Bereit und würdig, zu dienen

Präsident Thomas S. Monson


Wunder geschehen überall, wo das Priestertum verstanden wird, seine Macht in Ehren gehalten wird und es ordnungsgemäß ausgeübt und Glauben aufgebracht wird.

Meine lieben Brüder, ich freue mich, wieder bei Ihnen zu sein. Jedes Mal, wenn ich der allgemeinen Priestertumsversammlung beiwohne, denke ich über die Aussagen einiger vortrefflicher Führer Gottes nach, die schon einmal bei einer allgemeinen Priestertumsversammlung gesprochen haben. Viele haben bereits ihren ewigen Lohn in Empfang genommen, doch verdanken wir ihrem brillanten Verstand, ihrer tiefgründigen Seele und ihrer Herzenswärme inspirierte Anleitungen. Ich möchte heute Abend einige ihrer Aussagen zum Priestertum anführen.

Vom Propheten Joseph Smith stammt diese: „Das Priestertum ist ein immerwährendes Prinzip und hat mit Gott von Ewigkeit her existiert, wie es auch in alle Ewigkeit existieren wird, ohne Anfang der Tage und Ende der Jahre.“1

Von Präsident Wilford Woodruff erfahren wir: „Das heilige Priestertum ist die Verbindung, durch die sich Gott mit den Menschen auf Erden verständigt und mit ihnen verkehrt; und die Boten vom Himmel, die die Erde besucht haben, um den Menschen etwas mitzuteilen, sind Männer, die im Erdenleben das Priestertum getragen und in Ehren gehalten haben; und alles, was Gott zur Errettung der Menschen hat geschehen lassen, angefangen damit, dass der Mensch auf die Erde kam, bis zur Erlösung der Welt, ist und wird immer durch das immerwährende Priestertum geschehen.“2

Ferner hat Präsident Joseph F. Smith gesagt: „Das Priestertum ist … die dem Menschen übertragene Macht Gottes, die ihn befähigt, hier auf der Erde zur Errettung der Menschheit zu wirken, dabei rechtmäßig im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes zu handeln, und nicht, indem er sich diese Vollmacht anmaßt oder sich auf längst verflossene Generationen beruft, sondern mit der Vollmacht, die in unserer Zeit von dienenden Engeln und Geistern aus dem Himmel, direkt aus der Gegenwart des allmächtigen Gottes, übertragen wurde.“3

Und schließlich eine Aussage von Präsident John Taylor: „Was ist das Priestertum? … Es ist die Regierung Gottes, ob auf der Erde oder in den Himmeln, denn durch diese Macht, dieses Prinzip wird alles auf der Erde und in den Himmeln regiert, und durch diese Macht wird alles erhalten. Es regiert alles – es lenkt alles – es erhält alles – und es hat mit allem zu tun, was mit Gott und der Wahrheit in Verbindung steht.“4

Welch ein Segen es doch ist, in den Letzten Tagen zu leben, da das Priestertum Gottes auf der Erde ist. Welch ein Vorzug es doch ist, das Priestertum zu tragen. Das Priestertum ist weniger ein Geschenk als ein Auftrag, zu dienen, der Vorzug, jemanden aufrichten zu können, und eine Gelegenheit, anderen ein Segen zu sein.

Mit all diesen Gelegenheiten sind auch Aufgaben und Pflichten verbunden. Ich liebe und schätze das edle Wort Pflicht und alles, was damit verbunden ist.

Ich besuche Priestertumsversammlungen in verschiedenen Funktionen und an verschiedenen Orten nun schon seit 72 Jahren – seit meiner Ordinierung zum Diakon im Alter von zwölf Jahren. Die Zeit steht gewiss niemals still. Die Pflicht hält mit ihr Schritt. Sie verblasst nicht und vergeht nicht. Verheerende Katastrophen kommen und gehen, doch der Kampf um die Seelen der Menschen tobt unvermindert weiter. Einem Warnruf gleich ergeht das Wort des Herrn an Sie und mich, an die Träger des Priestertums überall: „Darum lasst nun einen jeden seine Pflicht lernen und mit allem Eifer das Amt ausüben lernen, zu dem er bestimmt worden ist.“5

Der Ruf der Pflicht erging an Adam, an Noach, an Abraham, an Mose, an Samuel, an David. Er erging an den Propheten Joseph Smith und jeden seiner Nachfolger. Der Ruf der Pflicht erging an den jungen Nephi, als der Herr ihn über seinen Vater Lehi beauftragte, mit seinen Brüdern nach Jerusalem zurückzukehren und bei Laban die Messingplatten zu beschaffen. Nephis Brüder murrten und sagten, man verlange Schweres von ihnen. Was hingegen erwiderte Nephi? Er sagte: „Ich will hingehen und das tun, was der Herr geboten hat; denn ich weiß, der Herr gibt den Menschenkindern keine Gebote, ohne ihnen einen Weg zu bereiten, damit sie das vollbringen können, was er ihnen gebietet.“6

