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Herbst 2009 | Die Liebe Gottes

Die Liebe Gottes

Herbst 2009 Generalkonferenz

Die Liebe ist das Maß unseres Glaubens, der Beweggrund für unseren Gehorsam und das, was uns als Jünger wahrhaft Auftrieb gibt.

Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage wächst immer weiter und wird in aller Welt immer bekannter. Es wird zwar immer Leute geben, die die Kirche und ihre Mitglieder ins falsche Licht rücken, aber die meisten betrachten uns als ehrliche, hilfsbereite und fleißige Menschen. Manche denken sofort an ordentlich zurechtgemachte Missionare, liebevolle Familien und freundliche Nachbarn, die weder rauchen noch trinken. Andere kennen uns als Menschen, die jeden Sonntag drei Stunden in der Kirche sitzen, wo alle Brüder oder Schwestern sind, und dass unsere Kinder dort Lieder singen über einen sprechenden Bach, über Popcorn, das am Apfelbaum wächst, und über Kinder, die Sonnenstrahlen werden wollen.

Brüder und Schwestern, wenn wir für etwas bekannt sein wollen, gibt es da nicht Eigenschaften, die uns mehr als alles andere, was man über uns sagen könnte, als Mitglieder der Kirche des Herrn, ja, als Jünger Jesu Christi kennzeichnen? Seit der letzten Generalkonferenz vor sechs Monaten habe ich viel über diese und ähnliche Fragen nachgedacht. Heute möchte ich Ihnen einige Gedanken und Eindrücke mitteilen, die mir dazu in den Sinn gekommen sind. Die erste Frage lautet:

Wie werden wir wahre Jünger Jesu Christi?

Der Erlöser selbst gab die Antwort, und zwar mit dieser tiefgründigen Erklärung: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“1 Das ist der Kern dessen, was es bedeutet, ein wahrer Jünger zu sein: Wer Christus Jesus angenommen hat, lebt in ihm.2

Doch das stellt manch einen vor Probleme, denn es gibt so vieles, was man „soll“ und „nicht soll“, dass es schon eine Herausforderung sein kann, nichts zu vergessen. Manchmal werden göttliche Grundsätze durch gut gemeinte, meist jedoch nicht inspirierte Ergänzungen verkompliziert, sodass die Reinheit göttlicher Wahrheit durch menschliche Zusätze verwässert wird. Jemand hat eine gute Idee, die ihm persönlich weitergeholfen hat, doch dann setzt sie sich fest und wird zur Erwartung. Nach und nach gehen dann ewige Grundsätze im Labyrinth der „guten Ideen“ verloren.

Genau das kritisierte der Erretter an den geistlichen „Fachkundigen“ seiner Zeit, die er dafür tadelte, hunderte weniger wichtige Einzelheiten des Gesetzes zu befolgen und das Wichtigste im Gesetz außer Acht zu lassen.3

Wie gelingt es uns dann, uns stets am Wichtigsten auszurichten? Gibt es einen verlässlichen Kompass, der uns hilft, in unserem Leben, im Denken und im Handeln die richtigen Prioritäten zu setzen?

Wieder zeigt uns der Erlöser den Weg. Als man ihn nach dem wichtigsten Gebot fragte, zögerte er nicht mit der Antwort: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken“, sagte er. „Das ist das wichtigste und erste Gebot.“4 Gepaart mit dem zweiten wichtigen Gebot, nämlich unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst5, ist dies für uns wie ein Kompass, der nicht nur uns, sondern auch die Kirche des Herrn auf beiden Seiten des Schleiers leitet.

Da die Liebe das wichtigste Gebot ist, sollte sie im Mittelpunkt von allem stehen, was wir in der eigenen Familie, in unseren Berufungen in der Kirche und in unserem Arbeitsalltag unternehmen. Liebe ist der heilende Balsam, der die Risse in persönlichen und familiären Beziehungen kittet. Sie ist das Band, das Familien, Länder und Völker eint. Liebe ist die Macht, die zu Freundschaft, Toleranz, Höflichkeit und Respekt führt. Sie ist die Quelle, die Zwietracht und Hass überwindet. Liebe ist das Feuer, das unser Leben mit unvergleichlicher Freude und göttlicher Hoffnung erwärmt. Liebe soll all unser Reden und Handeln bestimmen.

