Die Lehren und Grundsätze, die in den Glaubensartikeln enthalten sind

Elder L. Tom Perry

vom Kollegium der Zwölf Apostel


Jeder Glaubensartikel erweitert unser Verständnis vom Evangelium Christi auf einzigartige Weise.

Als mir der Auftrag erteilt wurde, heute in der Priestertumsversammlung zu sprechen, kam mir gleich eine liebe ehemalige PV-Lehrerin in den Sinn. Ihr Herzenswunsch war es, dass wir würdig wurden, das Priestertum zu empfangen. Sie fragte uns immer wieder ab, bis wir die Aufgaben für den Abgang aus der PV im Kopf hatten. Wir mussten nämlich damals die Namen der Mitglieder des Kollegiums der Zwölf Apostel und die Glaubensartikel auswendig aufsagen können. Sie versprach uns: Wenn jeder Schüler die dreizehn Glaubensartikel aufsagen konnte, durften wir uns ein Ausflugsziel aussuchen, wo dann der letzte Unterricht stattfinden sollte.

Wir entschieden uns für einen unserer Lieblingsplätze an einem felsigen Steilhang oberhalb des vorderen Damms am Eingang zum Logan Canyon im Norden Utahs. Dort gab es inmitten der Felsenschluchten eine ebene Stelle, die bestens dazu geeignet war, ein Feuer anzuzünden und Würstchen und Marshmallows zu grillen. Wir wählten diesen Platz, ohne zu bedenken, dass unsere Lehrerin schon etwas älter und nicht gerade sportlich war. Hätten wir nachgedacht, wäre uns vielleicht klar geworden, dass der Aufstieg für sie beschwerlich sein könnte. Doch sie löste ihr Versprechen ein und war mit von der Partie.

Zuerst mussten wir den Hang erklimmen. Damals gab es noch keine Hochspannungsleitung, die den Zutritt verhinderte. Mit ein bisschen Hilfe schaffte es unsere Lehrerin. Von dort oben kletterten wir dann hinunter bis zu einem Felsvorsprung, den wir „Schildkrötenrücken“ nannten.

Als wir angekommen waren, brauchte unsere Lehrerin eine Weile, um wieder zu Atem zu kommen. Bis wir dann so weit waren, dass wir uns zum Essen hinsetzen konnten, hatte sie sich genügend erholt, dass sie uns ein letztes Mal unterrichten konnte. Sie sagte uns, wie gern sie in den letzten beiden Jahren unsere Lehrerin gewesen sei. Sie lobte uns, weil wir die Glaubensartikel auswendig gelernt hatten. Sie konnte jeden beliebigen Glaubensartikel nennen und wir sagten ihn auf. Dann erklärte sie uns, die Glaubensartikel auswendig aufsagen zu können bedeute bloß, dass man sich viele Wörter eingeprägt habe – es sei denn, man verstehe die darin enthaltenen Lehren und Grundsätze. Sie redete uns gut zu, uns mit den Lehren des Evangeliums zu befassen, die in den Glaubensartikeln zum Ausdruck kommen. Sie erklärte uns, dass die Lehren in den Glaubensartikeln aufeinander aufbauen.

I. Die Gottheit und die grundlegende Lehre Christi

Dem ersten Glaubensartikel entnehmen wir, dass die Gottheit aus drei Wesen besteht, nämlich aus Gottvater, Jesus Christus und dem Heiligen Geist.

Der zweite Glaubensartikel macht uns bewusst, dass wir für unser Tun auf Erden verantwortlich sind.

Der dritte gibt einen Ausblick auf die Mission des Erlösers für die Errettung der Kinder unseres himmlischen Vaters.

Der vierte gibt Aufschluss, wie wichtig die wesentlichen Grundsätze und Verordnungen sind.

Die machtvollen Worte meiner Lehrerin sind seit damals richtungsweisend für mich, weil sie uns gelehrt hat, wie wichtig es ist, sich mit dem Evangelium zu befassen. Die heiligen Schriften stellen einen wahren Maßstab dar, anhand dessen wir beurteilen können, ob das, was uns vermittelt wird, richtig oder falsch ist. Wahre Lehre kommt von Gott, der der Quell und das Fundament jeglicher Wahrheit ist. Im Evangelium unseres Herrn und Heilands sind die Grundsätze und Eckpunkte der wahren Lehre zu finden. Falsche Lehren stammen vom Satan, dem Vater aller Lügen. Sein Wunsch besteht darin, offenbarte Wahrheit zu verfälschen, zu verdrehen und abzuändern. Er will uns verblenden, damit einige unter uns auf dem Weg zurück zum Vater im Himmel verlorengehen.

