Sie können sich wieder aufrichten!

Präsident Dieter F. Uchtdorf

Zweiter Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft


Solange wir willens sind, uns wieder aufzurichten und den Weg weiter zu beschreiten, können wir aus jedem Fehlschlag etwas lernen und besser und glücklicher werden.

Als ich noch klein war, kam es mir so vor, als würde ich in ein und demselben Zug hinfallen und wieder aufstehen. Im Laufe der Jahre bin ich jedoch zu dem beunruhigenden Schluss gelangt, dass die Gesetze der Physik sich geändert haben – und zwar nicht zu meinem Vorteil.

Vor kurzem war ich mit meinem zwölfjährigen Enkel Ski fahren. Gerade als wir die gemeinsame Zeit so schön genossen, geriet ich auf eine vereiste Stelle und landete schließlich nach einem fulminanten Sturz auf einem steilen Abhang.

Ich probierte alles aus, um wieder aufzustehen, aber es ging nicht – ich war hingefallen und konnte mich nicht wieder aufrichten.

Körperlich ging es mir gut, aber mein Ego war ein wenig angeknackst. So vergewisserte ich mich denn, dass mein Sturzhelm und meine Skibrille richtig sagen, weil mir sehr daran gelegen war, dass andere Skifahrer mich nicht erkannten. Ich konnte mir vorstellen, wie sie schwungvoll vorbeifuhren und mir fröhlich ein „Hallo, Präsident Uchtdorf!“ zuwarfen, während ich hilflos dort saß.

Ich fragte mich schon, was wohl zu meiner Rettung erforderlich wäre, da tauchte mein Enkel neben mir auf. Ich erzählte ihm, was passiert war, aber meine Erläuterungen, warum ich mich nicht mehr aufrichten konnte, schienen ihn nicht sonderlich zu interessieren. Er sah mir in die Augen, reichte mir die Hand und sagte mit fester Stimme: „Opa, steh jetzt wieder auf!“

Im Nu stand ich.

Ich muss immer noch den Kopf darüber schütteln. Was mir kaum einen Augenblick zuvor unmöglich erschienen war, war auf einmal Tatsache geworden – und das nur, weil ein zwölfjähriger Junge mir die Hand gereicht und gesagt hatte: „Steh jetzt wieder auf!“ Das hatte mir einen richtigen Schub an Zuversicht, Begeisterung und Kraft gegeben.

Brüder, es mag Zeiten im Leben geben, zu denen es jenseits unserer Möglichkeiten zu liegen scheint, dass wir uns wieder aufrichten und weitermachen. Ich habe an diesem Tag an dem schneebedeckten Abhang etwas gelernt: Selbst wenn man glaubt, man könne sich nicht mehr aufrichten, besteht immer noch Hoffnung. Manchmal brauchen wir auch im Leben einfach jemanden, der uns in die Augen sieht, uns die Hand reicht und sagt: „Steh jetzt wieder auf!“

Eingebildete Unempfindlichkeit

Wir nehmen gerne an, dass Frauen eher als Männer zu dem Eindruck neigen, sie seien unzulänglich oder hätten einen enttäuscht – dass diese Empfindungen sie häufiger treffen als uns. Ich wäre mir da nicht so sicher. Auch Männer fühlen sich schuldig, sind niedergeschlagen oder glauben, sie hätten versagt. Wir geben vielleicht vor, dass solche Empfindungen uns nicht anfechten, aber sie tun es. Unsere Fehlschläge und Unzulänglichkeiten können uns dermaßen belasten, dass uns der Gedanke beschleicht, wir könnten niemals Erfolg haben. Mitunter glauben wir sogar, nachdem wir schon einmal hingefallen sind, sei das Hinfallen unser Schicksal. Wie der Schriftsteller sagt: „So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu.“1

Ich habe gesehen, wie Männer mit großem Potenzial und großer Ausstrahlung sich von der schwierigen Aufgabe, das Reich Gottes aufzubauen, verabschiedet haben, weil sie ein, zwei Mal versagt hatten. Es waren vielversprechende Männer, aus denen außergewöhnliche Priestertumsträger und Diener Gottes hätten werden können. Aber weil sie ins Straucheln geraten waren und den Mut verloren hatten, zogen sie sich von ihren Pflichten im Priestertum zurück und widmeten sich anderen, weniger lohnenden Vorhaben.