Wenn dieser Ruf nun an Sie und mich ergeht, wie lautet dann unsere Antwort? Werden wir wie Laman und Lemuel murren und sagen, was man von uns verlange, sei schwer?7 Oder werden wir, jeder für sich, wie Nephi verkünden: „Ich will hingehen. Ich will es tun.“ Werden wir bereitwillig dienen und gehorchen?

Manchmal erscheint Gottes Weisheit den Menschen töricht oder einfach zu schwierig, aber eine der größten und wertvollsten Lektionen, die wir im irdischen Leben lernen können, ist diese: Wenn Gott spricht und der Mensch gehorcht, liegt der Mensch niemals falsch.

Wenn ich an das Wort Pflicht denke und wie unsere Pflichterfüllung für uns und andere eine Bereicherung sein kann, kommen mir die Worte eines bekannten Dichters und Schriftstellers in den Sinn:

Ich schlief und träumte,
das Leben sei Freude.
Ich erwachte und sah,
das Leben ist Pflicht.
Ich tat sie – und siehe,
die Pflicht ward zur Freude.8

Robert Louis Stevenson hat es noch anders formuliert. Er sagte: „Ich weiß, was Vergnügen ist, denn ich habe gute Arbeit geleistet.“9

Wenn wir unsere Pflichten erfüllen und das Priestertum ausüben, finden wir zu wahrer Freude. Wir erleben, wie befriedigend es ist, eine Aufgabe zu Ende zu führen.

Uns wurden die konkreten Pflichten des Priestertums, das wir tragen, erläutert, sei es das Aaronische oder das Melchisedekische Priestertum. Ich rate Ihnen, über diese Pflichten nachzudenken und zu tun, was in Ihrer Macht steht, um sie zu erfüllen. Damit Sie das können, müssen Sie würdig sein. Lassen Sie uns hilfsbereite Hände haben, reine Hände, bereitwillige Hände, damit wir teil daran haben, andere mit dem zu versorgen, was der Vater im Himmel ihnen zukommen lassen möchte. Wenn wir nicht würdig sind, können wir die Macht des Priestertums verlieren, und wenn wir sie verlieren, verliert unsere Erhöhung die Grundlage. Mögen wir würdig sein, zu dienen.

Präsident Harold B. Lee, einer der großen Lehrer in der Kirche, sagte einmal: „Wenn jemand das Priestertum bekommt, wird er ein Beauftragter des Herrn. Er sollte sich bei seiner Berufung stets vorstellen, dass er im Auftrag des Herrn handelt.“10

Das Priestertum spielte auch bei einer Begebenheit eine Rolle, die sich im Zweiten Weltkrieg, Anfang 1944 zutrug. Die amerikanische Marineinfanterie nahm das Kwajalein-Atoll ein, das zu den Marshall-Inseln gehört und zwischen Australien und Hawaii im Pazifik liegt. Was dort geschah, wurde von einem Korrespondenten – kein Mitglied der Kirche – geschildert, der für eine Zeitung in Hawaii tätig war. In einem Zeitungsartikel, den er 1944 nach diesem Erlebnis verfasste, berichtete er, dass er und einige andere Korrespondenten auf Kwajalein zur zweiten Angriffswelle hinter der Marineinfanterie gehörten. Als sie vorrückten, entdeckten sie einen jungen Soldaten, der mit dem Gesicht nach unten im Wasser trieb und offensichtlich schwer verwundet war. Das seichte Wasser, das ihn umgab, war von seinem Blut ganz rot gefärbt. Da sahen sie einen anderen Soldaten auf seinen verwundeten Kameraden zulaufen. Dieser Soldat war ebenfalls verwundet, sein linker Arm hing nutzlos herunter. Er hob den Kopf des Soldaten, der im Wasser trieb, an, damit dieser nicht ertrank. Panisch rief er um Hilfe. Die Korrespondenten sahen sich den jungen Mann, dem er helfen wollte, noch einmal an und riefen zurück: „Junge, du kannst nichts mehr für ihn tun!“

