Vorstellungen, die zur Tat drängen

Elder O. Vincent Haleck

von den Siebzigern


Wenn wir Erfolg haben und nicht untergehen wollen, müssen wir eine Vorstellung davon erlangen, wie der Erretter uns sieht.

Wie alle guten Eltern wünschten sich auch meine Eltern für ihre Kinder eine rosige Zukunft. Mein Vater gehörte nicht der Kirche an, und infolge der ungewöhnlichen Umstände der damaligen Zeit beschlossen meine Eltern, dass meine Geschwister und ich unsere Heimatinsel Amerikanisch-Samoa im Südpazifik verlassen und in die Vereinigten Staaten gehen sollten, um dort die Schule zu besuchen.

Der Entschluss, sich von uns zu trennen, fiel meinen Eltern schwer, besonders meiner Mutter. Sie wussten, dass in unserer neuen Umgebung unbekannte Herausforderungen auf uns zukommen würden. Sie gingen jedoch mit Glauben und Entschlossenheit daran, ihren Plan umzusetzen.

Da meine Mutter in der Kirche aufgewachsen war, wusste sie, was es bedeutet, zu beten und zu fasten. Meine Eltern spürten beide, dass sie himmlischen Beistand benötigten, um ihren Kindern helfen zu können. In diesem Geiste legten sie einen Wochentag fest, an dem sie regelmäßig für uns fasteten und beteten. Sie hatten die Vorstellung, ihre Kinder auf eine rosige Zukunft vorzubereiten. Sie handelten dieser Vorstellung gemäß und übten ihren Glauben aus, indem sie sich um Segnungen vom Herrn bemühten. Durch ihr Fasten und Beten empfingen sie die tröstliche und friedevolle Zusicherung, dass alles gut ausgehen werde.

Wie erlangen wir inmitten der Prüfungen des Lebens eine Vorstellung davon, dass wir all das auch ausführen können, was uns dem Erretter näherbringt? In den Sprichwörtern heißt es treffend: „Ohne prophetische Offenbarung verwildert das Volk.“ (Sprichwörter 29:18.) Wenn wir Erfolg haben und nicht untergehen wollen, müssen wir eine Vorstellung davon erlangen, wie der Erretter uns sieht.

Der Erretter sah in den einfachen Fischern, die er aufforderte, ihm nachzufolgen, mehr als sie anfänglich selbst in sich erkennen konnten; er hatte eine Vorstellung davon, was für Menschen sie werden konnten. Er erkannte ihren guten Kern und ihr Potenzial und schritt zur Tat, indem er sie berief. Anfangs verfügten sie über keinerlei Erfahrung, aber als sie ihm nachfolgten, sahen sie sein Beispiel, wurden von seinen Lehren berührt und wurden schließlich seine Jünger. Es gab eine Zeit, da sich einige Jünger vom Herrn abwandten, weil ihnen das, was sie von ihm gehört hatten, unerträglich war. Jesus ahnte, dass sich vielleicht noch weitere abwenden wollten, und fragte daher die Zwölf: „Wollt auch ihr weggehen?“ (Johannes 6:67.) Die Antwort des Petrus spiegelt wider, wie sehr er sich gewandelt hatte und dass er eine Vorstellung davon besaß, wer der Erretter war. „Zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (Johannes 6:68), so seine Worte.

Von dieser Vorstellung beflügelt, waren die treuen, eifrigen Jünger in der Lage, Schweres zu vollbringen, als sie umherzogen, um das Evangelium zu verkünden und die Kirche aufzurichten, nachdem der Erretter von ihnen gegangen war. Letzten Endes ließen einige von ihnen um ihres Zeugnisses willen sogar ihr Leben.

