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Herbst 2014 | Für immer frei, für sich selbst zu handeln

Für immer frei, für sich selbst zu handeln

Herbst 2014 Generalkonferenz

Es ist Gottes Wille, dass wir Menschen frei und dadurch in der Lage sind, sowohl in zeitlicher als auch in geistiger Hinsicht unser Potenzial voll zu entfalten.

In Shakespeares Stück Heinrich V. gibt es unmittelbar vor dem Kampf der Engländer mit der französischen Armee eine nächtliche Szene im Lager der Briten bei Agincourt. Im Dämmerlicht und teilweise verkleidet geht König Heinrich unerkannt durch das Lager. Er unterhält sich mit seinen Soldaten, um herauszufinden, wie die Stimmung unter seinen dem Feinde zahlenmäßig unterlegenen Truppen ist. Da ihn die Soldaten nicht erkennen, nehmen sie kein Blatt vor den Mund. In einem dieser Gespräche geht es darum, wer die Verantwortung dafür trägt, was im Kampf geschieht – der König oder der jeweilige Soldat.

König Heinrich sagt unter anderem: „Mich dünkt, ich könnte nirgends so zufrieden sterben als in des Königs Gesellschaft, da seine Sache gerecht … ist.“

Michael Williams entgegnet darauf: „Das ist mehr, als wir wissen.“

Sein Kamerad stimmt zu: „Ja, oder mehr, als wonach wir fragen dürfen; denn wir wissen genug, wenn wir wissen, dass wir des Königs Untertanen sind; wenn seine Sache schlecht ist, so reinigt unser Gehorsam gegen den König uns von aller Schuld dabei.“

Williams sagt darauf: „Aber wenn seine Sache nicht gut ist, so hat der König selbst eine schwere Rechenschaft abzulegen.“

Es überrascht nicht, dass König Heinrich das anders sieht: „Jedes Untertanen Pflicht gehört dem König, jedes Untertanen Seele ist sein Eigen.“1

Shakespeare unternimmt an dieser Stelle nicht den Versuch, diese Frage zu klären. Auf die eine oder andere Weise stellt sich diese Frage auch heute noch: Wer ist verantwortlich für das, was in unserem Leben geschieht?

Läuft etwas schief, neigt so mancher dazu, anderen oder gar Gott die Schuld zuzuschieben. Manch einer meint, er habe ein Anrecht auf dieses oder jenes, und einzelne Menschen oder ganze Gruppen wollen die Verantwortung für ihr Wohlergehen mitunter in die Hand eines anderen Menschen oder gar der Regierung legen. Was Spirituelles betrifft, sind einige der Meinung, dass man sich gar nicht um Rechtschaffenheit bemühen müsse, weil Gott uns liebt und uns so errettet, „wie wir nun einmal sind“.

Doch Gott möchte, dass seine Kinder so handeln, wie es ihnen die sittliche Entscheidungsfreiheit gebietet, die er ihnen gegeben hat, „damit jedermann am Tag des Gerichts für seine Sünden selbst verantwortlich sei“2. Es ist sein Plan und sein Wille, dass wir im Schauspiel unseres Lebens die Hauptrolle übernehmen, was Entscheidungen betrifft. Gott wird nicht unser Leben für uns leben oder uns zu Marionetten in seiner Hand machen, wie Luzifer es einst vorgeschlagen hatte. Und kein Prophet wird jemals an Gottes Stelle als Marionettenspieler auftreten. Brigham Young hat erklärt: „Ich möchte nicht, dass sich irgendein Heiliger der Letzten Tage in dieser Welt oder im Himmel mit irgendetwas zufrieden gibt, was ich tue, es sei denn, der Geist des Herrn Jesus Christus, der Geist der Offenbarung, verleihe ihm diese Zufriedenheit. Ich wünsche mir, dass er selbst Wissen und Verständnis erlangt.“3

Gott errettet uns also nicht so, „wie wir nun einmal sind“, denn zunächst einmal sind wir so, „wie wir nun einmal sind“, unrein – und „nichts Unreines kann … in seiner Gegenwart wohnen; denn in der Sprache Adams ist sein Name Mensch der Heiligkeit, und der Name seines Einziggezeugten ist des Menschen [der Heiligkeit] Sohn“4. Zweitens wird Gott nicht eingreifen, um aus uns etwas zu machen, was zu werden wir durch unser Handeln nicht bestimmt haben. Er liebt uns wahrhaftig, und weil er uns liebt, zwingt er uns zu nichts und verlässt uns nicht, sondern hilft und leitet uns vielmehr. Im Grunde sind seine Gebote der wahre Ausdruck seiner Liebe.

