„Ihr seid meine Hände“

Zweiter Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft


Als Jünger Jesu Christi, unseres Herrn, sind wir aufgerufen, andere zu unterstützen und zu heilen, und nicht, sie zu verurteilen.
 

Man erzählt sich, dass im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff auf eine Stadt eine große Christusstatue schwer beschädigt wurde. Als die Einwohner die Statue unter den Trümmern fanden, waren sie traurig, da sie ein beliebtes Symbol für ihren Glauben gewesen war und dafür, dass Gott in ihrem Leben eine Rolle spielte.

Fachleute reparierten die Statue weitestgehend, aber die Hände waren so schwer beschädigt, dass man sie nicht mehr restaurieren konnte. Einige schlugen vor, dass ein Bildhauer neue Hände anfertigen solle, andere wollten die Statue so lassen, wie sie war – als stetige Erinnerung an die Schrecken des Krieges. Letzten Endes blieb die Statue ohne Hände. Doch die Menschen dieser Stadt hatten am Sockel der Statue Jesu Christi ein Schild angebracht, auf dem stand: „Ihr seid meine Hände.“

Wir sind die Hände Christi

Diese Geschichte hat eine tiefgründige Botschaft. Wenn ich an den Erlöser denke, stelle ich ihn mir oft mit ausgestreckten Händen vor, mit denen er tröstet, heilt, segnet und Liebe erweist. Wenn er mit anderen redete, war er nie herablassend. Ihm lagen die Demütigen und die Sanftmütigen am Herzen, bei ihnen hielt er sich auf, diente ihnen und bot ihnen Hoffnung und Errettung.

So hat er sich während seines Erdenlebens verhalten, so wäre er auch heute noch, würde er unter uns leben, und so sollen auch wir als seine Jünger und als Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage uns verhalten.

An diesem schönen Ostermorgen wenden wir uns in Gedanken und im Herzen ihm zu: der Hoffnung Israels und dem Licht der Welt.

Wenn wir seinem vollkommenen Beispiel nacheifern, können unsere Hände zu seinen Händen werden, unsere Augen zu seinen Augen, unser Herz zu seinem Herz.

Unsere Hände können andere annehmen

Ich bin tief beeindruckt, wie die Mitglieder der Kirche sich anderen gegenüber verhalten. Wenn wir erfahren, welch selbstlose Opfer Sie bringen und welch großes Mitgefühl Sie haben, erfüllt uns das mit Dankbarkeit und Freude. Sie sind der Welt ein strahlendes Licht und rund um die Welt bekannt für Ihre Güte und Ihr Mitgefühl.

Leider hören wir manchmal auch von Mitgliedern der Kirche, die den Mut verlieren und daraufhin nicht mehr zur Kirche kommen und nicht mehr an den Versammlungen teilnehmen, weil sie meinen, sie gehörten nicht dazu.

Ich war noch ein kleiner Junge, als Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zerstört war und in Trümmern lag. Viele waren hungrig, krank oder lagen im Sterben. Ich erinnere mich noch gut an die Hilfslieferungen aus Salt Lake City mit Lebensmitteln und Kleidung. Noch heute weiß ich, wie die Kleidung gerochen hat; noch immer weiß ich, wie süß die eingekochten Pfirsiche geschmeckt haben.

Damals haben sich manche der Kirche angeschlossen, weil sie Waren bekamen. Einige Mitglieder sahen auf diese Neubekehrten herab. Sie gaben ihnen sogar einen Schimpfnamen: „Büchsenmormonen“. Sie lehnten diese neuen Mitglieder ab, weil sie meinten, wenn deren zeitliche Bedürfnisse einmal gestillt seien, würden sie von der Kirche abfallen.