„Doch da“, schrieb der Korrespondent, „sah ich etwas, was ich noch nie gesehen hatte. Dieser Soldat, der selbst schwer verwundet war, schleppte seinen anscheinend leblosen Kameraden irgendwie an Land. Dann legte er dessen Kopf auf sein Knie. Welch ein Anblick – zwei lebensgefährlich verletzte junge Männer, die selbst in höchster Not noch so rein und gut aussahen! Der eine neigte über dem anderen den Kopf und rief: ,Im Namen Jesu Christi und durch die Macht des Priestertums befehle ich dir, am Leben zu bleiben, bis ich ärztliche Hilfe holen kann!‘“ Der Korrespondent schloss seinen Artikel mit den Worten: „Wir drei, [die beiden Soldaten und ich], sind nun hier im Lazarett. Die Ärzte können sich nicht erklären[, wie sie überlebt haben], aber ich weiß es.“11

Wunder geschehen überall, wo das Priestertum verstanden wird, seine Macht in Ehren gehalten wird und es ordnungsgemäß ausgeübt und Glauben aufgebracht wird. Wenn der Glaube an die Stelle des Zweifels tritt, wenn selbstloses Dienen jedes selbstsüchtige Bestreben auslöscht, dann bringt die Macht Gottes seine Absichten zuwege.

Still und leise kann der Ruf der Pflicht an uns Priestertumsträger ergehen, wenn wir unsere Aufgaben erfüllen. Präsident George Albert Smith, dieser bescheidene und doch so tüchtige Führer, hat gesagt: „Ihre Pflicht besteht zunächst darin zu erfahren, was der Herr will, und dann Ihre Berufung vor Ihren Mitmenschen durch die Macht und Kraft Ihres heiligen Priestertums so groß zu machen, dass man Ihnen gern folgt.“12

Ein solcher Ruf der Pflicht – er war zwar weniger dramatisch, trug dessen ungeachtet aber zur Rettung einer Seele bei – erging 1950 an mich, als ich gerade als Bischof berufen worden war. Als solcher hatte ich vielfältige Aufgaben und gab mein Bestes, alles zu tun, was man von mir verlangte. Die Vereinigten Staaten befanden sich inzwischen in einem anderen Krieg. Da viele Mitglieder in den Streitkräften dienten, erhielten alle Bischöfe vom Hauptsitz der Kirche den Auftrag, dafür zu sorgen, dass jeder Soldat ein Abonnement der Church News sowie der Improvement Era erhielt, der damaligen Zeitschrift der Kirche. Außerdem wurde jeder Bischof gebeten, jedem Soldaten aus seiner Gemeinde monatlich einen Brief zu schreiben. Aus unserer Gemeinde dienten 23 Männer im Militär. Mit ein wenig Aufwand brachten die Priestertumskollegien das Geld für die Abonnements zusammen. Ich stellte mich der Aufgabe, ja, der Pflicht, jeden Monat 23 persönliche Briefe zu schreiben. Auch nach all den Jahren besitze ich noch immer die Kopien vieler meiner Briefe und der Antworten, die ich erhielt. Mir kommen schnell die Tränen, wenn ich in diesen Briefen lese. Es ist eine Freude, wenn man liest, dass ein Soldat gelobt, das Evangelium zu leben, und ein Matrose beschließt, seiner Familie die Treue zu halten.

Eines Abends überreichte ich einer Schwester aus der Gemeinde den aktuellen Monatsstapel von 23 Briefen. Sie hatte die Aufgabe, die Briefe abzuschicken, und verwaltete die Adressliste, die sich ständig änderte. Sie sah auf einen Umschlag und fragte lächelnd: „Bischof, Sie geben wohl nie auf, was? Schon wieder ein Brief an Bruder Bryson. Das ist der 17. Brief und Sie haben noch keine einzige Antwort erhalten.“

Ich erwiderte: „Nun, vielleicht klappt es ja diesen Monat.“ Und tatsächlich klappte es diesen Monat. Zum ersten Mal antwortete er mir auf meinen Brief. Sein Brief ist ein Andenken, ein wahrer Schatz. Bryson diente in einem weit entfernten Land, auf isoliertem Posten, hatte Heimweh, war einsam. Er schrieb: „Lieber Bischof, ich bin kein großer Briefeschreiber.“ (Das hätte ich ihm freilich schon vor Monaten sagen können.) Er schrieb weiter: „Danke für die Church News und die Zeitschriften, aber ganz besonders für Ihre persönlichen Briefe. Ich habe ein neues Kapitel aufgeschlagen. Ich bin zum Priester im Aaronischen Priestertum ordiniert worden. Das Herz geht mir über. Ich bin sehr glücklich.“

Ich als Bischof von Bruder Bryson war mindestens genauso glücklich. Ich hatte die praktische Anwendbarkeit eines Sprichworts erkannt: „Tu deine Pflicht, so ist es gut; das Weitre überlass dem Herrn.“13

