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Herbst 2009 | Unser vollkommenes Beispiel

Unser vollkommenes Beispiel

Herbst 2009 Generalkonferenz

Die Botschaft des wiederhergestellten Evangeliums Jesu Christi lautet, dass wir zeit unseres Lebens darauf hoffen dürfen und müssen, besser zu werden.

Ich empfinde es als einen Segen, dass ich an diesem Sabbattag zu Ihnen sprechen darf. Auch wenn wir uns den Lebensumständen und Erfahrungen nach unterscheiden, teilen wir den Wunsch, ein besserer Mensch zu werden. Einige wenige mögen irrigerweise annehmen, sie seien schon gut genug, während andere den Versuch, sich zu bessern, schon aufgegeben haben. An alle gleichermaßen aber richtet sich die Botschaft des wiederhergestellten Evangeliums Jesu Christi, dass wir zeit unseres Lebens darauf hoffen dürfen und müssen, besser zu werden.

Teilweise ergibt sich diese Hoffnung für uns aus einer Offenbarung, die Gott dem Propheten Joseph Smith zukommen ließ. Sie handelt von dem Tag, an dem wir dem Erretter begegnen. Das steht uns ja allen bevor. Es geht darum, worauf wir uns vorbereiten und was wir erwarten dürfen.

Es steht im Buch Moroni: „Darum, meine geliebten Brüder, betet mit der ganzen Kraft des Herzens zum Vater, dass ihr von dieser Liebe erfüllt werdet, die er allen denen zuteilwerden lässt, die wahre Nachfolger seines Sohnes Jesus Christus sind; damit ihr Söhne Gottes werdet; damit wir, wenn er erscheinen wird, ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist; damit wir diese Hoffnung haben, damit wir rein gemacht werden, so wie er rein ist. Amen.“1

Das macht Ihnen vielleicht begreiflich, warum jeder gläubige Heilige der Letzten Tage in Bezug auf das, was ihm bevorsteht, so optimistisch ist – wie schwierig die Gegenwart auch sein mag. Wir glauben, dass wir wie der Erlöser werden können – der ja vollkommen ist –, indem wir nach dem Evangelium Jesu Christi leben. Wenn man die Eigenschaften Jesu Christi betrachtet, sollte der Stolz des Selbstgerechten, der glaubt, er brauche sich nicht zu bessern, eigentlich zunichte werden. Und selbst der einfachste Mensch kann Hoffnung aus der Einladung schöpfen, wie der Erlöser zu werden.

Wie diese wunderbare Verwandlung vonstatten geht, ist meiner Meinung nach in einem Kinderlied am besten eingefangen worden. Ich weiß noch, wie ich am Sonntag einmal in einem Raum voller Kinder, die es sangen, war und in die Gesichter sah. Alle Kinder saßen vornüber gebeugt, fast an der Stuhlkante. Ich sah das Licht in ihren Augen und ihren entschlossenen Gesichtsausdruck, als sie aus vollem Herzen sangen. Sie haben das Lied vielleicht auch schon einmal gehört. Ich hoffe, dass es uns ewig im Gedächtnis bleibt. Ich hoffe nur, dass ich es genauso überzeugt vortragen kann wie diese Kinder.

Ich möchte so sein wie Jesus, will folgen ihm jeden Tag,

will liebevoll sein wie Jesus, was immer ich tu und sag.

Doch sollt ich versucht sein, das Falsche zu tun,

kommt die leise Stimme, und sie lässt mich nicht ruhn. Sie sagt:

„Liebet einander, wie Jesus euch liebt.

Seid immer freundlich bei dem, was ihr tut.

Im Denken und Handeln seid liebevoll stets:

So hat es uns Jesus gelehrt.“2

Mir kam es so vor, als sängen sie nicht bloß, sondern gäben ihrer Entschlossenheit Ausdruck. Jesus Christus war ihr Vorbild. Wie er zu sein, war ihr festes Ziel. Und der klare Blick und das Leuchten in ihren Augen bedeuteten mir, dass sie keinerlei Zweifel hegten. Sie waren von ihrem Erfolg überzeugt. Sie wussten, dass die Aufforderung des Erlösers, vollkommen zu sein, nicht als Hoffnung, sondern als Auftrag gemeint war. Und sie waren sich gewiss, dass er den Weg bereitet hatte.

