gebet für uns sofort etwas Natürliches, etwas Instinktives.“ (Bible Dictionary, „Prayer“, Seite 752.) Uns wurde geboten, immer im Namen des Sohnes zum Vater zu beten (siehe 3 Nephi 18:19,20). Uns ist verheißen, dass wir gesegnet, beschützt und geführt werden, wenn wir ernsthaft um das beten, was recht und gut ist und mit dem Willen Gottes übereinstimmt (siehe 3 Nephi 18:20; LuB 19:38).

Durch Offenbarung kommuniziert der himmlische Vater mit seinen Kindern auf der Erde. Wenn wir voll Glauben bitten, können wir Offenbarung um Offenbarung und Erkenntnis um Erkenntnis empfangen, bis wir die Geheimnisse und das Friedfertige erkennen – das, was Freude und ewiges Leben bringt (siehe LuB 42:61). Die Geheimnisse sind die Dinge, die nur durch die Macht des Heiligen Geistes erkannt und verstanden werden können (siehe Harold B. Lee, Ye Are the Light of the World, 1974, Seite 211).

Die Offenbarungen des Vaters und des Sohnes werden durch das dritte Mitglied der Gottheit, nämlich den Heiligen Geist, übermittelt. Der Heilige Geist ist sowohl der Zeuge für den Vater und den Sohn als auch ihr Bote.

Die Muster, an die sich Gott bei der Erschaffung der Erde hielt, zeigen uns anschaulich, wie wir das Gebet mit Sinn erfüllen können. Im dritten Kapitel des Buches Mose erfahren wir, dass alles zuerst geistig erschaffen wurde, ehe es natürlich auf der Erde war.

„Und nun siehe, ich sage dir: Dies sind die Generationen des Himmels und der Erde, als sie erschaffen wurden an dem Tag, da ich, der Herr, Gott, den Himmel und die Erde machte, und jede Pflanze des Feldes, bevor sie auf Erden war, und jedes Kraut des Feldes, bevor es wuchs. Denn ich, der Herr, Gott, erschuf alles, wovon ich gesprochen habe, geistig, ehe es natürlich auf dem Antlitz der Erde war.“ (Mose 3:4,5.)

Aus diesen Versen erfahren wir, dass die geistige Schöpfung der natürlichen Schöpfung vorausging. In ähnlicher Weise ist ein sinnerfülltes Morgengebet ein wichtiger Bestandteil der geistigen Schöpfung eines jeden Tages, die der zeitlichen Schöpfung oder der tatsächlichen Durchführung des Tages vorausgeht. So wie die zeitliche Schöpfung mit der geistigen Schöpfung verbunden und deren Fortsetzung war, so sind sinnerfüllte Morgen- und Abendgebete miteinander verbunden, das eine ist die Fortsetzung des anderen.

Betrachten wir ein Beispiel. An unserem Charakter, unserem Verhalten oder im Hinblick auf unser geistiges Wachstum gibt es vielleicht etwas, worüber wir uns mit dem himmlischen Vater im Morgengebet beraten sollten. Nachdem wir ausreichend Dank für die empfangenen Segnungen ausgedrückt haben, bitten wir inständig um Erkenntnis, Führung und Hilfe, um das zu tun, was wir aus eigener Kraft nicht können. Beispielsweise können wir im Gebet:

  • über Situationen nachdenken, in denen wir grob oder ungehörig mit denen gesprochen haben, die wir am meisten lieben,

  • erkennen, dass wir es zwar besser wissen, aber dass wir nicht immer gemäß unserer Erkenntnis handeln,

  • Reue bekunden für unsere Schwächen und dafür, dass wir den natürlichen Menschen nicht mit größerer Anstrengung ablegen,

  • uns entschließen, unser Leben mehr nach dem Erlöser auszurichten, und

  • um mehr Kraft dafür flehen, dass wir besser handeln und besser werden.

Solch ein Gebet ist ein wesentlicher Bestandteil unserer geistigen Vorbereitung auf den Tag.

