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Herbst 2014 | Das vorbereitende Priestertum

Das vorbereitende Priestertum

Herbst 2014 Generalkonferenz

Bei der Vorbereitung im Priestertum ist das gelebte Beispiel weitaus wichtiger als alles, was wir sagen.

Ich bin dankbar, dass ich heute mit Trägern des Priestertums Gottes, das die ganze Welt umspannt, hier sein kann. Danke für Ihren Glauben, Ihre Mitarbeit und Ihre Gebete.

Heute Abend möchte ich über das Aaronische Priestertum sprechen. Ich wende mich dabei auch an alle, die mithelfen, dass sich die Verheißungen des Herrn an diejenigen erfüllen, die – wie es in den heiligen Schriften heißt – das „geringere Priestertum“1 tragen. Es wird auch das vorbereitende Priestertum genannt, und über diese großartige Vorbereitung möchte ich heute Abend sprechen.

Der Plan des Herr für sein Werk ist voll der Vorbereitung. Für uns hat er die Erde vorbereitet, damit wir die Prüfungen des Erdenlebens durchmachen und die Gelegenheiten, die sich uns hier bieten, nutzen können. Auf Erden befinden wir uns in einem – wie es in den heiligen Schriften heißt – „vorbereitenden Zustand“2.

Der Prophet Alma hat erläutert, wie wichtig es ist, sich auf das ewige Leben vorzubereiten, wo wir für immer im Familienverband bei Gottvater und Jesus Christus wohnen können.

Er erklärte folgendermaßen, warum wir uns vorbereiten müssen: „Und wir sehen, dass der Tod über die Menschheit kommt, ja, der Tod, wovon Amulek gesprochen hat, nämlich der zeitliche Tod; doch wurde dem Menschen ein Zeitraum gewährt, worin er umkehren könne; darum ist dieses Leben zu einem Zustand der Bewährung geworden; eine Zeit, um sich bereitzumachen, Gott zu begegnen; eine Zeit, um sich für jenen endlosen Zustand bereitzumachen, von dem wir gesprochen haben, der nach der Auferstehung der Toten sein wird.“3

So wie uns das Erdenleben als Zeitraum gegeben worden ist, in dem wir uns auf ein Wiedersehen mit Gott vorbereiten, wird uns auch die Zeitspanne, in der wir im Aaronischen Priestertum dienen, als Möglichkeit der Vorbereitung gegeben – um zu lernen, wie man anderen dringend benötigte Hilfe zukommen lässt. So wie der Herr uns die Hilfe gibt, die wir brauchen, damit wir die Prüfungen des Lebens bestehen können, schickt er uns auch Hilfe bei der Vorbereitung im Priestertum.

Meine Botschaft ist an diejenigen gerichtet, die der Herr aussendet, um den Trägern des Aaronischen Priestertums bei der Vorbereitung zu helfen, und ebenso auch an diejenigen, die das Aaronische Priestertum tragen. Ich spreche zu den Vätern, zu den Bischöfen und auch zu den Trägern des Melchisedekischen Priestertums, denen ein junger Bruder, der sich im Priestertum gerade vorbereitet, als Heimlehrpartner oder Schüler anvertraut ist.

Mein Lob und mein Dank gelten so vielen unter Ihnen in aller Welt – heute ebenso wie früher.

Ich kann nicht umhin, an dieser Stelle auch einen Zweigpräsidenten und einen Bischof aus meiner Jugendzeit zu erwähnen. Mit zwölf Jahren wurde ich in einem kleinen Zweig im Osten der Vereinigten Staaten Diakon. Dieser Zweig war so klein, dass mein älterer Bruder und ich die einzigen Träger des Aaronischen Priestertums waren, bis mein Vater, der der Zweigpräsident war, einen Mann mittleren Alters einlud, sich der Kirche anzuschließen.

Der neubekehrte Bruder erhielt das Aaronische Priestertum und wurde sogleich als Zuständiger für die Träger des Aaronischen Priestertums berufen. Ich erinnere mich all dessen, als sei es erst gestern gewesen. Ich sehe noch das bunte Herbstlaub vor mir, als sich dieser frisch getaufte Bruder einmal mit meinem Bruder und mir auf den Weg zu einer Witwe machte, der wir helfen wollten. Was wir für sie taten, ist mir entfallen, doch ich weiß noch, wie ich spürte, dass uns die Macht des Priestertums bei unserem Vorhaben begleitete. Später erfuhr ich, dass wir dem Herrn zufolge alle so dienen müssen, damit wir Vergebung für unsere Sünden erlangen und bereit werden, ihn wiederzusehen.

