Wir sind eins

Präsident Henry B. Eyring

Erster Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft


Ich bete darum, dass wir, wo auch immer wir sind und welche Pflichten im Priestertum Gottes wir auch haben, einig in dem Unterfangen sind, das Evangelium in alle Welt zu bringen.

Der Herr hat gleich zu Beginn dieser letzten Evangeliumszeit deutlich gemacht, dass wir das Evangelium in alle Welt tragen müssen. Was er 1831 zu einigen wenigen Priestertumsträgern gesagt hat, sagt er jetzt zu den vielen. Wie alt wir auch sind, welche Fähigkeiten oder Berufung in der Kirche wir auch haben und wo wir uns auch befinden – gemeinsam sind wir zu dem Werk berufen, ihm bei der Seelenernte zu helfen, bis er wiederkehrt. Hier seine Worte, die er an jene ersten Arbeiter im Weinberg richtete:

„Und weiter, ich sage euch: Ich gebe euch das Gebot, dass ein jeder Mann, ob Ältester, Priester, Lehrer oder auch Mitglied, mit aller Macht darangehe, durch seiner Hände Arbeit all das vorzubereiten und auszuführen, was ich geboten habe.

Und lasst euer Predigen die warnende Stimme sein, jedermann für seinen Nächsten, voll Milde und voll Sanftmut.

Und geht fort von denen, die schlecht sind. Errettet euch. Seid rein, die ihr die Gefäße des Herrn tragt.“1

Daraus könnt ihr, die ihr zum Aaronischen Priestertum gehört, erkennen, dass das Gebot des Herrn auch euch einschließt. Ihr wisst ja, dass der Herr uns immer einen Weg bereitet, seine Gebote zu halten, also könnt ihr davon ausgehen, dass er das auch für einen jeden von euch tun wird.

Ich möchte erzählen, wie er es für einen Jungen getan hat, der jetzt Priester im Aaronischen Priestertum ist. Er ist 16 Jahre alt. Er wohnt in einem Land, wo erst seit einem Jahr Missionare tätig sind. Sie wurden in zwei Städte geschickt, aber nicht in den Wohnort des Jungen.

Als er noch klein war, hatten seine Eltern ihn nach Utah gebracht, weil er dort sicher war. Die Familie hörte den Missionaren zu und ließ sich taufen. Er wurde damals noch nicht getauft, weil er noch keine acht Jahre alt war.

Seine Eltern kamen bei einem Unfall ums Leben. Daraufhin wollte seine Großmutter, dass er in seine Heimat jenseits des Ozeans zurückkehrte. So kam er zurück an seinen Geburtsort.

Fast genau vor einem Jahr im März ging er die Straße entlang, als er sich gedrängt fühlte, eine unbekannte Frau anzusprechen. Er unterhielt sich mit ihr in dem bisschen Englisch, das er noch konnte. Sie war Krankenschwester, und der Missionspräsident hatte sie in die Stadt geschickt, um sich nach einer Unterkunft und ärztlicher Versorgung für die Missionare zu erkundigen, die bald dort eintreffen sollten. Sie unterhielten sich freundlich miteinander. Als sie ins Missionsbüro zurückkehrte, erzählte sie den Missionaren von dem Jungen.

Die ersten beiden Missionare trafen im September 2012 ein. Der Waisenjunge war der Erste, den sie tauften. So wurde er Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Im März dieses Jahres war er seit vier Monaten Mitglied. Er war zum Priester im Aaronischen Priestertum ordiniert worden und somit imstande, den zweiten Bekehrten der Kirche zu taufen. Er war der erste Pionier im Priestertum, der andere Kinder des Vaters im Himmel um sich scharte, um die Kirche in einer Stadt mit etwa 130.000 Einwohnern aufzurichten.

Am Ostersonntag, dem 31. März 2013, war die Zahl der Mitglieder dort auf ganze sechs angewachsen. Er war das einzige einheimische Mitglied, das an dem Sonntag die Versammlung besuchte. Am Tag zuvor hatte er sich zwar am Knie verletzt, aber er war trotzdem entschlossen zu kommen. Er hatte darum gebetet, dass er imstande sein würde, zu Fuß in die Kirche zu gehen. Also war er da. Gemeinsam mit vier jungen Missionaren und einem Missionarsehepaar – allen Anwesenden – nahm er vom Abendmahl.

Das scheint nicht weiter bemerkenswert, solange man darin nicht das Muster erkennt, wie Gott wirkt, um sein Reich aufzubauen. Ich habe es viele Male beobachtet.

