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Frühjahr 2010 | Wachsam sein und ausharren

Wachsam sein und ausharren

Frühjahr 2010 Generalkonferenz

Ein geistiges Frühwarnsystem kann den Eltern in Zion helfen, in Bezug auf ihre Kinder wachsam und achtsam zu sein.

Ich war vor kurzem mit dem Auto unterwegs, als ein Gewitter heraufzog und der Regen auf die Windschutzscheibe prasselte. Am Straßenrand stand ein elektrisches Schild mit der rechtzeitigen Warnung: „Vorsicht! Straße überschwemmt!“ Die Straße, auf der ich mich befand, wirkte durchaus sicher. Durch diese wichtige Information konnte ich mich jedoch auf eine mögliche Gefahr vorbereiten, die ich nicht erwartet hatte und noch nicht sehen konnte. Auf dem Weg zu meinem Ziel verlangsamte ich das Tempo und achtete sorgsam auf weitere Warnschilder.

Ein frühes Warnschild finden wir in vielen Bereichen unseres Lebens. Beispielsweise kann Fieber das erste Symptom einer Krankheit sein. Anhand verschiedener Anzeichen in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt kann man künftige Trends in der regionalen und nationalen Wirtschaft vorhersagen. Und je nachdem, wo auf der Welt wir wohnen, erhalten wir Warnungen vor Überschwemmungen, Lawinen, Hurrikans, Tsunamis, Tornados oder Winterstürmen.

Wir sind auch gesegnet, weil wir geistige Frühwarnzeichen erhalten, die uns schützen und uns den Weg weisen. Denken Sie daran, wie Noach vor etwas gewarnt wurde, was noch nicht sichtbar war, und er „eine Arche zur Rettung seiner Familie“ baute (Hebräer 11:7).

Lehi erhielt die Warnung, Jerusalem zu verlassen und mit seiner Familie in die Wildnis zu ziehen, da die Menschen, denen er Umkehr gepredigt hatte, ihn umbringen wollten (siehe 1 Nephi 2:1,2).

Auch der Heiland selbst wurde dank der Warnung eines Engels gerettet: „Josef [erschien] im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.“ (Matthäus 2:13.)

Achten Sie auf die Wortwahl, die der Herr in der Offenbarung verwendet, die als das Wort der Weisheit bekannt ist: „Infolge der Schlechtigkeit und der bösen Absichten, die im Herzen von verschwörerischen Menschen in den Letzten Tagen vorhanden sind und sein werden, habe ich euch gewarnt und warne euch im Voraus, indem ich euch durch Offenbarung dieses Wort der Weisheit gebe.“ (LuB 89:4.)

Eine geistige Warnung soll uns veranlassen, vermehrt wachsam zu sein. Wir leben an einem „Tag des Warnens“ (LuB 63:58). Und da wir gewarnt worden sind und noch weiterhin gewarnt werden, müssen wir, wie der Apostel Paulus mahnt, wachsam sein und ausharren (vgl. Epheser 6:18).

Ich bete um die Führung des Geistes, wenn ich nun über ein geistiges Frühwarnsystem spreche, das den Eltern in Zion helfen kann, in Bezug auf ihre Kinder wachsam und achtsam zu sein. Dieses Frühwarnsystem gilt für Kinder jedes Alters und besteht aus drei grundlegenden Elementen: 1.) Lesen Sie mit Ihren Kindern im Buch Mormon und sprechen Sie darüber. 2.) Geben Sie Ihren Kindern spontan Zeugnis von den Evangeliumswahrheiten. 3.) Ermuntern Sie Ihre Kinder, die ja das Evangelium lernen, für sich selbst zu handeln und nicht nur auf sich einwirken zu lassen. Eltern, die sich gewissenhaft daran halten, werden gesegnet, frühzeitig zu erkennen, wenn ihre Kinder geistig wachsen oder Schwierigkeiten haben. Sie sind dann besser darauf vorbereitet, Inspiration zu empfangen, um ihre Kinder zu stärken und ihnen zu helfen.

Erstens: Im Buch Mormon lesen und darüber sprechen

Das Buch Mormon enthält die Fülle des Evangeliums des Erretters und es ist das einzige Buch, von dem der Herr selbst bezeugt hat, dass es wahr ist (siehe LuB 17:6; siehe auch Russell M. Nelson, „Ein Zeugnis vom Buch Mormon“, Liahona, Januar 2000, Seite 82). Das Buch Mormon ist wahrhaft der Schlussstein unserer Religion.