Einige verließen die Kirche tatsächlich, aber viele blieben – sie kamen zur Kirche, kosteten vom wunderbaren Evangelium und spürten, wie Brüder und Schwestern sich ihrer fürsorglich annahmen. Sie fühlten sich zu Hause. Heute, drei, vier Generationen später, können viele Familien ihre Mitgliedschaft auf diese Neubekehrten zurückführen.

Ich hoffe, dass uns alle Kinder Gottes willkommen und teuer sind, auch diejenigen, die sich anders kleiden, die anders aussehen, anders sprechen oder eine Sache einfach anders angehen. Es ist nicht gut, andere so zu behandeln, als seien sie weniger wert. Wir wollen unsere Mitmenschen lieber aufrichten. Strecken wir ihnen einladend die Hand entgegen. Begegnen wir unseren Brüdern und Schwestern in der Kirche mit einem Höchstmaß an Menschlichkeit, Mitgefühl und Nächstenliebe, damit sie sich, nach langer Suche, endlich zu Hause fühlen.

Wenn wir versucht sind, andere zu richten, denken wir an den Erlöser, der „die Welt [liebt], sodass er sogar sein eigenes Leben niederlegt, damit er alle Menschen zu sich ziehen kann. …

[Und] er spricht: Kommt her zu mir, all ihr Enden der Erde, … [denn] alle Menschen genießen diesen Vorzug, der eine so wie der andere, und keinem ist es verwehrt.“1

In den heiligen Schriften ist es offenbar so, dass der Heiland diejenigen am heftigsten zurechtweist, die sich aufgrund ihres Reichtums, Einflusses oder ihrer vermeintlichen Rechtschaffenheit über andere erheben.

Einmal erzählte Jesus das Gleichnis von zwei Männern, die in den Tempel gingen, um dort zu beten. Der eine Mann, ein angesehener Pharisäer, betete: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.“

Der andere Mann, ein verhasster Zöllner, „blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig!“

Da sagte Jesus: „Ich sage euch: Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht.“2

In Wahrheit haben „alle … gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren“.3 Wir alle brauchen Barmherzigkeit. Wenn wir am Letzten Tag vor das Gericht Gottes gerufen werden, hoffen wir dann nicht, dass unsere vielen Schwächen uns vergeben werden? Sehnen wir uns nicht danach, dass der Erlöser uns im Arm hält?

Es ist nur recht und billig, dass wir anderen das zugestehen, was wir uns für uns selbst so aufrichtig wünschen.

Ich meine damit nicht, dass wir Sünde hinnehmen oder über Schlechtigkeit hinwegsehen sollen – weder in unserem Leben noch in der Welt. Doch in unserem Eifer verwechseln wir manchmal die Sünde mit dem Sünder, verurteilen vorschnell und sind nicht mitfühlend genug. Aus neuzeitlicher Offenbarung wissen wir: „Die Seelen haben großen Wert in den Augen Gottes.“4 Wir können den Wert einer anderen Seele genauso wenig ermessen, wie wir die Größe des Universums erfassen können. Jeder, dem wir begegnen, ist für den Vater im Himmel ein „VIP“. Ist uns das erst einmal klar geworden, wird uns auch allmählich bewusst, wie wir unsere Mitmenschen behandeln sollen.

Eine Frau, die viele schwere und traurige Jahre erlebt hatte, sagte unter Tränen: „Mir ist bewusst geworden, dass ich wie ein alter 20-Dollar-Schein bin – zerknittert, verschlissen, schmutzig, misshandelt und verkratzt. Aber ich bin immer noch ein 20-Dollar-Schein. Ich bin etwas wert. Obwohl ich nicht nach viel aussehe, und obwohl ich abgenutzt und gebraucht bin, bin ich doch die vollen 20 Dollar wert.“

Unsere Hände können trösten

Lassen Sie uns in Anbetracht dessen mit dem Herzen und den Händen voller Mitgefühl auf andere zugehen, denn jeder wandelt auf seinem eigenen schwierigen Pfad. Als Jünger Jesu Christi, unseres Herrn, sind wir aufgerufen, andere zu unterstützen und zu heilen, und nicht, sie zu verurteilen. Es ist uns geboten, mit den Trauernden zu trauern und diejenigen zu trösten, die des Trostes bedürfen.5