Im Laufe des Tages bewahren wir ein Gebet im Herzen und bitten weiterhin um Hilfe und Führung, wie Alma es angeregt hat: „Lass alle deine Gedanken auf den Herrn gerichtet sein.“ (Alma 37:36.)

Wir bemerken an diesem bestimmten Tag, dass es Situationen gibt, in denen wir uns normalerweise eher grob geäußert hätten, wir tun es aber nicht, oder wir hätten eigentlich ärgerlich reagiert, wir tun es aber nicht. Wir bemerken die himmlische Hilfe und Kraft und erkennen demütig, wie unser Gebet erhört wird. Bereits in dem Moment, in dem uns das bewusst wird, sprechen wir still ein Dankgebet.

Am Ende des Tages knien wir wieder nieder und erstatten dem himmlischen Vater Bericht. Wir gehen die Ereignisse des Tages durch und bringen tief empfundene Dankbarkeit für die Segnungen und die Hilfe, die wir erhalten haben, zum Ausdruck. Wir kehren um und erkennen – mit der Hilfe des Geistes des Herrn – Möglichkeiten, wie wir es morgen noch besser machen und noch besser werden können. Somit baut unser Abendgebet auf das Morgengebet auf und ist eine Fortsetzung davon. Außerdem ist unser Abendgebet auch eine Vorbereitung für ein sinnerfülltes Morgengebet.

Morgen- und Abendgebete – und alle Gebete dazwischen – sind keine unzusammenhängenden, einzelnen Ereignisse; vielmehr sind sie jeden Tag – und über Tage, Wochen, Monate und sogar Jahre hinweg – miteinander verbunden. Das ist ein Teil dessen, wie wir die Aufforderung aus den heiligen Schriften erfüllen, immer zu beten (siehe Lukas 21:36; 3 Nephi 18:15,18; LuB 31:12). Solche sinnerfüllten Gebete tragen sehr dazu bei, dass man die höchsten Segnungen erlangt, die Gott für seine treuen Kinder bereithält.

Unser Beten wird sinnerfüllt, wenn wir daran denken, in welcher Beziehung wir zur Gottheit stehen, und die folgenden mahnenden Worte beherzigen:

„Rufe Gott an um alles, was du brauchst; ja lass alles, was du tust, dem Herrn getan sein, und wo auch immer du hingehst, lass es im Herrn geschehen; ja, lass alle deine Gedanken auf den Herrn gerichtet sein; ja, lass die Zuneigungen deines Herzens immerdar auf den Herrn gerichtet sein.

Berate dich mit dem Herrn in allem, was du tust, und er wird dich zum Guten lenken; ja, wenn du dich zur Nacht niederlegst, so lege dich nieder im Herrn, damit er in deinem Schlaf über dich wache; und wenn du dich morgens erhebst, so lass dein Herz von Dank erfüllt sein gegen Gott; und wenn du das alles tust, wirst du am letzten Tag emporgehoben werden.“ (Alma 37:36,37; Hervorhebung hinzugefügt.)

Zweiter Grundsatz: Unsere Gebete werden mit mehr Sinn erfüllt, wenn wir von Herzen danksagen

Während unserer Zeit an der Brigham-Young-Universität Idaho haben meine Frau und ich häufig Generalautoritäten bei uns beherbergt. Unsere Familie lernte eine wichtige Lektion über sinnerfülltes Beten, als wir eines Abends mit einem Mitglied des Kollegiums der Zwölf Apostel zum Beten niederknieten.

An diesem Tag hatten meine Frau und ich erfahren, dass ein lieber Freund ganz unerwartet gestorben war, und wir hatten sofort den Wunsch, für den hinterbliebenen Ehepartner und die Kinder zu beten. Als ich meine Frau bat, das Gebet zu sprechen, schlug das Mitglied der Zwölf Apostel, das nichts von der Tragödie wusste, freundlich vor, dass meine Frau im Gebet doch nur ihre Dankbarkeit für erhaltene Segnungen aussprechen möge und um nichts bitten solle. Sein Rat ähnelte der Aufforderung Almas an die damaligen Mitglieder der Kirche, „ohne Unterlass zu beten und in allem zu danken“ (Mosia 26:39). In Anbetracht der unerwarteten Tragödie schien es uns anfangs dringender, um Segnungen für unsere Freunde zu bitten, als unseren Dank auszudrücken.

