Welche Veränderungen werden von uns verlangt, damit wir die Männer werden, die wir sein sollen?

Wenn man sich vorstellt, dass diese Versammlung weltweit stattfindet, wird einem klar, dass nichts mit dieser Zusammenkunft vergleichbar ist, und zwar nirgendwo. Die Priestertumsversammlung der Generalkonferenz dient dazu, uns Priestertumsträgern vor Augen zu führen, was für Männer wir sein sollen (siehe 3 Nephi 27:27), und uns dazu zu motivieren, dieses Ideal zu erreichen.

Als ich vor einem halben Jahrhundert als Träger des Aaronischen Priestertums in Hawaii wohnte und als ich später Missionar in England war, versammelten wir uns im Gemeindehaus und hörten der Priestertumsversammlung angestrengt über eine Telefonverbindung zu. In späteren Jahren ermöglichten Satelliten eine Übertragung an ausgewählte Standorte der Kirche, die mit riesigen Satellitenschüsseln ausgestattet waren, sodass wir die Versammlungen sowohl hören als auch sehen konnten. Wir staunten schon über diese Technik! Nur wenige hätten sich die heutige Welt vorstellen können, in der jeder, der über ein Smartphone, ein Tablet oder einen Computer Zugang zum Internet hat, die Ansprachen dieser Versammlung empfangen kann.

Dieser immens erweiterte Zugang zu den Stimmen der Diener des Herrn, die gleichbedeutend mit der Stimme des Herrn sind (siehe LuB 1:38), nützt jedoch nur wenig, wenn wir nicht bereit sind, das Wort auch zu empfangen (siehe LuB 11:21) und uns dann danach zu richten. Schlicht gesagt wird der Zweck der Generalkonferenz und dieser Priestertumsversammlung nur dann erfüllt, wenn wir bereit sind, zu handeln – wenn wir bereit sind, uns zu ändern.

Vor einigen Jahrzehnten war ich Bischof. Über einen längeren Zeitraum hinweg traf ich mich damals regelmäßig mit einem Mann aus meiner Gemeinde, der wesentlich viel älter war als ich. Dieser Bruder hatte Probleme in seiner Ehe und hatte sich seinen Kindern entfremdet. Er hatte Mühe, seinen Arbeitsplatz zu behalten, hatte keine guten Freunde und tat sich im Umgang mit den anderen Mitgliedern so schwer, dass er schließlich nicht mehr bereit war, in der Kirche mitzuarbeiten. Während eines eingehenden Gesprächs über seine Probleme beugte er sich zu mir vor und sagte – sozusagen als Zusammenfassung unserer vielen Unterredungen: „Bischof, ich bin eben jähzornig. So bin ich nun einmal!“

Diese Aussage hat mich an dem Abend schon verblüfft und hat mich seither nicht mehr losgelassen. Als dieser Mann zu dem Schluss gekommen war: „So bin ich nun einmal!“, hat er seine Fähigkeit, sich zu ändern, aufgegeben – und so wird es auch jedem von uns ergehen. Genauso gut könnten wir die weiße Fahne hissen, die Waffen strecken und uns geschlagen geben – jegliche Aussicht auf den Sieg ist dann verloren. Einige von uns mögen glauben, dass diese Beschreibung auf uns nicht zutrifft, aber vielleicht gibt auch jeder von uns zumindest mit ein, zwei schlechten Angewohnheiten doch zu verstehen: „So bin ich nun einmal!“

Wir kommen zu dieser Priestertumsversammlung zusammen, weil wir noch nicht so sind, wie wir werden können. Wir sind hier heute Abend im Namen Jesu Christi versammelt. Wir kommen voller Zuversicht zusammen, dass sein Sühnopfer jedem von uns die Fähigkeit verleiht, sich zu ändern – ungeachtet aller Schwächen oder Abhängigkeiten. Wir kommen in der Hoffnung zusammen, dass unsere Zukunft, ungeachtet unserer Vergangenheit, besser aussehen kann.