Als ich Jahre später den Pfahl Cottonwood in Salt Lake City besuchte, dessen Präsident damals James E. Faust war, berichtete ich von dieser Begebenheit, um die Aufmerksamkeit auf unsere Soldaten zu lenken. Nach der Versammlung kam ein gutaussehender junger Mann auf mich zu. Er gab mir die Hand und fragte: „Bischof Monson, wissen Sie noch, wer ich bin?“

Da erkannte ich ihn plötzlich. „Bruder Bryson!“, rief ich aus. „Wie geht es Ihnen? Was für eine Aufgabe haben Sie in der Kirche?“

Herzlich und offensichtlich auch voller Stolz sagte er: „Es geht mir gut. Ich bin in der Ältestenskollegiumspräsidentschaft. Nochmals vielen Dank, dass Sie sich um mich gekümmert haben, und danke auch für Ihre persönlichen Briefe, die mir sehr viel bedeuten.“

Brüder, die Welt braucht unsere Hilfe. Tun wir alles, was wir tun sollten? Denken wir an die Worte von Präsident John Taylor: „Wenn ihr eure Berufungen nicht groß macht, wird Gott euch für diejenigen zur Rechenschaft ziehen, die ihr hättet erretten können, wenn ihr eure Pflicht getan hättet.“14 Da muss Füßen Halt gegeben, eine Hand ergriffen, einem Verstand Mut zugesprochen, ein Herz inspiriert, eine Seele errettet werden. Die Segnungen der Ewigkeit erwarten Sie. Sie genießen den Vorzug, nicht nur im Publikum zu sitzen, sondern beim Dienen im Priestertum auf der Bühne aufzutreten. Beherzigen wir die aufrüttelnde Mahnung, die im Jakobusbrief zu finden ist: „Hört das Wort nicht nur an, sondern handelt danach; sonst betrügt ihr euch selbst.“15

Lernen wir unsere Pflicht und halten wir sie uns beständig vor Augen. Mögen wir bereit und würdig sein, zu dienen. Treten wir bei der Erfüllung unserer Pflicht in die Fußstapfen des Meisters. Wenn wir auf den Wegen Jesu wandeln, werden wir feststellen, dass er mehr ist als das Kind in Betlehem, mehr als der Sohn des Zimmermanns, mehr als der größte Lehrer, der je gelebt hat. Wir werden erkennen, dass er der Sohn Gottes ist, unser Erretter und Erlöser. Als der Ruf der Pflicht an ihn erging, sagte er: „Vater, dein Wille geschehe, und die Herrlichkeit sei dein immerdar.“16 Mögen wir ebenso handeln. Darum bitte ich demütig im Namen Jesu Christi, des Herrn. Amen.

Quellenangaben anzeigen

  1.  

    1.  Lehren der Präsidenten der Kirche: Joseph Smith, 2007, Seite 114

  2.  

    2.  Lehren der Präsidenten der Kirche: Wilford Woodruff, 2004, Seite 41f.

  3.  

    3. Joseph F. Smith, Gospel Doctrine, 5. Auflage, 1939, Seite 139f., Hervorhebung hinzugefügt

  4.  

    4.  Lehren der Präsidenten der Kirche: John Taylor, 2001, Seite 119

  5.  

    5.  Lehre und Bündnisse 107:99; Hervorhebung hinzugefügt

  6.  

    6.  1 Nephi 3:7; siehe auch Vers 1-5

  7.  

    7. Siehe 1 Nephi 3:5

  8.  

    8. Rabindranath Tagore, in William Jay Jacobs, Mother Teresa: Helping the Poor, 1991, Seite 42

  9.  

    9. Robert Louis Stevenson, in Elbert Hubbard II, Hg., The Note Book of Elbert Hubbard: Mottoes, Epigrams, Short Essays, Passages, Orphic Sayings and Preachments, 1927, Seite 55

  10.  

    10.  Stand Ye in Holy Places: Selected Sermons and Writings of President Harold B. Lee, 1976, Seite 255

  11.  

    11. In Ernest Eberhard Jr., „Giving Our Young Men the Proper Priesthood Perspective“, Schreibmaschinenmanuskript, 19. Juli 1971, Seite 4f., Historisches Archiv der Kirche

  12.  

    12. George Albert Smith, Frühjahrs-Generalkonferenz 1942

  13.  

    13. Henry Wadsworth Longfellow, „The Legend Beautiful“, in The Complete Poetical Works of Longfellow, 1893, Seite 258

  14.  

    14.  Lehren: John Taylor, Seite 164

  15.  

    15.  Jakobus 1:22

  16.  

    16.  Mose 4:2