Die Liebe hört niemals auf

Silvia H. Allred

Erste Ratgeberin in der FHV-Präsidentschaft


Bitten Sie um den Wunsch, von der Gabe Nächstenliebe – der reinen Christusliebe – erfüllt zu werden.

Mein Mann und ich haben kürzlich Nauvoo besichtigt. Dort saßen wir auch in dem oberen Raum des roten Backsteingebäudes, wo der Prophet Joseph Smith ein Büro und ein Geschäft hatte. Wir hörten aufmerksam zu, als bei einer Führung gesagt wurde, welche historischen Ereignisse der Wiederherstellung hier stattgefunden haben.

Meine Gedanken wandten sich der Gründung der Frauenhilfsvereinigung und einigen Belehrungen zu, die die FHV-Schwestern in genau diesem Raum vom Propheten Joseph Smith empfangen hatten. Aus diesen Belehrungen wurden die fundamentalen Grundsätze, auf denen die FHV beruht. Die Ziele, den Glauben und die Familien in Zion zu stärken und die Bedürftigen ausfindig zu machen und ihnen zu helfen, waren von Anfang an festgelegt. Schon immer standen sie im Einklang mit den Worten der Propheten.

In einer dieser ersten Versammlungen zitierte der Prophet Joseph Smith die Worte, die Paulus an die Korinther schrieb. In seiner eindringlichen Abhandlung über Nächstenliebe bezog sich Paulus auf Glauben, Hoffnung und Liebe und schloss mit den Worten „doch am größten unter ihnen ist die Liebe“1.

Er beschrieb die Eigenschaften, die die Liebe ausmachen. Hier seine Worte:

„Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf.

… Sie … sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach.

Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit.

Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.

Die Liebe hört niemals auf.“2

Zu den Schwestern hat der Prophet Joseph Smith gesagt: „Legt kein strenges Maß an, wenn ihr die Tugend eurer Mitmenschen in Betracht zieht. … Eure Seele muss sich füreinander erweitern, wenn ihr es Jesus gleichtun wollt. … Je mehr ihr an Unschuld und Tugend und an Güte zunehmt, desto mehr soll euer Herz sich erweitern und sich anderen zuwenden. Ihr müsst langmütig sein und die Fehler und Irrtümer der Menschheit ertragen. Wie kostbar ist die Seele des Menschen!“3

Das Schriftwort „die Liebe hört niemals auf“ wurde zum Leitgedanken der FHV, weil darin die Belehrungen und der Auftrag zum Ausdruck kommen, die der Prophet Joseph Smith den FHV-Schwestern mit auf den Weg gegeben hatte, nämlich „den Armen zu helfen“ und „Seelen zu erretten“.4

Diese fundamentalen Grundsätze wurden von FHV-Schwestern überall in der Welt angenommen, denn schließlich sind sie ja der Wesenskern des Werks der FHV.

Was ist Nächstenliebe? Wie eignen wir uns Nächstenliebe an?

Der Prophet Mormon definiert Nächstenliebe als die reine Christusliebe5, während Paulus erklärt, dass die Liebe das Band ist, das alles vollkommen macht,6 und Nephi uns erinnert, dass „der Herr, Gott, das Gebot gegeben [hat], dass alle Menschen Nächstenliebe haben sollen, und diese Nächstenliebe ist Liebe“7.

Wenn wir noch einmal nachlesen, wie Paulus die Liebe beschreibt, wird deutlich, dass Nächstenliebe nicht eine einmalige Handlung ist oder etwas, was man weitergibt, sondern ein Zustand oder ein Herzenszustand; gute Gefühle, die zu liebevollem Tun führen.

