Besondere Lektionen

Elder Ronald A. Rasband

von der Präsidentschaft der Siebziger


Ich hoffe und bete, dass wir weiterhin aufrecht unsere Lasten tragen und denen eine helfende Hand reichen, die leiden.

Seit zwanzig Monaten ist unsere Familie mit einem ganz besonderen Kind gesegnet.

Der kleine Paxton, unser Enkel, kam mit einer seltenen Chromosomendeletion zur Welt, einer genetischen Störung, durch die er sich buchstäblich von hunderten Millionen Menschen unterscheidet. Das Leben unserer Tochter und ihres Mannes änderte sich nach Paxtons Geburt komplett und unerwartet. Diese Erfahrung erweist sich als eine Feuerprobe, durch die besondere Lektionen gelernt werden sollen, die für die Ewigkeit von Belang sind.

Unser lieber Elder Russell M. Nelson, der gerade zu uns gesprochen hat, hat gesagt:

„Gewöhnlich kennen wir die Ursache dafür, dass manche Menschen mit körperlichen Behinderungen zur Welt kommen, nicht. Ein Körperteil ist vielleicht deformiert – oder der Stoffwechsel funktioniert nicht richtig. Außerdem ist jeder Körper Krankheiten und dem Tod unterworfen. Und doch: Einen physischen Körper zu haben ist ein unendlich kostbares Geschenk. …

Wir brauchen keinen vollkommenen Körper, um unsere göttliche Bestimmung zu erreichen. Oft wohnt in einer schwachen Hülle ein ganz besonders schöner Geist. …

Einmal wird dann die Zeit kommen, da ,der Geist und der Leib … wieder in ihrer vollkommenen Gestalt vereinigt werden; beide, Glieder und Gelenke, werden zu ihrer rechten Gestalt wiederhergestellt‘ (Alma 11:43). Und dann werden wir, dank dem Sühnopfer Jesu Christi, in Christus vollkommen gemacht werden.“1

Sie alle, die Schwierigkeiten, Sorgen, Enttäuschungen oder Kummer mit einem Ihrer Lieben erleben, sollen wissen: Gott, unser Vater im Himmel, hat für diesen Bedrängten unendlich viel Liebe und Mitgefühl, und er liebt auch Sie!

Manch einer, der so ein Leid durchmachen muss, fragt sich vielleicht, wie der allmächtige Gott dies zulassen konnte. Er stellt sich auch die scheinbar unvermeidliche Frage, warum gerade ihm so etwas widerfahren musste. Warum müssen wir Krankheiten oder Ereignisse erleben, die zu einer Behinderung führen oder durch die liebe Angehörige frühzeitig von uns gehen oder aber jahrelang leiden müssen? Wozu dieser Kummer?

In solchen Augenblicken können wir uns dem großen Plan des Glücklichseins zuwenden, dessen Urheber der Vater im Himmel ist. Dieser Plan ließ uns, als wir im vorirdischen Dasein davon hörten, aufjubeln.2 Einfach ausgedrückt: Durch dieses Leben bereiten wir uns auf die ewige Erhöhung vor, und dies bringt Prüfungen mit sich. Das war schon immer so und keiner bleibt davon verschont.

Dass wir auf Gottes Willen vertrauen, ist ein wesentlicher Aspekt des Erdenlebens. Wenn wir an ihn glauben, können wir die Macht des Sühnopfers Jesu Christi zu Zeiten in Anspruch nehmen, da sich Fragen häufen und es nur wenige Antworten gibt.