Als junger Mann habe ich es in New Mexico erlebt. Seit Generationen sagen uns die Propheten, dass wir den Missionaren helfen müssen, diejenigen zu finden und zu belehren, die ehrlichen Herzens sind, und dann denen mit Liebe zu begegnen, die ins Reich Gottes kommen.

Ich durfte selbst erleben, was gläubige Priestertumsführer und Mitglieder erreichen können. 1955 wurde ich Offizier in der amerikanischen Luftwaffe. Der Bischof an meinem Heimatort gab mir einen Segen, kurz bevor ich zu meinem ersten Stationierungsort in Albuquerque, New Mexico, abreiste.

In dem Segen sagte er, dass meine Zeit in der Luftwaffe ein Missionsdienst sein werde. An meinem ersten Sonntag dort besuchte ich erstmals den Zweig Albuquerque 1. Ein Mann kam auf mich zu, stellte sich als der Distriktspräsident vor und sagte mir, dass er mich als Distriktsmissionar berufen werde.

Ich sagte ihm, dass ich nur für einige Wochen während der Ausbildung dort bleiben werde, bis man mich an einen anderen Ort irgendwo in der Welt schicken würde. Er erwiderte: „Davon weiß ich nichts, wir haben aber die Aufgabe, Sie zum Dienen zu berufen.“ Mitten in meiner militärischen Ausbildung – anscheinend durch einen Zufall – wurde ich aus den vielen hundert Offizieren, die dort geschult wurden, ausgewählt, am Hauptquartier den Platz eines Offiziers einzunehmen, der unerwartet verstorben war.

Und so konnte ich in den ersten zwei Jahren, die ich dort war, mein Amt ausüben. An den meisten Abenden und an jedem Wochenende legte ich Menschen, die von den Mitgliedern zu uns gebracht wurden, das Evangelium Jesu Christi dar.

Meine Mitarbeiter und ich leisteten durchschnittlich 40 Stunden Missionsarbeit pro Monat, ohne dass wir auch nur ein einziges Mal an eine Tür klopfen mussten, um Zuhörer zu finden. Die Mitglieder packten uns den Teller so voll, dass wir öfters zwei Familien an einem Abend belehrten. Ich sah mit eigenen Augen, welche Macht im wiederholten Aufruf der Propheten liegt, dass jedes Mitglied ein Missionar sein soll, und was sich daraus Gutes ergibt.

An meinem letzten Sonntag in Albuquerque wurde der erste Pfahl in der Stadt gegründet. Jetzt steht dort ein heiliger Tempel, ein Haus des Herrn – in einer Stadt, wo wir uns einst in einem einzigen Gemeindehaus mit Heiligen versammelten, die ihre Freunde zu uns brachten, damit sie das Evangelium kennenlernten und das Zeugnis des Geistes spürten. Diese Freunde fühlten sich in der wahren Kirche des Herrn willkommen und zu Hause.

Ich habe es auch als Student in Neuengland beobachtet. Ich wurde als Ratgeber eines fähigen Distriktspräsidenten berufen, der früher kein Interesse an der Kirche gehabt, sich aber zu einem Mann mit großer geistiger Macht entwickelt hatte. Sein Heimlehrer hatte genug Liebe für ihn empfunden, um die Zigarre in seinem Mund zu ignorieren und in ihm das zu sehen, was Gott in ihm sehen konnte. Der Distriktspräsident und ich fuhren durch die hügelige Küstenlandschaft, um die winzigen Zweige zu besuchen, die überall in Massachusetts und Rhode Island zu finden waren, und dort das Reich Gottes aufzubauen und zu segnen.

In den Jahren, die ich mit diesem großen Priestertumsführer zusammenarbeitete, sahen wir, wie die Mitglieder durch ihr Beispiel und die Einladung, den Missionaren zuzuhören, Freunde in die Kirche zogen. Nach meinem Empfinden wuchsen diese Zweige nur langsam und unbeständig. Doch an meinem letzten Sonntag dort fünf Jahre darauf kamen zwei Apostel ins Gemeindehaus Longfellow Park in Cambridge, um aus unserem Distrikt einen Pfahl zu machen.

Jahre später kehrte ich dorthin zurück, um eine Pfahlkonferenz abzuhalten. Der Pfahlpräsident machte mit mir einen Ausflug zu einem steinigen Hügel in Belmont. Er sagte mir, dies sei genau der richtige Ort für einen Tempel Gottes. Jetzt steht dort einer. Wenn ich ihn betrachte, denke ich zurück an die treuen Mitglieder, mit denen ich in winzigen Zweigen saß, an die Nachbarn, die sie einluden, und die Missionare, die diesen das Evangelium verkündeten.

