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Herbst 2014 | Überdenke deine Wege

Überdenke deine Wege

Herbst 2014 Generalkonferenz

Wenn wir uns Jesus zum Vorbild nehmen und in seine Fußstapfen treten, können wir sicher zum Vater im Himmel zurückkehren.

Meine lieben Brüder und Schwestern, es stimmt mich demütig, heute Morgen vor Ihnen zu stehen. Bitte üben Sie Ihren Glauben aus und beten Sie für mich, wenn ich nun zu Ihnen spreche.

Als wir die Geisterwelt verließen und die irdische Bühne betraten, die ja oft voller Herausforderungen ist, begann für uns alle eine großartige und überaus wichtige Reise. Der Hauptzweck unseres Erdendaseins besteht darin, einen Körper aus Fleisch und Gebein zu erhalten, Erfahrungen zu sammeln, die nur durch die Trennung von unseren himmlischen Eltern möglich sind, und zu zeigen, ob wir die Gebote halten. Im 3. Kapitel des Buches Abraham lesen wir: „Und wir wollen sie hierdurch prüfen und sehen, ob sie alles tun werden, was auch immer der Herr, ihr Gott, ihnen gebietet.“1

Als wir zur Erde kamen, brachten wir eine großartige Gabe Gottes mit uns – die Entscheidungsfreiheit. In tausendfacher Hinsicht dürfen wir uns selbst entscheiden. Wir lernen hier durch Erfahrung, die ein strenger Schulmeister ist. Wir können zwischen Gut und Böse unterscheiden. Ebenso zwischen dem, was bitter ist, und dem, was süß ist. Wir erfahren, dass unsere Entscheidungen unser Schicksal bestimmen.

Gewiss haben wir unseren Vater mit dem überwältigenden Verlangen verlassen, zu ihm zurückzukehren und erhöht zu werden, wie er es für uns geplant hat und wie auch wir es uns wünschten. Zwar müssen wir den Weg, der uns zum Vater im Himmel zurückführt, selbst ausfindig machen und beschreiten, aber der Vater hat uns nicht ohne Führung hergesandt. Vielmehr hat er uns die Hilfsmittel gegeben, die wir brauchen, und er steht uns bei, wenn wir uns um seine Hilfe bemühen und nichts unversucht lassen, um bis ans Ende auszuharren und das ewige Leben zu erlangen.

Unser Wegweiser sind die Worte Gottes und seines Sohnes, die wir in den heiligen Schriften finden. Auch haben wir den Rat und die Aussagen von Gottes Propheten. Am allerwichtigsten jedoch ist, dass wir einem vollkommenen Beispiel nacheifern können, nämlich dem Beispiel unseres Herrn und Heilands, Jesus Christus. Und uns wurde geboten, ihm nachzueifern. Der Erretter selbst hat gesagt: „Folg[t] mir nach!“2 „Die Werke, die ihr mich habt tun sehen, die sollt ihr auch tun.“3 Er stellte die Frage: „Was für Männer sollt ihr sein?“ Und er gab selbst die Antwort: „Wahrlich, ich sage euch: So, wie ich bin.“4 „Er zeigte uns den rechten Weg.“5

Wenn wir uns Jesus zum Vorbild nehmen und in seine Fußstapfen treten, können wir sicher zum Vater im Himmel zurückkehren und für immer bei ihm leben. Der Prophet Nephi hat gesagt: „Wenn ein Mensch nicht bis ans Ende ausharrt, indem er dem Beispiel des Sohnes des lebendigen Gottes nachfolgt, so kann er nicht errettet werden.“6

Eine Frau, die einmal ins Heilige Land gereist war, rief jedes Mal, wenn sie darüber berichtete, aus: „Ich war dort, wo Jesus einst war!“

Sie hatte sich dort aufgehalten, wo Jesus gelebt und gelehrt hatte. Vielleicht stand sie auf einem Felsen, wo er einst gestanden hatte, oder hatte eine Bergkette bestaunt, auf die auch er einst geschaut hatte. Die Reise an sich war ein aufregendes Erlebnis für sie gewesen, aber genau denselben Weg entlangzugehen, wo Jesus einst ging, ist weniger wichtig, als den Weg so zu gehen, wie er ihn ging. Es ist viel wichtiger, so zu handeln, wie er handelte, und seinem Beispiel nachzueifern, als zu versuchen, den Überrest der Wege nachzuvollziehen, auf denen er während seines Erdenlebens wandelte.