Als unser Erlöser Jesus Christus nach seiner Auferstehung in Amerika erschien, forderte er alle Menschen auf:

„Habt ihr welche unter euch, die krank sind? Bringt sie her. Habt ihr welche, die lahm sind oder blind oder hinkend oder verkrüppelt oder aussätzig oder die verdorrt sind oder die taub sind oder die in irgendeiner Weise bedrängt sind? Bringt sie her, und ich werde sie heilen, denn ich habe Mitleid mit euch; mein Inneres ist von Barmherzigkeit erfüllt. …

Und es begab sich: Als er so geredet hatte, ging die ganze Menge einmütig hin, mit ihren Kranken und ihren Bedrängten und ihren Lahmen und mit ihren Blinden und mit ihren Stummen und mit all denen, die auf irgendeine Weise bedrängt waren; und er heilte sie, jeden Einzelnen, wie sie zu ihm hingebracht wurden.“3

Große Kraft steckt in diesen Worten: „Die ganze Menge [ging] hin“ – also alle, Brüder und Schwestern. Wir alle erleben Schwierigkeiten. Dann folgen die Worte „die auf irgendeine Weise bedrängt waren“. Darin finden wir uns alle wieder, oder?

Kurz nach der Geburt unseres lieben Paxtons wussten wir, dass der Vater im Himmel uns segnen und uns besondere Lektionen erteilen würde. Als sein Vater und ich beim ersten von vielen Priestertumssegen unsere Finger auf seinen kleinen Kopf legten, dachte ich an eine Aussage aus Johannes 9: „Das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden.“4

Gottes Wirken wird durch Paxton eindeutig offenbar.

Wir lernen Geduld, Glauben und Dankbarkeit durch die heilende Macht des Dienens, endlose Stunden tiefer Gefühle, Tränen voller Mitgefühl, liebevolle Worte und Gesten sowie Gebete für bedürftige Angehörige, insbesondere Paxton und seine Eltern.

Präsident James E. Faust, der in meiner Kindheit mein Pfahlpräsident war, hat gesagt: „Ich habe große Achtung vor den liebevollen Eltern, die ihren Kummer und ihren Schmerz wegen des Kindes, das mit einem schlimmen körperlichen oder geistigen Defekt geboren wurde oder sich später einen solchen zugezogen hat, ruhig ertragen und überwinden. Dieser Kummer besteht oft Tag für Tag, ohne dass es zu Lebzeiten der Eltern oder des Kindes je eine Linderung gäbe. Nicht selten wird von den Eltern verlangt, Tag und Nacht übermenschliche Anstrengungen bei der Pflege des Kindes auf sich zu nehmen. Manch einer Mutter haben endlose Jahre lang die Arme und das Herz wehgetan, weil sie das Leiden ihres besonderen Kindes lindern wollte.“5

Wir haben, wie es in Mosia steht, die reine Liebe des Heilands für Paxtons Familie erlebt – eine Liebe, die allen Menschen offensteht: „Und nun begab es sich: Die Lasten, die Alma und seinen Brüdern aufgelegt waren, wurden leicht gemacht; ja, der Herr stärkte sie, sodass sie ihre Lasten mühelos tragen konnten, und sie unterwarfen sich frohgemut und mit Geduld in allem dem Willen des Herrn.“6

Nicht lange nach Paxtons Geburt waren wir abends in der Neugeborenen-Intensivstation der großartigen PV-Kinderklinik in Salt Lake City und bewunderten zutiefst, wie engagiert und ungeteilt die Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger ihm ihre Aufmerksamkeit schenkten. Ich fragte meine Tochter, wie wir die Behandlung wohl jemals bezahlen könnten, und schätzte die Kosten. Ein Arzt, der in der Nähe stand, meinte, damit läge ich viel zu niedrig und Paxtons Behandlung würde erheblich mehr kosten, als ich geschätzt hatte. Wir erfuhren, dass ein Großteil der Behandlungskosten in diesem Krankenhaus durch großzügige Spenden in Form von Zeit und Geld gedeckt wird. Seine Worte erfüllten mich mit Demut, als ich daran dachte, wie wertvoll diese kleine Seele für diejenigen war, die sich so sorgsam um sie kümmerten.

Ich musste auch an eine bekannte Schriftstelle über die Missionsarbeit denken, die für mich eine neue Bedeutung gewann: „Denkt daran, die Seelen haben großen Wert in den Augen Gottes.“7

Ich weinte, als ich über die grenzenlose Liebe des himmlischen Vaters und seines geliebten Sohnes Jesus Christus für jeden von uns nachdachte, und erfuhr auf machtvolle Weise, wie groß in Gottes Augen der Wert einer Seele in körperlicher und geistiger Hinsicht ist.