Mormon erklärt außerdem, dass die Liebe den wahren Jüngern des Herrn zuteilwird, und dass die Liebe diejenigen reinigt, die sie besitzen.8 Außerdem erfahren wir, dass die Liebe eine Gabe Gottes ist, um die wir beten und uns bemühen müssen. Wir müssen diese Liebe im Herzen tragen, um das celestiale Reich zu ererben.9

Da wir wissen, dass der Herr uns aufgefordert hat, uns „mit dem Band der Nächstenliebe [zu bekleiden]“10, müssen wir überlegen, welche Eigenschaften uns helfen, Nächstenliebe zu entwickeln.

Wir müssen zunächst den Wunsch haben, mehr Nächstenliebe zu erlangen und Christus ähnlicher zu werden.

Der nächste Schritt ist das Gebet. Mormon ermahnt uns: „Betet mit der ganzen Kraft des Herzens zum Vater, dass ihr von dieser Liebe erfüllt werdet.“ Diese göttliche Liebe ist die Nächstenliebe, und wenn wir von dieser Liebe erfüllt sind, werden wir „ihm gleich sein“.11

Täglich in den heiligen Schriften zu lesen kann unseren Sinn auf den Heiland lenken und in uns den Wunsch wecken, ihm ähnlicher zu werden.

In meinem Büro habe ich ein Gemälde von Minerva Teichert mit dem Titel Die Rettung des verlorenen Lammes aufgehängt. Es zeigt den Heiland, der inmitten seiner Schafe steht und behutsam ein kleines Lamm in den Armen hält. Es hilft mir, an seine Bitte zu denken: „Weide meine Schafe!“12, was für mich bedeutet, allen zu dienen, denen ich begegne, und mich besonders der Bedürftigen anzunehmen.

Der Erretter ist das vollkommene Beispiel dafür, wie man Nächstenliebe übt. Während seines irdischen Wirkens zeigte er Mitgefühl für die Hungernden, für den Sünder, für die Bedrängten und für die Kranken. Er war für die Armen und die Reichen da, für Frauen, Männer und Kinder, für Angehörige, Freunde und Fremde. Er vergab seinen Anklägern, litt für alle Menschen und starb für sie.

Sein ganzes Leben lang hat auch der Prophet Joseph Smith Nächstenliebe geübt, indem er sich anderen mit brüderlicher Liebe und Respekt zuwandte. Er war für seine Güte, seine Zuneigung, sein Mitgefühl und seine Anteilnahme gegenüber anderen wohlbekannt.

Heute dürfen wir einen Propheten haben, der die Nächstenliebe in Person ist. Präsident Thomas S. Monson ist uns und der Welt ein Vorbild. Er trägt den Mantel der Nächstenliebe. Er ist gütig, mitfühlend und großherzig; ein wahrer Diener des Herrn Jesus Christus.

Präsident Monson hat gesagt: „Nächstenliebe bedeutet, dass man Geduld hat mit jemandem, der einen enttäuscht hat; sie bedeutet, dass man sich nicht leicht kränken lässt. Sie bedeutet, dass man Fehler und Schwächen akzeptiert. Sie bedeutet, dass man die Menschen so nimmt, wie sie sind. Sie bedeutet, dass man hinter die Fassade blickt und auf Eigenschaften achtet, die nicht mit der Zeit verblassen. Sie bedeutet, dass man dem Drang widersteht, andere in eine bestimmte Schublade zu stecken.“13

Wenn wir Nächstenliebe haben, sind wir bereit, anderen zu dienen und zu helfen, auch wenn es Umstände bereitet – und zwar ohne eine Anerkennung oder Gegenleistung zu erwarten. Wir warten nicht darauf, zum Helfen eingeteilt zu werden, weil es für uns ganz natürlich ist. Wenn wir uns dafür entscheiden, gütig, fürsorglich, großherzig, geduldig, tolerant, vergebungsbereit, offen und selbstlos zu sein, stellen wir fest, dass wir voller Nächstenliebe sind.