Rückblickend empfinde ich Dankbarkeit für einen Zweigpräsidenten, der einen Neubekehrten berufen hat, damit dieser dem Herrn bei der Vorbereitung zweier Jungen helfen konnte, die später selbst einmal als Bischof die Aufgabe erhalten sollten, sich der Armen und Bedürftigen anzunehmen und auch über das vorbereitende Priestertum zu präsidieren.

Ich war noch Diakon, als meine Familie nach Utah zog und dort in eine große Gemeinde kam. Damals bekam ich zum ersten Mal einen Eindruck von der Macht, die ein vollständiges Kollegium des Aaronischen Priestertums in sich birgt, denn erstmals erlebte ich ein solches Kollegium. Etwas später verspürte ich zum ersten Mal, wie machtvoll und segensreich ein Bischof als Präsident des Priesterkollegiums sein kann.

Unser Bischof berief mich als Ersten Assistenten im Priesterkollegium. Ich weiß noch, dass er das Kollegium selbst unterrichtete, obwohl er viel zu tun hatte und es auch andere fähige Männer gab, die er dazu hätte berufen können. Wir stellten die Stühle im Klassenzimmer immer im Kreis auf. Mein Platz war stets der Stuhl zu seiner Rechten.

Ich konnte ihm beim Unterricht über die Schulter schauen. Ab und zu warf er einen Blick auf die sorgfältig verfassten Notizen in dem Ledermäppchen auf seinem Schoß oder in die zerlesenen, mit Markierungen versehenen heiligen Schriften, die aufgeschlagen auf seinem Knie ruhten. Ich weiß noch, wie spannend es war, wenn er uns aus dem Buch Daniel Geschichten über diese tapferen Männer erzählte, und wie er Zeugnis vom Erlöser gab.

Es wird mir immer im Gedächtnis bleiben, wie der Herr für seine Träger des vorbereitenden Priestertums sorgsam ausgewählte Heimlehrpartner beruft.

Mein Bischof hatte fähige Ratgeber, doch aus mir damals unerfindlichen Gründen rief er öfter mal bei mir an und sagte: „Hal, ich brauche dich als Partner für ein paar Besuche.“ Einmal nahm er mich zu einer Witwe mit, die allein lebte und nichts zu essen hatte. Auf dem Heimweg hielt er das Auto an, schlug seine heiligen Schriften auf und erklärte mir, warum er mit dieser Witwe so umgegangen war, als ob sie nicht nur sich selbst, sondern eines Tages auch andere versorgen könnte.

Ein weiterer Besuch galt einem Mann, der schon seit langem nicht mehr in die Kirche kam. Mein Bischof lud ihn ein, sich wieder zu den Heiligen zu gesellen. Ich konnte seine Liebe zu diesem Mann, der mir wie ein unsympathischer, aufsässiger Feind vorkam, spüren.

Ein anderes Mal gingen wir zu einer Familie, wo die Eltern, die Alkoholiker waren, ihre zwei kleinen Töchter zu uns an die Tür schickten. Die kleinen Mädchen sagten uns durch die Gittertür, dass ihre Eltern schliefen. Der Bischof unterhielt sich mit ihnen, lächelte sie an und lobte sie, weil sie so brav waren und sich trauten, mit uns zu sprechen. Das Gespräch dauerte wohl gute zehn Minuten. Als wir weggingen, meinte er leise: „Das war ein gutes Gespräch. Die beiden Mädchen werden nie vergessen, dass wir sie besucht haben.“

Zwei der vielen Wohltaten, die ein erfahrener Priestertumsträger seinem jungen Heimlehrpartner erweisen kann, sind: ihm Vertrauen schenken und ihm vorbildliche Fürsorge vorleben. Ich durfte dies miterleben, als mein Sohn einen Heimlehrpartner erhielt, der im Priestertum weitaus erfahrener war als er. Sein Heimlehrpartner war schon zweimal Missionspräsident gewesen und hatte auch andere Führungsaufgaben innegehabt.

Bevor sie zu einer der ihnen zugeteilten Familien gingen, fragte dieser erfahrene Priestertumsführer, ob er meinen Sohn vorher zu Hause besuchen könne. Sie gestatteten mir, bei diesem Gespräch dabei zu sein. Zunächst sprach er ein Gebet, in dem er um Hilfe bat. Dann sagte er sinngemäß zu meinem Sohn: „Die Botschaft, die wir meiner Meinung nach vermitteln sollten, wird dieser Familie wie ein Aufruf zur Umkehr vorkommen. Wenn ich das sage, kommt es vielleicht nicht so gut an. Ich glaube, dass sie die Botschaft besser annehmen können, wenn du sie vorträgst. Was meinst du?“

Ich habe noch den entsetzten Blick meines Sohnes vor Augen. Doch auch die Freude, die ich empfand, als mein Sohn diesen Vertrauensbeweis annahm, klingt noch in mir nach.