Es ist eines Christen unwürdig, zu meinen, dass jemand, der leidet, es auch verdiene. Der Ostersonntag eignet sich gut dafür, sich zu vergegenwärtigen, dass unser Erlöser bereitwillig all unsere Schmerzen, Krankheiten und Leiden auf sich genommen hat – sogar von denen, die ihr Leid scheinbar verdienen.6

In den Sprichwörtern lesen wir: „Der Freund erweist zu jeder Zeit Liebe, als Bruder für die Not ist er geboren.“7 Seien wir jederzeit liebevoll. Seien wir besonders in schwierigen Zeiten für unsere Brüder und Schwestern da.

Unsere Hände können dienen

In einer alten jüdischen Legende wird von den Brüdern Abram und Zimri berichtet, die einen Acker besaßen und ihn gemeinsam bestellten. Sie einigten sich darauf, die Arbeit und die Ernte gleichmäßig aufzuteilen. Eines Nachts nach der Ernte konnte Zimri nicht schlafen, denn es schien ihm nicht recht, dass Abram, der seine Frau und sieben Söhne versorgen musste, nur die halbe Ernte bekam, und er, der nur sich selbst versorgte, so viel besaß.

Also zog Zimri sich an, schlich zum Acker, nahm ein Drittel seiner Ernte und legte sie zur Ernte seines Bruders. Dann ging er wieder schlafen, zufrieden damit, dass er das Richtige getan hatte.

Währenddessen machte auch Abram kein Auge zu. Er dachte an seinen armen Bruder Zimri, der ganz allein war und keine Söhne hatte, die ihm bei der Arbeit halfen. Es schien nicht recht, dass Zimri, der immer ganz allein so schwer arbeitete, nur die Hälfte der Ernte bekam. Damit konnte Gott nicht einverstanden sein. Also schlich Abram leise zum Acker, nahm ein Drittel seiner Ernte und legte sie zur Ernte seines geliebten Bruders.

Als die Brüder am nächsten Morgen zum Acker kamen, wunderten sich beide, dass beide Ernteanteile noch immer gleich groß waren. In der folgenden Nacht verließen beide Brüder ihr Haus, um zu wiederholen, was sie in der Nacht zuvor getan hatten. Diesmal bemerkten sie jedoch einander – und fielen einander in die Arme und weinten. Keiner konnte etwas sagen, denn ihr Herz quoll über vor Liebe und Dankbarkeit.8

Das ist Mitgefühl: dass wir andere lieben wie uns selbst,9 uns um ihr Glück bemühen und ihnen das tun, was wir auch von ihnen erhoffen.10

Wahre Liebe erfordert Taten

Wahre Liebe erfordert Taten. Wir können den ganzen Tag von Liebe sprechen – sie in Texten und Gedichten verkünden, sie durch Lieder preisen und mit Predigten zur Liebe aufrufen –, aber solange sich diese Liebe nicht durch Taten zeigt, sind unsere Worte nichts als „dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke“.11

Christus hat nicht bloß von Liebe geredet, er hat sie jeden Tag seines Lebens gezeigt. Er hat sich aus der Menschenmenge nicht zurückgezogen. Wenn er unter vielen Menschen war, kümmerte er sich um den Einen. Er rettete diejenigen, die verloren waren. Er hielt nicht nur einen Unterricht darüber, wie man liebevoll auf andere zugeht, und überließ dann anderen die eigentliche Arbeit. Er lehrte uns nicht nur, sondern zeigte uns auch, wie man den Schwachen beisteht, die herabgesunkenen Hände emporhebt und die müden Knie stärkt.12

Christus weiß, wie man anderen auf vollkommene Weise dient. Wenn der Erlöser seine Hände ausstreckt, werden diejenigen, die er berührt, erbaut und infolgedessen zu einem größeren, stärkeren und besseren Menschen.