Wir sollten uns – wie wir es ja auch tun – über den gottgegebenen Plan freuen, der es uns gestattet, Entscheidungen zu treffen und für uns selbst zu handeln und die Folgen zu verspüren oder – wie es in den Schriften heißt – „das Bittere [zu schmecken], damit [wir] das Gute zu würdigen wissen“5. Wir sind auf ewig dankbar dafür, dass das Sühnopfer des Erretters die Ursünde überwunden hat, sodass wir, wenn wir auf die Welt kommen, nicht für Adams Übertretung bestraft werden.6 Da wir also vom Fall Adams erlöst sind, fangen wir unser Leben ganz schuldlos vor Gott an, und wir „sind … für immer frei geworden und können Gut von Böse unterscheiden; [für uns] selbst handeln und müssen nicht auf [uns] einwirken lassen“7. Wir können selbst entscheiden, was für ein Mensch aus uns werden soll, und mit Gottes Hilfe können wir sogar so werden, wie er ist.8

Das Evangelium Jesu Christi bereitet den Weg hin zu dem, was aus uns werden kann. Durch das Sühnopfer Jesu Christi und seine Gnade können unsere Misserfolge bei dem Versuch, das celestiale Gesetz auf Erden vollkommen und dauerhaft zu leben, getilgt werden, und wir werden befähigt, einen christlichen Charakter zu entwickeln. Die Gerechtigkeit verlangt jedoch, dass nichts von alledem ohne unsere Zustimmung und Mitwirkung geschehe. Das war schon immer so. Der Umstand, dass wir heute als Wesen mit einem Körper hier auf Erden leben, ist die Folge davon, dass sich jeder von uns schon einmal dazu entschlossen hat, beim Plan des Vaters mitzuwirken.9 Die Errettung ist daher gewiss nicht das Ergebnis einer Laune Gottes und sie kommt auch nicht durch Gottes Willen allein zustande.10

Gerechtigkeit gehört nämlich zum Wesenskern Gottes. Wir können Glauben an Gott haben, weil er absolut vertrauenswürdig ist. Aus den Schriften erfahren wir: „Gott wandelt nicht auf krummen Pfaden, auch wendet er sich weder zur rechten Hand noch zur linken, auch weicht er nicht von dem ab, was er gesprochen hat; darum sind seine Pfade gerade, und seine Bahn ist eine ewige Runde.“11 Wir erfahren auch, „dass Gott nicht auf die Person sieht“12. Glauben, Zuversicht und Hoffnung können wir nur haben, weil Gott die Gerechtigkeit verkörpert.

Da nun Gott vollkommen gerecht ist, gibt es jedoch einiges, was er nicht tun kann. Er kann nicht willkürlich den einen erretten und den anderen verbannen. Er „kann nicht mit dem geringsten Maß von Billigung auf Sünde blicken“13. Er kann nicht zulassen, dass die Barmherzigkeit die Gerechtigkeit beraube.14

Ein unanfechtbarer Beweis für Gottes Gerechtigkeit ist die Tatsache, dass er ihr den Grundsatz Barmherzigkeit zur Seite gestellt hat. Gerade weil er gerecht ist, hat er es so eingerichtet, dass in unserer ewigen Bestimmung die Barmherzigkeit eine unverzichtbare Rolle spielt. So ist es demnach: „Die Gerechtigkeit macht alle ihre Forderungen geltend, und die Barmherzigkeit beansprucht auch all das Ihre.“15

Wir wissen, dass durch „die Leiden und den Tod dessen, der keine Sünde getan hat, an dem [der Vater] Wohlgefallen gehabt [hat, und] das Blut [seines] Sohnes, das vergossen wurde“16, die Forderungen der Gerechtigkeit erfüllt sind, Barmherzigkeit gewährt wird und wir erlöst werden.17 Denn „gemäß der Gerechtigkeit [kann] der Plan der Erlösung nicht anders als nur unter den Bedingungen der Umkehr … zuwege gebracht werden“18. Die Tatsache, dass wir umkehren müssen und auch die Gelegenheit dazu haben, macht es erst möglich, dass die Barmherzigkeit wirksam werden kann, ohne dass die Gerechtigkeit mit Füßen getreten wird.