Und so führen sie nun ein Leben weiter, das nur ein Schatten dessen ist, was es hätte sein können, und schwingen sich niemals zu dem ihnen angeborenen Potenzial auf. Wie der Dichter schrieb, gehören sie zu den Unglückseligen, die den Großteil ihrer Musik noch in sich tragen, wenn sie sterben.2

Niemand scheitert gern. Insbesondere mögen wir es nicht, wenn vor allem diejenigen, die wir lieben, uns scheitern sehen. Wir alle möchten respektiert und geschätzt werden. Wir möchten gerne ein Meister sein. Aber wir Sterblichen werden niemals ohne Mühe und Disziplin zum Meister oder ohne dass wir Fehler begehen.

Brüder, unser Schicksal hängt nicht davon ab, wie oft wir hinfallen, sondern wie oft wir uns wieder aufrichten, den Staub abschütteln und vorwärtsgehen.

Gottgewollte Traurigkeit

Wir wissen, dass das Erdenleben eine Prüfung ist. Aber weil uns der Vater im Himmel eine vollkommene Liebe entgegenbringt, zeigt er uns, wo wir Antworten finden. Er hat uns eine Landkarte mitgegeben, die es uns ermöglicht, über unsicheres Gelände und unerwartete Prüfungen, die uns allen begegnen, hinwegzugelangen. Die Worte der Propheten sind Teil dieser Landkarte.

Wenn wir straucheln, zu Fall geraten oder vom Weg unseres himmlischen Vaters abkommen, dann sagen uns die Worte der Propheten, wie wir uns aufrichten und in die Spur zurückfinden können.

Unter all den Grundsätzen, die von den Propheten über Jahrhunderte hinweg verkündet wurden, gibt es einen, der immer und immer wieder unterstrichen wurde: die hoffnungsvolle und wohltuende Botschaft nämlich, dass der Mensch umkehren, seinen Kurs ändern und auf den wahren Weg eines Jüngers zurückkehren kann.

Das bedeutet nicht, dass wir uns mit unseren Schwächen, Fehlern und Sünden abfinden sollten. Es gibt aber einen schwerwiegenden Unterschied zwischen der Traurigkeit, die zur Umkehr führt, und derjenigen, die zur Verzweiflung führt.

Der Apostel Paulus hat gesagt: „Die gottgewollte Traurigkeit verursacht … Sinnesänderung zum Heil; die weltliche Traurigkeit aber führt zum Tod.“3 Gottgewollte Traurigkeit regt durch das Sühnopfer zu Veränderungen an und fördert die Hoffnung. Weltliche Traurigkeit zieht uns hinab, lässt die Hoffnung erlöschen und verleitet uns dazu, uns weiteren Versuchungen hinzugeben.

Gottgewollte Traurigkeit führt zur Bekehrung4 und zu einem Herzenswandel.5 Sie veranlasst uns, die Sünde zu hassen und das Gute zu lieben.6 Sie macht uns Mut, uns aufzurichten und im Licht der Liebe Christi zu wandeln. Bei wahrer Umkehr geht es um eine Umwandlung, nicht um Pein und Qual. Und doch sind tiefes Bedauern und echte Reue, weil man nicht folgsam war, oftmals schmerzhafte, aber sehr wichtige Schritte auf dem heiligen Weg der Umkehr. Wenn Schuldbewusstsein aber in Selbstverachtung umschlägt oder uns davon abhält, uns wieder zu erheben, ist es eher hinderlich als unserer Umkehr förderlich.