Wenn wir seine Hände sind, müssen wir dann nicht ebenso handeln?

Wir können so liebevoll sein wie Christus

Der Erlöser hat offenbart, wie die richtigen Prioritäten für uns selbst, unsere Familie, unsere Gemeinde, unsere Gesellschaft und unser Land lauten, als er von der Liebe als dem wichtigen Gebot sprach, an dem „das ganze Gesetz samt den Propheten“13 hängt. Wir können unsere Zeit damit zubringen, über die feinsten Einzelheiten des Lebens, des Gesetzes und lange Aufgabenlisten nachzudenken, aber wenn wir die wichtigen Gebote missachten, verfehlen wir das Ziel und sind wasserlose Wolken, von den Winden dahingetrieben; Bäume, die keine Frucht tragen.14

Ohne die Liebe zu Gottvater und unserem Nächsten sind wir lediglich die Hülle seiner Kirche – ohne Inhalt. Was sind unsere Lehren ohne Liebe wert? Was taugen Missions-, Tempel- und Wohlfahrtsarbeit ohne Liebe?

Unser Vater im Himmel hat aus Liebe unseren Geist erschaffen. Aus Liebe hat unser Erlöser im Garten Getsemani sich selbst als Lösegeld für unsere Sünden hingegeben. Durch Liebe ist der Erlösungsplan zustande gekommen; sie ist die Quelle des Glücks, die nie versiegende Quelle der Heilung und die kostbare Quelle der Hoffnung.

Wenn wir anderen mit Herz und Hand christliche Liebe erweisen, geschieht etwas Wundervolles mit uns. Unser eigener Geist wird geheilt, geläutert und gestärkt. Wir spüren mehr Frieden, werden glücklicher und empfänglicher für die Einflüsterungen des Heiligen Geistes.

Von ganzem Herzen und ganzer Seele danke ich unserem Vater im Himmel für seine Liebe zu uns, dafür, dass er seinen Sohn gegeben hat, für das Leben und Beispiel des Herrn Jesus Christus und für sein sündenfreies und selbstloses Opfer. Ich freue mich, dass Christus nicht tot ist, sondern aus dem Grab auferstanden ist! Er lebt und hat seine Vollmacht und sein Evangelium auf die Erde zurückgebracht und wiederhergestellt. Er hat uns ein vollkommenes Beispiel gegeben, was für Männer und Frauen wir sein sollen.

Mögen wir an diesem Ostersonntag und jedem weiteren Tag, wenn wir ehrfürchtig darüber nachsinnen, wie der Erlöser uns annimmt, tröstet und heilt, uns verpflichten, seine Hände zu sein, damit andere durch uns seine liebevolle Umarmung spüren. Im Namen Jesu Christi. Amen.

Quellenangaben anzeigen

  1.  

    1. 2 Nephi 26:24,25,28; Hervorhebung hinzugefügt

  2.  

    2. Siehe Lukas 18:9-14

  3.  

    3. Römer 3:23

  4.  

    4. Lehre und Bündnisse 18:10

  5.  

    5. Siehe Mosia 18:9

  6.  

    6. Siehe Alma 7:11-13; Lehre und Bündnisse 19:16

  7.  

    7. Sprichwörter 17:17

  8.  

    8. Siehe Clarence Cook, „Abram and Zimri“, Poems by Clarence Cook, 1902, Seite 6–9

  9.  

    9. Siehe Matthäus 22:39

  10.  

    10. Siehe Matthäus 7:12

  11.  

    11. 1 Korinther 13:1

  12.  

    12. Siehe Lehre und Bündnisse 81:5

  13.  

    13. Siehe Matthäus 22:40

  14.  

    14. Siehe Judas 1:12