Christus ist nicht dafür gestorben, dass wir unterschiedslos errettet werden, sondern damit wir Umkehr üben können. Wir sind „ganz auf die Verdienste dessen [angewiesen], der mächtig ist zu erretten“19, wenn wir Umkehr üben, aber die Umkehr einzuleiten, ist ein Wandel, den wir selbst bestimmen. Indem Gott also die Umkehr zur Bedingung dafür erhoben hat, dass uns Gnade geschenkt wird, versetzt er uns in die Lage, für uns selbst Verantwortung zu übernehmen. Die Umkehr trägt demnach unserer sittlichen Entscheidungsfreiheit Rechnung und stützt sie: „Und so kann die Barmherzigkeit die Forderungen der Gerechtigkeit befriedigen und umschließt ihn mit den Armen der Sicherheit, während derjenige, der keinen Glauben zur Umkehr ausübt, dem ganzen Gesetz mit seinen Forderungen der Gerechtigkeit ausgesetzt ist; darum ist nur für den, der Glauben zur Umkehr hat, der große und ewige Plan der Erlösung zuwege gebracht.“20

Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit falsch aufzufassen, ist eine Sache, die Existenz Gottes oder seine Allmacht zu leugnen, eine andere, doch beides läuft darauf hinaus, dass wir weniger – und mitunter weitaus weniger – als unser volles, göttliches Potenzial erreichen. Ein Gott, der keine Forderungen stellt, ist gleichbedeutend mit einem Gott, den es gar nicht gibt. Eine Welt ohne Gott, einen lebenden Gott, der sittliche Gesetze aufstellt, um seine Kinder zu lenken und zu vervollkommnen, ist eine Welt ohne absolute Wahrheiten oder Gerechtigkeit. Es ist eine Welt, in der der moralische Relativismus das Sagen hat.

Relativismus bedeutet, dass jeder Mensch sein eigener Maßstab ist. Selbstverständlich haben sich nicht nur diejenigen, die Gott leugnen, dieser Denkweise verschrieben. Auch einige unter denen, die an Gott glauben, meinen trotzdem, sie selbst legten fest, was richtig und was falsch ist. Ein junger Erwachsener hat das so formuliert: „Ich glaube nicht, dass ich sagen könnte, der Hinduismus sei falsch oder der Katholizismus sei falsch oder die Episkopalen hätten Unrecht – ich finde, es kommt darauf an, woran man glaubt. … Ich glaube nicht, dass man da von ‚richtig‘ und ‚falsch‘ reden kann.“21 Ein anderer schilderte die Grundlage seines Glaubens wie folgt: „Ich selber – darauf kommt es letztlich an. Wie sollte es auch eine Instanz geben, die vorgibt, woran man glaubt?“22

Für jemanden, der davon ausgeht, alles oder nichts könne wahr sein, klingt die Behauptung, es gebe feststehende, unumstößliche, allgemein gültige Wahrheiten, wie Zwang: „Man darf mir doch nicht aufzwingen, an etwas zu glauben, was mir widerstrebt.“ Doch das ändert nichts an der Realität. Auch wer nicht mit dem Gesetz der Schwerkraft einverstanden ist, stürzt die Klippe hinunter, sobald er einen Schritt ins Leere macht. So ist es auch mit ewig gültigen Gesetzen und der Gerechtigkeit. Freiheit erlangt man nicht, indem man sich dem Gesetz widersetzt, sondern indem man es anwendet. Darin liegt auch Gottes ureigenste Macht begründet. Gäbe es keine unumstößlichen und unveränderlichen Wahrheiten, so wäre die Gabe der Entscheidungsfreiheit sinnlos, denn wir könnten die Folgen unseres Tuns niemals voraussehen oder herbeiführen. Lehi hat das so erklärt: „Wenn ihr sagt, es gebe kein Gesetz, so sagt ihr auch, dass es keine Sünde gibt. Wenn ihr sagt, es gebe keine Sünde, so sagt ihr auch, dass es keine Rechtschaffenheit gibt. Und wenn es keine Rechtschaffenheit gäbe, so gäbe es kein Glücklichsein. Und wenn es weder Rechtschaffenheit noch Glücklichsein gäbe, so gäbe es weder Strafe noch Elend. Und wenn es all dies nicht gibt, so gibt es keinen Gott. Und wenn es keinen Gott gibt, so gibt es uns nicht, auch die Erde nicht; denn es hätte keine Erschaffung geben können, weder dessen, was handelt, noch dessen, worauf eingewirkt wird; darum hätte alles vergehen müssen.“23