Die überzeugende und bekehrende Macht des Buches Mormon kommt zum einen dadurch, dass der Herr Jesus Christus im Mittelpunkt steht, zum anderen von der inspirierten Klarheit und Deutlichkeit der darin enthaltenen Lehren. Nephi hat gesagt: „Meine Seele erfreut sich an Klarheit für mein Volk, damit es lernen kann.“ (2 Nephi 25:4.) Im Englischen steht hier für klar ein Wort, das auch einfach und gewöhnlich bedeutet, in diesem Vers aber ist deutlich und leicht verständlich gemeint.

Das Buch Mormon ist das richtigste aller Bücher auf Erden, weil in seinem Mittelpunkt die Wahrheit steht (siehe Johannes 14:6; 1 Nephi 13:40), nämlich Jesus Christus, und weil es all das Klare und Kostbare wiederherstellt, was vom wahren Evangelium hinweggenommen wurde (siehe 1 Nephi 13:26,28,29,32,34,35,40). Das einzigartige Zusammenspiel dieser beiden Elemente – der Erretter im Mittelpunkt und die Klarheit der Lehren – führt machtvoll zum bestätigenden Zeugnis durch das dritte Mitglied der Gottheit: den Heiligen Geist. Daher werden durch das Buch Mormon Geist und Herz des Lesers angesprochen wie von keiner anderen heiligen Schrift.

Der Prophet Joseph Smith hat gesagt, wenn man sich an die Weisungen des Buches Mormon halte, werde man dadurch „Gott näher kommen“ als durch jedes andere Buch (Lehren der Präsidenten der Kirche: Joseph Smith, Seite 64). Wenn wir regelmäßig im Buch Mormon lesen und darüber sprechen, empfangen wir die Kraft, Versuchungen zu widerstehen und Liebe innerhalb der Familie zu entwickeln. Und Gespräche über die Lehren und Grundsätze im Buch Mormon bieten den Eltern die Gelegenheit, ihre Kinder zu beobachten, ihnen zuzuhören, von ihnen zu lernen und sie zu lehren.

Kinder in jedem Alter – sogar Kleinkinder – können den besonderen Geist verspüren, der vom Buch Mormon ausgeht, und tun das auch. Vielleicht verstehen Kinder nicht jedes Wort und jede Geschichte, aber sie können gewiss einen vertrauten Geist spüren (siehe Jesaja 29:4 in der King-James-Übersetzung der Bibel; siehe auch 2 Nephi 26:16). Die Fragen, die ein Kind stellt, das, was ihm auffällt, und das Gespräch, das sich daraus entwickelt, können entscheidende geistige Frühwarnzeichen zutage fördern. Wichtig dabei ist, dass Eltern durch ein solches Gespräch erkennen können, was ihr Kind über die Wahrheiten in dieser heiligen Schrift lernt, denkt und empfindet, und auch, mit welchen Schwierigkeiten es zu kämpfen hat.

Zweitens: Spontan Zeugnis geben

Ein Zeugnis ist die auf der Bestätigung durch den Heiligen Geist beruhende eigene Erkenntnis, dass gewisse Tatsachen von ewiger Bedeutung wahr sind. Der Heilige Geist ist der Bote des Vaters und des Sohnes. Er lehrt und führt uns in alle Wahrheit (siehe Johannes 14:26; 16:13). So können wir „durch die Macht des Heiligen Geistes … von allem wissen, ob es wahr ist“ (Moroni 10:5).

Die Erkenntnis und geistige Überzeugung, die wir vom Heiligen Geist empfangen, sind das Ergebnis von Offenbarung. Wer nach diesen Segnungen trachtet und sie erlangen will, braucht ein aufrichtiges Herz, wirklichen Vorsatz und Glauben an Christus (siehe Moroni 10:4). Mit einem eigenen Zeugnis gehen auch Rechenschaftspflicht und Verantwortung einher.