Meine Frau hielt sich gläubig an die Aufforderung, die sie erhalten hatte. Sie dankte dem himmlischen Vater für schöne und denkwürdige Erlebnisse mit diesem lieben Freund. Sie brachte ihren aufrichtigen Dank für den Heiligen Geist als Tröster dar und für die Gaben des Geistes, die uns befähigen, in Bedrängnis zu bestehen und anderen zu dienen. Vor allem dankte sie für den Erlösungsplan, für das Sühnopfer Jesu Christi, für seine Auferstehung und für die Verordnungen und die Bündnisse des wiederhergestellten Evangeliums, die es ermöglichen, dass Familien für immer zusammen sein können.

Unsere Familie hat daraus sehr viel darüber gelernt, wie viel Dankbarkeit in einem sinnerfüllten Gebet bewirken kann. Dank dieses Gebets wurde unsere Familie mit Inspiration zu einigen Fragen gesegnet, die uns gedanklich stark belasteten und innerlich aufwühlten. Wir erkannten, dass unsere Dankbarkeit für den Plan des Glücklichseins und für die erlösende Mission unseres Erretters uns die Hoffnung gab, die wir brauchten, und unser Vertrauen bestärkte, dass bei unseren lieben Freunden alles gut werden würde. Wir erkannten auch, wofür wir beten und worum wir auf die rechte Weise voll Glauben bitten sollten.

Von allen Gebeten, die ich miterlebt habe, waren diejenigen am meisten von Sinn und vom Geist erfüllt, in denen viel Dank ausgesprochen wurde und nur wenige Bitten oder gar keine. Jetzt darf ich zusammen mit Aposteln und Propheten beten, und bei diesen Führern der Kirche Christi in unserer Zeit beobachte ich dieselben Eigenschaften, mit denen auch Hauptmann Moroni im Buch Mormon beschrieben wird: Dies sind Männer, denen vor Dankbarkeit gegenüber Gott das Herz schwillt für die vielen Freiheiten und Segnungen, die er seinem Volk zuteilwerden lässt (siehe Alma 48:12). Außerdem machen sie nicht viele Worte, denn es wird ihnen eingegeben, was sie beten sollen, und sie sind von Verlangen erfüllt (siehe 3 Nephi 19:24). Die Gebete von Propheten sind kindlich in ihrer Einfachheit und mächtig dank ihrer Aufrichtigkeit.

Wenn wir uns bemühen, unsere Gebete mit mehr Sinn zu erfüllen, dürfen wir eines nicht vergessen: „In nichts beleidigt der Mensch Gott, oder gegen niemanden entflammt sein Grimm, ausgenommen diejenigen, die nicht seine Hand in allem anerkennen und nicht seinen Geboten gehorchen.“ (LuB 59:21.) Ich möchte empfehlen, dass wir regelmäßig ein Gebet vortragen, worin wir ausschließlich unsere Dankbarkeit ausdrücken. Bitten wir um nichts – freuen wir uns einfach aus ganzer Seele und bemühen wir uns, mit der ganzen Kraft des Herzens dankzusagen.

Dritter Grundsatz: Unsere Gebete werden mit mehr Sinn erfüllt, wenn wir mit wirklichem Vorsatz und aufrichtigem Herzen für andere beten

Den himmlischen Vater um Segnungen zu bitten, die wir uns für unser Leben wünschen, ist gut und richtig. Jedoch ist es ein ebenso wichtiger Bestandteil eines sinnerfüllten Gebets, von Herzen für andere zu beten – und zwar sowohl für diejenigen, die wir lieb haben, als auch für diejenigen, die uns verfolgen. So, wie es zu vermehrter Offenbarung führt, wenn wir in unseren Gebeten unsere Dankbarkeit häufiger ausdrücken, wird auch unsere Fähigkeit erweitert, die Stimme des Herrn zu hören und zu beachten, wenn wir aus ganzer Seele für andere beten.

