Die größten Segnungen des Herrn

Elder Carl B. Pratt

von den Siebzigern


Wenn wir den Zehnten treu zahlen, öffnet der Herr die Schleusen des Himmels und schüttet seine größten Segnungen auf uns herab.

Ich bin dankbar für meine rechtschaffenen Vorfahren, die ihre Kinder zu Hause im Evangelium unterwiesen haben, lange bevor der Familienabend offiziell eingeführt wurde. Meine Großeltern mütterlicherseits waren Ida Jesperson und John A. Whetten. Sie wohnten in dem kleinen Ort Colonia Juárez im Bundesstaat Chihuahua in Mexiko. Ihre Kinder lernten durch die Grundsätze, die ihre Eltern sie lehrten, und indem sie deren Beispiel folgten.

In den frühen Zwanzigerjahren war das Leben in Mexiko schwer. Die blutige Revolution war seit kurzem zu Ende. Nur wenig Geld war im Umlauf, überwiegend Silbermünzen. Man machte Geschäfte oft, indem man Waren und Dienstleistungen tauschte.

Am Ende des Sommers kam mein Großvater John eines Tages nach Hause, nachdem er bei einem Tauschgeschäft als Gegenleistung 100 Pesos in Silbermünzen erhalten hatte. Er gab Ida das Geld und beauftragte sie, damit die anstehenden Kosten für den Schulbedarf der Kinder zu bezahlen.

Ida war dankbar für das Geld, aber sie erinnerte John daran, dass sie den ganzen Sommer über noch keinen Zehnten gezahlt hatten. Sie hatten kein Bargeld eingenommen. Ida gab jedoch zu bedenken, dass die Tiere sie mit Fleisch, Eiern und Milch versorgt hatten. Ihr Garten hatte reichlich Obst und Gemüse hervorgebracht, und sie hatten auch weitere Güter eingetauscht, jedoch nicht gegen Bares. Ida schlug vor, das Geld dem Bischof zu geben, um ihren Zehnten zu begleichen.

John war etwas enttäuscht, weil sie mit dem Geld einen Großteil der Schulkosten ihrer Kinder hätten decken können, aber er stimmte bereitwillig zu, den Zehnten zu zahlen. Er trug den schweren Geldsack ins Zehntenbüro und beglich beim Bischof den Zehnten.

Kurze Zeit später erfuhr er, dass ein reicher Geschäftsmann aus den Vereinigten Staaten namens Mr. Hord in der folgenden Woche mit einigen Männern eintreffen und ein paar Tage in den Bergen jagen und fischen gehen würde.

Großvater John traf am Bahnhof in der Nähe von Colonia Juárez auf die Gruppe Männer. Er hatte eine Reihe gesattelter Pferde und die nötigen Packtiere dabei, um das Gepäck und die Lagerausrüstung der Männer in die Berge zu transportieren. Er verbrachte die folgende Woche damit, die Männer zu führen, und kümmerte sich um ihr Lager und die Tiere.

Am Ende der Woche kehrten die Männer zum Bahnhof zurück, um die Rückreise in die Staaten anzutreten. John wurde für seine Arbeit bezahlt und erhielt einen Sack Silbermünzen, um damit alle weiteren Ausgaben zu begleichen. Nachdem John und seine Männer ihr Geld bekommen hatten, gab er den Restbetrag an Mr. Hord zurück. Dieser war überrascht, weil er nicht erwartet hatte, dass Geld übrig bleiben würde. Er fragte John aus, um sicherzustellen, dass alle Kosten gedeckt waren, und John versicherte ihm, alle Ausgaben für die Unternehmung seien beglichen und dies sei der Überschuss.

Der Zug pfiff. Mr. Hord wandte sich ab, drehte sich dann noch einmal um und warf den schweren Sack mit den Münzen John zu. „Hier! Nehmen Sie das für Ihre Jungs mit nach Hause!“, sagte er. John fing den Geldsack und kehrte nach Colonia Juárez zurück.

