Was einen wahren Jünger ausmacht

Silvia H. Allred

Erste Ratgeberin in der Präsidentschaft der Frauenhilfsvereinigung


Wenn Liebe bei unserer Sorge um andere zum Leitprinzip wird, dann praktizieren wir das Evangelium, wenn wir jemandem dienen.

Von Anbeginn der Zeit lehrte der Herr, dass wir eines Herzens und eines Sinnes sein müssen, wenn wir sein Volk werden wollen.1 Der Erretter erklärte ferner, die zwei wichtigsten Gebote im Gesetz seien „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken“ und „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“.2 Schließlich gebot der Herr den Heiligen kurz nachdem die Kirche wiederhergestellt war: „Ihr müsst die Armen und Bedürftigen besuchen und ihnen Hilfe zuteilwerden lassen.“3

Welchen Gedanken haben all diese Gebote gemeinsam? Dass wir einander lieben und einander dienen sollen. Das macht nämlich einen wahren Jünger in der wahren Kirche Jesu Christi aus.

Da wir gerade das 75-jährige Bestehen des Wohlfahrtsprogramms der Kirche feiern, werden uns auch die Ziele der Wohlfahrtsarbeit wieder bewusst, nämlich Mitgliedern zu helfen, eigenständig zu werden, für die Armen und Bedürftigen zu sorgen und Hilfe zu leisten. Die Kirche stellt Hilfen bereit, um die Mitglieder darin zu unterstützen, für ihr eigenes körperliches, geistiges, soziales und seelisches Wohl und das ihrer Familie und anderer zu sorgen. Das Amt des Bischofs bringt den besonderen Auftrag mit sich, für die Armen und Bedürftigen zu sorgen und den Mitgliedern seiner Gemeinde entsprechende Hilfe zukommen zu lassen. Dabei unterstützen ihn die Priestertumskollegien, die Frauenhilfsvereinigung und insbesondere die Heimlehrer und Besuchslehrerinnen.

Die FHV war schon immer die Seele der Wohlfahrtsarbeit. Als der Prophet Joseph Smith 1842 die Frauenhilfsvereinigung gründete, sagte er zu den Frauen: „Nun beginnen für die Armen und Bedürftigen bessere Tage.“4 Er sagte den Schwestern, es sei das Ziel der Vereinigung, „den Armen, den Notleidenden, den Witwen und Waisen Linderung zu verschaffen und alle wohltätigen Absichten zu erfüllen. … Sie werden Öl und Wein auf das verwundete Herz der Verzweifelten gießen; sie werden die Tränen der Waisen trocknen und dem Herz der Witwen Freude schenken.“5

Er bemerkte weiterhin, die Vereinigung könne „die Brüder zu guten Werken anregen“, indem sie feststellen, was die Armen brauchen – sich Objekte für gute Werke suchen und sich ihrer Bedürfnisse annehmen – und dazu beitragen, „die Sitten zu verbessern und die Tugend der Gesellschaft zu stärken“.6

Heute arbeiten Männer und Frauen in der Kirche gemeinsam daran, Menschen in Not zu helfen. Die Priestertumsträger bieten dem, der geistig Führung und Hilfe benötigt, wichtigen Beistand. Inspirierte Heimlehrer tun anderen Gutes und tragen die Segnungen des Evangeliums in jede Familie. Außerdem setzen sie ihre Kraft und ihre Talente auf vielfältige Weise ein. Sie helfen zum Beispiel einer Familie bei häuslichen Reparaturen oder beim Umzug, oder sie unterstützen einen Bruder bei der Arbeitssuche.

Die FHV-Leiterin besucht Mitglieder, um für den Bischof zu ermitteln, was an Hilfe gebraucht wird. Inspirierte Besuchslehrerinnen wachen über die Schwestern und die Familien und kümmern sich um sie. Oft sind sie die Ersten, die bei einem dringenden Notfall reagieren. Die Schwestern der FHV kochen Mahlzeiten, nehmen sich anderer voller Mitgefühl an und bieten in Zeiten der Not unablässig Unterstützung.

Die Mitglieder der Kirche auf der ganzen Welt waren in der Vergangenheit froh über jede Möglichkeit, anderen zu dienen, und sollten sich auch jetzt darüber freuen. Mit vereinten Kräften helfen wir den Armen, den Hungernden, denjenigen, die leiden oder bedrängt sind, und retten dadurch Seelen.