Wenn wir wirklich verstanden haben, was es bedeutet, andere so zu lieben, wie Jesus Christus uns liebt, lösen sich Unklarheiten auf und die Prioritäten sind richtig ausgerichtet. Wir erfahren mehr Freude auf unserem Weg als Jünger Christi. Unser Leben bekommt neuen Sinn. Unsere Beziehung zum himmlischen Vater wird inniger. Gehorsam ist dann eine Freude, keine Last.

Warum sollen wir Gott lieben?

Gott, der ewige Vater, hat uns das wichtigste und erste Gebot nicht gegeben, weil er darauf angewiesen ist, dass wir ihn lieben. Seine Macht und Herrlichkeit wird nicht gemindert, wenn wir seinen Namen verachten, leugnen oder gar beschmutzen. Sein Einfluss und seine Herrschaft reichen durch Zeit und Raum, völlig unabhängig von unserer Anerkennung, Zustimmung oder Bewunderung.

Nein, Gott ist nicht darauf angewiesen, dass wir ihn lieben. Aber wie sehr sind wir doch darauf angewiesen, dass wir Gott lieben!

Denn was wir lieben, bestimmt unser Streben.

Unser Streben bestimmt unser Denken und Handeln.

Unser Denken und Handeln bestimmt, wer wir sind – und wer wir einst werden.

Wir wurden als Abbild unserer himmlischen Eltern erschaffen; wir sind Gottes Geistkinder. Daher gehört die Fähigkeit, aufrichtig zu lieben, zu unserem geistigen Erbe. Was und wie wir lieben, charakterisiert uns nicht nur als Menschen, sondern auch als Kirche. Liebe ist das wesentliche Merkmal eines Jüngers Christi.

Seit Anbeginn der Zeit entspringen der Liebe sowohl das höchste Glück als auch die schwersten Lasten. Es zeigt sich, dass alles Elend seit den Tagen Adams bis heute daher rührt, dass man das Falsche liebt. Und alle Freude rührt daher, dass man das Gute liebt.

Und das Größte von allem Guten ist Gott.

Unser Vater im Himmel hat uns, seinen Kindern, viel mehr gegeben, als der menschliche Verstand erfassen kann. Unter seiner Leitung hat der große Jehova die erstaunliche Welt geschaffen, in der wir leben. Gottvater wacht über uns, erfüllt unser Herz mit atemberaubender Freude, erhellt die finstersten Stunden mit seligem Frieden, lässt uns kostbare Wahrheiten erkennen, führt uns durch Zeiten der Bedrängnis, freut sich, wenn wir uns freuen, und erhört unser rechtschaffenes Flehen.

Er verheißt seinen Kindern eine herrliche, unendliche Existenz und hat den Weg dafür bereitet, dass wir an Erkenntnis und Herrlichkeit zunehmen, bis wir eine Fülle der Freude empfangen. Er hat uns alles verheißen, was er hat.

Falls das noch nicht Grund genug ist, unseren himmlischen Vater zu lieben, können wir uns vielleicht an die Worte des Apostels Johannes halten, der sagte: „Wir wollen [Gott] lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.“6

Warum liebt uns der himmlische Vater?

Stellen Sie sich die reinste, erfüllendste Liebe vor, die es nur geben kann. Nun multiplizieren Sie diese Liebe mit dem Faktor unendlich, dann wissen Sie, wie sehr Gott Sie liebt.7

Gott sieht nicht auf das Äußere.8 Ich glaube, es kümmert ihn kein bisschen, ob wir in einem Schloss oder einer Hütte wohnen, ob wir gut aussehend oder wenig attraktiv sind, berühmt oder unbeachtet. Obwohl wir unvollständig sind, liebt Gott uns voll und ganz. Obwohl wir unvollkommen sind, liebt Gott uns mit vollkommener Liebe. Auch wenn wir uns verloren und ohne Kompass wähnen, sind wir doch gänzlich umfangen von Gottes Liebe.

Er liebt uns, weil er von einer unermesslichen und unbeschreiblich heiligen und reinen Liebe erfüllt ist. Wir sind Gott nicht wegen unseres Lebenslaufs wichtig, sondern weil wir seine Kinder sind. Er liebt einen jeden von uns; auch diejenigen, die Fehler haben, abgelehnt werden, unbeholfen, bekümmert oder gebrochen sind. Gottes Liebe ist so groß, dass er sogar die Stolzen, die Selbstsüchtigen, die Überheblichen und die Schlechten liebt.