In den heiligen Schriften gibt es noch weitere Beispiele von Menschen, die eine klare Vorstellung vom Evangelium erlangten und dann entsprechend handelten. Der Prophet Alma erlangte diese Vorstellung, als er hörte, wie Abinadi unerschrocken vor König Noa lehrte und Zeugnis ablegte. Alma handelte nach Abinadis Worten, ging umher und gab alles, was er erfahren hatte, weiter und taufte viele, die an seine Worte glaubten (siehe Mosia 17:1-4; 18:1-16). Der Apostel Paulus, der im Begriff war, die ersten Heiligen zu verfolgen, wurde auf der Straße nach Damaskus bekehrt. Danach schritt er zur Tat, indem er Christus verkündete und bezeugte (siehe Apostelgeschichte 9:1-6,20-22,29).

In der heutigen Zeit folgen viele junge Männer und Frauen und auch ältere Ehepaare dem Ruf eines Propheten Gottes und gehen auf Mission. Getragen von Glauben und Mut lassen sie ihr Zuhause und alles, was ihnen vertraut ist, zurück, weil sie überzeugt davon sind, als Missionare viel Gutes bewirken zu können. Sie handeln gemäß ihrer Vorstellung davon, wie man dient, und sind damit vielen Menschen ein Segen, wodurch sie sich letztlich auch selbst verändern. Bei der letzten Generalkonferenz dankte uns Präsident Thomas S. Monson dafür, dass wir einander dienen, und hielt uns vor Augen, dass wir die Hände sein müssen, mit denen Gott seine Kinder hier auf der Erde segnet (siehe „Bis aufs Wiedersehen“, Liahona, November 2011, Seite 108). Es ist herzerwärmend, wenn man sieht, wie dieser Auftrag ausgeführt wird und die Mitglieder der Kirche seine Vorstellung in die Tat umsetzen.

Der Erretter wusste, dass wir Hilfe brauchen würden, und sagte kurz vor seinem Abschied: „Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen.“ (Johannes 14:18.) Seinen Jüngern schärfte er ein: „Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Johannes 14:26.) Es handelt sich um denselben Heiligen Geist, der auch uns die Kraft verleihen und uns anspornen kann, das auszuführen, wovon der Erretter und unsere neuzeitlichen Propheten und Apostel sprechen.

In dem Maße, wie wir den Worten unserer Führer Taten folgen lassen, vertieft sich unser Verständnis dafür, was der Erretter sich für uns vorstellt. Im Laufe dieser Konferenz haben wir inspirierten Rat von Propheten und Aposteln erhalten. Befassen Sie sich mit ihren Aussagen, denken Sie im Herzen darüber nach und bemühen Sie sich darum, dass der Heilige Geist Ihnen helfen möge, eine Vorstellung davon zu bekommen, was diese Worte für Ihr Leben bedeuten. Üben Sie dann mit dieser Vorstellung vor Augen Glauben aus und handeln Sie entsprechend.

Forschen Sie in den heiligen Schriften und vertiefen Sie sich in sie mit dem Ziel, mehr Licht und Erkenntnis darüber zu erhalten, wie ihre Botschaft an Sie lautet. Bewegen Sie sie im Herzen und lassen Sie sich von ihnen inspirieren. Folgen Sie dann dieser Inspiration.

In meiner Familie haben wir erkannt, dass uns das Fasten und Beten zur Tat drängt. Alma beschrieb Fasten und Beten als eine Möglichkeit, Gewissheit zu erlangen. Er sagte: „Ich habe viele Tage gefastet und gebetet, um dies für mich selbst wissen zu können.“ (Alma 5:46.) Auch wir können erkennen, wie man mit den Herausforderungen des Lebens fertigwird, wenn wir fasten und beten.