Als die Familie abends nach dem Essen zusammenkam, um Geschichten von der Reise zu hören, fiel John der Geldsack wieder ein. Er brachte ihn herein und legte ihn auf den Tisch. John erklärte, er wisse nicht, wie viel Geld sich darin befinde, daher leerten sie den Sack auf dem Tisch aus. Er war ein ganzer Berg Münzen, und als sie sie zählten, stellten sie fest, dass es genau 100 Silberpesos waren. Natürlich betrachtete man es als großen Segen, dass Mr. Hord sich entschlossen hatte, diese Reise zu unternehmen. John und seine Söhne hatten einen guten Lohn erhalten, aber die 100 zusätzlichen Pesos erinnerten sie daran, dass sie denselben Betrag in der Woche zuvor als Zehnten gezahlt hatten. Für manche mag das ein interessanter Zufall sein, aber für die Familie Whetten war es ein ganz klares Zeichen vom Herrn, dass er sich seiner Verheißungen an diejenigen erinnert, die treu ihren Zehnten zahlen.

Als Kind fand ich diese Geschichte toll, weil es ja darum ging, dass Leute in die Berge ritten, um dort zu jagen und zu fischen. Ich mochte sie aber auch, weil sie uns lehrt, dass wir gesegnet werden, wenn wir die Gebote halten. Wir können aus dieser Begebenheit einiges über den Zehnten lernen.

Zunächst einmal können wir erkennen, dass der Zehnte in diesem Fall nicht abhängig vom Einkommen war. Familie Whetten beschloss, vom ersten Geld den Zehnten zu zahlen, da sie von ihren Tieren und dem ertragreichen Obst- und Gemüsegarten gut hatte leben können. Offensichtlich meinte sie, für ihre Segnungen in der Schuld des Herrn zu stehen.

Das erinnert uns an das, was der Herr andeutete, als er fragte: „Darf der Mensch Gott betrügen? Denn ihr betrügt mich.“ Da fragten die Menschen: „Womit betrügen wir dich?“ Woraufhin der Herr tadelnd erwidert: „Mit den Zehnten und Abgaben!“ (Maleachi 3:8.) Ja, Brüder und Schwestern, so wie John und Ida Whetten es in diesem Sommer vor vielen Jahrzehnten erkannten, stehen wir alle in der Schuld des Herrn. Setzen wir uns nicht dem Vorwurf aus, dass wir Gott betrügen. Seien wir ehrlich und zahlen wir dem Herrn unsere Schuld. Alles, was er verlangt, sind zehn Prozent. Wenn wir rechtschaffen dabei sind, dem Herrn unsere Schuld zu zahlen, hilft uns das, unseren Mitmenschen gegenüber ehrlich zu sein.

Als Nächstes fällt mir an der Geschichte auf, dass meine Großeltern den Zehnten zahlten, obwohl die Finanzlage der Familie sehr schwierig war. Sie kannten das Gebot des Herrn, bezogen die Schriften auf sich (siehe 1 Nephi 19:23,24) und befolgten das Gesetz. Das erwartet der Herr von seinem ganzen Volk. Er erwartet, dass wir den Zehnten zahlen – nicht von unserem Überfluss, nicht von dem, was vom Budget übrig bleibt, sondern, wie er in alter Zeit gebot, von den „Erstlingen“, also von unseren Einkünften, sobald wir sie erhalten, sei es wenig oder viel. Der Herr hat geboten: „Du sollst es nicht aufschieben, die [Erstlingsfrucht] darzubringen.“ (King-James-Übersetzung der Bibel, Exodus 22:28.) Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es am einfachsten ist, treu den Zehnten zu zahlen, wenn ich ihn gleich zahle, nachdem ich irgendwelche Einkünfte erhalten habe. Ich glaube sogar, dass das der einzige Weg ist.