Brüder, es gibt einen besseren Weg. Mögen wir uns aufrichten und Männer Gottes werden. Wir haben einen Meister, einen Heiland, der das Schattental des Todes für uns durchwandert hat. Er hat sein Leben hingegeben, um uns von unseren Sünden zu erlösen. Niemand hat je so große Liebe besessen – Jesus Christus, das makellose Lamm, hat sich bereitwillig auf den Opferaltar gelegt und den Preis für unsere Sünden bis auf „den letzten Pfennig bezahlt“7. Er nahm unsere Leiden auf sich. Er nahm unsere Last, unsere Schuld auf seine Schultern. Liebe Freunde, wenn wir uns vornehmen, zu ihm zu kommen, wenn wir seinen Namen auf uns nehmen und tapfer den Weg eines Jüngers beschreiten, ist uns durch das Sühnopfer nicht nur Glück und „Frieden in dieser Welt“, sondern auch „ewiges Leben in der künftigen Welt“8 verheißen.

Wenn wir Fehler machen, eine Sünde begehen und zu Fall kommen, wollen wir darüber nachdenken, was wahre Umkehr bedeutet. Sie bedeutet, dass das Herz und der Wille sich Gott zuwenden und dass man der Sünde entsagt. Aufrichtig empfundene, tiefe Umkehr birgt die himmlische Zusicherung in sich, dass wir uns gleich danach wieder aufrichten können.

Wer sind Sie?

Eine der Methoden, mit denen der Widersacher unseren Fortschritt verhindern will, besteht darin, dass er uns verwirrt, sodass wir nicht mehr wissen, wer wir wirklich sind und was wir wirklich wollen.

Wir wollen Zeit mit unseren Kindern verbringen, aber auch zeitaufwendigen Hobbys nachgehen. Wir wollen abnehmen, aber auch gerne alles essen, was wir mögen. Wir wollen wie Christus werden, aber auch dem Kerl, der uns die Vorfahrt genommen hat, die Meinung sagen.

Der Satan will uns dazu verleiten, dass wir die kostbare Perle wahren Glücklichseins gegen ein paar nachgemachte Klunkern eintauschen, die nichts als Blendwerk und ein schwacher Abglanz von wahrem Glück und wahrer Freude sind.

Eine weitere Methode, mit der der Satan uns den Mut rauben will, uns wieder aufzurichten, besteht darin, dass er uns die Gebote so erscheinen lässt, als seien sie uns aufgezwungen worden. Es liegt wohl vor allem in unserer menschlichen Natur, uns allem zu widersetzen, was uns nicht selbst eingefallen ist.

Wenn wir gesunde Ernährung und Sport bloß als etwas betrachten, was der Arzt von uns erwartet, werden wir wahrscheinlich scheitern. Wenn wir diese Vorhaben aber als Teil dessen betrachten, was wir sind und was wir werden wollen, sind die Aussichten größer, dass wir auf Kurs bleiben und Erfolg haben.

Wenn wir die Heimlehrarbeit bloß als ein Ziel des Pfahlpräsidenten betrachten, liegt uns womöglich nicht so viel daran, sie zu erledigen. Wenn wir sie aber als unser Ziel betrachten – etwas, was wir wollen, um Christus ähnlicher zu werden und anderen geistlich zu dienen –, werden wir unserem Auftrag nicht nur nachkommen, sondern ihn auch so ausführen, dass es für die besuchten Familien wie für unsere eigene wirklich ein Segen ist.

Oft genug sind wir es, denen von Freunden und Angehörigen aufgeholfen wird. Wenn wir uns offenen Auges umsehen und Mitgefühl im Herzen tragen, wird uns auffallen, wie der Herr uns Gelegenheiten verschafft, anderen wieder aufzuhelfen und sie ihrem wahren Potenzial entgegenzuführen. Wie heißt es in den Schriften? „Tut eure Arbeit gern, als wäre sie für den Herrn und nicht für Menschen.“9

Es entsteht eine große Quelle geistiger Kraft, wenn man ein anständiges und rechtschaffenes Leben führt und im Auge behält, wo man in der Ewigkeit einmal sein will. Selbst wenn man diesen himmlischen Bestimmungsort nur mit dem Auge des Gläubigen wahrnimmt, wird es einem helfen, auf Kurs zu bleiben.