Es war kein Zufall, dass der Bischof diese beiden Brüder als Heimlehrpartner eingeteilt hatte. Der ältere hatte in gewissenhafter Vorarbeit herausgefunden, welche Einstellung die Familie hatte, die sie unterweisen sollten. Durch Inspiration spürte er, dass er sich zurücknehmen und es einem unerfahrenen Jugendlichen überlassen sollte, diese erwachsenen Kinder Gottes zur Umkehr und damit in die Sicherheit zu rufen.

Ich weiß nicht, was ihr Besuch letztendlich bewirkt hat. Doch ich weiß, dass ein Bischof, ein Träger des Melchisedekischen Priestertums und der Herr einen Jungen darauf vorbereitet haben, ein Mann des Priestertums und später einmal selbst Bischof zu werden.

Ähnliche Erfolgserlebnisse bei der Vorbereitung im Priestertum haben Sie sicherlich schon selbst erlebt. Sie kennen solche Bischöfe, Heimlehrpartner oder Väter oder sind selbst einer. Sie erleben mit, wie der Herr Ihnen hilft, sich auf Priestertumspflichten vorzubereiten, von denen er im Voraus weiß.

Als Priestertumsträger obliegt es einem jeden von uns, dem Herrn bei der Vorbereitung anderer zur Seite zu stehen. Es gibt da einiges, was wir tun können und was ganz entscheidende Auswirkungen haben kann. Wir können die Lehre mit Worten vermitteln, doch noch wirksamer ist es, wenn wir die Lehre durch unser gelebtes Beispiel vermitteln.

Beim Priestertumsdienst kommt es in erster Linie darauf an, dass wir alle einladen, durch Glauben, Umkehr, die Taufe und die Gabe des Heiligen Geistes zu Christus zu kommen. Präsident Monson hat beispielsweise herzbewegende Ansprachen in Hinblick auf all diese Lehren gehalten. Doch was er meines Wissens für die Menschen, Missionare und Freunde der Kirche als Missionspräsident in Toronto getan hat, motiviert mich, es ihm gleichzutun.

Bei der Vorbereitung im Priestertum ist das gelebte Beispiel weitaus wichtiger als alles, was wir sagen.

Deshalb spielen die heiligen Schriften bei unserer Vorbereitung im Priestertum eine so große Rolle. Sie enthalten nämlich unzählige Beispiele. Ich kann förmlich vor mir sehen, wie Alma dem Gebot des Engels gehorcht und eilends nach Ammoniha zurückkehrt, um die schlechten Menschen zu unterweisen, die ihn abgelehnt haben.4 Ich kann die Kälte in der Gefängniszelle spüren, als Gott dem Propheten Joseph Smith Mut zuspricht und ihm versichert, dass er über ihn wache.5 Mit solchen Bildern aus der Schrift vor Augen sind wir dann auch bereit, in unserem Dienst durchzuhalten, selbst wenn er uns bisweilen schwer vorkommt.

Wenn der Vater, der Bischof oder der ältere Heimlehrpartner einem jungen Priestertumsträger Vertrauen entgegenbringt, kann das sein Leben ändern. Mein Vater wurde einmal von einem Mitglied des Kollegiums der Zwölf Apostel gebeten, einen kurzen Aufsatz zum Thema Wissenschaft und Religion zu verfassen. Mein Vater war ein bekannter Wissenschaftler und ein treuer Priestertumsträger. Ich weiß noch, wie er mir den fertigen Aufsatz mit den Worten reichte: „Lies dir das doch bitte durch, bevor ich es an die Zwölf abschicke. Du weißt sicher, ob es so recht ist.“ Er war 32 Jahre älter als ich und mir an Weisheit und Intelligenz weit voraus.