Jeder Bischof kann auf das Vorratshaus des Herrn zurückgreifen, das dann errichtet wird, wenn glaubenstreue „Mitglieder dem Bischof ihre Zeit, ihre Talente, ihre Fähigkeiten, ihre Nächstenliebe sowie Sach- und Geldspenden zur Verfügung stellen, damit für die Armen gesorgt und das Gottesreich auf der Erde aufgebaut werden kann“.7 Wir alle können zum Vorratshaus des Herrn beitragen, wenn wir unser Fastopfer entrichten und dem Bischof alle unsere sonstigen Mittel bereitstellen, um den Bedürftigen zu helfen.

Auch wenn sich die Welt rasch verändert, haben sich die Wohlfahrtsgrundsätze im Laufe der Zeit nicht verändert, da sie von Gott inspirierte und offenbarte Wahrheiten sind. Wenn Mitglieder der Kirche und ihre Familien alles tun, um für sich selbst zu sorgen, aber dennoch ihre Grundbedürfnisse nicht decken können, steht die Kirche bereit, ihnen zu helfen. Kurz-fristig notwendige Hilfe wird sofort gegeben, und ein Plan wird aufgestellt, der dem Empfänger ermöglichen soll, wieder auf eigenen Füßen zu stehen. Eigenständigkeit ist die Fähigkeit, sich selbst und seine Familie in geistiger und zeitlicher Hinsicht mit allem Lebensnotwendigen zu versorgen.

Wenn wir mehr Eigenständigkeit entwickeln, entwickeln wir auch unsere Fähigkeit, anderen so zu helfen und zu dienen, wie der Heiland es getan hat. Wir folgen dem Beispiel des Erlösers, wenn wir denjenigen beistehen, die bedürftig sind, krank sind oder leiden. Wenn Liebe bei unserer Sorge um andere zum Leitprinzip wird, dann praktizieren wir das Evangelium, wenn wir jemandem dienen. Dies ist das Evangelium von seiner besten Seite. Dies ist reiner Dienst vor Gott.

In meinen verschiedenen Berufungen in der Kirche hat es mich demütig gestimmt, zu sehen, wie liebevoll sich Bischöfe und FHV-Führungsbeamtinnen um ihre Herde gekümmert haben. Als ich Anfang der 80er Jahre Pfahl-FHV-Leiterin in Chile war, erlebte das Land eine tiefgreifende Rezession und die Arbeitslosenquote lag bei 30 Prozent. Ich erlebte, wie sich heldenhafte FHV-Leiterinnen und treue Besuchslehrerinnen unter diesen schrecklichen Umständen daranmachten, Gutes zu tun.8 Sie verkörperten beispielhaft, was in Sprichwörter 31:20 steht: „Sie öffnet ihre Hand für den Bedürftigen und reicht ihre Hände dem Armen.“

Schwestern, deren Familien selbst nur sehr wenig hatten, halfen unaufhörlich denen, die ihrer Ansicht nach noch größere Not litten. Mir wurde dadurch deutlicher bewusst, was der Erretter sah, als er in Lukas 21:3,4 erklärte:

„Wahrhaftig, ich sage euch: diese arme Witwe hat mehr hineingeworfen als alle anderen.

Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss geopfert; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat ihren ganzen Lebensunterhalt hergegeben.“

Einige Jahre später erlebte ich in Argentinien als Pfahl-FHV-Leiterin dasselbe, als dort eine galoppierende Inflation herrschte und viele treue Mitglieder von dem anschließenden wirtschaftlichen Zusammenbruch betroffen waren. Dasselbe sah ich auch gerade erst wieder bei meinen Besuchen in Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo, in Antananarivo auf Madagaskar und in Bulawayo in Simbabwe. Überall stärken Gemeindemitglieder und insbesondere FHV-Schwestern den Glauben, den Einzelnen und die Familien und helfen Menschen in Not.

Es ist schon erstaunlich, dass eine einfache Schwester oder ein einfacher Bruder mit einer Berufung in ein Haus gehen kann, wo Armut, Leid, Krankheit oder Elend herrschen, und dort Frieden, Hilfe und Glück bringt. Ganz gleich, wo die Gemeinde oder der Zweig liegt oder wie groß oder klein die Gruppe sein mag – jedes Mitglied überall auf der Welt hat diese Möglichkeit. Es geschieht jeden Tag, und es geschieht irgendwo auch jetzt, in diesem Augenblick.