Wir erleben manchmal Schweres, was unseren Vorstellungen und unserer Zuversicht, das Gebotene auch auszuführen, abträglich sein kann. Wir bekommen so viel zu tun, dass es uns über den Kopf wächst und wir meinen, nicht noch mehr schultern zu können. Jeder Mensch ist zwar anders, aber ich möchte doch ganz bescheiden zu bedenken geben, dass wir unsere Vorstellungen am Erretter und seinen Lehren ausrichten müssen. Was hat er in Petrus, Jakobus und Johannes und den übrigen Aposteln gesehen, was ihn zur Tat drängte, sodass er sie aufforderte, ihm zu folgen? So wie er von ihnen eine Vorstellung hatte, hat der Erretter auch eine herrliche Vorstellung davon, was für ein Mensch aus uns werden kann. Wir müssen genauso viel Glauben und Mut aufbringen wie die ersten Apostel, um uns wieder auf das zu besinnen, worauf es wirklich ankommt, wenn man anhaltendes Glück und große Freude erfahren will.

Wenn wir das Leben unseres Erretters und seine Lehren betrachten, sehen wir ihn unter den Menschen umhergehen und lehren, beten, emporziehen und heilen. Wenn wir ihm nacheifern und so handeln, wie er es uns zeigt, entwickeln wir eine Vorstellung davon, was für ein Mensch wir werden können. Mithilfe des Heiligen Geistes wird Ihnen Einsicht zuteil, wie Sie noch mehr Gutes tun können. Veränderungen werden sich anbahnen und Sie werden Ihr Leben so umgestalten, dass es für Sie und Ihre Angehörigen ein Segen ist. Als er den Nephiten geistlich diente, stellte der Heiland die Frage: „Was für Männer sollt ihr sein?“ Seine Antwort: „So, wie ich bin.“ (3 Nephi 27:27.) Wir brauchen seine Hilfe, um so werden zu können wie er. Er hat uns den Weg gezeigt: „Darum bittet, und ihr werdet empfangen; klopfet an, und es wird euch aufgetan werden; denn wer bittet, der empfängt, und wer anklopft, dem wird aufgetan werden.“ (3 Nephi 27:29.)

Ich weiß, dass es ungeahnte Segnungen mit sich bringt, wenn wir eine Vorstellung davon erlangen, wie der Erretter uns sieht, und entsprechend handeln. Dank der Vorstellungen meiner Eltern konnte ich nicht nur eine gute Ausbildung genießen, sondern wurde auch in die Lage versetzt, das Evangelium kennenzulernen und anzunehmen. Wichtiger noch: Ich erkannte, was es heißt, gute und glaubenstreue Eltern zu haben. Einfach gesagt: Mein Leben hatte sich für immer geändert.

So wie ihre Vorstellungen meine Eltern veranlassten, für das Wohl ihrer Kinder zu fasten und zu beten, und die ersten Apostel wegen ihrer Vorstellungen dem Heiland nachfolgten, können auch wir eine klare Vorstellung haben, die uns inspiriert und zur Tat drängt. Brüder und Schwestern, die Geschichte der Kirche ist geprägt von visionärer Vorstellungskraft und dem Glauben und dem Mut, zur Tat zu schreiten. Schauen Sie nur, wie weit uns das gebracht hat und welche Segnungen wir erlangt haben! Glauben sie daran, dass der Herr auch Ihnen eine visionäre Vorstellung von Ihrem Leben schenken kann und den Mut, zur Tat zu schreiten.

Ich gebe Zeugnis vom Erretter und seinem Wunsch, dass wir zu ihm zurückkehren mögen. Dazu müssen wir den Glauben haben, zur Tat zu schreiten – ihm nachzufolgen und wie er zu werden. Immer wieder streckt er uns im Leben die Hand entgegen und lädt uns ein:

„Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.

Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.“ (Matthäus 11:29,30.)

So wie der Erretter in seinen ersten Aposteln großes Potenzial erkannte, sieht er es auch in uns. Versuchen wir uns so zu betrachten, wie der Erretter uns sieht. Ich bete darum, dass wir solche Vorstellungskraft haben sowie den Glauben und den Mut, zur Tat zu schreiten. Im Namen Jesu Christi. Amen.