Diese Entschlossenheit und Zuversicht kann und muss jedes Mitglied der Kirche im Herzen tragen. Der Erlöser hat mit seinem Sühnopfer und durch sein Beispiel den Weg gewiesen. Selbst die Kinder, die dieses Lied sangen, wussten, wie es geht.

Die Liebe ist der treibende Grundsatz, nach dem der Herr uns auf dem Weg dorthin, so wie er zu werden, begleitet. Er ist unser vollkommenes Beispiel. Unsere Lebensweise muss sich jede einzelne Stunde durch die Liebe zu Gott und die Liebe zu anderen auszeichnen. Das überrascht nicht, hat der Herr dies doch als das erste und wichtigste Gebot bezeichnet. Die Liebe zu Gott ist es, die uns dazu führt, dass wir seine Gebote halten. Und die Liebe zu anderen ist die Grundlage unserer Fähigkeit, ihm zu gehorchen.

So wie Jesus während seines irdischen Wirkens den Menschen ein Kind als Beispiel für die reine Liebe vorhielt, die wir haben müssen und können, hat er uns die Familie als ein Beispiel für den idealen Rahmen vorgegeben, in dem wir lernen können, so zu lieben, wie er liebt.

Das liegt daran, dass wir die größten Freuden und den größten Kummer in unseren familiären Beziehungen erleben. Die Freuden rühren daher, dass wir das Wohl anderer über unser eigenes stellen. Genau das ist Liebe. Und der Kummer rührt vor allem von der Selbstsucht her, also der Abwesenheit von Liebe. Das Ideal, das Gott uns vorhält, besteht in einer Familie, die wir so gestalten, dass sie uns möglichst glücklich macht und uns keinen Kummer bereitet. Mann und Frau sollen mit einem heiligen Bündnis besiegeln, dass sie das Wohl und das Glück ihres Ehepartners zum Mittelpunkt ihres Lebens machen wollen. Kinder sollen in eine Familie geboren werden, in der die Eltern die Bedürfnisse der Kinder für gleich wichtig halten wie ihre eigenen. Und die Kinder sollen ihre Eltern und einander lieben.

So sieht die ideale, liebevolle Familie aus. Bei vielen von uns liest man zu Hause die Worte: „Unsere Familie kann auf ewig vereint sein.“ In der Nähe meines Hauses befindet sich der Grabstein einer Mutter und Großmutter. Sie und ihr Mann waren in einem Tempel Gottes für Zeit und alle Ewigkeit aneinander und an ihre Nachkommen gesiegelt worden. Die Inschrift auf dem Grabstein lautet: „Bitte keine leeren Stühle!“ Die Frau hatte um diese Inschrift gebeten, weil sie wusste, dass es von den Entscheidungen eines jeden Familienmitglieds abhing, ob die Familie zusammen bleiben würde. Das Wort „bitte“ stand da, weil weder Gott noch die Frau jemanden zwingen können, sich für das Glück zu entscheiden. Und es gibt auch noch den Satan, der den Familien in diesem Leben wie im nächsten Elend statt Glück wünscht.

Ich hoffe, ich kann Ihnen heute ein paar Optionen vorschlagen, die schwierig erscheinen mögen, Ihnen aber die Gewissheit geben, dass Sie berechtigt sind, in der künftigen Welt keine leeren Stühle in Ihrer Familie vorzufinden.

Zunächst möchte ich den Ehemännern und -frauen einen Rat geben. Beten Sie um so viel Liebe, dass Sie das Gute an Ihrem Partner erkennen können. Beten Sie um so viel Liebe, dass Schwächen und Fehler unbedeutend erscheinen. Beten Sie um so viel Liebe, dass das, was Ihren Partner erfreut, auch Sie erfreut. Beten Sie um so viel Liebe, dass Sie Ihrem Partner seine Last und seine Sorgen abnehmen möchten.

Ich habe das in der Ehe meiner Eltern beobachtet. Als meine Mutter mit dem Tode rang und immer weniger Trost fand, wurde es für meinen Vater umso mehr zum alles beherrschenden Ziel, ihr Trost zu spenden. Er veranlasste, dass das Krankenhaus ein zweites Bett in ihr Zimmer stellte. Er war entschlossen, bei ihr zu bleiben, damit es ihr gewiss an nichts fehlte. Jeden Morgen ging er in dieser für sie so schwierigen Zeit kilometerweit zur Arbeit und kam abends zurück an ihre Seite. Ich glaube, er sah darin ein Geschenk Gottes, dass seine Liebesfähigkeit gerade da, als es ihr so viel bedeutete, so sehr zunahm. Ich glaube, er tat das, was auch Jesus aus Liebe getan hätte.