Das Beispiel Lehis im Buch Mormon lehrt uns viel. Lehi nahm die prophetischen Aussagen und Warnungen, dass Jerusalem zerstört werden würde, voll Glauben an. Daraufhin betete er zum Herrn, „ja nämlich aus ganzem Herzen, für sein Volk“ (1 Nephi 1:5; Hervorhebung hinzugefügt). Lehis flehentliches Gebet wurde erhört – er durfte eine herrliche Vision von Gott und seinem Sohn und der nahenden Zerstörung Jerusalems sehen (siehe 1 Nephi 1:6-9,13,18). Danach freute sich Lehi, und sein Herz war ganz erfüllt der Dinge wegen, die er gesehen hatte, ja, die der Herr ihm gezeigt hatte (siehe 1 Nephi 1:15). Bitte beachten Sie: Die Vision kam als Antwort auf ein Gebet für andere, sie folgte nicht auf eine Bitte um persönliche Erbauung oder Führung.

Der Erlöser ist das vollkommene Beispiel dafür, wie man mit wirklichem Vorsatz für andere betet. In seinem großartigen Abschiedsgebet, das er in der Nacht vor seiner Kreuzigung sprach, betete Jesus für seine Apostel und alle Heiligen.

„Für sie bitte ich; nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir. …

Aber ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben …, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und damit ich in ihnen bin.“ (Johannes 17:9,20,26.)

Als der Heiland auf dem amerikanischen Kontinent wirkte, forderte er die Menschen auf, über seine Lehren nachzudenken und um Verständnis zu beten. Er heilte die Kranken, und er betete für die Menschen. Die Worte, die er dabei sprach, konnten nicht niedergeschrieben werden (siehe 3 Nephi 17:1-16). Sein Gebet hatte wahrlich große Wirkung: „Niemand kann die Freude ermessen, die unsere Seele erfüllt hat zu der Zeit, da wir ihn für uns zum Vater beten gehört haben.“ (3 Nephi 17:17.) Stellen Sie sich einmal vor, wie es gewesen wäre, den Erretter der Welt für uns beten zu hören.

Fühlen unser Ehepartner, unsere Kinder und andere Angehörige auch die Macht unserer Gebete, die wir für ihre speziellen Nöte und Wünsche dem Vater vortragen? Hören diejenigen, denen wir dienen, wie wir voll Glauben und aufrichtig für sie beten? Wenn diejenigen, die wir lieben und denen wir dienen, unsere aufrichtigen Gebete um ihretwillen bisher nicht hören und deren Einfluss nicht spüren konnten, ist es jetzt an der Zeit, umzukehren. Wenn wir dem Beispiel unseres Erretters nacheifern, werden unsere Gebete gewiss mit mehr Sinn erfüllt.

Uns ist es geboten, immer zu beten (siehe 2 Nephi 32:9; LuB 10:5; 90:24) – „sowohl laut als auch in [unserem] Herzen; … sowohl vor der Welt als auch im Verborgenen, sowohl in der Öffentlichkeit als auch, wenn [wir] allein [sind]“ (LuB 19:28). Ich bezeuge, dass unsere Gebete mit mehr Sinn erfüllt sein werden, wenn wir uns in allem, was wir tun, mit dem Herrn beraten, wenn wir von Herzen danksagen und wenn wir mit wirklichem Vorsatz und aufrichtigem Herzen für andere beten.

Ich bezeuge, dass der himmlische Vater lebt und dass er jedes aufrichtige Gebet hört und erhört. Jesus ist der Messias, unser Heiland und Fürsprecher. Offenbarung gibt es wirklich. Die Fülle des Evangeliums ist in dieser Evangeliumszeit auf Erden wiederhergestellt worden. Dies bezeuge ich im heiligen Namen des Herrn Jesus Christus. Amen.