Wenn unsere Aufmerksamkeit hauptsächlich um die alltäglichen Erfolge und Misserfolge kreist, kommen wir womöglich vom Weg ab, verlieren uns und stürzen. Wenn wir aber höhere Ziele fest im Blick haben, wird es uns leichter fallen, ein besserer Sohn und Bruder, ein gütigerer Vater oder ein liebevollerer Ehemann zu sein.

Selbst wer sein Herz auf göttliche Ziele setzt, mag gelegentlich zu Fall kommen, aber er wird sich nicht geschlagen geben. Er baut auf Gottes Verheißungen und verlässt sich auf sie. Er wird sich wieder aufrichten, und zwar mit strahlender Hoffnung auf einen rechtschaffenen Gott und einer inspirierenden Vorstellung von einer großartigen Zukunft. Er weiß, er kann sich jetzt wieder aufrichten.

Sie können sich wieder aufrichten!

Jeder Mensch, ob jung, ob alt, hat schon seine Erfahrungen damit gemacht, wie es ist, wenn man hinfällt. Das Hinfallen gehört zum Leben dazu. Doch solange wir willens sind, uns wieder aufzurichten und den Weg zu den geistigen Zielen, die Gott uns gesetzt hat, weiter zu beschreiten, können wir aus jedem Fehlschlag etwas lernen und in der Folge besser und glücklicher werden.

Liebe Brüder, liebe Freunde, es wird Zeiten geben, da werden Sie meinen, Sie könnten nicht weitermachen. Haben Sie Vertrauen in den Erlöser und seine Liebe! Mit Glauben an den Herrn Jesus Christus und an die Macht und die Hoffnung, die das wiederhergestellte Evangelium auszeichnen, werden Sie in der Lage sein, erhobenen Hauptes weiterzumachen.

Brüder, wir haben Sie lieb. Wir beten für Sie. Ich wünschte, Sie könnten hören, wie Präsident Monson für Sie betet. Ob Sie ein junger Vater sind, ein älterer Priestertumsträger oder ein frisch gebackener Diakon: Wir denken an Sie. Der Herr denkt an Sie!

Wir wissen sehr wohl, dass Ihr Weg bisweilen schwierig ist. Ich verheiße Ihnen aber im Namen des Herrn: Richten Sie sich auf und folgen Sie den Fußstapfen unseres Erretters und Erlösers. Dann werden Sie eines Tages zurückblicken und von ewiger Dankbarkeit erfasst werden, weil Sie darauf gebaut haben, dass das Sühnopfer mit seiner Macht Sie aufrichten und Ihnen Kraft geben wird.

Meine lieben Freunde und Brüder, wie oft Sie auch ausgerutscht und hingefallen sein mögen: Richten Sie sich wieder auf! Sie gehen einer herrlichen Bestimmung entgegen! Stellen Sie sich aufrecht hin und wandeln Sie im Licht des wiederhergestellten Evangeliums Jesu Christi! Sie sind stärker, als Ihnen bewusst ist. Sie haben mehr Fähigkeiten, als Sie sich vorstellen können. Sie können sich wieder aufrichten! Davon gebe ich Zeugnis im heiligen Namen unseres Meisters und Erlösers, Jesus Christus. Amen.

Quellenangaben anzeigen

  1.  

    1. F. Scott Fitzgerald, Der große Gatsby

  2.  

    2. Siehe „The Voiceless“, in The Complete Poetical Works of Oliver Wendell Holmes, 1908, Seite 99

  3.  

    3. 2 Korinther 7:10; Hervorhebung hinzugefügt

  4.  

    4. Siehe Apostelgeschichte 3:19

  5.  

    5. Siehe Ezechiel 36:26; 2 Korinther 5:17; Mosia 3:19

  6.  

    6. Siehe Mosia 5:2

  7.  

    7. Matthäus 5:26

  8.  

    8. Lehre und Bündnisse 59:23

  9.  

    9. Kolosser 3:23