Aus den Schriften erfahren wir, wie wir Irrlehren meiden können. So schreibt beispielsweise Paulus an Timotheus:

„Jede von Gott eingegebene Schrift ist auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit;

so wird der Mensch Gottes zu jedem guten Werk bereit und gerüstet sein.“ (2 Timotheus 3:16,17.)

Diese Lehre ist für die Kirche, was der Akku für ein Handy ist. Nimmt man den Akku heraus, ist das Handy nutzlos. Eine Kirche, in der nicht mehr die wahre Lehre verkündet wird, ist gleichermaßen nutzlos. Sie vermag uns nicht zum Vater im Himmel und in unsere ewige Heimat zurückzubringen.

II. Organisation und Ordnung des Priestertums

Nachdem uns die grundlegende Lehre Christi nun allmählich klar geworden ist, erfahren wir aus dem fünften und sechsten Glaubensartikel etwas über die Organisation und Ordnung des Priestertums. Auf Weisung des Herrn hat Joseph Smith die Kirche des Erlösers mithilfe der Vollmacht des Priestertums – der Macht Gottes – wiederhergestellt. Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist die gleiche Kirche, die Christus damals auf Erden gegründet und geleitet hat.

Wie herrlich war doch jener Tag, als Joseph Smith und Oliver Cowdery im Mai 1829 in den Wald gingen, um zu beten, weil sie Fragen zur Lehre der Taufe zur Sündenvergebung hatten, von der sie im Zuge der Übersetzungsarbeiten am Buch Mormon gelesen hatten. Von den diversen Kirchen wurden zu Beginn des 18. Jahrhunderts ja die unterschiedlichsten Lehren in Bezug auf die Taufe verkündet, und Joseph Smith und Oliver Cowdery war klar, dass nicht alle davon stimmen konnten. Sie wollten wissen, welches die richtige Art und Weise der Taufe ist und auch, wer die Vollmacht hatte, zu taufen.

Als Antwort auf ihre Gebete zum Herrn erschien ihnen ein Bote vom Himmel, nämlich Johannes der Täufer. Er legte den beiden die Hände auf und übertrug ihnen die Vollmacht zu taufen mit folgenden Worten: „Euch, meinen Mitknechten, übertrage ich im Namen des Messias das Priestertum Aarons.“ (LuB 13:1.)

Was für ein großartiger Tag der Weltgeschichte! Das Priestertum wurde auf Erden wiederhergestellt.

Wenn wir das Priestertum empfangen, empfangen wir die Vollmacht, im Namen Gottes zu handeln und auf den Wegen der Wahrheit und Rechtschaffenheit zu führen. Diese Vollmacht ist eine wichtige Quelle rechtschaffener Macht und rechtschaffenen Einflusses zugunsten der Kinder Gottes auf Erden, und sie wird auch über den Tod hinaus bestehen. Bevor die wahre Kirche Jesu Christi gegründet werden konnte, musste erst das Priestertum wiederhergestellt werden. Dies ist die grundlegende Lehre, die wir dem fünften und sechsten Glaubensartikel entnehmen können.

III. Himmlische Hilfsmittel für den Weg durchs Erdenleben

In den nächsten drei Glaubensartikeln – Nummer sieben, acht und neun – geht es um die Hilfsmittel, die uns auf dem Weg durchs Erdenleben Richtung geben sollen. Uns sind Gaben des Geistes verliehen worden, die uns, wenn wir die Lehren Christi befolgen, anleiten und uns vor dem Bösen bewahren. Ein weiterer Wegweiser sind die heiligen Schriften. Wenn wir das Wort Gottes gründlich lesen, zeigt er uns den Weg, der zu ewigem Leben führt.

Der neunte Glaubensartikel macht uns bewusst, dass Gott durch seine Propheten, Seher und Offenbarer viele große, wichtige Wahrheiten bereits offenbart hat, jetzt offenbart und auch in Zukunft noch offenbaren wird. Wir erfahren auch, dass uns neben der leisen und sanften Stimme des Geistes und dem Schriftstudium noch eine weitere richtungsweisende Quelle offensteht: Hierbei handelt es sich um die Führer der Kirche – erwählt, berufen und eingesetzt, um uns durch das, was sie lehren, von Nutzen zu sein.