In unserer Versammlung heute Abend sitzt ein frisch ordinierter Diakon. Ich war an demselben Ostersonntag bei ihm, an dem der Priester, von dem ich vorhin gesprochen habe, zu Fuß zu seiner Versammlung mit nur einem Mitglied ging. Der Diakon strahlte, als sein Vater sagte, dass sie gemeinsam unsere heutige Priestertumsversammlung besuchen würden. Der Vater war ein hervorragender Missionar in der Mission gewesen, deren Präsident sein Vater gewesen war. Ich habe das Handbuch für Missionare aus dem Jahr 1937, das sein Urgroßvater besessen hatte, gesehen. In seiner Familie ist es also schon lange Tradition, Menschen in die Kirche zu bringen.

Ich unterhielt mich also mit dem Bischof des Diakons, um mir ein Bild zu machen, welche Erfahrungen den Jungen wohl in dem Priestertumsauftrag erwarteten, Seelen für den Herrn zu sammeln. Der Bischof war ganz begeistert, als er schilderte, wie der Gemeindemissionsleiter den Fortschritt der Freunde der Kirche im Blick behielt. Dieser besorgt sich die Angaben von den Missionaren, mit denen er regelmäßig in Kontakt steht.

Der Bischof spricht mit dem Gemeinderat über jeden, der auf die Taufe hinarbeitet. Man berät darüber, wie ein Taufkandidat und seine Familie sich vor der Taufe mit Mitgliedern anfreunden und in Aktivitäten einbezogen werden können, und wie diejenigen gefördert werden, die sich haben taufen lassen. Er erzählte mir, dass die Missionare gelegentlich so viele Termine haben, dass sie Träger des Aaronischen Priestertums als Mitarbeiter mitnehmen.

Im Gemeindemissionsplan stehen auch die Ziele, die sich die Kollegien in Bezug darauf gesetzt haben, Bekannte mit den Missionaren zusammenzubringen. Sogar die Diakonskollegiumspräsidentschaft ist aufgefordert, Ziele zu setzen und zu planen, wie die Mitglieder des Kollegiums dazu beitragen können, Menschen, die sie kennen, ins Reich Gottes zu bringen.

Augenscheinlich haben der Diakon in der starken Gemeinde und der neue Priester – der Bekehrte – in der kleinen Mitgliedergruppe nur wenig miteinander oder mit euch gemeinsam. Vielleicht erkennt ihr auch keine große Ähnlichkeit zwischen dem, was ihr beim Aufbau der Kirche erlebt, und den Wundern, die ich in New Mexico und in Neuengland gesehen habe.

In einer Hinsicht aber sind wir in unserem Priestertumsauftrag eins. Wir heiligen uns und erfüllen unsere jeweiligen Pflichten, die sich aus dem Gebot ergeben, allen Kindern des Vaters im Himmel das Evangelium zu bringen.

Wir machen gemeinsame Erfahrungen mit der Art und Weise, wie der Herr sein Reich auf Erden aufbaut. In seiner Kirche – mit den wunderbaren Werkzeugen und der Organisation, die uns gegeben wurden – wird von den Propheten immer noch eine grundlegende Wahrheit verkündet, wenn es darum geht, wie wir an die Missionsarbeit – unseren Priestertumsauftrag – herangehen sollen.

Bei der Frühjahrs-Generalkonferenz 1959 hat Präsident David O. McKay diesen Grundsatz aufgezeigt, so wie es die Propheten nach ihm getan haben, auch Präsident Thomas S. Monson. In seinen Schlussworten berichtete Präsident McKay, dass 1923 in der Britischen Mission eine allgemeine Anweisung an die Mitglieder der Kirche ergangen war. Sie waren angewiesen worden, kein Geld für Werbung auszugeben, um die unguten Gefühle, die der Kirche entgegengebracht wurden, zu bekämpfen. Präsident McKay erzählte, was beschlossen wurde: „Im kommenden Jahr 1923 soll jedem Mitglied der Kirche die Verantwortung obliegen, ein Missionar zu sein. Jedes Mitglied ein Missionar! Vielleicht bringen Sie Ihre Mutter in die Kirche, vielleicht Ihren Vater; oder es handelt sich um Ihren Kollegen aus der Werkhalle. Irgendjemand wird durch Sie die frohe Botschaft der Wahrheit erfahren.“

Präsident McKay fuhr fort: „Genauso lautet meine Botschaft heute. Jedes Mitglied – alle anderthalb Millionen – ein Missionar!2

Als 2002 bekanntgegeben wurde, dass die Missionsarbeit in die Verantwortung der Bischöfe übergehen sollte, war ich erstaunt. Ich war auch schon Bischof gewesen. Ich hatte den Eindruck, dass sie bereits bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit damit gefordert waren, den Mitgliedern geistlich zu dienen und die Organisationen in der Gemeinde anzuleiten.