Als Jesus einen reichen Mann aufforderte: „Folge mir nach!“7, ging es ihm nicht bloß darum, dass der Mann ihm über die Hügel und durch die Täler des Landes hinterherlief.

Wir brauchen nicht am Ufer des Sees Gennesaret entlangzugehen oder über die Hügel Judäas zu wandern, um den Weg zu gehen, den Jesus gegangen ist. Wir können alle auf den Wegen wandeln, die Jesus gegangen ist, wenn wir mit seinen Worten im Ohr, mit seinem Geist im Herzen und mit seinen Lehren als Leitstern entschlossen sind, ihm auf unserem Weg durch das Erdenleben zu folgen. Sein Beispiel weist den Weg. Er hat gesagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“8

Wenn wir den Weg betrachten, den Jesus ging, stellen wir fest, dass er viele der Prüfungen durchgemacht hat, denen auch wir uns gegenübersehen.

Beispielsweise beschritt Jesus den Pfad der Enttäuschung. Auch wenn er viele Enttäuschungen erlebte, lesen wir doch eine der bittersten in seiner Klage über Jerusalem am Ende seines öffentlichen Wirkens. Die Kinder Israel hatten den schützenden Flügel, den er ihnen angeboten hatte, abgelehnt. Als er auf die Stadt hinabsah, über die bald schon Vernichtung hereinbrechen sollte, überwältigte ihn tiefe Trauer. Voller Schmerz rief er aus: „Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt.“9

Jesus beschritt den Pfad der Versuchung. Der teuflische Luzifer nutzte seine größte Stärke, seine verlockendste Lüge, um den Herrn, der 40 Tage und 40 Nächte gefastet hatte, zu versuchen. Jesus gab jedoch nicht nach, sondern widerstand jeder Versuchung. Zum Schluss sagte er: „Weg mit dir, Satan!“10

Jesus beschritt den Pfad des Leidens. Denken Sie an Getsemani, wo er Seelenqual erlitt – „sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte“11. Und niemand wird je das grausame Leid vergessen, das er am Kreuz erlitt.

Wir alle müssen den Pfad der Enttäuschung beschreiten, sei es, weil wir eine Chance verpassen, weil jemand seine Macht missbraucht, weil einer unserer Lieben eine bestimmte Entscheidung trifft oder wir selbst eine treffen. Auch den Pfad der Versuchung müssen wir alle beschreiten. Im 29. Abschnitt des Buches Lehre und Bündnisse lesen wir: „Und es muss notwendigerweise so sein, dass der Teufel die Menschenkinder versucht, sonst könnten sie nicht für sich selbst handeln.“12

Ebenso beschreiten wir alle den Pfad des Leidens. Wir als Knechte dürfen nicht mehr erwarten als der Meister, der die Erde nach viel Schmerz und Drangsal verließ.

Doch auch wenn uns auf dem Weg tiefer Kummer erwartet, finden wir dort auch großes Glück.

Gemeinsam mit Jesus können wir den Pfad des Gehorsams beschreiten. Das ist nicht immer einfach, doch möge dieses Vermächtnis Samuels unsere Losung sein: „Wahrhaftig, Gehorsam ist besser als Opfer; Hinhören besser als das Fett von Widdern.“13 Denken wir daran: Letzten Endes führt Ungehorsam zu Gefangenschaft und Tod, der Lohn für Gehorsam hingegen sind Freiheit und ewiges Leben.

Wie Jesus können wir den Pfad des Dienens beschreiten. Wie ein gleißender Scheinwerfer ist das Beispiel Jesu, wenn wir sein gütiges Wirken unter den Menschen betrachten. Er gab den Gliedern des Verkrüppelten Kraft, den Augen des Blinden das Augenlicht und den Ohren des Tauben das Gehör.