Wir lernen von meinen Großeltern, dass es beim Zehnten eigentlich nicht ums Geld geht, sondern um Glauben – Glauben an den Herrn. Er verheißt uns Segnungen, wenn wir seinen Geboten gehorchen. Ohne Frage zeigten John und Ida Whetten großen Glauben, als sie ihren Zehnten zahlten. Zeigen auch wir unseren Glauben an den Herrn, indem wir den Zehnten zahlen. Zahlen wir ihn gleich als Erstes und zahlen wir ihn ehrlich. Bringen wir unseren Kindern bei, von ihrem Taschengeld oder anderen Einkünften den Zehnten zu zahlen, und nehmen wir sie zur Zehntenerklärung mit, damit sie unser Beispiel sehen und dass wir den Herrn lieben.

Man kann diese Begebenheit mit meinen Großeltern auch falsch interpretieren. Wir könnten daraus schließen, dass man, wenn man den Zehnten mit Geld zahlt, vom Herrn stets mit Geld gesegnet wird. Als Kind dachte ich das oft. Inzwischen habe ich erkannt, dass das nicht unbedingt immer so abläuft. Der Herr verheißt denen, die ihren Zehnten zahlen, Segnungen. Er verspricht, die Schleusen des Himmels zu öffnen und Segen im Übermaß auf uns herabzuschütten (siehe Maleachi 3:10). Ich bezeuge, dass er seine Verheißungen erfüllt. Wenn wir treu den Zehnten zahlen, wird es uns an dem, was wir zum Leben brauchen, nicht mangeln. Er verspricht uns jedoch keinen Reichtum. Seine größten Segnungen bestehen nicht aus Geld und Bankkonten. Er segnet uns mit Weisheit, damit wir mit begrenzten materiellen Mitteln zurechtkommen – Weisheit, durch die wir mit 90 Prozent des Einkommens ein besseres Leben führen können als mit 100 Prozent. Darum weiß jemand, der treu den Zehnten zahlt, wie man vorausschauend lebt, und er ist im Allgemeinen auch selbständiger.

Ich habe begriffen, dass die größten Segnungen des Herrn geistiger Natur sind und oft mit der Familie, mit Freunden und mit dem Evangelium zu tun haben. Oft segnet er uns damit, dass wir den Einfluss und die Führung des Heiligen Geistes besonders gut wahrnehmen können, vor allem wenn es um eheliche und familiäre Angelegenheiten geht wie die Erziehung der Kinder. Dieses geistige Feingefühl trägt dazu bei, dass es in der Familie Harmonie und Frieden gibt. Präsident James E. Faust hat darauf hingewiesen, dass das Zehntenzahlen eine ausgezeichnete Versicherung gegen Scheidung sei (siehe „So bereichern Sie Ihre Ehe“, Liahona, April 2007, Seite 5).

Wenn wir den Zehnten zahlen, können wir im Herzen fügsam und demütig werden. Wir entwickeln Dankbarkeit und erkennen die Hand des Herrn in allem an (siehe LuB 59:21). Wenn wir den Zehnten zahlen, werden wir großzüger und vergebungsbereiter. Wir haben Mitgefühl, und unser Herz ist erfüllt mit der reinen Christusliebe. Wir bemühen uns mehr, anderen zu dienen und zu helfen, und sind im Herzen gehorsam und fügen uns dem Willen des Herrn. Wer regelmäßig seinen Zehnten zahlt, hat stärkeren Glauben an den Herrn Jesus Christus und entwickelt ein festes und stetes Zeugnis von seinem Evangelium und seiner Kirche. Keine dieser Segnungen hat etwas mit Geld oder materiellen Gütern zu tun, aber es sind zweifellos die größten Segnungen des Herrn.

Ich gebe Zeugnis: Wenn wir den Zehnten treu zahlen, öffnet der Herr die Schleusen des Himmels und schüttet seine größten Segnungen auf uns herab. Im Namen Jesu Christi. Amen.