Karla ist eine junge Mutter von zwei Kindern. Ihr Mann Brent arbeitet sehr lange und pendelt jeden Tag eine Stunde zur Arbeit. Kurz nach der Geburt ihres zweiten kleinen Mädchens erzählte sie folgende Begebenheit: „Am Tag nach meiner Berufung als Ratgeberin in der FHV meiner Gemeinde fühlte ich mich ziemlich überfordert. Wie sollte ich mir die Verantwortung aufladen können, für die Frauen in meiner Gemeinde da zu sein, wenn es mir kaum gelang, meiner Rolle als Ehefrau und Mutter einer sehr lebhaften Zweijährigen und eines Neugeborenen gerecht zu werden? Als ich so diesen Gedanken nachhing, wurde meine Zweijährige auch noch krank. Ich wusste nicht recht, was ich für sie tun konnte, und wie ich mich gleichzeitig um das Baby kümmern sollte. In diesem Moment stand Schwester Wasden, meine Besuchslehrerin, unerwartet vor der Tür. Als Mutter von erwachsenen Kindern wusste sie, wie mir zu helfen war. Sie sagte mir, was ich machen sollte, und ging zur Apotheke, um ein paar Sachen einzukaufen. Später sorgte sie dafür, dass mein Mann am Bahnhof abgeholt wurde, damit er schneller nach Hause kam, um mir zu helfen. Ihre Reaktion auf die – wie ich glaube – Eingebung des Heiligen Geistes und ihre Bereitschaft, mir zu helfen, waren die Zusicherung, die ich vom Herrn brauchte, dass er mir helfen würde, meine neue Berufung zu erfüllen.“

Der Vater im Himmel liebt uns und kennt unsere besonderen Umstände und Fähigkeiten. Obwohl wir ihn täglich im Gebet um Hilfe bitten, bedient er sich meist anderer, um uns zu geben, was wir brauchen.9

Der Herr hat gesagt: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“10

Die reine Christusliebe findet ihren Ausdruck in selbstlosem Dienst am Nächsten. Einander zu helfen ist eine heiligende Erfahrung, die den Empfänger erhöht und den Geber demütig stimmt. Dadurch können wir wahre Jünger Christi werden.

Der Wohlfahrtsplan war schon immer die Anwendung ewiger Evangeliumsgrundsätze. Dabei geht es wirklich um Vorsorge auf die Weise des Herrn. Erneuern wir doch unseren Wunsch, Teil des Vorratshauses des Herrn zu sein, indem wir anderen Gutes tun!

Ich bete darum, dass der Herr jeden von uns mit mehr Barmherzigkeit, Nächstenliebe und Mitgefühl segnen möge. Mögen unser Wunsch und unsere Fähigkeit zunehmen, auf andere zuzugehen und denjenigen zu helfen, die weniger Glück hatten, bedrängt sind oder leiden, damit ihre Bedürfnisse gestillt werden, ihr Glaube gestärkt werde und ihr Herz mit Dankbarkeit und Liebe erfüllt werde.

Möge der Herr uns alle segnen, wenn wir gehorsam seinen Geboten, seinem Evangelium und seinem Licht folgen. Im Namen Jesu Christi. Amen.

Quellenangaben anzeigen

  1.  

    1. Siehe Mose 7:18

  2.  

    2. Siehe Matthäus 22:36-40

  3.  

    3.  Lehre und Bündnisse 44:6

  4.  

    4. Joseph Smith, aus History of the Church, 4:607

  5.  

    5.  Lehren der Präsidenten der Kirche: Joseph Smith, Seite 502f.

  6.  

    6. Siehe Lehren: Joseph Smith, Seite 502

  7.  

    7.  Vorsorge auf die Weise des Herrn – Wohlfahrt: Anleitung für Führungsbeamte, Seite 11

  8.  

    8. Siehe Apostelgeschichte 10:38; 13. Glaubensartikel

  9.  

    9. Siehe Lehren der Präsidenten der Kirche: Spencer W. Kimball, Seite 96

  10.  

    10.  Johannes 13:35