Jesus beschritt den Pfad des Betens. Er zeigte uns, wie man beten soll, indem er uns das schöne Gebet vorgab, das uns als Vaterunser bekannt ist. Und wer könnte je sein Gebet in Getsemani vergessen? „Nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.“14

Auch weitere Anweisungen des Heilands stehen uns in den Schriften unmittelbar zur Verfügung. In der Bergpredigt ermahnt er uns, barmherzig, demütig, rechtschaffen und reinen Herzens zu sein und Frieden zu stiften. Er fordert uns auf, für unseren Glauben kühn einzustehen, selbst wenn wir verspottet und verfolgt werden. Er bittet uns, unser Licht leuchten zu lassen, damit andere es sehen können und den Wunsch haben, den Vater im Himmel zu verherrlichen. Er lehrt uns, dass wir in Wort und Tat sittlich rein sein sollen. Er erklärt, dass es viel wichtiger ist, sich Schätze im Himmel aufzuhäufen als auf Erden.15

Durch seine Gleichnisse lehrt er uns mit Macht und Vollmacht. Anhand des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter lehrt er uns, dass wir unseren Nächsten lieben und ihm dienen sollen.16 Im Gleichnis von den Talenten lehrt er uns, dass jeder an sich arbeiten und nach Vollkommenheit streben muss.17 Im Gleichnis vom verlorenen Schaf lehrt er uns, dass wir diejenigen retten sollen, die den Weg verlassen haben und umherirren.18

Wenn wir bemüht sind, Christus zum Mittelpunkt unseres Lebens zu machen, und verinnerlichen, was er gesagt hat, seine Lehren befolgen und auf seinem Weg wandeln, verheißt er uns, uns am ewigen Leben teilhaben zu lassen, das er durch seinen Tod erlangte. Wir können nichts Erhabeneres wählen, als uns seinem Maßstab zu beugen, seine Jünger zu werden und unser Leben lang sein Werk zu verrichten. Nichts sonst – keine andere Entscheidung – kann aus uns das machen, was er aus uns machen kann.

Wenn ich an diejenigen denke, die sich wahrlich bemüht haben, dem Beispiel des Heilands nachzueifern und auf seinem Weg zu wandeln, muss ich sofort an Gustav und Margarete Wacker denken. Ich habe kaum jemanden gekannt, der Christus ähnlicher war. Die beiden stammten aus Deutschland und waren in den Osten Kanadas ausgewandert. Ich lernte sie kennen, als ich dort Missionspräsident war. Bruder Wacker verdiente seinen Lebensunterhalt als Frisör. Ihre Mittel waren begrenzt, aber sie teilten alles, was sie hatten. Leider konnten sie keine Kinder bekommen, aber sie kümmerten sich um jeden, der ihr Zuhause betrat. Gebildete und geistreiche Leute besuchten diese einfachen, ungebildeten Diener Gottes und schätzten sich glücklich, wenn sie eine Stunde in ihrer Gegenwart verbringen durften.

Sie sahen ganz gewöhnlich aus, ihr Englisch war unsicher und etwas schwer verständlich, ihre Wohnung ganz bescheiden. Sie hatten kein Auto und kein Fernsehen, auch taten sie nichts, worauf die Welt gewöhnlich achtet. Und doch kamen die Glaubenstreuen oft zu ihnen, um an dem Geist, der dort herrschte, teilzuhaben. Ihr Zuhause war der Himmel auf Erden. Sie strahlten Frieden und reine Güte aus.

Auch wir können eine solche Ausstrahlung haben und die Welt daran teilhaben lassen, wenn wir den Weg des Heilands beschreiten und seinem vollkommenen Beispiel folgen.

In den Psalmen heißt es: „Ich überdenke meine Wege.“19 Wenn wir das tun, entsteht in uns der Glaube, ja, der Wunsch, den Weg zu gehen, den Jesus einst ging. Wir haben keinerlei Zweifel daran, dass wir uns auf dem Weg befinden, den der Vater für uns vorgesehen hat. Das Beispiel des Erlösers bildet das Gerüst für alles, was wir tun; seine Worte sind ein unfehlbarer Wegweiser. Sein Weg bringt uns sicher nach Hause. Mögen wir diese Segnung empfangen, darum bete ich im Namen Jesu Christi, den ich liebe, dem ich diene und von dem ich Zeugnis gebe. Amen.

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