In zeitlichen wie in geistigen Belangen ist die Möglichkeit, eigenverantwortlich zu handeln, ein Geschenk von Gott, ohne das wir unser volles Potenzial als Tochter oder Sohn Gottes gar nicht ausschöpfen könnten. Diese Eigenverantwortung ist sowohl ein Recht als auch eine Pflicht, und wir müssen stets für sie eintreten, denn schon vor der Erschaffung der Welt ist sie bedroht worden. Auch gegenüber Menschen und Programmen, die uns (manchmal mit den allerbesten Absichten) abhängig machen wollen, müssen wir für unsere Eigenverantwortung eintreten. Ebenso müssen wir gegenüber unserer Neigung für sie eintreten, Anstrengungen aus dem Weg zu gehen, die unerlässlich sind, um Talente, Fähigkeiten und einen christlichen Charakter zu entwickeln.

Es war einmal ein Mann, der wollte, so heißt es, einfach nicht arbeiten. Er wollte, dass man sich in jeder Lebenslage um ihn kümmerte. Er meinte, die Kirche oder der Staat – oder beide – müssten für ihn aufkommen, denn er habe ja seine Steuern und den Zehnten gezahlt. Er hatte nichts mehr zu essen, weigerte sich aber, für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten. Verzweifelt und angewidert fassten diejenigen, die ihm zu helfen versucht hatten, einen Entschluss: Wenn er schon nicht gewillt war, auch nur einen Finger zu rühren, um für sich selber aufzukommen, so konnten sie ihn doch ebenso gut gleich zum Friedhof bringen, damit er dort entschlafe. Auf dem Weg zum Friedhof sagte einer der Männer jedoch: „Das können wir nicht machen. Ich habe da ein paar Maiskolben. Die kann ich ihm geben.“

Sie boten sie also dem Mann an, und der fragte: „Ist der Mais denn schon geschält?“

Dies verneinten sie.

Darauf meinte er: „Dann können wir auch gleich weiterfahren.“

Es ist Gottes Wille, dass wir Menschen frei und dadurch in der Lage sind, sowohl in zeitlicher als auch in geistiger Hinsicht unser Potenzial voll zu entfalten, dass wir frei sind von den erniedrigenden Beschränkungen der Armut und der Knechtschaft der Sünde, dass wir Selbstachtung haben und unabhängig sind – in jeder Hinsicht darauf vorbereitet, uns ihm in seinem celestialen Reich anzuschließen.

Der Trugschluss, dass wir dies ganz aus eigener Anstrengung und ohne Gottes recht erhebliche und beständige Hilfe schaffen könnten, liegt mir fern. „Wir wissen, dass wir durch Gnade errettet werden, nach allem, was wir tun können.“24 Wir müssen auch nicht erst ein Mindestmaß an Fähigkeiten oder Güte erreichen, bevor Gott uns hilft – göttliche Hilfe kann uns jeden Tag und jede Stunde zuteilwerden, wo immer wir auf dem Weg des Gehorsams auch stehen mögen. Ich weiß aber, dass wir uns seine Hilfe nicht nur wünschen müssen, sondern uns anstrengen, umkehren und uns für Gott entscheiden müssen, damit er in unserem Leben wirken kann – wie es der Gerechtigkeit und der sittlichen Entscheidungsfreiheit entspricht. Ich bitte Sie daher einfach, Verantwortung zu übernehmen und sich an die Arbeit zu machen, damit es etwas gibt, wobei Gott uns helfen kann.

Ich gebe Zeugnis, dass Gottvater lebt, dass sein Sohn, Jesus Christus, unser Erlöser ist und dass der Heilige Geist unter uns ist. Dass sie uns helfen möchten, steht außer Zweifel, und ihre Fähigkeit dazu ist unbegrenzt. Erwachen wir also, erheben wir uns aus dem Staube, „damit die Bündnisse des ewigen Vaters, die er für [uns] gemacht hat, … sich erfüllen“25. Im Namen Jesu Christi. Amen.

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