An meine Enkel

Präsident Henry B. Eyring

Erster Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft


Es gibt ein übergeordnetes Gebot, das uns hilft, Herausforderungen zu meistern, und das zum Kern eines glücklichen Familienlebens führt.

In diesem Jahr werden unsere ersten beiden Enkel heiraten. Innerhalb weniger Jahre werden zehn ihrer Cousins und Cousinen wohl den Punkt im Leben erreicht haben, wo sie ihnen in die herrliche Welt der Familiengründung nachfolgen werden.

Diese schöne Aussicht hat mich zu gründlichem Nachsinnen veranlasst, denn sie haben mich um Rat gebeten. Im Wesentlichen haben sie gefragt: „Welche Entscheidungen soll ich treffen, damit ich glücklich werde?“ Und andererseits: „Welche Entscheidungen werden mich wahrscheinlich unglücklich machen?“

Der Vater im Himmel hat jeden von uns einzigartig gemacht. Keiner macht genau dieselben Erfahrungen wie der andere. Keine Familie ist so wie die andere. So überrascht es nicht, dass es sehr schwierig ist, Ratschläge zu erteilen, wie man zu einem glücklichen Familienleben kommt. Doch der liebevolle Vater im Himmel hat all seinen Kindern den gleichen Weg vorgegeben, der sie zu ihrem Glück führt. Welche Charakterzüge wir auch haben mögen und welche Erfahrungen wir auch machen – es gibt nur einen Plan des Glücklichseins. Dieser Plan sieht vor, dass man alle Gebote Gottes befolgt.

Für uns alle, auch für meine Enkel, die ans Heiraten denken, gibt es ein übergeordnetes Gebot, das uns hilft, Herausforderungen zu meistern, und das zum Kern eines glücklichen Familienlebens führt. Es trifft auf alle Beziehungen zu, unabhängig von den Umständen. Es wird in allen heiligen Schriften und in den Lehren der Propheten in unserer Zeit wiederholt. In der Bibel liest sich der Rat des Herrn an alle, die für immer liebevoll und glücklich miteinander leben wollen, so:

„Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn:

Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?

[Jesus] antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.

Das ist das wichtigste und erste Gebot.

Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.“1

Von dieser einfachen Aussage aus lässt sich recht leicht alles zusammenfassen, was ich darüber gelernt habe, welche Entscheidungen zu einer glücklichen Familie führen. Ich beginne mit der Frage: „Welche Entscheidungen haben mich dahin gebracht, den Herrn mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all meinen Gedanken zu lieben?“ Für mich war es die Entscheidung, mich so zu verhalten, dass ich die Freude der Vergebung durch das Sühnopfer des Herrn spürte.

Vor Jahren habe ich in Albuquerque in New Mexiko einen jungen Mann getauft, den mein Mitarbeiter und ich als Missionare belehrt hatten. Ich tauchte den jungen Mann ins Wasser und hob ihn wieder heraus. Er muss fast genauso groß gewesen sein wie ich, denn er sprach mir direkt ins Ohr. Das Wasser aus dem Becken rann ihm von der Stirn, und Tränen liefen ihm die Wangen hinunter, als er mit freudiger Stimme sagte: „Ich bin rein, ich bin rein!“

Ich habe die gleichen Glückstränen in den Augen einer Frau gesehen, die die Worte eines Apostels Gottes wiedergab. Dieser hatte nach eingehender und liebevoller Unterredung zu ihr gesagt: „Ich vergebe Ihnen im Namen des Herrn. Er wird Ihnen zu seiner Zeit und auf seine Weise die Zuversicht geben, dass er Ihnen vergeben hat.“ Und so geschah es.

Ich habe erfahren, warum der Herr sagen kann, dass er sich nicht mehr an Sünden erinnert, wenn sie vergeben sind. Durch die Macht des Sühnopfers haben sich Menschen, die ich gut kenne und lieb habe, gewandelt, und die Folgen der Sünde wurden weggewischt. Mein Herz ist von Liebe zum Erretter und zu dem liebevollen Vater erfüllt, der ihn gesandt hat.