IV. Die Mitglieder als Missionare

Im zehnten, elften und zwölften Glaubensartikel wird aufgezeigt, wie wir Missionsarbeit verrichten und das Evangelium in einer Welt mit vielen Völkern und unterschiedlichen Gesetzen verkünden sollen. Es geht um die Sammlung Israels in Vorbereitung auf das Zweite Kommen des Erlösers. Auch lernen wir, dass der Mensch für sich selbst handeln kann und das Gotteswort gemäß seinem eigenen Gewissen entweder annehmen oder ablehnen darf. Und schließlich wird uns gesagt, dass wir bei der Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi bis hin an die Enden der Erde die Regierung eines jeden Landes, in das wir eingelassen werden, achten müssen. Ja, wir glauben daran, dass man dem Gesetz eines jeden Landes gehorchen, es achten und dafür eintreten muss.

V. Erstrebenswerte Eigenschaften

Der dreizehnte Glaubensartikel enthält konkrete Einsichten, wie wir leben und uns anderen gegenüber verhalten sollen. Er lautet: „Wir glauben, dass es recht ist, ehrlich, treu, keusch, gütig und tugendhaft zu sein und allen Menschen Gutes zu tun; ja, wir können sagen, dass wir der Ermahnung des Paulus folgen – wir glauben alles, wir hoffen alles, wir haben viel ertragen und hoffen, alles ertragen zu können. Wenn es etwas Tugendhaftes oder Liebenswertes gibt, wenn etwas guten Klang hat oder lobenswert ist, so trachten wir danach.“

Jeder von uns muss bestrebt sein, diese Eigenschaften zu verinnerlichen und ein entsprechendes Leben zu führen. Die Wahrheiten in den Glaubensartikeln bauen aufeinander auf, wie sich die Teile eines Handys ergänzen. Wie die ausgefeilte Beschaffungskette zur Herstellung eines Handys versorgen uns die Glaubensartikel mit den grundlegenden Lehren der Wiederherstellung. Jeder Glaubensartikel erweitert unser Verständnis vom Evangelium Christi auf einzigartige Weise.

Meine PV-Lehrerin weckte in mir den festen Entschluss, mich mit den Lehren des Reiches zu befassen. Sie forderte mich auf, die tiefe Bedeutung in diesen einfachen Glaubensartikeln zu ergründen. Sie versprach mir, dass dieses Wissen mein Leben zum Besseren wenden werde, sofern ich mir die Zeit nähme, diese heiligen Wahrheiten zu erkennen. Ich kann Ihnen bezeugen, dass es sich gewendet hat.

Am Ende des eindrucksvollen Unterrichts im Logan Canyon bemerkten wir, dass wir ein wenig länger geblieben waren, als wir eigentlich vorgehabt hatten. Die Dämmerung machte schon der Dunkelheit Platz, und wir erkannten, dass wir vor einem Problem standen.

Unsere Lehrerin hatte sich bereits auf dem Hinweg schwergetan, doch der Rückweg erwies sich als noch größere Hürde. Das verschlimmerte die unglückliche Wahl unseres Treffpunkts noch weiter. Das Zurückklettern war für uns ja schon schwierig – und wohl erst recht für sie.

Während wir noch versuchten, ihr auf dem Hang voranzuhelfen, tauchten plötzlich zwei Polizisten auf. Unsere PV-Leiterin hatte sie ausgeschickt, nach uns zu suchen, da sie dachte, wir hätten uns verirrt. Diese dramatische Wendung nebst allem, was wir dort gelernt haben, machte diesen Abend für mich unvergesslich.

Ihr jungen Männer, ich bitte euch: Setzt euren hellen Kopf ein und lernt die Glaubensartikel und die darin enthaltenen Lehren wirklich eingehend kennen. Sie gehören zu den wichtigsten und ganz bestimmt auch zu den präzisesten Erläuterungen der Lehre der Kirche. Wenn ihr euch bei eurem Studium des Evangeliums Jesu Christi von ihnen leiten lasst, werdet ihr merken, dass ihr bereit seid, der Welt die wiederhergestellte Wahrheit zu verkünden. Ihr könnt dann den Wesenskern der Glaubensansichten, die uns, den Mitgliedern der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, so viel bedeuten, einfach, unmissverständlich und mit Tiefgang erklären.

Der Wahrheit der dreizehn Glaubensartikel setze ich mein eigenes Zeugnis hinzu. Im Namen unseres Herrn und Heilands, Jesus Christus. Amen.