Wenn wir diese Versammlung mit dem „wirklichen Vorsatz“ (Moroni 10:4) besuchen, uns zu ändern, kann der Geist ungehindert auf unser Herz und unseren Verstand einwirken. Der Herr offenbarte dem Propheten Joseph Smith: „Und es wird sich begeben: Insofern sie … Glauben an mich ausüben“ – denken Sie daran, der Glaube ist ein Grundsatz, in dem Macht liegt und der Handeln erfordert –, „werde ich an dem Tag, da sie sich versammeln, meinen Geist über sie ausgießen.“ (LuB 44:2.) Das heißt heute Abend!

Sie glauben vielleicht, dass Ihre Schwierigkeiten nicht zu überwinden sind. Ich möchte Ihnen von einem Mann erzählen, den wir 2006 in einem kleinen Dorf bei Haiderabad in Indien kennengelernt haben. Dieser Mann war beispielhaft für die Bereitschaft, sich zu ändern. Appa Rao Nulu wurde in einer ländlichen Gegend in Indien geboren. Mit drei Jahren erkrankte er an Kinderlähmung und war von da an körperlich behindert. Die Gesellschaft, in der er lebte, vermittelte ihm, dass seine Möglichkeiten sehr eingeschränkt seien. Als junger Erwachsener lernte er jedoch unsere Missionare kennen. Sie erzählten ihm, dass wir sowohl in diesem Leben als auch in der Ewigkeit ein größeres Potenzial haben. Er ließ sich taufen und konfirmieren und wurde somit ein Mitglied der Kirche. Nachdem sein Blickfeld nun erheblich erweitert war, setzte er sich das Ziel, das Melchisedekische Priestertum zu empfangen und eine Vollzeitmission zu erfüllen. 1986 wurde er zum Ältesten ordiniert und auf Mission in Indien berufen. Das Gehen fiel ihm schwer, aber mit einem Stock in jeder Hand gab er sein Bestes. Er fiel oft hin, aber aufgeben kam für ihn nicht in Frage. Er fasste den festen Vorsatz, seine Mission ehrenhaft und treu zu erfüllen, und das tat er.

Als wir Bruder Nulu fast 20 Jahre nach seiner Mission besuchten, nahm er uns freudig am Ende der Straße in Empfang und führte uns auf einem unebenen Pfad entlang zu seinem Zuhause, das aus zwei Zimmern bestand, wo er mit seiner Frau und drei Kindern lebte. Es war ein sehr heißer, unbehaglicher Tag. Das Gehen bereitete ihm immer noch große Mühe, aber er erging sich nicht in Selbstmitleid. Da er sehr fleißig war, war er Lehrer geworden und unterrichtete nun die Kinder im Dorf. Als wir sein bescheidenes Haus betraten, führte er mich sofort zu einer Ecke und zog dort eine Schachtel hervor, die seine wichtigsten Besitztümer barg. Er wollte mir ein Blatt Papier zeigen. Darauf stand: „Wir wünschen Elder Nulu, einem mutigen und glücklichen Missionar, alles Gute und reichen Segen.“ Datiert: 25. Juni 1987, unterzeichnet: Boyd K. Packer. Als Elder Packer damals Indien besuchte und zu einer Gruppe von Missionaren sprach, bestätigte er Elder Nulu, was für ein Potenzial in ihm steckte. Bruder Nulu gab mir an jenem Tag im Jahr 2006 im Wesentlichen zu verstehen, dass das Evangelium ihn verändert hatte – und zwar für immer!

Bei diesem Besuch bei Familie Nulu begleitete uns der Missionspräsident. Er war gekommen, um mit Bruder Nulu, seiner Frau und seinen Kindern Interviews zu führen – die Eltern sollten das Endowment empfangen und aneinander gesiegelt werden und die Kinder sollten an ihre Eltern gesiegelt werden. Wir teilten der Familie auch mit, dass für sie Vorkehrungen für eine Reise zum Hongkong-Tempel in China getroffen worden seien, damit sie diese heiligen Handlungen empfangen konnten. Sie weinten vor Freude, als ihr lang gehegter Wunsch nun Wirklichkeit werden sollte.

Was wird von einem Träger des Priestertums Gottes erwartet? Welche Veränderungen werden von uns verlangt, damit wir die Männer werden, die wir sein sollen? Ich möchte Ihnen drei Vorschläge machen:

  1. 1.