Dieser große Segen rührt daher, dass ich Menschen, die mir am Herzen liegen, ermutigt habe, sich an den Heiland zu wenden, damit er ihren Schmerz lindere – und zwar so, wie nur er es kann. Deshalb bitte ich diejenigen, die ich lieb habe, inständig, jede Berufung, die ihnen in der Kirche angeboten wird, anzunehmen und groß zu machen. Diese Entscheidung ist einer der wichtigen Schlüssel zum Familienglück.

Belastungen können uns in jeder Lebensphase in Versuchung führen, dass wir Berufungen, dem Herrn zu dienen, ablehnen oder vernachlässigen. Das kann uns selbst, unseren Ehepartner und unsere Kinder geistig in Gefahr bringen. Manche dieser Berufungen mögen unbedeutend erscheinen, aber für mich selbst und meine Familie hat sich einiges zum Besseren gewandelt, als ich eine Berufung als Lehrer eines Diakonskollegiums annahm. Ich spürte, dass diese Diakone den Erretter liebten und dass er sie liebte.

Ich konnte erkennen, wie ein früherer Pfahl- und Missionspräsident dies auch erlebte, als er die Berufung als Berater eines Lehrerkollegiums annahm. Ich weiß von einem anderen, der Bischof war und danach noch Gebietssiebziger war; der Herr bediente sich seiner, um einem Jungen in einem Lehrerkollegium beizustehen, der bei einem Unfall verletzt worden war. Die Wunder, die sich aus diesen Diensten ergaben, haben viele Menschen – darunter auch mich – berührt und ihre Liebe zum Heiland wachsen lassen.

Wenn wir anderen dienen, bitten wir höchstwahrscheinlich darum, dass der Heilige Geist uns begleiten möge. Wenn wir dem Herrn gut dienen, ergeben sich stets Wunder, die über unseren eigenen Kräfte hinausgehen. Die Eltern, deren Kind sich ernstlich auflehnt, wissen, dass das stimmt, und ebenso die Besuchslehrerin, bei der eine Frau Trost sucht, deren Mann ihr gesagt hat, dass er sie verlassen will. In beiden Fällen sind die Dienenden dankbar, dass sie morgens zum Herrn gebetet haben, er möge ihnen den Heiligen Geist als Begleiter schicken.

Nur wenn der Heilige Geist uns begleitet, können wir hoffen, in der Ehe am selben Strang zu ziehen, ohne uneins zu sein. Ich habe erlebt, warum diese Begleitung entscheidend für eine glückliche Ehe ist. Das Wunder, eins zu werden, erfordert die Hilfe des Himmels, und es braucht Zeit. Unser Ziel ist es, in der Gegenwart unseres himmlischen Vaters und des Erretters für immer zusammenzuleben.

Mein Vater und meine Mutter waren sehr verschieden. Meine Mutter war Sängerin und Künstlerin. Mein Vater mochte die Chemie sehr. Bei einem Sinfoniekonzert war meine Mutter einmal sehr überrascht, als mein Vater aufstand und gehen wollte, bevor der Applaus einsetzte. Meine Mutter fragte ihn, wohin er denn gehe. Er antwortete in aller Unschuld: „Na, es ist doch vorbei, oder?“ Nur der sanfte Einfluss des Heiligen Geistes hatte ihn überhaupt mit ihr dorthin gebracht und brachte ihn immer wieder zu Konzerten.

Meine Mutter lebte 16 Jahre in New Jersey, damit mein Vater als Forscher und Lehrer im Fach Chemie die Familie ernähren konnte. Für sie war es ein Opfer, von ihrer verwitweten Mutter und ihrer unverheirateten Schwester getrennt zu sein, die sich auf der alten Farm der Familie um die Mutter kümmerte. Beide verstarben, als Mutter weit fort in New Jersey war. Diese beiden Anlässe waren die einzigen, bei denen ich meine Mutter jemals weinen sah.