Das bedeutet, dass es Hoffnung für uns gibt, ganz unabhängig von unserer derzeitigen Lage. Ungeachtet unserer Bedrängnis, unseres Kummers und unserer Fehler wünscht sich unser himmlischer Vater, dessen Mitgefühl grenzenlos ist, dass wir uns ihm nahen, damit er sich uns nahen kann.9

Wir können wir unsere Liebe zu Gott vertiefen?

Da „Gott … die Liebe“10 ist, spüren wir die Liebe umso eindringlicher, je näher wir ihm kommen.11 Da jedoch ein Schleier dieses irdische Leben von unserer himmlischen Heimat trennt, müssen wir im Geist nach dem trachten, was das irdische Auge nicht sieht.

Der Himmel scheint zuweilen weit entfernt, aber die heiligen Schriften geben uns Hoffnung: „Sucht ihr mich, so findet ihr mich. Wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt.“12

Von ganzem Herzen nach Gott zu fragen bedeutet aber viel mehr, als einfach ein Gebet zu sprechen oder Gott mit ein paar Worten zu uns zu bitten. „Denn die Liebe zu Gott besteht darin, dass wir seine Gebote halten.“13 Wir können viel Aufhebens darum machen, dass wir Gott kennen. Wir können öffentlich verlautbaren, dass wir ihn lieben. Wenn wir ihm aber nicht gehorchen, ist alles vergebens, denn „wer sagt: Ich habe ihn erkannt!, aber seine Gebote nicht hält, ist ein Lügner, und die Wahrheit ist nicht in ihm“14.

Wir vertiefen unsere Liebe zum himmlischen Vater und stellen diese Liebe unter Beweis, indem wir unser Denken und Handeln an Gottes Wort ausrichten. Seine reine Liebe leitet uns und spornt uns an, immer reiner und heiliger zu werden. Sie motiviert uns zu einem rechtschaffenen Lebenswandel – nicht aus Furcht oder Pflichtgefühl, sondern aus dem aufrichtigen Wunsch heraus, ihm noch ähnlicher zu werden, weil wir ihn lieben. Dadurch können wir „von neuem … geboren werden … [und] durch Blut gesäubert werden, nämlich das Blut [des] Einziggezeugten, damit [wir] von aller Sünde geheiligt [werden] und [uns] erfreuen [können] an den Worten des ewigen Lebens in dieser Welt und an ewigem Leben in der künftigen Welt, ja, an unsterblicher Herrlichkeit“15.

Meine lieben Brüder und Schwestern, verlieren Sie nicht den Mut, wenn Sie hin und wieder straucheln. Seien Sie nicht niedergeschlagen oder verzweifelt, wenn Sie sich nicht jederzeit würdig fühlen, ein Jünger Christi zu sein. Der erste Schritt zu einem rechtschaffenen Lebenswandel ist, es einfach zu versuchen. Wir müssen versuchen, zu glauben. Versuchen Sie, von Gott zu lernen: Lesen Sie die heiligen Schriften, studieren Sie die Worte seiner Propheten in den Letzten Tagen, nehmen Sie sich vor, auf den Vater zu hören und zu tun, was er von uns verlangt. Versuchen Sie es immer wieder, bis das, was schwer erscheint, möglich wird – und das, was nur möglich erscheint, zur Gewohnheit wird und zu einem echten Teil Ihrer selbst.

Wie können wir des Vaters Stimme hören?

Wenn Sie sich dem himmlischen Vater zuwenden, wenn Sie zu ihm im Namen Christi beten, wird er Antwort geben. Er spricht überall zu uns.

Wenn Sie Gottes Wort lesen, wie es in den heiligen Schriften steht, achten Sie auf seine Stimme.

Achten Sie bei dieser Generalkonferenz, und wenn Sie diese Worte später lesen, auf seine Stimme.

Wenn Sie in den Tempel oder zu den Versammlungen der Kirche gehen, achten Sie auf seine Stimme.