In der FHV gibt es zahllose Möglichkeiten, anderen zu dienen. Eine der besten Möglichkeiten, Nächstenliebe zu üben, ist das Besuchslehren. Beim Besuchslehren haben wir vielfach die Gelegenheit, liebevoll zu sein, für andere da zu sein und ihnen zu dienen. Wenn wir Nächstenliebe oder Liebe zum Ausdruck bringen, wird unsere Seele gereinigt und geheiligt und es hilft uns, mehr wie der Erlöser zu werden.

Ich staune, wenn ich die unzähligen Beweise der Nächstenliebe sehe, die Besuchslehrerinnen jeden Tag überall in der Welt erbringen, während sie sich selbstlos der Bedürfnisse einzelner Schwestern und ihrer Familien annehmen. Diesen treuen Besuchslehrerinnen sage ich: Durch diese kleinen Beweise der Nächstenliebe folgen Sie dem Heiland nach und sind Werkzeuge in seinen Händen, wenn Sie den Ihnen anvertrauten Schwestern helfen, sich um sie kümmern, sie aufrichten, trösten, ihnen zuhören, sie ermuntern, sie umsorgen, sie belehren und sie stärken. Ich möchte ein paar kurze Beispiele für diese Art zu dienen aufführen.

Rosa leidet schwer an Diabetes und anderen Krankheiten. Sie hat sich der Kirche vor einigen Jahren angeschlossen. Sie ist eine alleinerziehende Mutter mit einem Jungen im Teenageralter. Sie muss häufig gleich mehrere Tage am Stück ins Krankenhaus. Ihre liebevollen Besuchslehrerinnen fahren sie nicht nur dorthin, sondern sie besuchen und trösten sie im Krankenhaus, achten aber auch auf ihren Sohn, der zu Hause ist und noch zur Schule geht. Ihre Besuchslehrerinnen sind ihr Freundinnen und wie eine Familie.

Nach den ersten paar Besuchen bei einer bestimmten Schwester stellte Kathy fest, dass die Schwester nicht lesen konnte, es aber lernen wollte. Kathy bot ihr an, ihr zu helfen, obwohl sie wusste, dass dies Zeit, Geduld und Beharrlichkeit erforderte.

Emily ist eine junge Ehefrau, die nach der Wahrheit gesucht hat. Ihr Mann, Michael, war an Religion weniger interessiert. Als Emily krank wurde und einige Zeit ins Krankenhaus musste, brachte Cali, eine FHV-Schwester, die auch ihre Nachbarin ist, der Familie Mahlzeiten, passte auf das Baby auf, machte im Haus sauber und sorgte dafür, dass Emily einen Priestertumssegen empfing. Diese Beweise der Nächstenliebe erweichten Michael das Herz. Er beschloss, zur Kirche zu kommen und sich mit den Missionaren zu treffen. Emily und Michael haben sich vor kurzem taufen lassen.

„Die Liebe hört niemals auf. … Die Liebe ist gütig, … sucht nicht ihren Vorteil, … erträgt alles, … hält allem stand.“14

Präsident Henry B. Eyring hat gesagt:

„In der Geschichte der FHV gibt es viele Beispiele für solch bemerkenswerten selbstlosen Dienst. …

Diese Organisation besteht aus Frauen, deren Nächstenliebe einem Herzen entspringt, das sich dadurch gewandelt hat, dass sie sich für Bündnisse, die es nur in der wahren Kirche des Herrn gibt, bereit gemacht haben und diese auch halten. Ihre Nächstenliebe kommt vom Herrn und durch sein Sühnopfer. Ihr wohltätiges Handeln wird vom Beispiel des Herrn geleitet und entspringt der Dankbarkeit für seine unbegrenzte Gabe der Barmherzigkeit und dem Heiligen Geist, den der Herr seinen Dienern schickt, damit er sie bei ihren guten Werken leite. Aus diesem Grund haben die Frauen Ungewöhnliches für andere geleistet und sind auch jetzt dazu in der Lage. Sie finden Freude darin, auch wenn viele ihrer eigenen Bedürfnisse unerfüllt bleiben.“15

Anderen zu dienen und ihnen unsere Liebe zu zeigen, hilft uns, unsere eigenen Schwierigkeiten zu überwinden und lässt sie uns weniger problematisch erscheinen.