Ich schöpfe immer noch Kraft aus dem Vertrauen, das mir dieser Priestertumsträger, mein großartiger Vater, entgegengebracht hat. Ich wusste, dass er sich nicht auf mich verließ, sondern darauf vertraute, dass Gott mich die Wahrheit wissen lassen könnte und würde. Die älteren Heimlehrpartner unter Ihnen bauen einen jungen Mann im vorbereitenden Priestertum jedes Mal auf, wenn Sie ihm derartiges Vertrauen entgegenbringen. Dadurch lernt er, sich selbst auf die sachten Eingebungen zu verlassen, die ihm zuteilwerden, wenn er etwa eines Tages einem Kind, das den Ärzten zufolge sterben wird, die Hände auflegt und den Segen der Heilung auf es siegelt. Dieses mir entgegengebrachte Vertrauen hat mir mehr als einmal geholfen.

Unser Erfolg bei der Vorbereitung eines Priestertumsträgers stellt sich in dem Maße ein, wie wir diesen Menschen lieben. Dies trifft besonders dann zu, wenn wir ihn korrigieren müssen, wenn etwa einem Träger des Aaronischen Priestertums am Abendmahlstisch bei der Ausübung einer Verordnung ein Fehler unterläuft. Das darf nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Manchmal muss der Fehler öffentlich korrigiert werden, wodurch der Betreffende womöglich verärgert ist oder sich gedemütigt oder gar abgelehnt fühlt.

Sicher erinnern Sie sich an den Rat des Herrn: „Alsbald mit aller Deutlichkeit zurechtweisend, wenn vom Heiligen Geist dazu bewegt; und danach demjenigen, den du zurechtgewiesen hast, vermehrte Liebe erweisend, damit er nicht meint, du seiest sein Feind.“6

Der Begriff vermehrt hat eine besondere Aussagekraft, wenn es darum geht, einen Priestertumsträger zurechtzuweisen. Dieser Begriff deutet darauf hin, dass Liebe, die bereits vorhanden ist, noch weiter zunehmen soll. Was ihm erwiesen werden soll, ist eine Zunahme an Liebe. Wer von uns einen Priestertumsträger vorbereitet, erlebt gewiss auch, dass dieser Fehler macht. Bevor er Ihre Zurechtweisung annehmen kann, muss er bereits ständig Ihre Liebe gespürt haben. Er muss Ihr aufrichtiges Lob gehört haben, ehe er den Tadel annimmt.

Der Herr selbst schätzte die Träger des geringeren Priestertums und achtete sie ob ihres Potenzials und ihres Wertes. Johannes der Täufer sagte etwa anlässlich der Wiederherstellung des Aaronischen Priestertums: „Euch, meinen Mitknechten, übertrage ich im Namen des Messias das Priestertum Aarons, das die Schlüssel des Dienstes von Engeln und die des Evangeliums der Umkehr und die der Taufe durch Untertauchen zur Sündenvergebung innehat; und es wird nie mehr von der Erde genommen werden, bis die Söhne Levi dem Herrn wieder in Rechtschaffenheit ein Opfer opfern.“7

Das Aaronische Priestertum ist eine Beigabe zum größeren, dem Melchisedekischen Priestertum.8 Als Präsident des gesamten Priestertums steht der Präsident der Kirche auch dem vorbereitenden Priestertum vor. Was er im Laufe der Jahre zum Thema Rettung gesagt hat, entspricht voll und ganz unserem Auftrag, anderen das Evangelium der Umkehr und der Taufe zu bringen.

In den Kollegien der Diakone, Lehrer und Priester wird regelmäßig beraten, wie jedes Mitglied des Kollegiums näher zum Herrn gebracht werden kann. Die Präsidentschaften beauftragen Mitglieder des Kollegiums, sich anderen glaubensvoll und liebevoll zuzuwenden. Die Diakone teilen das Abendmahl andächtig aus und vertrauen darauf, dass die Mitglieder die Auswirkung des Sühnopfers verspüren und sich vornehmen, die Gebote zu halten, wenn sie von den heiligen Symbolen nehmen.

Die Lehrer und Priester beten mit ihren Heimlehrpartnern, damit sie ihrem Auftrag, über jedes einzelne Mitglied der Kirche zu wachen, nachkommen können. Die Heimlehrpartner beten auch gemeinsam, um herauszufinden, was die Familie braucht und was sich deren Oberhaupt erhofft. Auf diese Weise bereiten sie sich auf den großen Tag vor, da sie voller Glauben ihrer eigenen Familie als Vater vorstehen.

Ich bezeuge, dass alle, die gemeinsam im Priestertum dienen, das Volk des Herrn auf sein Kommen, das Kommen zu seiner Kirche, vorbereiten. Gottvater lebt. Ich weiß, dass Jesus der Messias ist und dass er uns liebt. Präsident Thomas S. Monson ist der lebende Prophet des Herrn. Das bezeuge ich im heiligen Namen Jesu Christi. Amen.

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