Achten Sie auf die Stimme des Vaters in der Vielfalt und Schönheit der Natur und wenn der Geist sanft zu Ihnen spricht.

Im täglichen Umgang mit anderen, im Text eines Kirchenlieds, im Lachen eines Kindes – achten Sie auf seine Stimme.

Wenn Sie auf die Stimme des Vaters achten, führt er Sie auf einen Kurs, der es Ihnen ermöglicht, die reine Christusliebe zu verspüren.

Wenn wir uns dem himmlischen Vater nahen, werden wir heiliger. Und wenn wir heiliger werden, überwinden wir den Unglauben, und Gottes seliges Licht erfüllt unsere Seele. Wenn wir unser Leben nach diesem himmlischen Licht ausrichten, führt es uns aus der Finsternis zu noch größerem Licht. Dieses größere Licht führt das unaussprechliche Wirken des Heiligen Geistes herbei, und der Schleier zwischen Himmel und Erde kann dünn werden.

Warum ist die Liebe das wichtigste Gebot?

Die Liebe des himmlischen Vaters zu seinen Kindern ist die zentrale Aussage im Plan des Glücklichseins, der durch das Sühnopfer Jesu Christi – der größten Bekundung von Liebe, die die Welt je gekannt hat16 – wirksam wird.

Wie klar hat es der Erretter doch ausgedrückt, als er sagte, dass am Grundsatz Liebe alle anderen Gebote hängen.17 Wenn wir die wichtigsten Gebote nicht vernachlässigen – den himmlischen Vater und unsere Mitmenschen mit ganzem Herzen, ganzer Seele und mit all unseren Gedanken zu lieben –, dann ergibt sich alles andere von selbst.

Die Liebe Gottes macht eine gewöhnliche Tat zu etwas Außergewöhnlichem. Die Liebe Gottes ist der Auslöser dafür, dass aus einfachen Worten heilige Schrift wird. Die Liebe Gottes ist der Anlass dafür, dass jemand, der zunächst nur widerwillig Gottes Gebote befolgt, voll Hingabe Opfer bringt und sich Gott weiht.

Die Liebe beleuchtet dem Jünger den Weg und erfüllt unser tägliches Tun mit Leben, Sinn und Staunen.

Die Liebe ist das Maß unseres Glaubens, der Beweggrund für unseren Gehorsam und das, was uns als Jünger wahrhaft Auftrieb gibt.

Die Liebe ist der Weg des Jüngers.

Ich bezeuge, dass es einen Gott im Himmel gibt. Er lebt. Er kennt Sie und er liebt Sie. Er denkt an Sie. Er hört Ihre Gebete und kennt die Wünsche Ihres Herzens. Er ist von unendlicher Liebe zu Ihnen erfüllt.

Ich möchte schließen, wie ich begonnen habe, meine lieben Brüder und Schwestern: Welche Eigenschaft soll uns als Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage kennzeichnen?

Wir wollen als Menschen bekannt sein, die Gott mit ganzem Herzen, ganzer Seele und all ihren Gedanken lieben und die ihren Nächsten lieben wie sich selbst. Wenn wir diese beiden wichtigen Gebote verstehen und sie in unserer Familie, in unseren Gemeinden und Zweigen, in unserem Land und in unserem täglichen Leben anwenden, begreifen wir allmählich, was es bedeutet, ein wahrer Jünger Jesu Christi zu sein. Davon gebe ich Zeugnis im heiligen Namen Jesu Christi. Amen.

Quellenangaben anzeigenQuellenangaben ausblenden
    1. Johannes 14:15

    2. Siehe Kolosser 2:6

    3. Siehe Matthäus 23:23

    4. Matthäus 22:37,38

    5. Siehe Matthäus 22:39

    6. 1 Johannes 4:19

    7. Siehe Jesaja 54:10; Jeremia 31:3

    8. Siehe 1 Samuel 16:7

    9. Siehe LuB 88:63

    10. 1 Johannes 4:8

    11. Siehe Römer 5:5; 1 Johannes 4:7,16

    12. Jeremia 29:13

    13. 1 Johannes 5:3; siehe auch 2 Johannes 1:6

    14. 1 Johannes 2:4; siehe auch Jesaja 29:13

    15. Mose 6:59

    16. Siehe 1 Johannes 15:13

    17. Siehe Matthäus 22:40