Ich komme nun noch einmal auf die Belehrungen des Propheten Joseph Smith zu sprechen, die er den Schwestern zu Beginn der Wiederherstellung gab. Er betonte die Notwendigkeit, Nächstenliebe und Wohlwollen zu üben, indem er sagte: „Wenn ihr diesen Grundsätzen gemäß lebt, so wird euer Lohn im celestialen Reich fürwahr groß und herrlich sein! Wenn ihr so lebt, wie es euer verbürgtes Recht ist, wird nichts die Engel daran hindern können, sich zu euch zu gesellen.“16

Wie in der Anfangszeit in Nauvoo, wo die Schwestern hinausgingen und die Bedürftigen ausfindig machten und ihnen halfen, ist es auch heute. Die Schwestern im Reich Gottes sind starke Säulen geistiger Kraft und Hingabe und leisten mitfühlend Dienst. Engagierte Besuchslehrerinnen besuchen und umsorgen einander. Sie folgen dem Beispiel des Heilands und handeln wie er.

Alle Frauen in der FHV können von Liebe erfüllt sein – wissend, dass ihre kleinen Beweise der Nächstenliebe eine heilende Kraft für andere und für sich selbst sind. Sie erlangen die Gewissheit, dass Nächstenliebe die reine Christusliebe ist und niemals aufhört.

Wenn Sie die Geschichte der Frauenhilfsvereinigung lesen, werden Sie feststellen, dass dieser wichtige Evangeliumsgrundsatz sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch zieht.

Ich schließe mit einer Aufforderung an alle Frauen in der Kirche, nämlich dass sie um den Wunsch bitten, von dieser Gabe, der Nächstenliebe – der reinen Christusliebe – erfüllt zu werden. Nutzen Sie all Ihre Mittel, Gutes zu tun, Lasten leicht zu machen und Errettung denen zu bringen, denen Sie begegnen, auch Ihrer eigenen Familie. Der Herr wird Ihre Bemühungen mit Erfolg krönen.

Mögen unsere Kenntnis von der großen Liebe, die der Vater und der Sohn für uns empfinden, und unser Glaube und unsere Dankbarkeit für das Sühnopfer uns bewegen, Nächstenliebe für all unsere Mitmenschen aufzubringen und auszuüben. Darum bete ich im Namen Jesu Christi. Amen.

Quellenangaben anzeigen

  1.  

    1.  1 Korinther 13:13

  2.  

    2.  1 1 Korinther 13:4-8

  3.  

    3. Joseph Smith, in: Die Töchter in meinem Reich: Die Geschichte und das Werk der Frauenhilfsvereinigung, Seite 27

  4.  

    4. Joseph Smith, in: Die Töchter in meinem Reich, Seite 20

  5.  

    5. Siehe Moroni 7:47

  6.  

    6. Siehe Kolosser 3:14

  7.  

    7.  2 Nephi 26:30

  8.  

    8. Siehe Moroni 7:48

  9.  

    9. Siehe Ether 12:34; Moroni 10:21

  10.  

    10.  Lehre und Bündnisse 88:125

  11.  

    11.  Moroni 7:48

  12.  

    12. Siehe Johannes 21:16,17

  13.  

    13. Thomas S. Monson, „Die Liebe hört niemals auf“, Liahona, November 2010, Seite 124

  14.  

    14.  1 Korinther 13:4,5,7,8

  15.  

    15. Henry B. Eyring, „Das bleibende Vermächtnis der FHV“, Liahona, November 2009, Seite 121

  16.  

    16.  Lehren der Präsidenten der Kirche: Joseph Smith, Seite 504