Jetzt möchte ich den Eltern einen Rat geben, deren Kind auf Abwege geraten ist. Der Erretter ist das vollkommene Beispiel für beharrliche Liebe. Denken Sie nur, welch tröstliche Worte er für diejenigen unter den Nephiten fand, die seine früheren Einladungen, zu ihm zu kommen, verworfen hatten. Zu denen, die die Zerstörung nach seiner Kreuzigung überlebt hatten, sagte er: „O ihr Haus Israel, die ich verschont habe, wie oft werde ich euch sammeln, wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel sammelt, wenn ihr umkehrt und mit voller Herzensabsicht zu mir zurückkommt.“3

Die Geschichte vom verlorenen Sohn macht uns allen Hoffnung. Der verlorene Sohn dachte an sein Zuhause, wie Ihre Kinder es auch werden. Sie werden spüren, wie Ihre Liebe sie zu Ihnen zurückzieht. Elder Orson F. Whitney machte bei einer Generalkonferenz 1929 eine bemerkenswerte Verheißung. Ich weiß, dass sie für treue Eltern, die die Tempelsiegelung an ihre Kinder in Ehren halten, zutrifft: „Wenngleich einige Schafe abirren, so achtet doch der Hirte auf sie, und früher oder später spüren sie, dass sich die Hand der Vorsehung nach ihnen ausstreckt und sie in die Herde zurückholt.“

Er sagte dann weiter: „Beten Sie für Ihre leichtfertigen und ungehorsamen Kinder; halten Sie im Glauben an ihnen fest. Hören Sie nicht auf, zu hoffen und zu vertrauen, bis Sie die Errettung durch Gott sehen.“4 Sie können für Ihre Kinder beten, sie lieb haben und sich ihnen zuwenden – voller Zuversicht, dass auch Jesus sich ihnen zuwendet. Wenn Sie den Versuch nie aufgeben, tun Sie das, was Jesus tut.

Nun mein Rat an die Kinder. Der Herr hat Ihnen ein Gebot mit einer Verheißung gegeben: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, auf dass deine Tage lange währen in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.“5 Dies ist das einzige der Zehn Gebote, an das eine Verheißung geknüpft ist. Vielleicht leben Ihre Eltern nicht mehr. Manche von Ihnen haben vielleicht den Eindruck, Ihre Eltern hätten es nicht verdient, dass ihre Kinder sie ehren und achten. Vielleicht kannten Sie Ihre Eltern nicht einmal. Aber Sie verdanken ihnen Ihr Leben. Und selbst wenn Ihr Leben nicht verlängert wird, so wird es doch auf jeden Fall besser werden, wenn Sie ganz einfach ein ehrenhaftes Andenken an Ihre Eltern bewahren.

Nun zu denjenigen, die eine andere Familie angenommen haben, als wäre sie ihre eigene: Ich habe Freunde, die den Geburtstag meiner Kinder besser kennen als ich. Meine Frau und ich haben Freunde, die selten einen Feiertag verpasst und uns fast immer besucht oder daran gedacht haben. Ich bin immer gerührt, wenn jemand ein Gespräch mit den Worten „Wie geht es deinen Kindern?“ beginnt und dann mit einem Gesichtsausdruck voller Zuneigung die Antwort abwartet. Aufmerksam wird meine Schilderung der Lebensumstände jedes einzelnen meiner Kinder verfolgt. Diese Zuneigung verstärkt in mir das Gefühl, wie aufmerksam der Erlöser unsere Kinder liebt. Der Fragestellung entnehme ich, dass hier jemand das spürt und fragt, was Jesus gespürt und gefragt hätte.