Jahre später wurde meinem Vater eine Stelle in Utah angeboten. Er fragte meine Mutter, wiederum in aller Unschuld: „Mildred, was soll ich deiner Meinung nach tun?“

Sie antwortete: „Henry, tu, was du für das Beste hältst.“

Er lehnte das Angebot ab. Am nächsten Morgen schrieb sie ihm einen Brief – und ich wünschte, ich hätte ihn noch. Ich weiß noch, dass sie ihm sagte: „Öffne ihn nicht hier. Geh ins Büro und öffne ihn dort!“ Der Brief begann mit einem Tadel. Vater hatte ihr Jahre zuvor versprochen, dass er sie, wenn irgend möglich, in die Nähe ihrer Familie bringen würde. Nun war er überrascht, dass sie sich verärgert zeigte. Er hatte nicht an ihren Herzenswunsch gedacht. Er sandte sofort eine Mitteilung, dass er die Stelle annehmen werde.

Er fragte: „Mildred, warum hast du mir das nicht gesagt?“

Sie entgegnete: „Du solltest es dir doch merken!“

Er sprach von dieser Entscheidung, nach Utah zu ziehen, immer als von seiner eigenen – niemals so, als habe er seine Karriere geopfert. Sie waren auf wundersame Weise eins geworden. Es wäre besser gewesen, wenn Vater durch den Heiligen Geist an das Versprechen erinnert worden wäre, das er Jahre zuvor gegeben hatte. Doch er ließ sich vom Heiligen Geist das Herz erweichen, sodass ihre Entscheidung zu seiner wurde.

Der Vater im Himmel sieht alles voraus, kennt jeden von uns und auch unsere Zukunft. Er weiß, durch welche Schwierigkeiten wir hindurch müssen. Er sandte seinen Sohn, damit dieser leide und erkenne, wie er uns in all unseren Prüfungen beistehen kann.

Wir wissen, dass der Vater im Himmel auf dieser Welt Geistkinder hat, die manchmal die Sünde und großes Elend wählen. Darum sandte er seinen Erstgeborenen, dass er unser Erlöser sei – der größte Akt der Liebe in der gesamten Schöpfung. Darum müssen wir damit rechnen, dass wir Gottes Hilfe brauchen und es Zeit kostet, uns für das ewige Leben – das Leben bei unserem Vater im Himmel – zurechtzuschleifen.

Durch das Leben in einer Familie werden wir geprüft. Das ist eine der Absichten, weshalb Gott uns das Erdenleben schenkt: Wir sollen gestärkt werden, indem wir Prüfungen durchlaufen. Das stimmt besonders im Familienleben, wo wir große Freude finden, aber auch auf großen Kummer und Schwierigkeiten stoßen, die unsere Kraft, darin auszuharren, mitunter zu übersteigen scheinen.

Präsident George Q. Cannon hat darüber, wie Gott uns und unsere Kinder auf die uns bevorstehenden Prüfungen vorbereitet hat, gesagt: „Es gibt niemanden unter uns, dem Gott nicht seine Liebe schenkt. Es gibt niemanden unter uns, um den er sich nicht kümmert und den er nicht liebevoll behandelt. Es gibt niemanden unter uns, den er nicht erretten möchte und für den er keine Mittel zur Errettung ersonnen hat. Es gibt niemanden unter uns, für den er nicht Engel beauftragt hat, sich um ihn zu kümmern. Wir mögen in unseren eigenen Augen und den Augen anderer unbedeutend und verachtenswert sein, aber es bleibt die Wahrheit, dass wir Kinder Gottes sind und dass er wirklich seine Engel – unsichtbare Wesen mit Macht und Kraft – beauftragt hat, sich um uns zu kümmern. Sie wachen über uns und behüten uns.“2

Was Präsident Cannon gesagt hat, stimmt. Sie werden diese Gewissheit brauchen, so wie ich sie gebraucht und mich darauf verlassen habe.

Ich habe voller Glauben gebetet, dass Menschen, die ich lieb hatte, nach der Macht des Sühnopfers streben und sie spüren würden. Ich habe voller Glauben gebetet, dass Engel in Menschengestalt ihnen zu Hilfe kommen würden, und so geschah es.