Eltern müssen wachsam und geistig aufmerksam sein, um spontan Gelegenheiten nutzen zu können, ihren Kindern Zeugnis zu geben. Diese Gelegenheiten brauchen nicht geplant, angesetzt oder schriftlich vorbereitet zu werden. Je weniger man es reglementiert, so Zeugnis zu geben, desto eher kann man jemanden aufrichten und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. „Sorgt euch auch nicht im Voraus, was ihr sagen sollt; sondern häuft in eurem Sinn beständig die Worte des Lebens auf wie einen Schatz, dann wird euch zur selben Stunde das Maß eingegeben werden, das einem jeden zugemessen werden soll.“ (LuB 84:85.)

Beispielsweise kann ein ganz normales Gespräch beim Abendessen der ideale Zeitpunkt für die Eltern sein, zu berichten und Zeugnis zu geben, wie sie im Laufe des Tages bei ihren gewohnten Tätigkeiten konkret gesegnet wurden. Ein Zeugnis muss auch nicht immer mit den Worten „Ich gebe dir Zeugnis“ beginnen. Man kann auf ganz einfache Weise Zeugnis geben, zum Beispiel: „Ich weiß, dass ich heute auf der Arbeit inspiriert wurde“ oder „Die Wahrheit in dieser Schriftstelle hat mir schon immer klar die Richtung gewiesen.“ Eine ähnliche Gelegenheit, Zeugnis zu geben, ergibt sich vielleicht, während man gemeinsam im Auto oder Bus unterwegs ist oder zu einem anderen von vielen möglichen Zeitpunkten.

Wie ein Kind auf ein Zeugnis reagiert, das aus dem Stegreif kommt, und wie eifrig oder zögerlich es das aufnimmt, ist ein guter Anhaltspunkt für geistige Frühwarnzeichen. Wie ein Kind sich dazu äußert, was es vor kurzem beim gemeinsamen Schriftstudium mit der Familie gelernt hat, oder wenn es offen Zweifel an einem Grundsatz oder Brauch des Evangeliums äußert, ist das sehr aufschlussreich, und Eltern können besser verstehen, was das Kind beschäftigt und was es braucht. Ein solches Gespräch – besonders wenn die Eltern genauso bereitwillig zuhören wie reden – fördert eine freundliche und sichere Atmosphäre zu Hause und regt jeden dazu an, weiterhin miteinander über schwierige Themen zu sprechen.

Drittens: Kinder ermutigen, für sich selbst zu handeln

Alles, was Gott erschaffen hat, ist unterteilt in das, was handelt, und das, worauf eingewirkt wird (siehe 2 Nephi 2:14). Als Kinder des himmlischen Vaters sind wir mit der Gabe der Entscheidungsfreiheit gesegnet, der Fähigkeit und Macht, selbständig zu handeln. Aufgrund unserer Entscheidungsfreiheit sind wir diejenigen, die in erster Linie handeln müssen und nicht bloß auf sich einwirken lassen dürfen – insbesondere dann, wenn wir „nach Wissen [trachten], durch Studium und auch durch Glauben“ (LuB 88:118).

Wenn wir das Evangelium lernen, sollen wir das Wort nicht nur anhören, sondern danach handeln (siehe Jakobus 1:22). Unser Herz öffnet sich dem Einfluss des Heiligen Geistes, wenn wir die Entscheidungsfreiheit auf rechte Weise und in Einklang mit den richtigen Grundsätzen ausüben, und wir so für seine Macht empfänglich sind, die uns lehrt und Zeugnis gibt. Eltern haben die heilige Aufgabe, ihren Kindern zu helfen, für sich selbst zu handeln und durch Glauben nach Wissen zu trachten. Ein Kind ist niemals zu klein, um auf diese Weise etwas zu lernen.

Gibt man jemandem einen Fisch, dann hat er eine Mahlzeit. Bringt man ihm jedoch das Fischen bei, hat er sein Leben lang genug Nahrung. Als Eltern und Evangeliumslehrer haben wir nicht die Aufgabe, Fische zu verteilen, sondern unseren Kindern zu helfen, dass sie „fischen“ lernen und geistig gesehen standhaft werden. Dieses wichtige Ziel wird am besten dadurch erreicht, dass wir unsere Kinder ermutigen, im Einklang mit richtigen Grundsätzen zu handeln – dass wir ihnen helfen, durch Tun zu lernen. „Wer bereit ist, den Willen Gottes zu tun, wird erkennen, ob diese Lehre von Gott stammt.“ (Johannes 7:17.) Diese Art des Lernens erfordert geistige, intellektuelle und körperliche Anstrengung und nicht nur passive Aufnahmebereitschaft.