    Wir müssen Männer des Priestertums sein! Ob wir nun Junge Männer sind, die das Aaronische Priestertum tragen, oder Männer, die das Melchisedekische Priestertum tragen – wir müssen Männer des Priestertums sein, die geistige Reife zeigen, weil wir Bündnisse geschlossen haben. Paulus hat es so ausgedrückt: „Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war.“ (1 Korinther 13:11.) Wir sollten uns abheben, weil wir das Priestertum tragen – nicht etwa, indem wir arrogant oder stolz oder herablassend sind, sondern indem wir demütig, belehrbar und sanftmütig sind. Es sollte uns etwas bedeuten, das Priestertum und die verschiedenen Ämter darin zu empfangen. Es sollte nicht nur ein oberflächliches Durchgangsritual sein, das automatisch in einem bestimmten Alter erfolgt, sondern ein heiliger Bund, den man wohlüberlegt eingeht. Wir sollten es so zu schätzen wissen und so dankbar sein, dass dies in allem, was wir tun, zum Ausdruck kommt. Wenn wir nur selten überhaupt über das Priestertum nachdenken, müssen wir uns ändern.

  2. 2.

    Wir müssen dienen! Beim Priestertum geht es im Wesentlichen darum, unsere „Berufung groß [zu] machen“ (siehe LuB 84:33), indem wir anderen dienen. Wenn wir unserer wichtigsten Pflicht – nämlich unserer Frau und unseren Kindern zu dienen – aus dem Weg gehen, Berufungen in der Kirche nicht annehmen oder nur passiv erfüllen und uns nur dann um andere kümmern, wenn es gerade passt, entspricht das nicht dem, was wir sein sollen. Der Heiland hat gesagt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.“ (Matthäus 22:37.) Später fügte er hinzu: „Wenn du mich liebst, sollst du mir dienen.“ (LuB 42:29.) Selbstsucht ist der Gegenpol zur Priestertumspflicht, und wenn dies einer unserer Charakterzüge ist, müssen wir uns ändern.

  3. 3.

    Wir müssen würdig sein! Ich habe vielleicht nicht die Fähigkeit, die Elder Holland vor ein paar Jahren in einer Priestertumsversammlung zeigte, „mich direkt vor [Ihnen] auf[zu]bauen, sodass wir uns mit der Nasenspitze berühren, und … dabei gerade so viel Feuer mitschwingen [zu lassen], dass es [Ihnen] die Augenbrauen ansengt“ („Wir alle sind gefordert“, November 2011, Seite 45), aber, liebe Brüder, wir müssen alle aufwachen, wenn weithin verbreitete Verhaltensweisen in der Welt unsere Macht im Priestertum abwürgen. Wenn wir meinen, wir könnten mit Pornografie, Verstößen gegen das Gesetz der Keuschheit oder mit Unehrlichkeit in irgendeiner Form auch nur liebäugeln, ohne dass es sich negativ auf uns und unsere Familie auswirkt, machen wir uns etwas vor. Moroni hat gesagt: „Seht zu, dass ihr alles in Würdigkeit tut.“ (Mormon 9:29.) Der Herr hat uns eindringlich angewiesen: „Und nun gebe ich euch das Gebot, achtzuhaben in Bezug auf euch selbst und den Worten des ewigen Lebens eifrig Beachtung zu schenken.“ (LuB 84:43.) Wenn es irgendwelche noch nicht bereinigte Sünden gibt, die unserer Würdigkeit entgegenstehen, müssen wir uns ändern.

Die einzig umfasssende Antwort auf die Frage Jesu Christi, „Was für Männer sollt ihr sein?“, ist die, die er so knapp und vielsagend selbst gegeben hat: „So, wie ich bin.“ (3 Nephi 27:27.) Die Einladung, zu Christus zu kommen und in ihm vollkommen zu werden (siehe Moroni 10:32), verlangt und bedingt eine Änderung. Er war so barmherzig, uns nicht allein zu lassen. „Und wenn Menschen zu mir kommen, so zeige ich ihnen ihre Schwäche. … Dann werde ich Schwaches für sie stark werden lassen.“ (Ether 12:27.) Wenn wir auf das Sühnopfer des Erlösers vertrauen, können wir uns ändern. Das weiß ich mit Bestimmtheit. Im Namen Jesu Christi. Amen.