Ein wundervoller Morgen

Elder Bruce D. Porter

von den Siebzigern


Wir brauchen weder die Zukunft fürchten noch unsere Hoffnung und allen guten Mut fahren lassen, denn Gott ist mit uns.

An einem Donnerstagabend kamen Jesus und seine Jünger in Jerusalem in einem Obergemach zusammen, um das Paschamahl zu feiern. Die Männer, die bei Jesus waren, wussten nicht, dass man dieses Mahl einmal als Abschiedsmahl bezeichnen würde. Hätten sie das gewusst und was dies bedeutete, hätten sie geweint.

Ihrem Meister jedoch war völlig klar, dass der Leidensweg von Getsemani und Golgota bald beginnen würde. Die finstersten Stunden in der Geschichte der Menschheit standen unmittelbar bevor, und dennoch sagte Jesus zu ihnen: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.“ (Johannes 16:33.)

Wir leben heute in einem Zeitalter voller Unruhe und Ungewissheit, das, wie der Herr dem Henoch prophezeite, von „Tagen der Schlechtigkeit und Vergeltung“ geprägt ist (Mose 7:60). Vor uns mögen Prüfungen und schwierige Zeiten liegen, dennoch haben wir auch Grund, guten Mutes zu sein und uns zu freuen, denn wir leben in der letzten Evangeliumszeit, in der Gott in Vorbereitung auf die Rückkehr seines Sohnes seine Kirche und sein Reich auf Erden wiederhergestellt hat.

Präsident Boyd K. Packer hat einmal über seine Enkel gesprochen und wie die Welt um sie herum immer unruhiger wird. Er sagte: „Im Laufe ihres Lebens werden sie vieles miterleben. Einiges davon wird ihren Mut auf die Probe stellen und ihren Glauben wachsen lassen. Doch wenn sie gebeterfüllt um Hilfe und Führung bitten, können sie sich über die Widrigkeiten erheben.“

Später sagte er dann noch: „Die Moralvorstellungen, auf die die Gesellschaft eigentlich bauen muss, bewegen sich wie in einer immer schneller werdenden Spirale abwärts. Dennoch habe ich keine Angst vor der Zukunft.“ („Fürchtet euch nicht“, Liahona, Mai 2004, Seite 77,78.)

Brüder und Schwestern, wir brauchen weder die Zukunft fürchten noch unsere Hoffnung und allen guten Mut fahren lassen, denn Gott ist mit uns. Zu den ersten aufgezeichneten Aufforderungen Jesu an seine neu berufenen Jünger in Galiläa gehören diese drei Worte: „Fürchte dich nicht!“ (Lukas 5:10.) Diesen Rat hat er im Laufe seines irdischen Wirkens mehrfach wiederholt. Zu den Heiligen in unserer Zeit sagte der Heiland: „Seid guten Mutes und fürchtet euch nicht, denn ich, der Herr, bin mit euch und werde euch beistehen.“ (LuB 68:6.)

Der Herr steht seiner Kirche und seinem Volk bei und behütet sie, bis er kommt. In Zion und ihren Pfählen wird Friede herrschen, denn der Herr hat verkündet, dass „die Sammlung im Land Zion und in seinen Pfählen Schutz bewirke und eine Zuflucht sei vor dem Sturm und vor dem Grimm, wenn diese unvermischt über die ganze Erde ausgegossen werden“ (LuB 115:6).

Die Kirche ist für ihre Mitglieder wie ein sicheres Bollwerk. Trotz der beunruhigenden Zustände in der Welt können die treuen Heiligen der Letzten Tage in den Pfählen Zions Zuflucht finden. Der Herr hat verfügt, dass der Stein, der sich ohne Zutun von Menschenhand vom Berg löste, dahinrollen wird, bis er die ganze Erde erfüllt hat (siehe Daniel 2:31-45; LuB 65:2). Und keines Menschen Kraft kann ihn aufhalten, denn Gott ist der Urheber dieses Werkes und Jesus Christus ist der Schlussstein.

Nephi sah in einer Vision, dass die Macht des Lammes Gottes „auf das Bundesvolk des Herrn“ herabkommen würde und es „mit Rechtschaffenheit und mit der Macht Gottes in großer Herrlichkeit ausgerüstet“ werden würde (siehe 1 Nephi 14:14).

Jeder von uns und auch unsere Familie können sich mit der Macht Gottes zur Verteidigung wappnen, wenn wir nur der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage treu bleiben und uns vom Heiligen Geist führen lassen. Prüfungen mögen über uns hereinbrechen und vielleicht verstehen wir nicht alles, was uns widerfährt oder um uns geschieht, aber wenn wir voller Demut und Ruhe dem Herrn vertrauen, stärkt und führt er uns in jeder Anfechtung. Wenn unser einziger Wunsch ist, ihm zu gefallen, wird er uns mit tiefem inneren Frieden segnen.