Die Grundlage dafür, dass man Kinder, die das Evangelium lernen, dazu ermuntert, für sich selbst zu handeln und nicht nur auf sich einwirken zu lassen, ist, dass man innerhalb der Familie im Buch Mormon liest und darüber spricht und spontan Zeugnis gibt. Stellen Sie sich zum Beispiel einen Familienabend vor, bei dem man die Kinder bittet und es sogar erwartet, dass sie Fragen vorbereiten über das, was sie im Buch Mormon gelesen und gelernt haben – oder über ein Thema, das man kürzlich in der Familie in einem Gespräch übers Evangelium oder in einem spontanen Zeugnis betont hat. Stellen Sie sich nun vor, dass die Kinder Fragen stellen, auf die ihre Eltern nicht ausreichend vorbereitet sind, um sie zu beantworten. Einige Eltern mögen sich bei dem Gedanken unwohl fühlen, einen so unstrukturierten Familienabend durchzuführen. Der beste Familienabend ist jedoch nicht unbedingt das Ergebnis vorgefertigter, käuflich erworbener oder aus dem Internet heruntergeladener Anleitungen und Anschauungsmaterialien. Es ist eine herrliche Gelegenheit für die Familie, gemeinsam in den heiligen Schriften zu forschen und vom Heiligen Geist unterwiesen zu werden. „Denn der Prediger war nicht besser als der Hörer, und der Lehrer war um nichts besser als der Lernende; … und sie arbeiteten alle, ein jeder gemäß seiner Kraft.“ (Alma 1:26.)

Fragen wir uns: Helfen wir unseren Kindern, für sich selbst zu handeln und durch Studium und Glauben nach Wissen zu trachten, oder haben wir ihnen beigebracht, darauf zu warten, dass sie unterwiesen werden und auf sie eingewirkt wird? Geben wir als Eltern unseren Kindern in erster Linie das Gegenstück von geistigem Fisch als Nahrung oder helfen wir ihnen kontinuierlich, selbständig zu handeln und zu lernen und standhaft und unverrückbar zu sein? Helfen wir unseren Kindern, voll Eifer zu bitten, zu suchen und anzuklopfen? (Siehe 3 Nephi 14:7.)

Die geistigen Erkenntnisse, die Sie und ich empfangen haben und die uns im Herzen als wahr bestätigt wurden, lassen sich einfach nicht an unsere Kinder weitergeben. Das Lehrgeld muss bezahlt werden, indem man eifrig durch Studium und auch durch Glauben lernt, damit man selbst diese Erkenntnis erlangt. Nur auf diesem Weg kann man das, was man im Verstand weiß, auch im Herzen fühlen. Nur auf diesem Weg kann ein Kind aufhören, sich auf die geistige Erkenntnis und Erfahrung der Eltern und anderer Erwachsener zu verlassen, und stattdessen diese Segnungen für sich selbst in Anspruch nehmen. Nur auf diesem Weg sind unsere Kinder auf die Schwierigkeiten des Erdenlebens geistig vorbereitet.

Verheißung und Zeugnis

Ich gebe Zeugnis, dass Eltern, die kontinuierlich mit ihren Kindern im Buch Mormon lesen und darüber sprechen, ihren Kindern spontan Zeugnis geben und ihre Kinder, die das Evangelium lernen, dazu ermuntern, für sich selbst zu handeln und nicht nur auf sich einwirken zu lassen, mit Augen gesegnet sein werden, die weit sehen können (siehe Mose 6:27) und mit Ohren, die den Schall des Horns hören können (siehe Ezechiel 33:2-16). Wenn Sie diese drei heiligen Gewohnheiten pflegen, empfangen Sie geistiges Urteilsvermögen und Inspiration und sind ein Wächter auf dem Turm Ihrer Familie. Sie sind wachsam und harren aus (siehe Epheser 6:18), zum Nutzen Ihrer Familie und künftigen Nachkommen. Dies verheiße und bezeuge ich im heiligen Namen des Herrn Jesus Christus. Amen.