Ein Bischof, den ich kannte, sah darin aber keine zusätzliche Pflicht, sondern eine Gelegenheit, die Gemeinde in einem großen Unterfangen, bei dem jedes Mitglied ein Missionar wurde, zusammenzuführen. Er berief einen Gemeindemissionsleiter. Er selbst kam jeden Samstag mit den Missionaren zusammen, um etwas über ihre Bemühungen zu erfahren, sie anzuspornen und sich nach dem Fortschritt der Freunde der Kirche zu erkundigen. Der Gemeinderat fand Wege, wie die Organisationen und Kollegien den Dienst am Nächsten zur Missionsvorbereitung nutzen konnten. Und als Richter in Israel half er den jungen Leuten, die Segnungen des Sühnopfers zu spüren und sich somit rein zu halten.

Vor kurzem fragte ich ihn, welche Erklärung er für den rasanten Anstieg von Bekehrtentaufen in seiner Gemeinde und für die wachsende Zahl junger Leute habe, die bereit und erpicht darauf sind, das Evangelium Jesu Christi in die Welt hinauszutragen. Er sagte, es habe wohl weniger an den Pflichten gelegen, die erfüllt wurden, sondern eher daran, wie alle in ihrer Begeisterung dafür eins geworden seien, Menschen in die Gemeinschaft der Heiligen zu bringen, die sie so glücklich macht.

Bei einigen gab es aber noch einen weiteren Grund. Wie die Söhne Mosias hatten sie gespürt, wie sich Sünde auf ihr eigenes Leben auswirkt, und wie erstaunlich die heilende Wirkung des Sühnopfers in der Kirche Gottes ist. Aus Liebe und Dankbarkeit für das Geschenk des Heilands an sie wollten sie helfen, wem sie nur konnten, dem durch Sünde verursachten Kummer zu entfliehen, die mit Vergebung verbundene Freude zu empfinden und sich gemeinsam mit ihnen im Reich Gottes zu sammeln, wo es sicher ist.

Es war Liebe zu Gott und Liebe zu ihren Freunden und Nachbarn, die sie darin einte, ihren Mitmenschen zu dienen. Sie hatten den Wunsch, das Evangelium jedem zu bringen, der in ihrem Teil der Welt lebte. Und sie bereiteten ihre Kinder darauf vor, würdig dafür zu sein, vom Herrn dazu berufen zu werden, zu lehren, Zeugnis zu geben und in anderen Teilen seines Weingartens zu dienen.

Ob es nun in der großen Gemeinde ist, wo der neu ordinierte Diakon seine Pflicht, das Evangelium zu verbreiten und das Reich aufzubauen, erfüllt, oder in der kleinen Gruppe fernab, wo der neu ordinierte Priester dient – sie werden eins sein in ihrer Absicht. Den Diakon wird seine Liebe zu Gott veranlassen, einem Freund die Hand zu reichen, der noch kein Mitglied ist. Er wird diesen Freund in ein Dienstprojekt oder eine Aktivität in der Kirche einbeziehen und ihn und seine Familie dann einladen, den Missionaren zuzuhören. Denjenigen, die sich schon haben taufen lassen, wird er der Freund sein, den sie brauchen.

Der Priester wird andere einladen, sich ihm in der kleinen Gruppe Heiliger anzuschließen, wo er die Liebe Gottes und den wohltuenden Frieden des Sühnopfers verspürt hat.

Wenn er seine Priestertumspflicht weiterhin treu erfüllt, wird er miterleben, wie aus der Gruppe ein Zweig wird. Schließlich wird es in seiner Stadt einen Pfahl geben. Es wird eine Gemeinde mit einem fürsorglichen Bischof geben. Vielleicht wird es einer der Söhne oder Enkelsöhne dieses Jungen sein, der eines Tages einen Diener Gottes zu einem nahegelegenen Hügel bringt und sagt: „Dies wäre ein herrlicher Ort für einen Tempel.“

Ich bete darum, dass wir, wo auch immer wir sind und welche Pflichten im Priestertum Gottes wir auch haben, einig in dem Unterfangen sind, das Evangelium in alle Welt zu bringen, und dass wir Menschen, die wir gern haben, ermuntern, von Sünde rein und mit uns im Reich Gottes glücklich zu werden. Im Namen Jesu Christi, dessen Kirche dies ist. Amen.

Show References

  1.  

    1. Lehre und Bündnisse 38:40-42

  2.  

    2. David O. McKay, Frühjahrs-Generalkonferenz 1959