Zur Anfangszeit der Wiederherstellung mussten die Mitglieder schlimme Prüfungen bestehen. Präsident Brigham Young sagte über diese Zeit: „Wenn ich vom Pöbel umgeben war, wenn Tod und Vernichtung rings um mich her drohten, war ich mir nur dessen bewusst, dass ich genauso von Freude erfüllt war, dass ich mich genauso wohl fühlte wie jetzt. Die Aussichten für die Zukunft mögen trübe und sehr finster scheinen, aber ich habe in diesem Evangelium noch nie eine Zeit erlebt, wo ich nicht wusste, dass das Ergebnis für die Sache der Wahrheit … von Vorteil sein würde.“ (Lehren der Präsidenten der Kirche: Brigham Young, 1997, Seite 357.)

Einem meiner Mitarbeiter auf Mission, Paul, war stets anzusehen, dass er guten Mutes war. Als junger Vater erkrankte er an multipler Sklerose. Doch auch wenn dies schwierige Zeiten mit sich brachte, war er weiterhin freudig und gut gelaunt für andere da. Als er in den Rollstuhl musste, kam er einmal zu mir ins Büro und rief: „Mit einem motorisierten Rollstuhl fängt das Leben doch erst richtig an!“ Ich werde nie vergessen, wie er ein paar Jahre vor seinem Tod im Rollstuhl an Hunderten, die ihm zujubelten, vorbeirollte und dabei die Olympische Fackel hochhielt. Wie diese ewig brennende Flamme erlosch Pauls Glaube niemals in den Stürmen des Lebens.

Als Student an der Brigham-Young-Universität hatte ich einige männliche Mitbewohner. Einer von ihnen, Bruce, war der größte Optimist, der mir je begegnet ist. Nie äußerte er sich abfällig über andere oder über irgendwelche Verhältnisse, und es war unmöglich, sich in seiner Gegenwart nicht beschwingt zu fühlen. Er war guten Mutes, weil er unablässig sein Vertrauen in den Erretter und in dessen Evangelium setzte.

An einem kalten Wintertag lief ein anderer Freund von mir, Tom, gerade über das Universitätsgelände. Es war erst sieben Uhr und der Campus war noch dunkel und verlassen. Es schneite heftig und ein eisiger Wind wehte. „So ein Dreckwetter!“, dachte Tom. Als er so weiter in die Dunkelheit und in den Schnee hinausstapfte, hörte er jemanden singen.

Tatsächlich tauchte unser stets optimistischer Freund Bruce im Schneegestöber auf. Er hatte die Arme zum Himmel ausgestreckt und sang ein Lied aus dem Broadway-Musical Oklahoma!: „Wundervoll ist dieser Morgen, wenn sich die Sonne erhebt! Frei fühlt das Herz sich von Sorgen; alles ist glücklich, was lebt!“ (Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II, „Oh, What a Beautiful Mornin‘“, 1943.)

Im Laufe der Jahre ist diese fröhliche Stimme im düsteren Sturm für mich zu einem Symbol dessen geworden, was Glaube und Hoffnung eigentlich bedeuten. Auch wenn die Welt immer finsterer wird, können wir als Heilige der Letzten Tage voller Freude die Stimme erheben, denn wir wissen ja, dass die Mächte des Himmels mit Gottes Kirche und seinem Volk sind. Wir können uns der Erkenntnis erfreuen, dass ein wundervoller Morgen vor uns liegt – der Morgen des Millenniums, wenn der Sohn Gottes im Osten hervorkommen und auf Erden regieren wird.

Ich muss noch an zwei weitere wundervolle Morgen in der Geschichte der Menschheit denken. Im Frühjahr 1820 begab sich ein Junge namens Joseph Smith an einem schönen, klaren Morgen in Palmyra im Staat New York in ein kleines Wäldchen und kniete zum Gebet nieder. Als Antwort auf dieses Gebet erschienen ihm der Vater und der Sohn und läuteten die Evangeliumszeit der Fülle und die Wiederherstellung der Kirche Jesu Christi auf Erden ein.

Und auch an einem weiteren wundervollen Morgen vor etwa 2000 Jahren vor den Mauern Jerusalems trug sich etwas zu. Zweifellos erstrahlte die Sonne an jenem Ostermorgen in außergewöhnlichem Glanz. Ein paar Frauen kamen zu einem Gartengrab und wollten den Leichnam ihres gekreuzigten Herrn salben. Zwei Engel erschienen und verkündeten: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden.“ (Lukas 24:5,6.)

Ich gebe Zeugnis vom Triumph Jesu Christi über Sünde und Tod. Ich gebe Zeugnis vom barmherzigen Plan des ewigen Vaters und seiner unendlichen Liebe. Mögen wir, wenn wir uns morgens erheben, voller Glauben zum Himmel blicken und sagen: „Wundervoll ist dieser Morgen!“ Darum bete ich im Namen Jesu Christi. Amen.