Gott hat Mittel ersonnen, um jedes seiner Kinder zu erretten. Für viele heißt das auch, dass sie einen Bruder oder eine Schwester oder Großeltern haben, von denen sie geliebt werden, ungeachtet dessen, was sie tun.

Vor Jahren erzählte mir ein Freund von seiner Großmutter. Sie hatte ein erfülltes Leben gehabt, immer dem Herrn und seiner Kirche treu. Doch einer ihrer Enkel wählte ein Leben als Krimineller. Er wurde schließlich zu einer Haftstrafe verurteilt. Mein Freund berichtete, seine Großmutter habe, als sie auf einer Schnellstraße unterwegs war, um ihren Enkel im Gefängnis zu besuchen, mit Tränen in den Augen voller Schmerz gebetet: „Ich habe mich doch bemüht, ein gutes Leben zu führen. Warum nur, warum habe ich diesen unseligen Enkel, der sein Leben offenbar ruiniert hat?“

Als Antwort kam ihr dies in den Sinn: „Ich habe ihn dir gegeben, weil ich wusste, dass du ihn lieb haben könntest und würdest – ganz gleich, was er anstellt.“

Das ist eine wunderbare Lektion für uns alle. Der Weg ist für liebevolle Eltern und Großeltern und alle Diener Gottes nicht leicht in einer Welt, die im Niedergang ist. Wir können Gottes Kinder nicht zwingen, den Weg zu wählen, der zum Glück führt. Gott kann das nicht, weil er uns die Entscheidungsfreiheit gegeben hat.

Der Vater im Himmel und sein geliebter Sohn lieben alle Kinder Gottes, ganz gleich, was sie tun oder was aus ihnen wird. Der Erretter hat den Preis für alle Sünden gezahlt, wie abscheulich sie auch sein mögen. Zwar muss es Gerechtigkeit geben, dennoch besteht eine Aussicht auf Barmherzigkeit, die die Gerechtigkeit nicht beraubt.

Alma drückte diese Hoffnung gegenüber seinem Sohn Korianton so aus: „Darum konnte gemäß der Gerechtigkeit der Plan der Erlösung nicht anders als nur unter der Bedingung der Umkehr des Menschen in diesem Bewährungszustand, ja, diesem Vorbereitungszustand, zuwege gebracht werden; denn anders als unter diesen Bedingungen konnte die Barmherzigkeit nicht wirksam werden, wenn sie das Werk der Gerechtigkeit nicht zerstören sollte. Nun kann das Werk der Gerechtigkeit nicht zerstört werden; denn sonst würde Gott aufhören, Gott zu sein.“3

Meine Botschaft an meine Enkel und an uns alle, die wir eine ewige Familie schmieden wollen, lautet, dass den Glaubenstreuen Freude garantiert ist. Schon vor Anbeginn der Welt hatten ein liebevoller Vater im Himmel und sein geliebter Sohn diejenigen lieb, von denen sie wussten, dass sie abirren würden, und bemühten sich um sie. Gott wird sie immerdar lieben.

Wir haben den Vorteil zu wissen, dass sie in der Geisterwelt über den Erlösungsplan belehrt worden sind. Sie und wir waren so treu, dass wir auf die Erde kommen durften, was viele andere nicht durften.

Mit der Hilfe des Heiligen Geistes werden uns alle Wahrheiten wieder in Erinnerung gebracht werden. Wir können dies anderen nicht aufzwingen, aber wir können es sie in unserem Leben sehen lassen. Wir können immer Mut schöpfen aus der Gewissheit, dass wir einst alle voll Freude als Mitglieder der geliebten Familie des himmlischen Vaters zusammen waren. Mit Gottes Hilfe können wir alle diese Hoffnung und diese Freude erneut empfinden. Ich bete darum, dass dies für uns alle so sein möge. Im Namen Jesu Christi. Amen.

Quellenangaben anzeigen

  1.  

    1. Matthäus 22:35-40

  2.  

    2. George Q. Cannon, „Our Pre-existence and Present Probation“, Contributor, Oktober 1890, Seite 476

  3.  

    3. Alma 42:13