Paxtons Familie hat festgestellt, dass zahlreiche himmlische und irdische Engel sie umgeben und ihnen dienen. Manche sind wortlos zu Hilfe geeilt und still und leise wieder gegangen. Andere brachten Essen, wuschen die Wäsche, holten die Geschwister ab, riefen an und sprachen Trost zu und vor allem beteten sie für Paxton. So lernten wir eine weitere wichtige Lektion: Wenn man jemanden sieht, der gerade ertrinkt – fragt man ihn, ob er Hilfe braucht, oder springt man einfach hinterher und rettet ihn aus dem tiefen Gewässer? Oft sagt man jemandem, er solle einem Bescheid geben, wenn man helfen kann. Das mag gut gemeint sein, bringt jedoch gar nichts.

Wenn wir uns auch weiterhin vor Augen halten, wie wertvoll es ist, aufmerksam am Leben unserer Mitmenschen teilzuhaben, erfahren wir nicht nur, dass es wichtig ist, anderen zu helfen, sondern dass uns dies mit großer Freude erfüllt.

Unser lieber Präsident Thomas S. Monson, der uns ein großartiges Beispiel darin gibt, die Bedrückten aufzurichten, hat gesagt: „Möge Gott alle segnen, die ihres Bruders Hüter sind, die das Leid anderer lindern, die sich mit all ihren guten Eigenschaften darum bemühen, eine bessere Welt zu schaffen. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass solche Leute ein breiteres Lächeln haben? Sie gehen mit größerer Sicherheit voran. In ihrer Ausstrahlung spiegeln sich Zufriedenheit und Erfüllung wider, denn niemand kann anderen helfen, ohne selbst reichlich dafür gesegnet zu werden.“8

Auch wenn wir Prüfungen, Widrigkeiten, Behinderungen, Kummer und alle Arten von Bedrängnissen durchmachen müssen, ist der einfühlsame, liebevolle Heiland stets für uns da. Er hat verheißen:

„Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch. …

Meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.“9

Wie dankbar sind wir doch dem Vater im Himmel für unseren wunderbaren Paxton. Durch ihn hat der Herr sein Wirken offenbar gemacht und erteilt uns auch weiterhin wichtige, heilige und besondere Lektionen.

Ich schließe mit den Worten eines beliebten Kirchenliedes:

Wir sind alle Kämpfer, bis die Schlacht ist vorbei;
fröhlich sind wir, fröhlich sind wir!
Um des Lebens Krone kämpfet tapfer und frei,
sie einst ewig tragen wollen wir!10

Brüder und Schwestern, ich hoffe und bete, dass wir weiterhin aufrecht unsere Lasten tragen und denen eine helfende Hand reichen, die leiden und Trost und Zuspruch brauchen. Mögen wir Gott für seine Segnungen danken und unseren Bund mit dem Vater im Himmel, seinen Kindern voller Demut zu dienen, erneuern. Im Namen Jesu Christi. Amen.

Quellenangaben anzeigen

  1.  

    1. Siehe Russell M. Nelson, „Wir sind Kinder Gottes“, Der Stern, Januar 1999, Seite 103

  2.  

    2. Siehe Ijob 38:7

  3.  

    3.  3 Nephi 17:7,9

  4.  

    4.  Johannes 9:3

  5.  

    5. James E. Faust, „The Works of God“, Ensign, November 1984, Seite 54

  6.  

    6.  Mosia 24:15

  7.  

    7.  Lehre und Bündnisse 18:10

  8.  

    8. Thomas S. Monson, „Our Brothersʼ Keepers“, Ensign, Juni 1998, Seite 39

  9.  

    9.  Johannes 14:18,27

  10.  

    10. „Wir sind alle Kämpfer“, Gesangbuch, 1977, Nr. 205