Für uns alle ist es wohl nicht einfach, in unserem Leben mehr Liebe zu entwickeln und zu erleben, wie wir mehr wie der Erlöser werden, unser vollkommenes Beispiel. Ich möchte Ihnen Mut machen. Sie haben Beweise dafür erhalten, dass Sie sich auf dem Weg befinden, der dahin führt, dass Sie wie Jesus werden. Es wird Ihnen helfen, wenn Sie daran denken, wie Sie sich manchmal selbst mitten in Kummer und Prüfungen wie ein kleines Kind gefühlt haben. Denken Sie an die Kinder, die dieses Lied gesungen haben. Denken Sie an die Zeiten, in denen Sie sich, vielleicht erst vor kurzem, wie diese kleinen Kinder gefühlt haben, die da sangen: „Ich möchte so sein wie Jesus, will folgen ihm jeden Tag.“ Sie wissen ja, dass Jesus seine Jünger aufforderte, die Kinder zu ihm zu bringen. Er sagte: „Lasst die Kinder zu mir kommen, … denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes.“6 Sie haben den Frieden, den ein reines, kleines Kind spürt, manchmal schon gespürt, wenn Sie wie Jesus sein wollten.

Vielleicht war es, als Sie sich taufen ließen. Jesus brauchte die Taufe nicht, denn er war rein. Aber als Sie sich taufen ließen, hatten Sie das Gefühl, Sie werden sauber gemacht – wie ein kleines Kind. Als Jesus sich taufen ließ, waren die Himmel offen, und er hörte die Stimme seines Vaters im Himmel: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.“7 Sie haben keine Stimme gehört, aber Sie haben gespürt, wie der himmlische Vater sich nähert, als Sie taten, was Jesus getan hatte.

Sie haben das in Ihrer Familie gespürt, als Sie Ihren Ehepartner um Verzeihung gebeten oder einem Kind, das einen Fehler begangen hatte oder ungehorsam gewesen war, vergeben haben. Solche Augenblicke häufen sich, wenn man sich bemüht, das zu tun, was Jesus zweifellos getan hätte. Wegen des Sühnopfers, das er für Sie gebracht hat, wird ihr kindlicher Gehorsam beim Erlöser liebevolle Regungen für Sie und bei Ihnen die Liebe zu ihm erwecken. Dies ist eine der Gaben, die seinen treuen Jüngern verheißen sind. Und diese Gabe können nicht nur Sie, sondern auch die liebevollen Mitglieder Ihrer Familie erhalten. In 3 Nephi steht eine Verheißung: „Und alle deine Kinder werden vom Herrn belehrt werden; und groß wird der Friede deiner Kinder sein.“8

Ich hoffe, wenn Sie heute fortgehen, halten Sie nach Gelegenheiten Ausschau, es Jesus nachzutun und so zu lieben, wie er liebt. Ich kann Ihnen versprechen, dass der Friede, den Sie als Kind verspürten, sich oft einstellen wird und bei Ihnen verbleiben wird. Die Verheißung, die Jesus seinen Jüngern machte, stimmt: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch.“9

Noch ist niemand von uns vollkommen. Aber wir können oft die Gewissheit erlangen, dass wir auf dem Weg sind. Jesus leitet uns und lädt uns ein, ihm zu folgen.

Ich bezeuge, dass der Weg darin liegt, dass man an Jesus Christus glaubt, dass man sich taufen lässt, den Heiligen Geist empfängt und liebevoll darin ausharrt, seine Gebote zu halten. Ich weiß, dass der Vater lebt und uns liebt. Er liebt seinen geliebten Sohn, den Herrn Jesus Christus, der unser vollkommenes Beispiel ist. Joseph Smith war der Prophet der Wiederherstellung. Er sah den Vater und den Sohn. Ich weiß, dass das wahr ist. In der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage gibt es die Macht des Priestertums, die uns die heiligen Handlungen bringt, die es uns ermöglichen, besser und immer besser und mehr wie der Erlöser und unser himmlischer Vater zu werden. Ich segne Sie, dass Sie die gleiche Zuversicht und Akzeptanz spüren mögen, die Sie als kleines Kind verspürt haben. Im Namen Jesu Christi. Amen.

Quellenangaben anzeigenQuellenangaben ausblenden
    1. Moroni 7:48

    2. „Ich möchte so sein wie Jesus“, Liederbuch für Kinder, Seite 40f.

    3. 3 Nephi 10:6

    4. Orson F. Whitney, Frühjahrs- Generalkonferenz 1929

    5. Mosia 13:20

    6. Markus 10:14

    7. Matthäus 3:17

    8. 3 Nephi 22:13

    9. Johannes 14:27